Mortal Engines: Krieg der Städte

FILM

Mortal Engines - Buch und Film im Vergleich


Seit kurzem läuft "Mortal Engines: Krieg der Städte" in den Kinos. Die Neuausgabe der Romanvorlage von Philip Reeve erschien bereits im August auf Deutsch. Unser Redakteur Markus Mäurer hat sich einmal angeschaut, was sich beim Transfer vom Buch auf die Leinwand alles verändert hat.

Kann man Buch und Film vergleichen?

Früher habe ich oft noch schnell das Buch gelesen, bevor die Verfilmung ins Kino kam, und war dann gnadenlos in meinem Urteil, da kaum ein Film dem Vergleich mit der Vorlage standhalten konnte. Inzwischen habe ich mir das abgewöhnt und sehe den Film als eigenständiges Medium, das Änderungen benötigt, um als Film zu funktionieren. Da kann auch gerne mal was inhaltlich angepasst werden, damit ich nicht zweimal genau die gleiche Geschichte erzählt bekomme, aber der ominöse "Geist" der Vorlage sollte schon erhalten bleiben.

Doch man kann Film und Buch ja auch ohne einen allzu kritischen Blick vergleichen. Dem Geist der Buchvorlage bleibt die Verfilmung von Christian Rivers und Peter Jackson durchaus treu, wenn auch in abgeschwächter Form. Einige Änderungen wirken sich allerdings nicht so positiv auf den Film aus, ganz unabhängig von der Vorlage.

Der größte Unterschied zwischen Buch und Film dürfte in der Fantasie der LeserInnen liegen. Egal wie detailliert der Autor im Buch Umgebung, Gebäude, Städte und Figuren beschreibt, das finale Bild entsteht erst im Kopf. Die Konstruktion der Traktionsstädte und insbesondere von London als rollendes Ungetüm stellte meine Fantasie auf eine harte Probe. Und auch die Luftstadt Airhaven ist im Film opulenter ausgefallen, mit mehr Sense of Wonder. Im Vergleich muss ich sagen, dass es dem Film besser gelungen ist, ein stimmiges Bild zu erzeugen, das optisch eine Wucht ist, vom Design her allerdings etwas moderner daherkommt, als ich es mir vorgestellt habe. Wobei London eindeutig zu erkennen ist.

Die Spuren Londons, die sich so tief in die Landschaft graben, dass man nur mit Mühe hinausklettern kann, wenn man zu Fuß unterwegs ist, wirken auf der Leinwand besonders eindrucksvoll. Die hätten ich mir nie so gewaltig vorgestellt, auch wenn es logisch ist. Die kleineren Städte wirken etwas schrulliger als im Buch, mit ihrer verschrobenen Steampunkigkeit und Fahrmanövern, die jeglichen Gesetzen der Physik zu widerstehen scheinen und einen Hauch Ghibli in sich tragen.

Das Buch ist rasant auf den Punkt geschrieben, ohne unnötigen Ballast, wirkt dabei aber nie wirklich gehetzt, da es Reeve gelingt, genau die richtige Balance zu halten. Im Film geht sie durch die Verdichtung der Handlung leider verloren, die ruhigen Momente sind derart kurz gehalten, dass der Film ohne Atempause von einer Station des Buches zu nächsten hetzt. Trotz seiner 128 Minuten Laufzeit hätten ihm 15 bis 20 zusätzliche Minuten gut getan, um den Figuren mehr Tiefe und Charakter zu verleihen, und um besser zu zeigen, wofür sie kämpfen. Der Schlussteil jenseits eines gewissen Walls wird in einem solchen Rekordtempo abgehandelt, dass man, kaum angekommen, schon wieder fortgerissen wird. Der Roman nimmt sich hier die notwendige Zeit, um das Leben der Antitraktionisten, ihre Stadt und ihre Lebensweise vorzustellen. Der Film verschenkt durch diese Hetzerei viel emotionales Potenzial.

Hesters Narbe

Ein großer Knackpunkt im Vorfeld war Hesters Narbe. Im Buch fehlt ihr ein Auge und die Nase, in den Trailern war dann zu sehen, dass man das für den Film deutlich abgeschwächt hat, es bleibt eine einfache, durchaus größer ausfallende Narbe auf der linken Wange bis zum Kinn. Über dieses Weichspülen Hollywoods, jede kantige Figur abzuglätten, habe ich hier schon ausführlich geschrieben. Den Essay schloss ich mit den Worten: "Auch weichgespülte und abgeschwächte Umsetzungen können noch starke Botschaften transportieren und/oder auf die Vorlage aufmerksam machen. Ob dies der Adaption von Mortal Engines: Krieg der Städte gelingen wird, werden wir erst ab dem 13. Dezember erfahren, wenn der Film in die Kinos kommt."

Tja, was soll ich sagen, die starke Botschaft ist dem Film nicht gelungen. Hesters Narbe ist zum Gimmick verkommen, den roten Schal trägt sie nur zu Beginn des Films, damit Valentine sie nicht an der Narbe erkennt. Danach läuft sie mit völlig offenem Gesicht rum, ohne sich im geringsten unwohl wegen der Narbe zu fühlen (was durchaus sympathisch ist), auch wenn die ein, zweimal wirkungslos erwähnt wird.

Regisseur Christian Rivers hatte die Abschwächung unter anderem damit begründet, man wolle dem Zuschauer glaubhaft vermitteln, dass Tom sich in Hester verlieben könnte. Doch der Film verkürzt die Handlung auf einen so kurzen Zeitraum, dass die Liebesgeschichte zwischen den beiden völlig unglaubhaft und aufgesetzt wirkt.

Kein Wolf namens Hund

Was man leider komplett gestrichen hat, ist Kathrine Valentines Wolf namens Hund. Dabei hätte der doch für einen gewissen Niedlichkeitsfaktor sorgen können, und die Leute lieben Wölfe auf der Leinwand. Aber man hat von der Handlung in London selbst so viel gestrichen, dass er wohl überflüssig wurde. Im Buch wird Kathrine auch als Mädchen beschrieben, da ist ein solcher Wolf als Beschützer eher angebracht, als im Film, wo sie eindeutig eine erwachsene Frau ist. Auch der Handlungsstrang um die Historikergilde, die im Buch eine viel wichtigere und heldenhaftere Rolle erhält, fiel weg. Aber immerhin erhält Kathrine doch mehr Raum, als die Trailer suggeriert haben.

Einige Figuren wurden auf die Rolle des Stichwortgebers reduziert, z. B. Bevis Pod, der im Buch noch viel mehr Geheimnisse lüftet (und ein anderes Ende nimmt). Oder der Piratenbürgermeister Chrysler Peavy. Wer wirklich interessant umgesetzt wurde, ist Shrike, eine Mischung aus unerbittlichem Terminator und Robocop, im Original gesprochen von Stephen Lang. Shrike ist meiner Meinung nach sogar die am besten ausgearbeitete Figur des Films, und die einzige mit wirklich Tiefgang. Und das, obwohl Shrike ein untoter Cyborg ist, der von sich selbst behauptet, kein Herz zu haben, aber gerne kaputte Dinge repariert.

Der langsamere Einstieg im Buch, die Einführung in London durch Tom und seine Tätigkeit im Museum als Gehilfe, bleibt leider völlig auf der Strecke, wodurch es nicht gelingt, Tom im Film mehr Profil zu verleihen. Während Hesters Hintergrundgeschichte und Motivation ganz klar sind, bleibt das bei Tom viel zu schwammig, außer das er gerne Pilot geworden wäre, und passenderweise sofort weiß, wie man ein Flugschiff im Kampf steuert, erfährt man wenig über ihn. Auch im Buch weist seine Figur einige Schwächen auf, die aber nicht so extrem wirken, wie im Film.

Die Antitraktionisten kommen ebenfalls viel zu kurz. Sie werden zu Beginn ebenso wie Anna Fang kurz erwähnt (weil Drehbücher so funktionieren), im Mittelteil tauchen einige in Airhaven auf und gegen Ende kämpft man dann für den Erhalt der Antitraktionsstädte und des sesshaften Lebens hinter dem Wall. Aber ohne, dass man als Zuschauer überhaupt einen Bezug dazu bekommt, weil der Kampf praktisch schon losgeht, bevor Hester und Tom aus dem Luftschiff gestiegen sind.

Ein paar aktuelle Einschläge

Die Buchvorlage ist schon 17 Jahre alt, Jackson und Co. haben es sich aber nicht nehmen lassen, ein paar aktuelle Anspielungen mit reinzunehmen. Neben den alten "Göttern" im Museum gibt es nach der Einverleibung einer kleineren Stadt den Hinweis per Lautsprecher, Eltern würden vorübergehend von ihren Kindern getrennt werden. Und der Brexit erhält einen Steinhieb, wenn in der Führungsspitze Londons erwähnt wird, man hätte die Insel nie Richtung Europa verlassen sollen.
 
Die Figuren wirken im Film deutlich älter, Kathrine wird, wie schon erwähnt, im Buch zum Beispiel als Mädchen beschrieben, ist auf der Leinwand aber eine erwachsene Frau. Gleiches gilt auch für Hester und Tom, die im Buch erst um die 15 Jahre alt sind.

Anna Fang war schon im Roman eine ziemlich coole Figur, und wird durch die intensive Darstellung Jihaes noch eine ecke cooler. Sie hätte das größte Potenzial gehabt, zu einer ikonischen Figur des eines Franchises zu werden, auch wenn sie ein paar arg klischeehafte Zeilen zu ihrem Hintergrund in den Mund gelegt bekommt.

Der Showdown erinnert durch seine Verdichtung und örtliche Verlagerung im Film viel mehr an Star Wars, inklusive gewisser Enthüllungen, was die familiären Verhältnisse angeht. Bis auf Thaddeus Valentine sind sämtliche Eltern auch schon tot, sowohl die von Tom als auch Hesters und Kathrines Mutter.

Der Film leistet gute Arbeit darin, die visuellen Welten des Buchs auf Leinwand zu bringen, die postapokalyptische steampunkige Welt und die gewaltigen Raubstädte. Doch er scheitert daran, eine emotionale Geschichte mit Figuren zu erzählen, die lebendig wirken und Tiefe besitzen (auch wenn die Schauspieler durchweg gute Leistungen abliefern). Die Figuren sind vielmehr nur Kulisse für die Kulisse, die der eigentliche Star des Films ist.

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