Things from the Flood (1/3): Der russische Teddy

© Simon Stålenhag

BUCH

Things from the Flood (1/3): Der russische Teddy


Simon Stålenhag
13.04.2021

"Things from the Flood" heißt der dritte illustrierte Roman des schwedischen Autors und Künstlers Simon Stålenhag. Wir zeigen in drei kleinen Ausschnitten, was die Flut mitgebracht hat. Heute Teil 1/3: "Der russische Teddy".

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Die »russischen Teddys« waren mit simplen AI-Chips und Sprachmodul ausgestattete Kuscheltiere. Man sollte sich mit ihnen unterhalten können, und sie sollten zumindest den Anschein erwecken, eine Persönlichkeit zu haben. In Schweden waren AI-Chips für den kommerziellen Gebrauch verboten, und die meiste AI-Elektronik wurde aus Russland eingeschleust, wo man offenbar eine andere Meinung zu künstlicher Intelligenz und künstlichem Leben vertrat.

Natürlich war der gebrauchte russische Teddy, den ich von meinem Vater bekommen hatte, defekt. Ich versuchte alles, um ihm irgendeine Reaktion zu entlocken, aber er gab höchstens ein leises Brummen von sich, wenn ich ihn richtig fest drückte.

An einem Samstag, als ich Langeweile hatte und mit der alten Pistole meines Großvaters spielte, hatte ich plötzlich einen Einfall. Ich wollte dem Teddy noch eine letzte Chance geben, mir zu beweisen, dass er tatsächlich so etwas wie Verstand besaß. Also nahm ich ihn mit nach draußen und setzte ihn hinter einem Stromkasten auf den Boden. Trauriges, kleines Mistding, dachte ich – wobei, vielleicht sprach ich es sogar laut aus. Jedenfalls nahm ich die Pistole und zielte auf den Kopf des Teddys. Endlich kam die erhoffte Reaktion – er stieß einen grellen, rasselnden Schrei aus, der zu einem unheimlichen elektronischen Crescendo anschwoll. Rasch steckte ich die Pistole wieder ein und versetzte dem Teddy einen Tritt, worauf der Schrei zu einem hysterischen Jammern in einer Fremdsprache, vermutlich Russisch, wurde. Das herzerweichende Winseln des Teddys hallte zwischen den Hauswänden wider, und so langsam war das Ganze nur noch peinlich. Ich nahm ihn hoch, öffnete die Batterieklappe – was ihn nur noch mehr aufregte – und zog hektisch an dem kleinen Band, worauf die Batterien auf den Asphalt purzelten. Dann war es mucksmäuschenstill. Ängstlich blickte ich mich um. In den Fenstern tauchten Gesichter auf, die Leute wollen sehen, was hier draußen los war. Mit zitternden Händen sammelte ich die Batterien zusammen, nahm den Teddy und stopfte alles in meinen Rucksack.

Das Allerschlimmste an der Sache war natürlich, dass ich für Kuscheltiere schon viel zu alt war. Und jetzt so was. Ich war auf frischer Tat ertappt worden.

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Übersetzt von Stefan Pluschkat

© by Simon Stålenhag

© der deutschen Übersetzung: 2021 by S. Fischer Verlags GmbH.
Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Autor Simon Stålenhag

© Fredrik Bernholm


Simon Stålenhag
(*1984) ist schwedischer Autor, Künstler und Musiker. Berühmt geworden ist er mit seinen hyperrealistischen Bildern, die oft eine retrofuturistische Variante der schwedischen Landschaft zeigen. Der Guardian zählte sein Buch "Tales from the Loop" (neben Kafkas "Der Prozess" und Atwoods "Der Report der Magd") zu den zehn besten Dystopien.  

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