VFX, 3D und CGI – deutsches Animationshandwerk für Hollywood

© by Scanline VFX

FILM

VFX, 3D und CGI: Diese phantastischen Hollywoodfilme sind "made in Germany"


Grand Budapest Hotel. Blade Runner 2049. Black Panther. Immer mehr deutsche VFX-Studios arbeiten an animations- und effektlastigen Fantasy- und Science-Fiction-Produktionen aus Hollywood mit. Da lohnt es sich, einen genaueren Blick darauf zu werfen.

Wie alles begann…

Es wird wohl nicht allein an Roland Emmerich und der Kaderschmiede von Ludwigsburg liegen, aber zumindest war Emmerich einer der ersten, der deutsche VFX-Künstler mit der Bildgewalt des neuen amerikanischen Popcorn-Kinos in Verbindung brachte. Denn nachdem der Regisseur bereits Ende der 1980er Erfolge mit „Das Arche Noah Prinzip“ und „Moon 44“ in Deutschland hatte, holte er sich für seine erste Produktion in den USA, dem Blockbuster „Independence Day“, ein Dutzend Animations-Studenten von der Filmakademie Ludwigsburg. Kontaktmann zu den Studenten war Volker Engel, VFX-Supervisor in Emmerichs Team, der schließlich auch für seine Arbeit an dem Film mit dem Oscar für die besten visuellen Effekte ausgezeichnet wurde. Interessanterweise entstanden damals viele Effekte nicht am Bildschirm, sondern wurden ganz klassisch, wie bei den ersten großen Science-Fiction Filmen als Modelle gebaut. Engel, auch mehr Modellbauer denn 3D-Spezialist, konnte das nur recht sein. Bei seiner ersten Mitarbeit an einem Emmerich-Film, Moon 44, hatte er unter anderem sämtliche Hochhausmodelle gebaut.  

Auch bei Independence Day wurden noch keine Raumschiffe am Computer erschaffen. Die Air Force One im gleichnamigen Film war ein armlanges Modell, das an einer Schnur durch den Raum gezogen wurde. Das hat sich zwischenzeitlich geändert.

Ein Tsunami wie in „2012“, der eine ganze Stadt zerstört, lässt sich nicht in einer Badewanne simulieren. Die Bilder, die dem Publikum mittlerweile in den Blockbustern gezeigt werden sind zu riesig geworden, als dass sie nicht mit dem Computer generiert werden müssten.

Ludwigsburg, oder die Filmakademie Baden-Württemberg, gehört heute zu den bedeutendsten Filmhochschulen für die Bereiche Animation und Spezialeffekte, aus der bereits zahllose Talente hervorgegangen sind, die heute entweder in den USA arbeiten oder in Deutschland eigene Studios gegründet haben. Und das ist auch gut so, denn die Bedeutung der visuellen Effekte für die Filmindustrie wächst beständig und nimmt mittlerweile bis zu einem Drittel des Budgets ein. Ein Großteil der Blockbuster sind dem Science-Fiction, der Fantasy- oder Superheldenwelt zuzuordnen, die genrebedingt bereits sehr effektlastig sind. Das war schon bei Metropolis oder den alten Flash-Gordon Filmen so, denn dort werden Welten, Techniken oder Magien beschrieben und gezeigt, die es nicht gibt und die visuell zuerst einmal entworfen und dann gebaut werden müssen.

Schaut man sich Beispiele einer heutigen Spielfilmproduktion an, dann wird so gut wie nichts mehr real gedreht, außer den Schauspielern vielleicht und selbst da, wie man bei Rogue One gesehen hat, müssen Avatare für Schauspieler herhalten, weil diese zwischenzeitlich verstorben sind.

Bei Game of Thrones zeigt sich übrigens auch die zunehmende Bedeutung von VFX für Serien. Waren TV-Serien noch vor wenigen Dekaden in erster Linie Aufnahmen vor realen Hintergründen mit realen Menschen, so wird heute ein ähnlicher Aufwand betrieben wie bei Spielfilmen. Dadurch werden Serien zu einem bedeutenden Faktor für die Film- und VFX-Industrie. Die Aufträge aus diesem Segment werden zunehmen, alleine weil Netflix und Co. Content brauchen. Das freut natürlich jeden VFXler, das freut die Studios und das ist gut für den Nachwuchs. Eine kleine Auswahl an VFX-Studios in der folgenden Liste zeigt, dass hier in Zukunft noch mehr zu erwarten ist.

VFX, 3D und CGI – deutsches Animationshandwerk für Hollywood

© by Pixomondo

Studio Soi

2003 gründeten Absolventen der Filmakademie das Filmproduktions- und Animationsstudio Studio Soi. Neben zahlreichen Kurzfilmen wie Hesse James von Johannes Weiland und tricktechnisch herausragenden Werbespots mit ihrem Londoner Partner studio aka sind sie vor allem bekannt durch ihren Kurzfilm Der Grüffalo, einer Koproduktion von BBC und ZDF nach dem gleichnamigen Kinderbuch der britischen Autorin Julia Donaldson und dem in Hamburg geborenen und in London lebenden Illustrator Axel Scheffel. Der Kurzfilm wurde 2011 für den Oscar und den britischen Academy Award für den besten Animationskurzfilm nominiert.

M.A.R.K.13

Ebenfalls von Absolventen der Filmakademie Ludwigsburg gegründet: das Animations- und VFX-Studio M.A.R.K.13. Neben Werbung und Imagefilmen ist die Mitarbeit an den Biene Maja Filmen 1 und 2, eine internationale Koproduktion zwischen Studio 100 Media aus Belgien und Flying Bark Production aus Australien, hervorzuheben. Hierfür lieferten Mark 13 mit einem Team aus zeitweise bis zu 42 Künstlern shading, lightning, vfx, rendering und compositing für über 1700 Szenen für die beliebte Biene. Aktuell unterstützen sie für den gleichen Kunden den nächsten Liebling aus Kindertagen: Wickie. Und Nils Holgersson ist schon in der Pipeline.

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© by Studio Soi

BigHugFX, ein VFX-Studio für Mara

Dass ein Filmstudio eigens für die Produktion eines Filmes gegründet wurde, kennt man von Industrial Light And Magic, die die aufwändigen Effekte, Raumschiffe und Sets für Star Wars entwickelten und damit ähnlich wie zuvor Stanley Kubricks 2001 – Odysee im Weltraum Maßstäbe setzten. In Deutschland denkt man, ist das eher untypisch. BigHugFX, aber auch Scanline, die weiter unten noch vorgestellt werden, sind jedoch gute Beispiele dafür, dass das nicht so ist. BigHugFX wurde gegründet, um den ersten Teil der Trilogie Mara und der Feuerbringer umzusetzen. In einem kleinen Video plaudere ich mit Tommy Krappweis und seinem Geschäftspartner Benedikt Laubenthal ein bisschen über Mara, BigHug und die VFX-Szene in Deutschland: 

Tommy Krappweis und Benedikt Laubenthal im Interview für TOR ONLINE.

Neben Mara gehören zu BigHugFX‘ Portfolio, unter anderem durch die Zusammenarbeit mit dem New Yorker Sandbox FX-Studio von John Nugent (‚Matrix‘, ‚Die Chroniken von Narnia‘, ‚Der Herr der Ringe‘-Trilogie), der für die Spezial Effekte bei Mara verantwortlich war, Filme wie Creed - Rockys Legacy‘ ‚The Magnificent Seven‘, aber auch ‚Lost in Space‘ und aktuell ‚Dragonrider‘ von Cornelia Funke.

Nefzer Special Effects

Bereits Ende der 60er gründete Gerd Nefzers Schwiegervater Karl Nefzer eine Verleihfirma für Filmautos und Filmwaffen in Schwäbisch Hall. Gerd Nefzer stieg 1980 in das Unternehmen für Spezial Effekte ein. Gemeinsam mit dem Schwager Uli Nefzer eröffneten sie 1989 auf dem Studiogelände Potsdam-Babelsberg die Nefzer Babelsberg GmbH, die zu 50 % Studio Babelsberg gehört und etablierte sich dort als Top-Adresse für Spezialeffekte für die in Babelsberg oder mit der Hilfe von Studio Babelsberg produziert wurden. Entsprechend lang ist die Liste der Filmtitel, an denen Nefzer VFX mitgearbeitet hat, unter anderem Alien vs Predator, Eragon, Die Chroniken von Narnia, Die Tribute von Panem. 2018 erhielt er gemeinsam mit John Nelson, Paul Lambert und Richard R. Hoover den Oscar für die besten Visuellen Effekte des Blade-Runner-Nachfolgers Blade Runner 2049.

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© Sony Pictures / Warner Bros. Pictures

Rise FX

Aus einem kleinen Zimmer mit vier Rechnern und vier Filmenthusiasten ist heute ein weltweit agierendes Unternehmen geworden: Rise FX. Zu ihrem Portfolio zählen: Ant-Man and the Wasp, Avengers, Dark Tower und  Dr. Strange. Und bei Überflügen mit dem Hubschrauber über die Ruwenzuori-Berge von Uganda hat das Unternehmen zirka 10.000 Fotos als Vorlage für das Königreich Wakanda in Black Panther geschossen.

Scanline VFX

Mir ist Scanline zum ersten Mal durch die Produktionen für herbX film aufgefallen. Für Filme wie Hui Buh lieferte das Studio die Animation von Bully Herbig als Geist. Für Traumschiff Surprise wurden Raumschiffe, Weltraumschlachten, Laserblitze und weitere Tonnen an computergenerierten Bildern und visuellen Effekten geliefert. International bekannt wurde Scanline vornehmlich für seine hauseigene Entwicklung an Simulationssoftware, um Spezialeffekte wie Flüssigkeiten, Rauch und Feuer darzustellen, die auch erfolgreich als Produkt international vermarktet wird. Hier also ein Beispiel dafür, dass VFX-Software auch hierzulande entwickelt wird. Weitere bekannte Titel, an denen Scanline in den letzten Jahren mitgewirkt hat sind: Jurassic World, der neue Tomb Raider, Transformers, Power Rangers, Guardians of the Galax und Rogue One.

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© by Rise FX

Trixter

Erste größere Bekanntheit auf dem internationalen Markt erlangte die Effektschmiede Trixter 2009 mit der Zuarbeit von 200 Shots für die Hollywood-Produktion Ninja Assassin.

Trixter lieferte zudem Szenen für Der 7bte Zwerg und produziert derzeit, wie BigHugFX, visuelle Effekte für die aktuelle Netflix-Serie „Lost in Space“. Weitere jüngste Produktionen, an denen Trixter mitgearbeitet hat: Thor: Ragnarok, Black Panther, Spiderman: Homecoming und Guardians Of The Galaxy Vol.2. Aktuell in Produktion befindet sich zudem Captain Marvel, der 2019 in die Kinos kommen soll.

Pixomondo

Mit spektakulären Luftkämpfen in Der Rote Baron verschaffte sich pixomondo den ersten Erfolg, der international Beachtung fand und für Folgeaufträge aus dem Ausland sorgte.

Für Roland Emmerich lieferte pixomondo 100 VFX Shots für den Blockbuster 2012. Im Jahr 2012 bekamen Ben Grossmann (VFX-Supervisor) und Alex Henning (DFX-Supervisor) einen Oscar für die Visuellen Effekte, die sie und ihr Team von pixomondo für Martin Scorseses Hugo Cabret erstellt haben. Aktuell ist pixomondo an der Umsetzung visueller Effekte für die Star Trek Discovery-Serie beteiligt. Weitere Titel aus ihrem Portfolio: The Green Hornett, The Amazing Spiderman, Star Trek – Into Darkness, Oblivion, Die Tribute von Panem und Game of Thrones.

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© by Trixter Visual Effects

Und noch viele mehr …

Es gibt noch einige Studios in Deutschland, die Hollywood & Co. mit visuellen Effekten beliefern. Allein dieser Überblick zeigt aber, dass sie nicht mehr aus der Lieferkette wegzudenken sind. Und das, obwohl jedes große Filmstudio aus den USA bereits Niederlassungen in anderen Ländern und Kontinenten unterhält. Was also ist nun am Standort Deutschland so reizvoll? Liegt es an der Filmförderung? Sicherlich auch.

Tommy Krappweis erzählt im Video (siehe oben), warum John Nugent bei Mara mitgemacht hat und was ihn daraufhin dazu brachte, BigHugFX mit weiteren Aufträgen zu versorgen. Neben der Zuverlässigkeit, dem Workflow und dem professionellen Output war es offenbar auch die ungezwungene Herangehensweise, das Staunen, das Probieren und das nicht unter allen Umständen dem Zielpublikum unterordnen, das ihm dabei gefallen hat. Vielleicht, weil hier die Umstände noch so sind wie in den USA vor zwei, drei Dekaden. Als die Abläufe noch nicht so überprofessionalisiert waren, sondern in den Kinderschuhen steckten und die Techniker und Kreativen herumprobierten und tüftelten, so wie mit der Tischlampe, die zu Pixars Logofigur wurde.

 

Wenn also Unbefangenheit, Offenheit und Abenteuerlust Aspekte eines Standortvorteils sind, dann sollten das die VFX-Studios hierzulande unbedingt noch eine Weile beibehalten. 

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