Hollow Kingdom: Dschingis Kater

BUCH

Hollow Kingdom: Dschingis Kater (1/3)


Kira Jane Buxton
15.06.2020

In „Hollow Kingdom – Das Jahr der Krähe“ erzählt Kira Jane Buxton von der Zombie-Apokalypse – aus Sicht der Tiere. Wir veröffentlichen in den nächsten Tagen drei Episoden daraus. Heute Teil 1/3: „Dschingis Kater“.

***

Dschingis Kater

Ein Haus in Capitol Hill, Seattle, Washington, USA

Meine Ordnung der Dinge hat sich auf eine Art verändert, die ich noch nicht ganz krallen kann. Hier meine Beobachtungen:

1.      Draußen ist es ruhiger. Das Spiel wird dadurch interessanter.

2.      Es gibt keine Autos mehr, die eine Konkurrenz im Kampf um die Eichhörnchen darstellen.

3.      Es gibt viel mehr zu jagen.

4.      Es gibt viel mehr Jäger, mit denen man sich Kämpfe um die Beute liefert. Jäger aller Art.

5.      Es gibt eindeutig weniger Käse.

Vielleicht liegt es am launischen Mondlicht, an einem kosmischen Zauberspruch oder vielleicht daran, dass ich meine Katzenmagie endlich komplett gemeistert habe. Eines hat sich nicht verändert – meine doch sehr durchschnittlichen Dienerinnen scheinen das Haus nach wie vor nicht zu verlassen. Ich glaube fast, sie sind degeneriert, vorausgesetzt, das wäre überhaupt möglich. Nach meiner Berechnung verbringen sie jetzt 186 Prozent ihrer Zeit damit, die Wände anzuknurren. Minderwertig waren sie schon immer, Bären mit krankhaftem Haarausfall, Schneckenzunge und einem grandiosen Mangel an Gleichgewichtssinn. Steine auf Beinen, deren Sinneswahrnehmungen gegen Null tendieren. Außerdem haben sie die Reflexe eines mit Salzkrebsen vollgestopften Jagdhorns.

Mit meinem unvergleichlich scharfen Blick und meiner Laser-Pointer-Konzentration habe ich beobachtet, wie meine doch sehr durchschnittlichen Dienerinnen ihre Finger (oder was davon übrig ist) immer wieder über die Wand ziehen. Von oben nach unten, von oben nach unten. Beide müssten dringend gestriegelt werden, aber in ihrem derzeitigen Zustand würden das wohl nicht mal ihre Mütter übernehmen. Heute …

STOPP! ALLES STOPP, WÄHREND ICH DIE INNENSEITE MEINES OBERSCHENKELS PUTZE.

Heute stinken meine doch sehr durchschnittlichen Dienerinnen – das Weibchen mit der langen Mähne und das Weibchen mit den vielen Hautbemalungen, die beide am liebsten zu Hause über Chemie quatschten, bis der Kaffee alle war – wie ein Katzenklo in der Mikrowelle. Sie schalten auch ihre silbernen Laptops nicht mehr an, typisch egoistisch, denn es ist eine geradezu klassische Schlummerstelle. Genau genommen sind alle warmen Orte – auf dem silbernen Laptop; auf dem hohen Futterhaus; auf der Steppdecke; auf dem heiligen „Weinkühlschrank“; auf den Oberschenkeln der Dienerin, wenn sie auf dem rauschenden, weißen Sitz hockt – mittlerweile verschwunden. Auch stocken sie, offenbar ein lahmer Protest, meinen Vorrat an ausgedörrten Käsehäppchen nicht mehr auf. Ich habe experimentiert, und zwar mit Methoden, die stets wirkungsvoll waren – Pressstempelkanne umgestoßen, ihr stümperhaftes Strickwerk aufgeribbelt, in der Bibliothek sämtliche Buchcover zerbissen, auf Kissen geschissen, das Sofa zerfetzt, die Ethernet-Schlangen gefressen und ausführlich auf das Deckbett gepisst –, aber das schien sie nicht zu kratzen. Ich gestehe, dass ich beeindruckt bin. Sie geben keinen Scheiß auf gar nichts mehr, und das verdient meine Anerkennung. Bestes Beispiel: eine meiner doch sehr durchschnittlichen Dienerinnen ließ ihren Arm im Wohnzimmer liegen, vermutlich ein Indiz für ihre allgemeine Ungeschicklichkeit. Ich spielte kurz damit, fand den Geschmack aber ekelhaft und leckte weiter meinen Anus. Meine Instinkte waren stets korrekt – ich konnte den beiden noch nie ganz trauen.

Ich setzte unsere unselige Beziehung eine Weile fort, indem ich Mäuse, Maulwürfe, Ratten, Spatzen, Finken, Rotkehlchen, Zaunkönige und etwas absolut Neues und Aufregendes anschleppte: einen Vollidioten im Frack, der sich als Humboldt-Pinguin bezeichnete, bevor ich ihn kaltmachte. Wie üblich bot ich ihnen diese Opfergaben dar, um sie an ihre Defizite zu erinnern und ihnen unter die Nasen zu reiben, wie meisterhaft ich jage. Ich bin allerdings kein Trottel; ich teile meine Opfergaben auch, um sicherzustellen, dass die Oberschenkel meiner doch sehr durchschnittlichen Dienerinnen so gut gepolstert sind, damit ich es gemütlich habe. Als ich ihnen die schwarz-weiße Aubergine von Vogel darbot, übrigens beschissen schwer, versuchte die Dienerin mit den Hautbemalungen, mich zu beißen, und verfehlte meinen Schwanz mit ihren stumpfen, bräunlichen Fängen nur um Haaresbreite. Ich tat das Gebotene – und biss ihr einen Finger ab. Danach verbarg ich ihn im Teppich, indem ich ihn zudeckte wie einen unerlaubten Schiss.

Ich bringe ihnen jetzt keine Opfergaben mehr, ob exotisch oder nicht. Ich gewähre ihnen auch nicht mehr die Gunst meiner Gegenwart. Ich hätte schon ahnen müssen, dass es bergab geht, als sie nicht mehr genug Amazon-Kartons orderten, in denen ich toben konnte. Nein. Ich fasste den Beschluss, mein Heim zu verlassen. Ich werde manches vermissen, etwa ihren würzig-warmen Schoß, die ausgedörrten Fisch-Häppchen, ihre knollenartigen Zehen, in die ich unter dem Deckbett biss, und die Art, wie sie mich anhimmelten. Vor allem werde ich den Käse vermissen. Wenn auch nicht so schrecklich, wie meine doch sehr durchschnittlichen Dienerinnen mich vermissen werden. Denn ich bin unglaublich.

Nachdem ich den Inhalt des Aquariums systematisch verputzt hatte, verschwand ich durch die Klappe der Katze auf Nimmerwiedersehen ins große Draußen. Außerdem hatte ich auf jeden Quadratmeter des Ortes gekotzt, bis es nichts mehr zu verzieren gab. Vor meinem Abgang entrollte ich noch das komplette Klopapier.

Das Leben im Freien ist unberechenbar, erfordert die totale Aufmerksamkeit und eine natürliche Brillanz, zwei Eigenschaften, über die ich in schwindelerregend hohem Maße verfüge. Ich jage und pirsche und beobachte und lege mich mit jedem Trottel an. Außerdem wächst meine Sammlung. Ich bin bisher in gut vierhundert Wohnungen eingedrungen und habe jede Socke geklaut, die ich finden konnte. Die Faszination, die diese herrlichen Fuß-Hüllen auf mich ausüben, kann ich nicht richtig erklären. Ich kann nur sagen, dass ich sie gern mit mir rumschleppe und dabei jaule, als stünde mein Fell in Flammen.

Noch was Interessantes: Gestern ging ich in einem meiner Reviere meinen hochwichtigen Angelegenheiten nach, genauer in meiner nagelneuen Moschee. Sie ist riesengroß und golden, und die Regenbogen-Fenster, die immer wieder versprengte Sonnenstrahlen reinlassen, sind wirklich himmlisch. Ich war damit beschäftigt, einen Lichtstrahl zu jagen, der absolut kein Recht hatte, meine verdammte Wand hinauf zu tanzen, als urplötzlich dieses Arschloch reinspaziert. In meine Moschee! Mein Uringeruch ist ätzender als Flusssäure; ich frage mich, wie ich mein Revier noch deutlicher markieren kann. Wer ignoriert Grenzen auf so dreiste Art? Soll ich euch sagen, wer das macht? Das macht ein riesengroßer, haariger Orang-Utan. Kommt einfach reinspaziert wie so ein Obermacker. Ich zischte wie eine Viper, damit er kapierte, dass ich einer bin, der Oberschenkelknochen sammelt. Er wirkte erschrocken, und dann wollte ich wissen, wer zum Teufel er sei, denn er war definitiv nicht von hier, und er sagte, er suche sein Zuhause, und da hatte ich die Schnauze auch schon voll von seinem Sabbermaul und jagte ihn aus meiner Moschee. Ich war ganz Kralle und Biss; ich war ein übermütiger Lichtstrahl in Silber, Braun und Schwarz, die Macht der Sonne in Aktion, wenn die Sonne zupackender wäre. Er schien zu kapieren. Er trollte sich, denn ein so allmächtiger Ninja wie ich schien sein Fassungsvermögen zu sprengen. Ich befürchte jedoch, dass er zurückkehrt, denn er hat einen Blick auf meinen Socken-Hort erhascht, vielleicht auch auf die Eier, die ich bei meinen Raubzügen erbeutet habe, und mir schwant, er könnte einen Hinterhalt planen. Eine nicht ganz unberechtigte Sorge, denn er hat die Statur eines Weinkühlschranks.

Ich kann mich nicht beklagen. Ich lebe mein bestes Leben. Ich habe gejagt und geplündert und mit sechsundzwanzig Muschis mindestens hundertdreißig Miezekatzen gezeugt und trotzdem sechzehn Stunden am Tag geschlafen.

Und jetzt könnt ihr euch verpissen. Ich habe euch nichts weiter zu sagen.

 ***

Übersetzt von Henning Ahrens

© 2020 der Übersetzung by S. Fischer Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

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