Hollow Kingdom: Dawud das Kamel (3/3)

BUCH

Hollow Kingdom: Dawud das Kamel (3/3)


Kira Jane Buxton
17.06.2020

In „Hollow Kingdom – Das Jahr der Krähe“ erzählt Kira Jane Buxton von der Zombie-Apokalypse – aus Sicht der Tiere. Wir veröffentlichen in den nächsten Tagen drei Episoden daraus. Heute Teil 3/3: „Dawud das Kamel“.

***

Dawud das Kamel

Dubai, Vereinigte Arabische Emirate

د ب ًي ، ا لإ م ا ر ا ت ا ل ع ر ب ي ة ا ل م ت ح د ة

(Diktiert von einem jungen Kamel namens Dawud)

 

Der Sand verschluckt meine Stadt. Er sammelt sich auf meinen Wimpern; sie sind so lang wie Spinnenbeine. Sand schabt an den Fenstern der Gebäude. Ich will hinein. So viele möchten hinaus. Wenn ihr die Eigenarten des Sandes so gut kennt wie ich, dann wisst ihr, dass er vor niemanden das Knie beugt. Man kann nicht gegen ihn ankämpfen. Der Sand ist eine stumme Lektion über die Vergänglichkeit der Dinge. Sie nannten uns Wüstenschiffe. Wir bestehen aus Sand, vom wuchtigen Höcker bis zur wabbeligen Lippe. Wenn die gestaltwandelnden Dünen uns zurufen: 1„!ندعوكم ان تسلكوا هذا الطربق“, dann folgen wir ihrem Ruf mit einem polternden haboob in den Höckern, weiden die dornigen Büsche ab, die uns die See aus Sand bietet, die Seitenwinder-Schlangen vor unseren Hufen.

Die Tage, als man uns ritt und melkte, sind gezählt. Wir sausen nicht mehr über die Rennstrecke mit kleinen, harten Robotern auf unseren bunten Sätteln, die von unseren Herren gesteuert werden. Großvater erzählte, wir seien früher, als er noch jung war, von kleinen Herren geritten worden, nicht von Robotern, die auf dem Sattel befestigt waren. Kein Neon-Glanz mehr, keine weithin hallenden, goldenen Gesänge in der Moschee.

Sehr nur! Das Sandmeer übernimmt die Herrschaft. Schaut, wie es die Straßen und Schilder verschluckt. Es lagert sich wie ein orangener Dunst auf Gebäuden und Autos ab. Manche Herren wird man vermissen. Andere werden nur Narben sein.

Wir stehen unter Palmen. Ich reibe meine Flanke an der rauen Rinde, mit Höhen und Tälern wie kleine Dünen. Ich wittere süße Datteln, die über mir hängen und drängen. Meine Familie ist in die Nähe der Villen gezogen, große Gebäude, die den Sand abhalten. Jedenfalls noch. Der kleine See der Herren ist jetzt voller Sand, die Löwenstatue staubig. Sand bedeckt das Auto des Herren, aber stellenweise glänzt es noch golden und rot. Und 2!انظر Wir sehen, wie Wiedehopfe aus Richtung der Sonne über der Villa auftauchen und mit den schwarz-weißen Flügeln schlagen, wobei ihre dunkelorangenen Schopffedern aufgeregt flattern. Die Wiedehopfe plappern miteinander und landen auf dem Dach der Villa.

Dann rufen sie: „Huu-huu-huu! Huu-huu-huu!“, und wippen mit den langen, spitzen Schnäbeln. Ein Wanderfalke kommt! ! انظر Er trägt etwas Glänzendes in den Krallen, die Uhr eines Herrn, und sie singt ein Lied. Hierher! Zwei Herren in rot bespritzten Dischdaschas greifen knurrend danach. Sie jagen den Falken. Der Falke geht tiefer und nähert sich dem großen Fenster der Villa.

Hunde bellen. Hunde sind in der Villa! Meine Familie setzt sich in Bewegung, sie folgt dem Ruf des Sandes, denn sie wittert Gefahr, aber ich bleibe bis zum letzten Moment; ich muss das sehen. Der Herr stürmt durch eine Hecke und kracht durch das Fenster. ! انظر Der Falke lässt die Uhr fallen und kreischt. Er ruft die Hunde, aber sie kommen nicht! Er saust zum Fenster hinein und hinaus, die Wiedehopfe rufen: „Huu-huu-huu! Huu-huu-huu!“ Meine Familie ruft mich zu sich. Es ist ihr ernst.

3„!أسرع! يجب أن نذهب“

Ich tue so, als würde ich mich weiterbewegen, schaue aber so lange wie möglich zu. Kakadus! Kakadus flattern über die Villa, sie rufen den Wiedehopfen und dem Falken etwas zu. Sie sammeln sich vor der hölzernen Bogentür der Villa, krächzen und hüpfen über den Boden. Ich kann sehen, wie sie mit einem schmalen, schwarzen Stock in einem kleinen Loch in der Tür stochern.

4„! أسرع يا إبني!“

Ich höre nicht auf meine Familie; ich schaue zu und warte ab, ihre Ungeduld sammelt sich wie Sand auf meinen Wimpern. Die Kakadus kreischen; nun sitzt einer auf dem Türgriff, und ! انظر Die Tür ist offen! Die Hunde, ein rötlicher, ein schwarzer und ein gescheckter, sausen aus der Villa und rennen am See des Herrn vorbei, sie überholen meine Familie!

Der Herr in der roten Dischdascha kommt auch aus der Tür, er hält die singende Uhr. Ich bilde mir ein, dass er den Blick seiner sonnenuntergangsroten Augen direkt auf mich richtet.

5„! أنا قادم“, rufe ich meiner Familie zu, und dann trotte ich los, um sie auf ihrem Weg in die Dünen möglichst rasch einzuholen.


1 „Wir laden euch ein, diesen Weg zu nehmen!“

2 „Seht!“

3 „Beeilung! Wir müssen weiter!“

4 „Beeilung, mein Sohn!“

5 „Ich komme!“

 ***

 

Hier geht es zu Teil 1: Dschingis Kater und Teil 2: Das Hochlandrind!

 

Übersetzt von Henning Ahrens 

© 2020 der Übersetzung by S. Fischer Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

 

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