Star Wars Rogue One im Geek! Magazin Ausgabe 27

FILM

Was macht Rogue One anders als bisherige Star Wars-Filme?


Gudrun Hoffmann-Schoenborn
04.11.2016

To boldly go where no Jedi has gone before …

Keine Sorge, ich bin in keinen Antigeek-Trank geplumpst und kann Ewoks noch gerade so von Tribbles unterscheiden. Doch obwohl Rogue One wieder einmal das Thema „Todesstern“ aufgreift, so beschreitet es dennoch auf vielfältige Weise neue Wege – oder versucht es zumindest. Doch gehen wir der Reihe nach.

„Zur Zielgruppe du nicht mehr gehörst, Klein-Kevin!“

Ist Rogue One ein kindgerechtes Märchen mit einem putzig herumpurzelnden Yoda und fidelen Rebellen, die lustige Reden schwingen? Wohl kaum. Die düsteren Zeiten, in denen sich die Rebellen nun befinden, scheinen vielmehr bar jeden Hoffnungsschimmers zu sein, der erst ein paar Jahre später in Eine neue Hoffnung aufglimmen wird. Visualisiert wird das eindrucksvoll, und zwar nicht nur durch das Vorhandensein des dunklen Anstrichs, sondern vor allem durch das Fehlen eines für das Star Wars-Universum prägnanten Elements: des Lichtschwerts. Das, was nicht nur die Dunkelheit zu erhellen vermag, sondern auch für Hoffnung und Glaube steht, scheint verloren, nahezu ausgelöscht. Wie ein roter Faden verbleibt nur Vaders Präsenz. Statt der Macht der Jedi sind es nur allzu menschliche, verletzliche Rebellen, die im Schutt der Vergangenheit das Schlimmste zu vermeiden versuchen.

Regisseur Gareth Edwards setzt den Trailern nach zu urteilen also bewusst auf einen härteren Ton, der sich von dem der bisherigen Filmen abgrenzt. Auch die Wahl seiner fleißigen Peonen macht dies deutlich: Mit Greig Fraser (Zero Dark Thirty) und Neil Corbould (Black Hawk Down) wurden Leute verpflichtet, die man eher weniger mit lustigen Jar Jars in Verbindung bringen würde.

Dass die Figuren in Rogue One unbeschrieben Blätter sind und in später spielenden Filmen keine geschichtliche Relevanz mehr haben, macht das Ganze nicht besser. Wo martialische Waffen durch die Luft säbeln, Blut in die Erde sickert und die Charaktere in der Historie keine nennenswerten Spuren hinterlassen haben – wer von ihnen ist da noch sicher? Oder wird einer nach dem anderen wie Lemminge (oder ein gewisser geliebter Charakter altbekannter Filme) über die Brüstung stürzen? Rogue One besitzt enormes Potenzial, eine erwachsene, eine brutale Version des Star Wars’schen Filmmärchens zu werden. Und ob sich das so unbedingt an das kindliche Publikum richtet, darf bezweifelt werden.

„Chewbacca? Ist das ein Pokémon?“

Apropos Publikum: Für unsereins ist es kaum vorstellbar, dass es tatsächlich noch Landstriche gibt, in denen Star Wars eher unbekannt ist. Nein, ich rede hier nicht von einer romantischen und menschenleeren Insel in irgendeinem Weltmeer oder von einer postapokalyptischen Zombiewelt, sondern von dem weltweit zweitgrößten Filmmarkt: China. In Asien ist Star Wars kaum bis überhaupt nicht nostalgisch behaftet. Dank des für ausländische Produktionen dezent schwierigen Jahres 1977 war die alte Trilogie vielmehr lediglich über nebulöse Pfade zu beziehen – der Nährboden des Kults wurde nicht gelegt. Ausgerechnet die sehr schwache Episode I – Die dunkle Bedrohung, wurde der in China erste im Kino veröffentlichte Star Wars-Film. Ein Wunder, dass der Kult lediglich ausblieb und stattdessen kein überbordender Lichtschwerthass ausgebrochen ist!

Doch was tut man nun als gestandener Marketingmensch? Däumchen drehen und auf den zweitgrößten Filmmarkt der Welt verzichten? Auf keinen Fall! Um den globalen Markt zu bedienen und neue Welten zu erschließen, verpflichtete man kurzerhand die Darsteller Jiang Wen und Donnie Yen, von denen letzterer als einer der Zuschauermagneten Chinas gilt. Bislang waren asiatische Darsteller im Franchise stark unterrepräsentiert – und das trotz der Menge an Thai-Fightern. Ob man Asien nun mit der Wahl der Schauspieler erobern kann, bleibt natürlich abzuwarten. Generell sind laut einer Studie von UCLA Filme mit einem Cast von mindestens 41-50 % „diversem, nicht-weißem Cast“ erfolgreicher auf dem globalen Markt. Logisch, dass Disney nebenbei davon profitieren möchte. Und vielleicht, ganz vielleicht, wird man mit den neuen Star Wars-Verfilmungen auch endlich das asiatische Publikum ansprechen. Auf dass die Macht auch bis weit in den Osten schwappen möge! Gibt es eigentlich schon Pokémon mit Lichtschwertern?

„Mögen die Social Justice Warriors mit euch sein!“

Manche nennen es „feminist movement“, andere die „vielleicht längste Female-Lead-Strecke der Welt“. Galt Star Wars vor wenigen Jahren noch als rückständig in Bezug auf weibliche Rollen und ethnische Diversität in der Figurenkonstellation, hat sich bereits mit Das Erwachen der Macht einiges getan.

Nach Daisy Ridley rückt nun Felicity Jones in den Mittelpunkt des galaktischen Geschehens. Etwas, das einigen sauer aufstößt. Wie kann es auch sein, dass ausgerechnet zwei Frauen hintereinander die Hauptrolle spielen?! Fehlte nur noch, dass eine der beiden schwarz wäre! Oder gar homosexuell! Was nicht ist, kann freilich noch werden, bislang jedoch müssen sich die Zartbesaiteten nur mit der garstigen Weiblichkeit herumschlagen. Zum Glück sind diese zumindest mit einem Wiedererkennungsfaktor der Marke Laserblaster ausgestattet, und so brennt sich die Ähnlichkeit von Rey und Jyn direkt ins zerebrale Kleinhirn, auch ganz ohne Macht. Drei Buchstaben, definiert durch dunkles Haar, schlanke Taille, wilden, entschlossenen Blick und die Angst, Fehler zu begehen. Die neuen Heldinnen sind mit mehr Tiefe gesegnet als ein „Ja“ und „Nein“ runterbetender Anakin. Auch die Wahl der Schauspielerinnen ist hier vielversprechend. Ob im Nachhinein noch immer gelästert wird, bleibt abzuwarten.

Was bleibt, ist die Angst vor einer Mary Sue. Aber warum eigentlich? Warum schreien Männerchöre vor Wehklagen auf und jammern ob der angeblichen Erschütterung in der Macht, wenn Rey in der Lage ist, Wookie zu sprechen, oder den Millenium Falcon zu reparieren oder – bitte Luft anhalten – diesen gar steuern und mit Bravour fliegen zu können? Warum ist es empörend, wenn sie mit Hilfe der Macht ein Lichtschwert gegen einen schwer verwundeten Sith-Lehrling führen kann? Anakin und Luke hatten auch erstaunliche Fähigkeiten. Warum nochmal kann der kleine Anakin schon als junger Machtling besser fliegen als ein handelsüblicher Pilot oder Androiden herstellen, als handle es sich um profane Knetmännchen? Ob Jyn nun auch mit überdimensionalen Fähigkeiten gesegnet sein wird?

Sollte das tatsächlich der Fall sein, würde ich mit mir diskutieren lassen, ob das nicht zu viel Wiederholung im Star Wars-Universum wäre. Denn: Warum nicht mal ein Raumabenteuer ohne die alten Rezepte kreieren? Ein Abenteuer, in dem die Heldin nicht von Macht erfüllt ist und ohne mit der Wimper zu zucken jede Hürde überwindet? Dann wäre Rogue One etwas Neues. Etwas, das sich zu sehen lohnt und das sich noch deutlicher von den Trilogien abhebt. Dann wäre es etwas, das ich allein aufgrund dieser Tatsache achten würde. Ein neues Star Wars. Ein Hoch auf den Dreck und das Unvollkommene. Ein Hoch auf das, was Star Wars eben auch ausmacht: Die Seele, das Neue, das schlagende Herz.

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