Der zweite Blick: Cluburlaub für Ex-Agenten mit Nummer 6 - The Prisoner

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REWATCH

Der Zweite Blick (Folge 8): Cluburlaub für Ex-Agenten mit Nummer 6



Stellen Sie sich vor, James Bond hätte gekündigt. Aus nicht näher bestimmten, aber wirklich guten Gründen hätte der wohl berühmteste Agent ihrer Majestät den Dienst quittiert. Würde der MI6 einen so wertvollen Geheimnisträger einfach gehen lassen? Oder würde man intervenieren, zum Beispiel durch eine Entführung des Agenten? Würde dieser vielleicht in einen unbekannten, namenlosen Ort verfrachtet werden, aus dem es kein Entkommen gibt und in dem sich noch weitere ehemalige Geheimnisträger befinden, gefangen in verschiedensten Stadien der Gehirnwäsche und mentalen Selbstaufgabe?

Nummer 6 ist eine britische TV-Serie aus den ausgehenden 1960er Jahren, die gekonnt und inspirierend mit dem damals aufgrund von Serien wie Danger Man, The Saint und der James Bond-Filme sehr gefragten Klischee des Geheimagenten spielte. Nummer 6 begann bei der eingangs erwähnten Frage, was wohl mit aus dem Dienst ausgeschiedenen Agenten geschehe, wendete sich von dieser Prämisse aber schnell hin zu tieferen, komplexeren Themen. Die Serie wurde zur Allegorie.

Die Welt von Nummer 6

Patrick McGoohan war die treibende Kraft hinter der Serie. Der Schauspieler hatte jahrelang im britischen Fernsehen den Geheimagenten John Drake in der Serie Danger Man / Secret Agent gespielt und war seiner eindimensionalen Rolle überdrüssig geworden. Seine Bitte um eine neue Beschäftigung stieß bei seinen Oberen allerdings nicht auf Gegenliebe, zu gerne sah das britische Publikum seinen John Drake. Nummer 6 konnte demnach ursprünglich als Kompromiss angesehen werden: Zwar wurde der reale Name der abermals von McGoohan verkörperten Hauptfigur in Nummer 6 nie erwähnt – im Dorf werden die Insassen nur mit Nummern angesprochen –, doch konnte sich das an John Drake gewohnte Publikum aufgrund des vertrauten Schauspielers leicht einreden, hier einfach eine Fortsetzung von Danger Man zu sehen. McGoohan selbst hat diese Interpretation allerdings stets deutlich abgelehnt. Unzufrieden mit der Qualität des zeitgenössischen Fernsehprogramms, versuchte er mit Nummer 6 etwas Eigenes, Anspruchsvolleres zu schaffen.

Die nackten Fakten

Das reale „Dorf“, also der Ort, in den Nummer 6 verschleppt wird und aus dem er im Verlauf der Serie ständig zu entkommen versucht, liegt in Wales. Portmeirion heißt er und ist ein architektonisches Kunstwerk, in dem Farben, Formen und Landschaftsgestaltungen zu einem heute noch beeindruckenden Gesamtbild verschmelzen. Dieses Artifizielle nutzte McGoohan als Hintergrund für seine Serie, die sich dadurch auch optisch schnell von dem abhob, was das zeitgenössische Publikum gewohnt war.

In dieser bunten und dennoch trostlosen Umgebung saß der Protagonist. Hier, wo ihn jeder nur als Nummer 6 ansprach, war er tagtäglich den neuen Plänen der stetig wechselnden Ortsleitung in Form von Nummer 2 ausgesetzt, deren Aufgabe es zu sein schien, den Grund für die Kündigung des Agenten herauszufinden. Und Nummer 6 wehrte sich.

Die Serie erzählte in episodischen Handlungen die verschiedensten vergeblichen Versuche von Nummer 6, dem Dorf zu entkommen, und die vergeblichen Versuche der jeweils aktuellen Nummer 2, den rebellischen Insassen 6 zu brechen und ihm die so dringend gewünschte „Information” zu entreißen. Die Tatsache, dass der Darsteller der Nummer 2 häufig wechselte, ließ darauf schließen, dass Nummer 1 diesen Fehlschlägen alles andere als geduldig gegenüberstand. Kafka in Wales.

Das Erbe

Nummer 6 war weniger eine Agenten- oder Abenteuerserie im klassischen Sinne, als vielmehr ein mitunter schon kafkaesk anmutendes Experiment, dessen narrativer Handlungsverlauf und Auflösung organisch wuchsen und zu einem für viele Zuschauer überraschenden, aber dennoch stimmigen Ende fanden. (McGoohan selbst musste nach der Ausstrahlung der irritierenden Finalepisode aus Angst vor erbosten Zuschauerreaktionen sogar kurzzeitig untertauchen.)

Nummer 6 vermischte Elemente des Abenteuers und der Mystery und modellierte sie zu einer eindringlichen Parabel über Macht und Kontrolle, Individualismus und persönliche Werte. Dabei ging die Serie bewusst nicht immer homogen vor, sondern eröffnete dem Zuschauer wissentlich metaphorische Türen zu eigens auszuarbeitenden Interpretationsansätzen. Nummer 6 ist gleichermaßen Dystopie wie Allegorie. Und wirklich sehenswert. Also auf ins Dorf – be seeing you!

 

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Manche Serien ziehen so schnell an uns vorbei, dass wir sie kaum registrieren. Andere liegen zu lange zurück – und waren zu wenig massentauglich –, als dass sie sich noch heute häufiger Wiederholungen oder gar eines DVD-Releases erfreuen könnten. Doch was, wenn sie dennoch sehenswert sind? Diesen Produktionen gewährt Autor Christian Humberg ab sofort eine zweite Chance in seiner Kolumne "Der zweite Blick".

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