Der Ritter und das Einhorn Comic Buch Panels Mittelalter

© 2015 Éditions Soleil

COMIC

Der Ritter und das Einhorn



Stéphane Piatzszek und Guillermo C. Escalada erfinden in einem opulenten Comic-Einzelband das Einhorn neu – als mittelalterliches Schlachtross und ambivalentes Symbol für die Tugenden und Sünden des Rittertums.


Wann immer es um Einhörner geht, wird die Mustererkennung komplett von Peter S. Beagle beherrscht. Genauer gesagt, von Beagles bekanntestem Roman Das letzte Einhorn aus dem Jahre 1968, sowie von dessen weltberühmter Verfilmung, die 1982 entstand. Nachdem die Trickfilmadaption durch Arthur Rankin Jr. und Jules Bass, die auf ein Drehbuch von Beagle höchstpersönlich zurückgreifen konnten, jahrzehntelang zum weihnachtlichen TV-Standardprogramm gehörte, darf man den Film zwar komplett über haben. An der Brillanz des atmosphärischen, verwunschenen Anime-Klassikers und seiner wunderschönen Prosa-Vorlage, deren letzte Hardcover-Neuauflage bei Klett-Cotta um die ebenso späte wie starke Novellen-Fortsetzung „Zwei Herzen“ ergänzt wurde, ändert das jedoch nichts. Beagles verdiente Dominanz in Sachen Einhörner wird vermutlich ewig währen. Die neuen, aktuellen Romane und Erzählungen des 1939 geborenen Amerikaners schaffen es leider schon länger nicht mehr nach Deutschland, doch wann immer irgendwo ein Einhorn das charakteristisch gekrönte Haupt hebt, ist Peter S. Beagle sofort ganz nah.

Umso beachtlicher, dass Szenerist Stéphane Piatzszek und Zeichner Guillermo C. Escalada in ihrem gerade bei Splitter veröffentlichten Comic-Einzelband Der Ritter und das Einhorn einen weiten Bogen um Beagle und ‚sein Einhorn’ machen. Das Einhorn, das dem Ordensritter Juan Fernandez de Heredia im Comic zunächst 1346 auf dem Schlachtfeld von Crécy erscheint, ist sogar eher ein massiges Schlachtross. Schon rein optisch hat es demnach nichts von dem zarten, filigranen Wesen aus Mr. Beagles Fantasie zu tun, wo das Einhorn einem Reh oder einer Ziege ähnelt, was den schlanken Körper und die gespaltenen Hufe angeht. Außerdem umgibt Piatszseks und Escaladas Einhorn von Anfang an etwas Morbides – immerhin sieht der Ritter es erstmals, als er dem vom Pferd gestürzten König von Frankreich sein eigenes Ross überlässt, sich zu Fuß den englischen Feinden stellt und schließlich eine Klinge in den Leib gerammt bekommt, die in der Vision des Sterbenden zum Horn des Fabeltiers wird. Doch ist es wirklich nur eine Vision, die der Ritter da hat? Denn trotz seiner üblen Wunde überlebt er und verbringt die Jahre im Anschluss an seine Kriegsgefangenschaft als verwahrloster Bettler, wahnsinniger Getriebener, merkwürdiger Einsiedler oder strenger, desillusionierter Ritter mit der Suche nach dem Einhorn, die ihn bis zum Papst führt.

 

 

Der Ritter und das Einhorn Comic Mittelalter Fantasy

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Mehr Bibel als Beagle


Die wiehernde Mittelalterfantasie in Panel-Form bordet geradezu über vor Symbolik. Einerseits steht die Doppeldeutigkeit des Einhorns, das in der Geschichte sowohl dem Guten wie dem Bösen, dem Himmel wie der Hölle zugeordnet wird, für die Ambivalenz des Rittertums und seiner Verbindung von Glaube, Reinheit, Kampf und Totschlag. Andererseits zeigen das Einhorn und die Reise des ritterlichen de Heredia den lodernden Aberglaube und Wahnsinn des dunklen Zeitalters auf, die in der Comic-Story im schrecklichen Wüten der Pest und der fanatischen Verfolgung der jüdischen Bürger als Sündenböcke für die Plage ihren Höhepunkt finden.

Eine der schönsten und faszinierendsten Passagen im hyperrealistisch visualisierten Hardcover-Album liefert indes die Erklärung, wieso das Einhorn nicht auf Noahs Arche durfte, und was danach mit ihm geschah. Piatszseks und Escaladas Interpretation des fantastischen Einhorn-Mythos ist der Bibel letztlich also näher als Beagle, und das muss man sich erst mal trauen in einer Fantasy-Geschichte, die an einem Einhorn – einem so klassischen und archetypischen Genre-Tier – aufgemacht ist. Dass sich der Comic am Ende dann trotzdem auch um Tod, Wiedergeburt und Erlösung dreht, geht in Ordnung, da sich „Der Ritter und das Einhorn“ zu keinem Zeitpunkt als theologische Sinnsuche aufdrängt.

Fabelhaft interpretationsfreudig


Dazu kommt eine überzeugende Inszenierung. Piatzszek lässt das stimmungstechnisch abwechslungsreiche Artwork von Escalada, dessen Stil ein wenig an den international erfolgreichen Comicmaler Ariel Olivetti aus Argentinien erinnert, jederzeit atmen und pflastert es nie mit Text zu. Das schmeichelt dem Endergebnis mindestens so sehr wie der Interpretationsfreiraum, der dem Leser gelassen wird. Wer erst mal bloß wegen der kraftvollen ‚Schlachtengemälde’ beim Reinblättern ins Album oder in die Online-Leseprobe zugegriffen hat, dürfte von so viel Bewegungsfreiheit und Deutungsmöglichkeit im fabelhaften Mittelalter überrascht sein. Oder von der Erkenntnis, dass der Legende des Einhorns durch diesen Comic tatsächlich ein gutes und allemal lesenswertes Kapitel hinzugefügt wird.

Stéphane Piatzszek und Guillermo Escalada suchen und finden mit der Geschichte ihres besessenen Ritters einen eigenen Zugang zum Einhorn-Mythos, den sie gleichzeitig bereichern – was nun ja auch nicht jedem Fantasy-Comic aus dieser Ecke gelingt.

Der Ritter und das Einhorn Comic Mittelalter

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Der Ritter und das Einhorn
Autor: Stéphane Piatzszek
Zeichner: Guillermo C. Escalada
Splitter, Bielefeld 2016 • 56 Seiten
Hardcover-Album: 14,80 Euro

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