Kolumne: Länder, Jedi, Abenteuer - Twin Peaks

© Paramount (Universal Pictures)

KOLUMNE

In Twin Peaks steht kein Fan im Wald


Eine Schulschönheit als in Plastikfolie eingewickelte Flussleiche? Ein rückwärts sprechender Waldschrat? Sex und Drugs und Rock ’n Roll, ähm, nein, latent depressiv machende Ambient-Musik? Twin Peaks bietet Neulingen auf den ersten Blick nur abschreckende Fragezeichen und Verwirrung. Aber das – glauben Sie dem seit einem Vierteljahrhundert unsterblich in diese Serie Verliebten, dessen Name unter der Kolumne steht – ist absolut gewollt. Und absolut wundervoll!

 

Der Fanotyp

Twin-Peaks-Fans tragen gern FBI-taugliche Trenchcoats oder angeblich sprechende Holzscheite durch die Gegend. Sie können an keinem Sägewerk vorbeigehen, ohne über „Katherine, dieses Biest“ zu schimpfen, und stehen auch gern mal stundenlang verzückt an einem Wasserfall oder auf alten Eisenbahnbrücken herum. Da zwischen Staffel 2 und 3 der Serie stolze fünfundzwanzig Jahre Produktionspause lagen (und Staffel 3 erst im zweiten Quartal 2017 auf die Mattscheiben kommt), sind sie in der Regel mindestens mittleren Alters. Sie lieben die einsamen Ecken der Natur ebenso wie ihre von übermäßigem Donut-Konsum gestählten Plauzen. Sie neigen zur Melancholie, haben ein Faible fürs Programmkino und trauen niemandem namens Bob.

 

Dinner for Fan

Das klassischste TP-Gericht ist selbstverständlich die Kombo aus Kirschkuchen und Kaffee. Wichtig: Letztgenannter ist unbedingt schwarz zu genießen („schwarz wie die Mitternacht in einer mondlosen Nacht“); nach dem ersten Schluck sollten Sie zudem kurz innehalten, wohlig seufzen und dem Kellner Ihr strahlendstes Lächeln und eine Daumen-Hoch-Geste schenken. Erst dann widmen Sie sich dem Rest der Tasse.

Als kleiner Snack für zwischendurch bietet sich die Kirsche als solche an, also ohne den Kuchen drumherum. Bonuspunkte erhält, wer sie besonders lasziv vernascht und dabei – aber ohne Zuhilfenahme der Hände! – auch noch einen Knoten in den Stengel friemelt.

 

Sag, was du willst, aber …

TP-Fans können auf eine Unmenge an Catchphrases zurückgreifen, in der sich für nahezu jede Lebenslage etwas findet. Beim Waldspaziergang bietet sich ein sonores „Die Eulen sind nicht, was sie scheinen“ ebenso an wie das obligatorische und mit an Euphorie grenzender Begeisterung vorgetragene „Harry, ich muss ganz fürchterlich urinieren!“ an der Autobahnraststätte (natürlich besonders, wenn Ihr Beifahrer gar nicht Harry heißt, denn eine solide Grundverwirrung des Gegenübers ist bei Twin Peaks geradezu Pflicht).

Betreten Sie Konditoreien stets mit „So stelle ich mir das Himmelreich für Kuchen vor“; beginnen Sie jedes Telefonat mit „Diane, es ist jetzt xy Uhr …“; betrauern Sie eingepackte Ware im Supermarkt mit einem kopfschüttelnd und den Tränen nahe vorgebrachten „Wrapped in plastic!“, und entsetzen Sie Ihre Gäste beim sonntäglichen Kaffeekränzchen mit der Aussage, Sie hätten überraschend einen Fisch in der Kaffeemaschine gefunden … Die Möglichkeiten sind endlos, und der unumstrittene König des Serienzitats wird natürlich nur, wer es auch schafft, all diese Zitate rückwärts aufzusagen. S’let kcor!

Bloß nicht nachmachen!

Twin Peaks scheidet seit Jahrzehnten die Geister, ist es doch durch und durch nicht mainstreamig. Umso verblüffender war und ist sein anhaltender Erfolg. Wer es liebt, der liebt es aber mit aller Inbrunst – und verteidigt die Serie zur Not bissiger als Leo Johnson seine nicht vorhandene Ehre. Reizen Sie einen TP-Fan daher auf eigene Gefahr … und beispielsweise so:

  1. Machen Sie es wie Sat1 bei der deutschen Erstausstrahlung: Verraten Sie den noch ahnungslos mitratenden Zuschauern schon vorab, wer Laura Palmer ermordete. (Die dt. Erstausstrahlung geschah nämlich beim Konkurrenten RTL, den dieser unkollegiale Spoiler der Konkurrenz natürlich spürbar Zuschauer kostete.)
  2. Geben Sie Albert Rosenfield in allem recht, was er sagt und tut. Immer.
  3. Plädieren Sie lautstark für eine Ablegerserie, die sich ausschließlich um die Figuren Little Nicky und Dick Tremayne drehen soll.
  4. Sagen Sie, die Serie sei erst mit Einführung der Storyline um die „Miss Twin Peaks“-Wahl so richtig gut geworden. Der ganze Rest sei doch prätentiöse Kunstkacke.
  5. Schütten Sie Zucker in den Kaffee.

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Christian Humbergs Kolumne "Länder, Jedi, Abenteuer" will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in die schillernde Subkultur der Geeks. Heute: Twin Peaks.

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