SOLO - A Star Wars Story

© Lucasfilm / Walt Disney Studios Motion Pictures

ESSAY

„Solo – A Star Wars Story“: Das SOLO-Dilemma


​​Unsere Autorin Judith Vogt ist ein echtes Star-Wars-Fangirl. Warum sie „Solo – A Star Wars Story“ dennoch nichts abgewinnen konnte ...​

Wer hier ab und an mitliest, weiß: Ich bin ein Star-Wars-Fangirl. Ich schaue nicht nur die Filme, ich lese die Romane, ich lese die Comics, ich schaue die Serien, ich höre die Scores, ich trage die Shirts, ich steuere den Mini-BB-8, ich dekoriere meine Wohnung, ich habe Star-Wars-Unterbuxen. Und deshalb wäre es total logisch, wenn ich hier einen schönen Wohlfühlartikel zu „Solo – A Star Wars Story“ schreiben würde. Plottwist: Tu ich nicht. Vorsicht – Spoiler voraus!

Zwei revolutionäre Dinge erwarteten uns in „Solo“

Oder ich erwartete zwei revolutionäre Dinge in „Solo“ – ja, Erwartungshaltungen sind ’ne bitch, aber hier kommen meine:

  1. L3-37. L3 ist ein Droide. Sie ist ein weiblicher Droide. Nicht nur das, sie ist eine sich selbst erkennende, gleiche Rechte fordernde Droidin, die einen Aufstand anzettelt und uns im Film einen glorreichen Moment beschert, der sich anfühlte wie jede Star-Wars-Rollenspielrunde, die ich je gespielt habe.

  2. Thandie Newton als Val wurde im Vorfeld bereits angekündigt als die erste schwarze Schauspielerin in einer bedeutenden Rolle. Also eigentlich … in einer Sprechrolle – mit Ausnahme von Lupita Nyong’o, die aber als Maz Kanata ein knittriges oranges Alien spielt. Ansonsten fällt die einzige bedeutendere schwarze Frauenrolle Femi Taylor zu, die die Twi’lek-Tänzerin Oola spielt – eine Sklavin. Husthust. Das ist für 30 Jahre Star Wars ein wirklich mieser Schnitt, und die Tatsache, dass ich es hier als revolutionär hinstelle ist … ungut.

Trailer: SOLO - A Star Wars Story

Zwei Revolutionen? Zwei Probleme für Drehbuchschreiber!

„Solo“ ist offenbar nicht der Film für eine Droidenrevolution und eine schwarze Frau in prominenter Rolle, denn die Drehbuchschreiber, Vater und Sohn Kasdan, fühlten sich offenbar bemüßigt, sich beider Charaktere schnell wieder zu entledigen.

L3 stirbt und wird zum Tomtom-Navi. Val sprengt sich selbst in die Luft, um ihrem Lover Beckett (Woody Harrelson) das Entkommen und eine zweite Chance beim Verbrecherkartell um Dryden Vos (Paul Bettany) zu ermöglichen. Zwei weiße Dudes leben (wow – wo ja schon Han, Lando und Chewie Männer sind, braucht der Film dringend mehr Männer!!), während die einzige sprechende schwarze Frau aus 30 Jahren Star-Wars-Geschichte das Zeitliche segnet. Danke, mein Puls geht schon schneller, wenn ich nur daran denke … Aber ich werde jetzt erklären, warum ich es problematisch finde, beide Charaktere auf solche Art loszuwerden:

Der Fall Val

Also, zum einen: Ich hasse die Frau-stirbt-für-Mann-Trope SO SEHR. Trinity stirbt für Neo. Val sagt zu Beckett: „War ’ne super Zeit, babe, bye“, und drückt den Alles-explodiert-Knopf. Argh! Nein, danke! Mit Beckett bleibt ein langweiliger, weißer, männlicher Schurken-Mentor-Charakter zurück, der genau so ist, wie Woody Harrelsons Charaktere halt so sind. Es wird nicht besser dadurch, dass bereits „Beckett – der Comic“ angekündigt ist … Thandie Newton, die in „Westworld“ die Bardame Maeve spielt, die sich ihrer selbst bewusst wird, hätte den Film um einen nuancenreichen Charakter erweitert – und bitte, liebe Kasdans, Vals Tod ist einfach total faules „Hmm, was machen wir jetzt mit ihr und dem Alien-Piloten? Ach, komm, die können weg“-Storytelling. Generell geht der Film schlecht mit seinen Frauen um (vielleicht braucht Star Wars ja doch mal ein paar Frauen einflussreicher in den Jobs der Drehbuchschreiber, Regisseure und Produzenten??). So gut Paul Bettany den Bösewicht mimt: Die „Spannung“ zwischen ihm und Emilia Clarkes Qi’ra hat etwas Sexuell-Missbräuchliches, das eine Freundin von mir akkurat mit „Uäääh“ beschrieb. 

Kolumne: SOLO - A Star Wars Story

© Lucasfilm / Walt Disney Studios Motion Pictures

Der Fall L3

Droidenrechte! Was für ein unverhofftes, spannendes Thema für einen Film, der vor allen Dingen ein „Heist-Movie“ zu sein versprach! Ich finde die Idee packend: Droiden haben in Star Wars schon seit ’77 Charakter und Gefühle, werden andererseits aber auch einfach als Kanonenfutter abgeknallt – ganze Filme drehen sich darum, dass vermeintlich austauschbare, geklonte Menschen noch austauschbarere Kampfdroiden abmetzeln. In der Serie „Clone Wars“ wurde das Unmoralische ausgelotet, das mit den Klonen geschieht, aber letztlich wurde bislang wenig thematisiert, wie wertvoll denn vielleicht ein Droiden-Bewusstsein ist (Hello, „Westworld“, my old friend!). Es ist eigentlich eine gute Sache, das zu thematisieren. L3 antwortet auf Landos Frage: „Brauchst du noch was?“ „Gleichberechtigung!“ – hell yeah! Im Gespräch mit Qi’ra sagt L3, sie könne eine Beziehung mit Lando führen, entscheide sich aber willentlich dagegen (auch hier: Hello, „Westworld“, my old friend!). In den Gewürzminen auf Kessel entfernt sie Haltebolzen, die Droiden zu absolutem Gehorsam zwingen, und startet damit eine Revolution von Sklaven und ihren Droiden-Schwestern und -Brüdern.

Dann jedoch beschließt der Film, dass er sie nicht mehr braucht und dass ja nun eigentlich Han ans Steuer sollte – und deshalb stirbt sie nicht nur in einer durchaus emotionalen und gut gespielten Szene, sondern wird auch noch ausgeschlachtet und fungiert fortan als des Falken Navi. (Das ist dann übrigens das zweite Mal im Film, dass der Pilot stirbt, damit Han ans Steuer kann – wie innovativ!) Nun kann man natürlich akzeptieren, dass der Falke einen eigenen Charakter hat – aber dieser Charakter ist in der Originaltrilogie und Episode VII und VIII eben nicht der von L3. Es ist eine Missachtung ihrer Bestrebungen nach gleichen Rechten, eine Missachtung ihrer lauten, fordernden Stimme, dass sie nun als stummes Navi im Falken steckt. 

Kolumne: SOLO - A Star Wars Story

© Lucasfilm / Walt Disney Studios Motion Pictures

WTF, Kasdans?

Val und L3 als Charaktere sind beide sehr cool, aber offenbar wussten die Kasdans nicht, wohin mit den beiden, und haben sie bequem entsorgt. Das hat mich sehr geärgert.

Dass außerdem noch ein Fall von „Dumbledore’s Gay“ (auch genannt: Schrödinger’s Gay) dazukommt, macht es nicht besser. Auf die Frage, ob der von Donald Glover gespielte Lando Calrissian pansexuell sei, da er sowohl Gefühle für seinen Droiden als auch für Aliens hegt und Han mehrfach „Baby“ nennt, antwortete Jonathan Kasdan: „Der Darstellung von Landos Sexualität liegt sowohl bei Donald als auch bei Billy Dee [Williams, dem Original-Lando] eine Ambivalenz inne. […] Ich liebe diese Ambivalenz – so etwas wie ein sexuelles Spektrum […], von dem selbst Droiden Teil sind.“ Im Film ist recht wenig von Landos Queerness zu sehen – klar, Lando schillert und Donald Glover transportiert seinen extrovertierten Charme auf besondere Weise, aber auch da hatten die Drehbuchschreiber offenbar Ideen, die sie letztlich nicht vollständig umgesetzt haben.

Von daher bin ich geneigt, „Solo“ in dieser Hinsicht ein „Er hat sich stets bemüht“ ins Arbeitszeugnis zu schreiben (siehe dazu auch: https://twitter.com/roguetldr/status/1000747111812608000).

Das heißt nicht, dass ich keinen Spaß hatte. „Solo“ erweitert das Star-Wars-Universum um neue Ideen, und die von mir geliebten Animationsserien werden perfekt eingebunden. Außerdem ist Enfys Nest ein neuer Charakter, der mich sehr begeistert – bitte noch ein bis drei Filme über Enfys! Eine Twittererin fasste es für mich perfekt zusammen: https://twitter.com/kaludiasays/status/1000481821249941505 - „I saw Solo and my Clone Wars/Rebels self is HAPPY. My feminist self is not.“

Bei „Die letzten Jedi“ habt ihr doch gezeigt, dass ihr das besser könnt, Lucasfilm! Braucht ihr noch was? Gleichberechtigung zum Beispiel?

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