Der zweite Blick: Babylon 5

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Der Zweite Blick (Folge 11): Auf Babylon 5 war der Underdog der Star


Wenn eines Tages die Geschichte des Genrefernsehens geschrieben wird, dann muss sie das zentrale Kapitel füllen: Babylon 5. Keine andere Serie (seit dem klassischen Star Trek) hat mehr für die Space Opera auf der Mattscheibe getan, keine andere hat sie so nachhaltig geprägt und verändert. Moderne Erfolgsproduktionen wie Game of Thrones und The Walking Dead stehen allesamt – und sei es nur ein bisschen – auf dem Fundament dieser kleinen, zeitlebens immer halb von der Absetzung bedrohten Produktion aus den 1990ern. Und doch ist Babylon 5 heute eigentlich nur noch den Altfans von damals ein wirklicher Begriff.

Die Welt von Babylon 5

Die Zukunft. Nach einem mehr als verheerenden Krieg gegen die außerirdischen Minbari sucht die Erde – und mit ihr der große Rest der Galaxis – den Frieden. Die Babylon-Raumstationen sollen als neutraler Boden dienen, als kollektiver Wohn- und Arbeitsplatz im All, an dem sich Vertreter unterschiedlichster Spezies auf Augenhöhe und unter dem Dach der Toleranz begegnen. Doch Missgunst und alter Rassismus bedrohen das Pilotprojekt vom ersten Tag an, sodass erst Station Nr. 5 die Mission wirklich wahr werden lassen kann.

Ausgerechnet da erwächst den Völkern des Alls aber eine ganz neue, noch größere Bedrohung: Die unheimlichen Schatten, finstere Widersacher aus den Untiefen der Geschichte, erwachen von Neuem. Während die Bewohner von Babylon 5 um den Frieden untereinander kämpfen, müssen sie sich zudem diesem alten, unheimlichen Gegner stellen. Und das, so lernen sie schnell, hat seinen Preis.

Babylon 5 - 20th Anniversary

Die nackten Fakten

J. Michael Straczynski war schon ein alter Hase im TV-Geschäft. Er schrieb für Krimiserien wie Mord ist ihr Hobby, brachte die Original-Ghostbusters zu Zeichentrickehren, textete Comics. Doch eine Idee hatte ihn ganz besonders gepackt: die von der Fernsehserie als Roman. Von Staffeln, die wie Kapitel waren und eine fortlaufende, von vornherein genau durchgeplante Geschichte erzählten. In Storyarcs, damals ein Novum in der Branche, heute in aller Munde. Als alter Genrekenner war JMS, wie die Fans ihn liebevoll nennen, auch klar, dass sein »TV-Roman« der Science Fiction zugerechnet werden würde – wenn, ja, wenn er ihn denn je realisiert bekäme.

Anfang der 1990er erhielt er diese Chance. Mit einem Budget, das bei Star Trek: Das nächste Jahrhundert vielleicht nur für die Portokasse gereicht hätte, machte sich JMS auf, Geschichte zu schreiben. Anfangs noch eher behäbig erzählt und merkliches Learning-by-doing, entwickelte sein Babylon 5 aber schon in der zweiten Staffel eine faszinierende, fesselnde innere Stringenz. Wo Spezialeffekte, Kulissen und Kostüme mitunter arg scheiterten (an den Grenzen der Finanzierbarkeit, am Underdog-Status der Produktion), überzeugten JMS’ Dialoge und Handlungsbögen umso mehr. Er bewies, dass auch Aliens mit vollkommen bescheuerten Frisuren mühelos Dramatik im Stile Shakespeares kommunizieren konnten.

Das Erbe

Seltsamerweise hatte es B5 stets schwer, modern zu bleiben. Nach der TV-Serie folgten einige mehr oder weniger erfolglose Ableger (mehrere TV-Filme und die nach wenigen Folgen abgesetzte Spinoffserie Crusade) und ein leidlich gut beworbener DVD-Release, doch die große Wiederentdeckung blieb dem Franchise bis heute verwehrt. Was erstaunt, denn im Zeitalter des Bingewatchings ist Babylon 5 doch eigentlich ideales Material. Auch die alle paar Jahre aufkommenden, nicht selten von JMS selbst befeuerten Gerüchte einer Neuauflage im Kinoformat erweisen sich stets als kraftlos.

Das ist einerseits schade, andererseits bewahrt es aber auch die Homogenität der guten, alten Serie. Und die ist jeden zweiten Blick wert. Versprochen.

 

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Manche Serien ziehen so schnell an uns vorbei, dass wir sie kaum registrieren. Andere liegen zu lange zurück – und waren zu wenig massentauglich –, als dass sie sich noch heute häufiger Wiederholungen oder gar eines DVD-Releases erfreuen könnten. Doch was, wenn sie dennoch sehenswert sind? Diesen Produktionen gewährt Autor Christian Humberg ab sofort eine zweite Chance in seiner Kolumne "Der zweite Blick".

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