Länder, Jedi, Abenteuer - Folge 24: Wenn die Leinwand zur Steilwand wird: die Kinonacht

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KOLUMNE

Länder, Jedi, Abenteuer (23): Lange Kinonächte


Im Zeitalter der Streamingdienste und des nahezu allzeit und überall verfügbaren Contents mögen sie ein Ding der Vergangenheit geworden sein, doch noch vor wenigen Jahr(zehnt)en waren vielstündige Kinonächte ein unbestreitbarer Fixpunkt im Leben so manches Phantastik-Geeks. Man stelle sich nur vor: ein Winzkino, irgendwo am Stadtrand. Ein mit Unmengen an Fanliebe zusammengestelltes One-Night-Only-Programm, meist bestehend aus drei bis sechs in direkter Folge gezeigten Teilen einer kultisch verehrten Filmserie. Und natürlich eine hoffnungslos überforderte Toilette.

Hach, diese Erinnerungen …

Der Fanotyp

Kinonächte ziehen stets die absolute Hardcore-Riege der Szene an. Verständlich, denn wer, wenn nicht die Extremfälle, schlägt sich freiwillig die komplette Nacht um die Ohren, um sich Streifen anzusehen, die man daheim im Regal stehen hat und längst auswendig mitsprechen kann?

Kinonächtler kommen oft in Fan-Shirts, seltener im Cosplay, manchmal aber sogar mit eigens angeschleppter Bettwäsche. (Der Autor dieser Zeilen denkt an dieser Stelle ehrfurchtsvoll an den bärtigen Koloss zurück, der Anfang der 1990er die Trierer Star Trek-Nacht mit eben dieser Bettwäsche und einem zünftig lauten „Tach, ihr Loser“ auf den Lippen betrat – und prompt vom kompletten Saal mit minutenlangem Applaus gefeiert wurde. Zu recht!) Sie scheuen keine Anstrengungen, wenn es darum geht, ihren Lieblingsfilmen die Ehre zu erweisen. Und auch wenn sie zwischendurch mal einschlafen – bei den erwähnten Trierer Star Trek-Nächten empfahl sich dafür übrigens stets Film Nummer fünf, eher ein schwächerer Beitrag zur Serie –, bleiben sie doch eisern bis zum Schluss auf ihren Sitzen. Fandom verpflichtet.

Dinner for Fan

Naheliegend war und bleibt natürlich die hauseigene Snackbar des jeweiligen Kinos, doch der Mensch lebt selbstredend nicht vom Popcorn allein. Entsprechend früh gingen die Organisatoren fanbasierter Kinonächte schon Kooperationen mit benachbarten Pizzerien, Lieferdiensten oder Fast-Food-Lokalen ein, um ihre Gäste gebührend mit Nahrung zu versorgen. Organisatorisch gesehen brachte dieser Plan aber einige Herausforderungen mit sich. So konnte man in der Pause zwischen zwei Filmen zwar problemlos einen Zettel im Saal rundgehen lassen und Bestellungen aufnehmen; bis diese aber nach dem Folgefilm endlich ausgeteilt, bezahlt und vor allem verspeist werden konnten, waren all die Pizzen, Big Macs und Co. aber natürlich längst eisekalt geworden. Wo waren Star Treks Replikatoren, als wir sie wirklich einmal brauchten? (Wo? Natürlich auf der Leinwand.)

Sag, was du willst, aber …

Der Zitateschatz einer gelungenen Kinonacht hängt selbstredend vom jeweiligen Programm ab. Eine Nacht voller Komödien mit flotten Sprüchen und positiven Vibes birgt deutlich mehr Catchphrase-Potenzial als ein Filmmarathon, der aus den Werken südfinnischer Experimentalregisseure besteht, denen der Expressionismus zu schrill und der Stummfilm zu laut ist. Man möge mich nicht falsch verstehen: Auch die Südfinnen haben bestimmt ihre künstlerische Berechtigung. Ein „Jippiekajeh, Schweinebacke“ sucht man bei ihnen allerdings vergebens.

Bloß nicht nachmachen!

Will man einen Kinonacht-Fan aus seinem bequemen Sessel reizen, muss man sich nicht sonderlich anstrengen. Die Situation als solche birgt schon mehr als genug Potenzial für Schabernack. Versuchen Sie’s doch mal so:

 

  1. Hängen Sie „Leider defekt“-Schilder an sämtliche Toiletten. Idealerweise erst nach 2 Uhr nachts, wenn sämtliche Lokale der Umgebung geschlossen haben und bis Sonnenaufgang auch kein Bus mehr zum Bahnhofsklo fährt.

  2. Nutzen Sie die Pause zwischen zwei Filmen, um sich in den Vorführraum zu schleichen und den nächsten Marvel-Film gegen die unsägliche Nick Fury-Verfilmung aus den Neunzigern mit David Hasselhoff in der Titelrolle auszutauschen. Schließen Sie sich dann im Vorführraum ein, bis diese in voller Länge über die Leinwand gegangen ist. Öffnen Sie unter gar keinen Umständen, ganz egal, wie laut die verzweifelten MCU-Anhänger klopfen.

  3. Tun Sie’s auf die englische Art: Salzen Sie das Popcorn.

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Länder, Jedi, Abenteuer will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in die schillernde Subkultur der Geeks.

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