Die sechs coolsten Comic-Künstlerinnen

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Die sechs coolsten Comic-Künstlerinnen


Thorsten Hanisch
10.07.2018

Dass Comic nicht mehr nur eine reine Männer-Domäne ist, wird spätestens bei einem Rundgang auf eine der einschlägigen Veranstaltungen wie z. B. dem Comic-Salon Erlangen klar. Trotzdem finden, vor allem hierzulande, immer noch viel zu wenige Künstlerinnen breitflächige Beachtung. Thorsten Hanisch steuert dagegen und stellt euch die sechs coolsten Comic-Künstlerinnen vor.

1. Emil Ferris

„My Favorite Thing Is Monsters“ war 2017 der Überraschungserfolg schlechthin. Das 400-seitige Debüt erzählt von der 10-jährigen Karen Reyes, die im von sozialen Unruhen geplagten Chicago der 1960er Jahre aufwächst und den Tod ihres Nachbarn untersucht. Allerdings hat’s das Latino- und Unterschichtenkind nicht leicht: Sie wird von ihren Schulkameraden gehänselt, angegriffen und in eine Außenseiterposition gedrängt, die zusätzlich noch durch das Entdecken ihrer lesbischen Neigungen verstärkt wird. Um Trost zu finden, imaginiert sie sich ein zweites Ich als Werwolfmädchen …

Der mit Farbstiften auf liniertem Schreibpapier (im Stil eines Tagebuchs) festgehaltene Mix aus Familientragödie, Coming-of-Age-Drama, Zeitgeschichte und Krimi kam praktisch aus dem Nichts. Von Emil Ferris hatte zuvor noch niemand etwas gehört, und ihre Vorgeschichte ist in der Tat ungewöhnlich: Die 55-Jährige war zuvor Illustratorin und Spielzeugdesignerin, bekam aber mit 40 Jahren das hauptsächlich bei Vögeln auftretende West-Nil-Fieber, wodurch sie von der Hüfte abwärts gelähmt wurde; zusätzlich konnte sie ihre rechte Hand nicht mehr bewegen. In den folgenden Jahren eroberte sie langsam, aber sicher ihre Motorik wieder halbwegs zurück und machte zudem einen Abschluss im Kreativen Schreiben an der „School of the Art Institute of Chicago“. Während ihrer Genesung fing sie mit der Arbeit an ihrem Debüt an, für dessen Fertigstellung sie insgesamt sechs mühevolle Jahre benötigte und in das jede Menge biografische Elemente einflossen. So ist die Schöpferin ein ebenso großer Fan von Monsterfilmen wie ihre kleine Heldin und genauso im Chicago der 1960er Jahre aufgewachsen. Aber nicht nur die Produktion, sondern auch die Publikation war mit Hürden verbunden: Ursprünglich sollte „My Favorite Thing Is Monsters“ bereits 2016 erscheinen, allerdings wurde die komplette Erstauflage auf dem Weg vom chinesischen Drucker in die USA im Panamakanal festgehalten, da das südkoreanische Transportunternehmen pleiteging. Aber Ende gut, alles gut: Das Meisterwerk konnte schließlich ausgeliefert werden und katapultierte Ferris aus dem Stand heraus in die Top-Liga der Comic-Autoren.

Offizielle Webseite von Emil Ferris

 "My Favorite Thing Is Monsters" wurde am 25.06. als "Am liebsten mag ich Monster" von Panini auf Deutsch veröffentlicht! 

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2. Jillian & Mariko Tamaki

Die beiden kanadischen Künstlerinnen (Cousinen, keine Schwestern!) sind sowohl einzeln als auch zusammen tätig: Jillian ist Zeichnerin, Mariko Autorin. Das Duo machte erstmals 2008 mit der Graphic Novel „Skim“ auf sich aufmerksam. Die sechzehnjährige Kimberly Keiko Cameron, genannt Skim, geht auf  eine katholische Mädchenschule und ist sowohl Gothic-Fan als auch praktizierende Wicca-Anhängerin. Als das beliebteste Mädchen der Schule von ihrem athletischen Freund verlassen wird und dieser sich kurze Zeit später umbringt, weil er mit seiner verdrängten Homosexualität nicht mehr zurechtkam, gerät Außenseiterin Skim ins Kreuzfeuer einer neu gebildeten Schulclique, verliebt sich aber unglücklicherweise gleichzeitig in ihre Englischlehrerin …

Die sensible, authentisch wirkende und beeindruckend gezeichnete Geschichte wurde mit Kritikerlob nur so überschüttet und unter anderem in vier Kategorien für den Eisner Award nominiert. Dass „Skim“ nicht nur eine Eintagsfliege war, stellten die beiden Künstlerinnen 2014 eindrucksvoll mit „This One Summer“ (hierzulande, etwas unpräzise übersetzt, als „Ein Sommer am See“ von Reprodukt erhältlich) unter Beweis, das von der Sommerfreundschaft der jungen Mädchen Rose und Windy erzählt, die allmählich mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens konfrontiert werden. Dieses Mal konnten die beiden Ausnahmetalente den Eisner Award mit nach Hause nehmen.

Offizielle Webseite von Jillian Tamaki

Offizielle Webseite von Mariko Tamaki

3. Fiona Staples

Fiona Staples gehört zu den absoluten Superstars der Szene, und das vor allem dank „Saga“.- Dem von Autorentitan Brian K. Vaughan („Paper Girls“, „Ex Machina“) verfassten, mit zig Preisen ausgezeichneten Science-Fiction-/Fantasy-Mammutepos hat die Kanadierin mit ihren markanten, klar gezeichneten Bildern einen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt.  

Inhaltlich dreht sich alles um Alana und Marko, ein Liebespaar von verfeindeten Sternen, das mitsamt seinem Mischlingskind Hazel durch die Galaxie gejagt wird. Alana reitet ein Zebra und ihr wachsen kleine Flügel aus den Schulterblättern, Marko dagegen sprießen Widderhörner aus der Stirn; ihr Kind trägt beides und fungiert als Erzählerin.

Staples kam durch Steve Niles, dem Autor von „30 Days Of Night“, mit dem sie an der 2010 erschienen Serie „Mystery Society“ arbeitete, in den Kontakt mit Vaughan. Die Chemie stimmte sofort, und beide beschlossen, das ultimative Epos zu erschaffen, eine Art Star Wars meets Game of Thrones. Dabei ist bemerkenswert, dass Staples großen Einfluss auf die Skripte hat. So ließ Vaughan in einem Interview durchblicken, dass die Zeichnerin oft Änderungen vorschlägt, die fast immer übernommen werden. „Saga“ wurde zu einem gigantischen Erfolg; mittlerweile übertrifft die von Image Comics herausgegebene Serie sogar die Verkaufszahlen des Zombie-Kults „The Walking Dead“ aus dem gleichen Haus. Es sind acht Bände erschienen, in den USA erscheint der neunte im September.

Offizielle Webseite von Fiona Staples

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4. Becky Cloonan

Die ursprünglich aus Italien kommende Zeichnerin und Autorin Becky Cloonan fing einst ganz bescheiden mit Minicomics an und wurde 2012 die erste Frau, die ein Batman-Titelbild gestalten durfte(!). Ihre Karriere startete nach einer Zusammenarbeit mit Brian Wood (u. a. „DMZ“, „Northlanders“, „Conan the Barbarian“) an „Channel Zero: Jennie“ so richtig durch: Es folgten Solo-Arbeiten wie „East Coast Rising“, Franchise-Titel wie „Gotham Academy“ oder „Punisher v11“ und – da die Künstlerin eine große Musikliebhaberin ist (bevorzugtes Genre: Heavy Metal) – Plattencover für Acts wie Clutch, Witchcryer oder Tonedeff. Ihre Arbeit zeichnet sich dabei durch einen stark Manga-lastigen Stil aus, weshalb sie außer bei den üblichen Verdächtigten wie Marvel oder DC auch bei Tokyopop veröffentlicht hat.

Offizielle Webseite von Becky Cloonan

5. Gail Simone

Die ehemalige Friseurin machte erstmals durch ihre Beteiligung an der Webseite Women in Refrigerators auf sich aufmerksam, die sie mit ein paar Feministinnen gründete. Sie war als Antwort auf eine Szene in der 54. Ausgabe von „Green Lantern“ gedacht, in der der Titelheld seine ermordete Freundin in einem Kühlschrank wiederfindet. Die Seite widmete sich den weiblichen Figuren in Comics, die getötet oder vergewaltigt werden oder auf irgendeine andere Weise leiden müssen, um den Handlungsstrang des männlichen Helden vorwärtszubringen. Durch Women in Refrigerators kam sie mit vielen Leuten aus der Comic-Industrie in Kontakt und wurde schließlich von Bongo Comics als Autorin für „Die Simpsons“ engagiert.

Von da aus ging es weiter zu Marvel („Deadpool“), schließlich landete sie bei DC, avancierte dort zur „Wonder Woman“-Stammautorin und zeichnete sich unter anderem für die Superheldinnen-Team-Serie „Birds of Prey“ und das „Infinite Crisis“-Prequel „Villains United“ verantwortlich. 2011 wurde Simone zur Autorin einer neuen „Batgirl“-Serie und führte den ersten Transgender-Charakter im Mainstream-Comic ein. Weitere Titel von ihr sind „The Movement“, „Red Sonja“ und „Tomb Raider“, eine Comic-Fortführung des 2013er-Videospiel-Reboots. Außerdem verfasst sie Drehbücher für Trickfilme (unter anderem „Wonder Woman“ aus der Reihe „DC Universe Animated Original Movies“).

Aktuell wird „Crosswinds“, eine in Zusammenarbeit mit Cat Staggs („Wonder Woman `77) entstandene Geschichte um einen Profikiller und eine Hausfrau, die mysteriöserweise die Körper tauschen, als Fernsehserie adaptiert. Hierbei wird die umtriebige Künstlerin erstmals auch als Produzentin fungieren. Gail Simone gilt als eine der einflussreichsten Frauen der Comic-Industrie und engagiert sich sehr für Gleichberechtigung in der kunterbunten Sprechblasen-Welt.

Offizielle Webseite von Gail Simone

6. Barbara Yelin

Die Münchner Zeichnerin und gelegentliche Autorin Barbara Yelin feierte 2004 beim französischen Verlag Editions de l’An 2 mit „Le Visiteur“ ihr Debüt. 2010 erschien in Zusammenarbeit mit Szenarist Peer Meter „Gift“, ein Geschichtscomic über die deutsche Serienmörderin Gesche Gottfried.

2014 wurde ihr Meisterwerk „Irmina“ veröffentlicht, das einen von der ersten Seite an wie ein Staubsauger in die wirklich atemberaubende, bleistiftgezeichnete Geschichte zieht, in der sich alles um Irmina dreht: Die ehrgeizige und impulsive junge Frau reist während der 1930er-Jahre nach London, um dort eine Ausbildung als Fremdsprachensekretärin anzufangen, und verliebt sich in den dunkelhäutigen Howard. Doch die Liebe der beiden steht unter keinem guten Stern. Irmina muss zurück nach Berlin und erkennt, dass ihr der erhoffte Wohlstand nur winkt, wenn sie das Nazi-Regime nicht in Frage stellt …

Elegante Unaufdringlichkeit ist das große Kunststück des Bandes – Yelin schafft es, die packende, ergreifende Geschichte einer Frau, die mit offenen Augen ins Verderben rennt, zu erzählen und das absolut homogen mit Zeitgeschichte zu verknüpfen. „Irmina“ ist eine großartige psychologische Studie, wie ein perfides System auf leisen Sohlen auch auf charakterstarke Persönlichkeiten einwirken kann – eine der besten deutschen Graphic Novels aller Zeiten!

Am 30.10.2018 erscheint im Rahmen von Isabel Kreiz’ Reihe „Die Unheimlichen“ ihre neuste Arbeit, dieses Mal allerdings eine der etwas leichteren Sorte: Der hierzulande nicht ganz so bekannte Grusel-Klassiker „Das Wassergespenst von Harrowby Hall“ von John Kendrick Bangs, der in den USA zu den bekanntesten Humoristen und Satirikern des späten 19. Jahrhunderts zählt, wurde von Yelin in Bilder gepackt – allein das vorab veröffentlichte Cover-Motiv ist zum Niederknien und schreit: „Kauf mich!“

Offizielle Webseite von Barbara Yelin

Über den Autor

Thorsten Hanisch mag Comics und liebt Frauen. Letztere beeindruckt er gerne mit seiner Arbeit als Literaturwissenschaftler, Journalist und Co-Herausgeber von „Manifest – Das Filmmagazin“ (dasmanifest.com), einem der dienstältesten und bekanntesten unabhängigen Online-Filmmagazine Deutschlands. Wenn er nicht guckt, liest oder schreibt, twittert er unter @Kaklimax oder entblößt sich schamlos auf thorsten-hanisch.de!

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