Comic-Review: El Cid und Prinz Eisenherz

© Antonio Hernández Palacios/avant-verlag

COMIC

Alte Recken: El Cid und Prinz Eisenherz



Der kanadische Comic-Gott Hal Foster (1892–1982) und sein abenteuerlich-ritterlicher Klassiker Prinz Eisenherz, der 1937 mit einer ersten großen Sonntagsseite startete und bis heute fortgesetzt wird, haben viele Leser und Kreative geprägt. Selbst der große spanische Comic-Künstler Antonio Hernández Palacios (1921–2000) ließ sich von Fosters fortlaufender Rittersaga ohne Sprechblasen inspirieren und inszenierte daraufhin unter anderem El Cid.

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© Antonio Hernández Palacios/avant-verlag

Spanischer Nationalheld als Nebenfigur

Allerdings zeigte sich Fosters Einfluss auf Palacios eher darin, wie akribisch dieser das Mittelalter recherchierte, die Lücken in der Überlieferung mit Phantasie und Abenteuern füllte und die Ausstattung des historischen Alltags und Wesens extrapolierte – von Britannien, Camelot und der Artus-Sage hielt sich der Spanier dagegen absichtlich fern. Stattdessen konzentrierte Palacios sich auf seine von den Mauren besetzte Heimat um das Jahr 1060 nach Christus.

Als Titelheld des Comics fungiert nominell der spanische Nationalheld Rodrigo Díaz de Vivar, besser bekannt als El Cid. In den vier langen Panel-Erzählungen, die Palacios zwischen 1971 und 1984 verwirklichte, ist Rodrigo aber noch keine Legende und letztlich bloß eine Nebenfigur, ja gewissermaßen der Sidekick des Sancho von Kastilien, auf dessen Familie, Leben, Nemesis und Wirken das Hauptaugenmerk liegt. Die Pläne sahen vor, dass sich Palacios, der die ersten beiden Storys als Magazinveröffentlichung initiierte und die letzten beiden direkt als Alben umsetzte, Stück für Stück durch die Biografie von El Cid arbeiten sollte, doch am Schluss blieb es bei lediglich vier Aventüren. Für Palacios' Verleger Ernesto Santolaya stand eine Fortführung von El Cid durch andere Künstler nie zur Debatte – ein weiterer Unterschied zu Prinz Eisenherz, wo Hal Foster selbst noch seinen ersten Nachfolger auswählte, damit das endlose Episoden-Epos weitergehen konnte.

Ein ähnliches Schicksal wie das unvollendete El Cid traf übrigens Palacios' beliebten Western Manos Kelly, der mit einem Cliffhanger versandete. Dennoch spendierte der Berliner Avant-Verlag dem spanischen Revolverhelden bereits im letzten Jahr eine schöne, wuchtige Hardcover-Gesamtausgabe, und dieses Jahr ist nun eben El Cid dran und freut sich über restaurierte Seiten und umfangreiches redaktionelles Zusatzmaterial.

Vom offenen Ende abgesehen, haben Palacios' Abenteuer-Comics über den Wilden Westen Amerikas und das mittelalterliche Spanien, die auf Deutsch beide in den 70ern im Kauka-Magazin Primo debütierten, noch die eine oder andere Schwankung in Sachen Artwork gemeinam. Manche Panels in El Cid sind schlichtweg atemberaubend schön oder kraftvoll, andere dafür ziemlich krude. Doch die eingefangenen Details des damaligen Lebens und der unberührten Natur überwiegen in El Cid, dessen wahre Schwäche vor allem in den gelegentlich ganz schön komplizierten personellen und politischen Zusammenhängen liegt, da der faktenreiche Stoff eben längst nicht so bekannt und griffig ist wie die verarbeiteten Mythen in Fosters Pseudomittelalter um den Prinzen von Thule. Apropos, was treibt der zurzeit eigentlich so?

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© Antonio Hernández Palacios/avant-verlag

Familie Eisenherz auf Abenteuerfahrt

Seit 2004 befindet sich Eisenherz in den Händen des 1955 geborenen Amerikaners Mark Schultz, den man als Autor von Comics mit Superman und den Aliens kennt, der die unvergessene Serie Xenozoic Tales schuf, schrieb und zeichnete und der einer der besten modernen Conan-Illustratoren ist. Vermutlich tat er sich deshalb zunächst mit Zeichner Gary Gianni – einem weiteren zeitgenössischen Meister und Illustrator der Werke Robert E. Howards – zusammen, um wie gehabt jeden Sonntag Prinz Eisenherz mit einer neuen Seite fortzusetzen, was dem Strip seit jeher seine Erzählweise als jederzeit halbwegs zugängliches Serial diktiert. Inzwischen arbeitet Schultz mit dem ebenfalls massiv von Foster beeinflussten Zeichner Thomas Yeates zusammen, der Howards Barbaren immerhin schon in Comic-Form zeichnete, diverse US-Superhelden ins Bild setzte und Zorro visualisierte.

Bei Carlsen ist soeben das 90. Softcover-Album von Prinz Eisenherz erschienen, dessen Foster/Murphy-Grundstock als gebundene Werkausgabe bei Bocola vorliegt. Nicht lange nach dem 4000. Prince Valiant-Strip, der im Original 2013 veröffentlicht wurde und 2015 im deutschen Vorgängerband enthalten war, sind Eisenherz, seine Frau und seine Töchter noch immer auf dem Mittelmeer unterwegs. Die Reise ist eine Entschädigung dafür, dass Papa Eisenherz mal wieder mit seinem Freund Gawain auf Abenteuerfahrt gewesen ist und sich ewig fern von Camelot herumgetrieben hat. Diesmal erleidet der Eisenherz-Clan Schiffbruch auf einer Insel, die allem Anschein nach von einer Gruppe Sirenen beherrscht wird, die wiederum unter dem Schutz eines Riesen stehen, und im Wasser lauert ein moränenartiges Monster. Schultz hat der starken Fantasy-Komponente, die er in Prinz Eisenherz gepflegt hat und die viele Fans von Foster und dessen erstem Nachfolger John Cullen Murphy gar nicht schätzen, demnach nur eine kurze Pause gegönnt. Dem traditionsbewussten Mr. Yeates gelingen derweil wieder einige hübsche »Standbilder« in Fosters Geiste, der ihn mehr anspornt und inspiriert als einschüchtert, wie Yeates einmal sagte.

Prinz Eisenherz Comic Klassiker

© 2014 by King Features Syndicate, distr. by Bulls

Nostalgie als Politur für alte Rüstungen

Trotz ihres Klassiker-Standings und ihrer vielen treuen Leser präsentieren sich also weder Prinz Eisenherz in seiner aktuellen Inkarnation noch der wiederauferstandene El Cid als gänzlich frei von Makeln und Zweifeln oder gar als gegen den unermüdlich nagenden Zahn der Zeit gefeit. Wer eine Schwäche für Ritter-Comics hat, kann freilich leicht über die Beulen in der Rüstung, die Scharten im Schwert und die allgemeine Steifheit der alten Recken hinwegsehen und sich ganz und gar königlich über so viel altmodisches, ach was, klassisches Abenteuer freuen.

Nostalgie funktioniert bei Abenteuer-Comics dieser Fasson ganz gut als notwendige Politur, und die haben Genre-Liebhaber ja immer zur Hand. In den Augen von unbedarften Neulesern – sicherlich nicht die Zielgruppe beider Bände – werden aber vermutlich weder Prinz Eisenherz noch Sancho und El Cid im zeitlosen Glanz erstrahlen.

Prinz Eisenherz Comic Klassiker Ritter

© 2014 by King Features Syndicate, distr. by Bulls

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