Liebe im Zeitalter der Superkräfte – Romantik und Beziehungen im Superheldengenre

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FILM

All He Needs Is Love: Liebe und Beziehungen im Superheldengenre


Was braucht jeder Superheld? Neben einem würdigen Gegner sicherlich auch eine Frau, die er vor ihm retten kann! Aber wie sieht es aus, wenn ein Superheldenpaar gemeinsam unterwegs ist? Lena Richter über die Liebe in Zeiten der Superheldenfilme.

Mit Antman and the Wasp läuft der 20. Film des Marvel-Kinouniversums nun auch in Deutschland in den Kinos – und wartet tatsächlich mit einer Neuerung auf, denn erstmalig stellt schon der Titel des Films klar, dass er von einem Superheldenpärchen handelt. Dabei vollbringen Scott Lang und Hope van Dyne nicht nur zusammen Heldentaten, sondern hegen auch romantische Gefühle füreinander, ebenso wie das ursprüngliche Duo Hank Pym und Janet van Dyne. Doch auch dann, wenn sich die Protagonisten nicht gegenseitig aus dem Superheldenkostüm helfen müssen, ist das Thema Liebe in fast jedem Superheldenfilm präsent. Grund genug, sich einmal anzuschauen, wieso das eigentlich so ist und welche Rolle Romantik und Beziehungen im Superheldengenre spielen.

Trailer: Antman and the Wasp

Schurken besiegen, Frau küssen, Abspann.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass es in fast jedem Superheldenfilm ein Love Interest für den Helden gibt. (Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass ich von DEM Helden spreche, denn in dieser Liste der 50 besten Superheldenfilme kommen diejenigen mit männlicher Hauptfigur auf 74 % – zählt man auch die Ensemblefilme mit, die meist auch männlich dominiert sind, kommt man sogar auf 98 % mit, natürlich, Wonder Woman als einziger Ausnahme.) Denn ein großer Teil der Superhelden-Stories folgt mehr oder weniger der klassischen Heldenreise, und an deren Ende winken dem Heroen der Geschichte meist eben nicht nur Ruhm, Anerkennung und Schätze, sondern auch der Kuss der Angebeteten. Dieses Trope wird in zahlreichen Filmen und Serien um Superhelden benutzt, ob nun bei Batman – The Dark Knight Rises, in dem Bruce Wayne und Selina Kyle alias Catwoman am Ende Gotham und seinen Verbrechen entfliehen, Thor am Ende des gleichnamigen Filmes nicht nur seinen Hammer wieder führen, sondern auch Jane Foster küssen darf, oder Mary Jane am Ende des Spiderman-Films von 2002 Peter Parker ihre Gefühle gesteht. Oft macht das Superheldendasein den Protagonisten mutiger und selbstbewusster, und die erfolgreiche Interaktion mit seiner Angebeteten ist eine beliebte Methode, den Zuschauern diese neue Seite zu zeigen.

Aber auch über das erfolgreiche Date als Belohnung hinaus bietet ein Love Interest natürlich jede Menge Potenzial für eine klassische Superheldengeschichte. Eine Person im Leben des Superhelden, die ihm viel bedeutet, ist  eine perfekte Möglichkeit, ihn menschlicher zu machen, der Geschichte Dramatik zu verleihen und eine Motivation für den Protagonisten zu liefern, weshalb er über sich hinauswächst. Gerade Charaktere mit sehr starken übernatürlichen Kräften wie Superman oder The Vision werden durch eine Liebesgeschichte menschlicher und greifbarer. Sie bietet die Gelegenheit, auch Schwächen und Unsicherheiten des Charakters sichtbar zu machen, und einen sicheren Rückzugsort, an dem auch ein Superheld sich öffnen und sich selbst und die Zuschauer mit seinen Ängsten und Zweifeln konfrontieren kann.

Außerdem bietet es natürlich sehr viel mehr Dramapotenzial, wenn der Gegenspieler des Films eben nicht irgendwen bedroht, sondern jemanden, den der Held liebt. So muss sich Batman beispielsweise in The Dark Knight entscheiden, ob er Gothams Hoffnungsträger Harvey Dent oder die von ihm noch immer geliebte Rachel Dawes rettet. Allerdings muss eine relevante Beziehung natürlich nicht immer eine romantische sein, wenn man z. B. an Tante May aus Spiderman oder die tiefe Freundschaft von Steve Rogers und Bucky Barnes aus Captain America denkt.

Spiderman - Mary Jane Upside-Down Kiss

Muss nur noch kurz die Welt retten!

Ein weiterer klassischer Konflikt im Superheldengenre ist das Hin- und Hergerissensein zwischen dem Dasein als übernatürlicher Held und dem normalen Leben und Alltag. Auch für das Symbolisieren dieser Zerrissenheit ist eine romantische Beziehung natürlich perfekt  geeignet und wird dementsprechend oft herangezogen. Manchmal fürchtet die Bezugsperson einfach um Leben und Wohlergehen des Helden, manchmal kritisiert sie seine Methoden oder will sich schlicht nicht mehr damit abfinden, immer an zweiter Stelle zu stehen. Oder der Superheld hat seine geheime Identität noch gar nicht offenbart und verstrickt sich in Geheimnissen und Lügen, um nicht zu verraten, dass er nachts in Maske und Kostüm auf Verbrecherjagd geht.

Dieses Thema taucht im Superheldengenre in den verschiedensten Varianten auf, von sehr humorvollen Darstellungen wie z. B. in Spiderman Homecoming, in dem man Peter Parker bei vielen hektischen Kostümwechseln beobachten kann, über die drei Iron Man-Filme, in denen Tony Stark durch seine Assistentin und spätere Freundin Pepper Potts immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird, bis hin zum eher tragischen Zerbrechen der Freundschaft von Matt Murdock und Foggy Nelson in der Daredevil-Serie, in der der Balanceakt zwischen Anwalt und maskiertem Rächer nicht lange gutgeht. Meist kommt irgendwann der Punkt, an dem sich der Held entscheiden muss, ob er sein Heldendasein aufgibt oder seine Beziehung daran zerbricht. Aber auch wenn er das Kostüm an den Nagel hängt, um sich dem »normalen Leben« und seinen Lieben zu widmen – oft kommt natürlich der Moment, in dem er doch wieder gezwungen ist, ein weiteres Mal seine zweite Identität anzunehmen, wie beispielsweise Black Lightning in der gleichnamigen Fernsehserie,  oder zumindest zum Mentor für seinen Nachfolger zu werden, so wie im ersten Antman-Film Hank Pym für Scott Lang.

Klischees und Damsels in Distress

Bei der großen Vielzahl an Superheldenfilmen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten produziert wurden, sollte man eigentlich meinen, dass es darin auch eine Vielzahl von verschiedenen und spannenden Liebesbeziehungen zu finden gäbe. Doch leider sind die typischen Tropes und Klischees sehr hartnäckig vertreten, und nur langsam scheint die Erkenntnis einzukehren, dass es nicht immer der weiße, heterosexuelle Superheld sein muss, der seine ebenso weiße, heterosexuelle Damsel in Distress vor dem Schurken retten muss. Die berühmtesten Superhelden sind in ihrer klassischen Variante eben genau dafür bekannt – Superman, der Lois Lane vom Fall aus dem Hochhausfenster rettet, Spiderman, der nur in seiner Verkleidung seine Mary Jane in der ikonischen Kopfüber-im-Regen-Szene zu küssen wagt, Batman, der seine Identität als Rächer Gothams vor Rachel Dawes geheimhält. Oft geht das einher mit einem großen Machtgefälle zwischen Held und Love Interest, sodass letzterer fast immer die Rolle derjenigen zukommt, die gerettet werden muss.

Darüber hinaus hat die Freundin des Superhelden auf oft,  zumindest zu Beginn, eine eher weiblich konnotierte, unterstützende Rolle inne, wie z. B. Pepper Potts als persönliche Assistentin, Claire Temple aus den MCU-Netflix-Serien als Krankenschwester oder die selbst für diese Art von Rolle bemerkenswert schlecht geschriebene Arztkollegin Christine Palmer aus Dr. Strange. Zum Glück muss es weder bei diesen Rollen bleiben noch fehlt es an positiveren Gegenbeispielen: Pepper Potts steigt im Lauf der Filme selbst in Tonys Anzüge oder rettet ihn auf andere Weise, und Figuren wie die kämpferische Peggy Carter aus Captain America, die umsichtige Spionin Nakia aus Black Panther oder die Martial Arts-Künstlerin Colleen Wing aus Iron Fist zeigen, dass ein Love Interest längst nicht mehr zwingend eine Damsel in Distress sein muss. Trotz allem findet man Paare, bei denen beide Partner gleichermaßen Superkräfte haben, nach wie vor eher selten und dann meist in Ensemblefilmen wie X-Men oder Avengers.

Ein weiteres Merkmal vieler Superheldenadaptionen ist es, dass die Liebesgeschichte meistens nur bis zu dem Punkt erzählt wird, an dem sich die Liebenden endlich in die Arme fallen – wie es danach mit der Beziehung weitergeht, wird oft gar nicht thematisiert oder gekonnt ausgelassen, indem in der Fortsetzung dann aus der Angebeteten auf einmal die Ex-Freundin geworden ist. Hier gibt es zum Glück inzwischen Ausnahmen, wie beispielsweise die Beziehung von Tony Stark und Pepper Potts, die über ein halbes Dutzend Filme erzählt wurde und durchaus thematisiert, wie Tony sich immer wieder zwischen Pepper und seinem Dasein als Ironman entscheiden muss. Auch in der Marvel-Serie Luke Cage findet sich in der zweiten Staffel eine sehr differenzierte Beleuchtung einer Beziehung, die an Lukes zunehmender Arroganz und der Frage, welche Mittel zum Einsatz kommen dürfen, um gegen Verbrecher vorzugehen, zu zerbrechen droht. Noch weiter geht die DC-Serie Black Lightning, in der Jefferson Pierce/Black Lightning und seine Exfrau Lynn eigentlich immer noch Gefühle füreinander hegen, aber sich über Jeffersons Superheldendoppelleben entzweit haben. Darüber hinaus gibt es hier sogar eine ganze Familiendynamik, die sich mit erwachenden Kräften, der Sorge um Kinder und Ehepartner und der Frage beschäftigt, ob der Schutz der Stadt und der Gesellschaft es rechtfertigt, seine eigene Familie zu gefährden oder seine Kinder zu Halbwaisen zu machen. Auch in den animierten Filmen The Incredibles geht es um eine Familie von Superhelden – der Trailer für den zweiten Teil verspricht gar die Beschäftigung mit dem Thema eines Stay-at-Home-Dads, der die Kinder hütet, während Mrs. Incredible den Superheldenjob macht.

Trailer: Die Unglaublichen 2

Wo bleiben die queeren Superhelden?

Während es also mit den Geschlechterrollen und dem Aufbrechen des Damsel in Distress-Klischees durchaus vorwärts geht, sieht es mit der Repräsentation von nicht-heterosexuellen Beziehungen und Charakteren im Superheldengenre nach wie vor ziemlich düster aus. Oft scheint nicht nur festzustehen, dass der Superheld ein Mann ist und ein Love Interest braucht, sondern auch, dass es sich dabei auf jeden Fall um eine Frau handeln muss. Das Marvel Cinematic Universe umfasst derzeit 20 Filme und 10 Serien – und kommt in diesen auf ganze vier (in Zahlen: 4! In Worten VIER!) nicht-heterosexuelle Charaktere (zählt man noch Marvel’s Runaways dazu, dessen Zugehörigkeit zum MCU nach wie vor unklar ist, sind es sechs). Keiner von diesen Charakteren stammt aus einem der Kinofilme, und zwei von ihnen sind auch noch eher unwichtige Nebenfiguren. Es ist nicht recht nachzuvollziehen, wieso in der bunten Mischung aus Aliens, Göttern, Regierungsagenten und übernatürlichen Helden kein Platz für etwas anderes als klassische Beziehungen zwischen Mann und Frau sein soll. Inzwischen gab es zwar die wie immer wenig hilfreichen Fälle von »Schrödinger’s Gay« (»Doch, Valkyrie ist total bisexuell! War im Film nur kein Platz für! Und die beiden Kriegerinnen Okoye und Ayo aus Black Panther hatten eine Szene, in der sie flirten, aber die mussten wir leider rausschneiden!«) ,nd es wurden weitere LGBTQ-Charaktere angekündigt, aber noch kann man nur abwarten, wie die Umsetzung letztlich aussehen wird.

Im DC-Kinouniversum sieht es genauso düster aus, auch dort sucht man vergeblich nach queeren Figuren. Selbst wenn Wonder Woman darüber redet, dass man Männer ja nur zur Fortpflanzung braucht und Frauen sich auch miteinander vergnügen können – weder sie selbst noch irgendeine der Kriegerinnen von Themyscira wird auch nur beim Händchenhalten mit einer anderen Frau gezeigt. Schwenken wir daher lieber schnell weiter zum Arrowverse, also dem DC-Serienuniversum, das ist nämlich deutlich erfreulicher. Allein die dritte Staffel von Legends of Tomorrow hatte mehr LGBTQ-Charaktere als das gesamte MCU und DCEU zusammen. In Black Lightning gibt es nicht nur gleich drei schwarze Superhelden, sondern eine davon ist auch lesbisch. Supergirl widmete dem Coming Out von Karas Schwester Alex Danvers in der zweiten Staffel einen eigenen Handlungsbogen. Es bleibt zu hoffen, dass sich der Rest des Genres daran in Zukunft ein Beispiel nehmen wird.

DC's Legends of Tomorrow - 3x12 - Sara and Ava kiss

Und wie war das jetzt mit Antman and the Wasp?

Kommen wird zurück zum Anfang und der Frage, ob es nun in Antman and the Wasp endlich mal ein Superhelden-Pärchen auf der Leinwand gibt. Tatsächlich ging ich ins Kino und erwartete nach dem Trailer, dass Scott Lang (Antman) und Hope van Dyne (The Wasp) nach wie vor ein Paar sind. Allerdings erfährt man in den ersten Minuten des Films, dass Scott wegen seines Eingreifens in den Konflikt in Captain America – Civil War unter Hausarrest steht, während Hope und ihr Vater untergetaucht sind. Keine guten Voraussetzungen für eine Beziehung, und so bleibt es auch im Film eher bei vielsagenden Blicken und hastig geführten Dialogen.

Einerseits ist das ein bisschen schade, da es doch wieder voll in das oben aufgeführte Klischee fällt, dass der Held sich beweisen muss, um die Frau zu gewinnen, und dass Liebesbeziehungen selten außerhalb der Anbahnungsphase thematisiert werden. Andererseits ist der ganze Film reich gefüllt mit Beziehungen unterschiedlichster Art, die als Motivation und Ankerpunkt der Figuren dienen und zeigen, dass es für einen Superheldenfilm längst nicht immer einen wahnsinnigen Oberbösewicht geben muss. Ob es nun Scott ist, der vor allen Dingen seiner Tochter ein guter Vater sein will und dazu auf freiem Fuß bleiben muss, Hope, die ihre Mutter aus der subatomaren Welt befreien will, oder Hank, der von Schuldgefühlen getrieben wird, weil er sich damals nicht an Stelle seiner Frau geopfert hat – Antman and the Wasp baut fast seinen gesamten Plot darauf auf, dass die Protagonisten den Menschen helfen wollen, die sie lieben.

Außerdem darf Hope nun endlich auch ihr Wasp-Kostüm anlegen und ist den ganzen Film über einfach wahnsinnig kompetent, gelassen und ein echter Bad-Ass-Charakter. Und da die ungeschriebene Regel der Superheldenfilme ja eigentlich besagt, dass es immer drei von ihnen gibt, bleibt noch die Hoffnung auf einen dritten Antman-Teil, in dem sich Scott und Hope hoffentlich endlich gegenseitig aus dem Kostüm helfen und darüber streiten, wer dran ist, die Ameisen zu füttern.

Über die Autorin

Lena Richter wuchs in einem sehr fantasielosen Dorf im wilden Osten auf und versucht die mangelnde Fantastik ihrer Jugendjahre nun durch Vollblutnerdtum zu kompensieren. Das tut sie nicht nur durch den Konsum vieler fantastischer Serien, Filme und Bücher, sondern auch beim Rollenspiel. Sie schreibt nicht nur hier, sondern auch auf ihrem Blog. Seit Sommer 2018 betreibt sie zusammen mit Judith Vogt den Genderswapped Podcast.

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