Hollow Kingdom: Das Hochlandrind (2/3)

BUCH

Hollow Kingdom: Das Hochlandrind (2/3)


Kira Jane Buxton
16.06.2020

In „Hollow Kingdom – Das Jahr der Krähe“ erzählt Kira Jane Buxton von der Zombie-Apokalypse – aus Sicht der Tiere. Wir veröffentlichen in den nächsten Tagen drei Episoden daraus. Heute Teil 2/3: „Das Hochlandrind“.

***

Angus, Hochlandrind

Strathpeffer, Schottland

Wo zur Hölle steckt mein Mensch? Hab‘ sie seit Wochen nich‘ gesehen. Dachte erst, es wär‘n kleiner Scherz. Ein alberner Streich, den sie dem alten Angus spielt, aber dafür hat sie sich zu lange nicht mehr blicken lassen, das ist so sicher, wie ich ins Gras scheiße.

Ich stehe jetzt seit Tagen einsam auf dieser miesen Weide. Wer bringt mir meine Luzerne-Pellets? Mein gestiefelter Mensch, wer sonst? Sobald sie ihr verfluchtes Gedächtnis wiederfindet. Der arme, alte Angus wartet und wartet hier allein auf weiter Flur wie ein rothaariger Wickel.

Na, gut. Ganz allein bin ich wohl doch nicht. Sitze mit Nubbins, dem Esel, auf diesen öden, grünen Hügeln fest. Das Wetter ist eine Kacke, wie sie im Buche steht, ehrlich. Ich langweile mich zu Tode. Ich bin so tödlich gelangweilt, dass ich mir jetzt kurze Lieder und Gedichte ausdenke. Hier ein Kracher:

Schon wieder, wieder, wieder Regen,

ich hasse Regen.

Tröpfel, Prassel, Schlamassel,

wo sind meine Luzerne-Pellets, du Pissnelken-Luder.

Nubbins kann weder Gedichte noch Lieder erfinden. Er ist zu sehr damit beschäftigt, sich in seiner Scheiße zu suhlen. Ich bin ein preisgekröntes Hochlandrind. Nubbins ist ein Rettungs-Esel mit einem Gehirn wie geschmolzenes Haggis. Eindeutig zu einem Ende als Leimtopf verdammt.

Och, ich sollte wohl nicht so gemein sein. Ist‘n bisschen traumatisiert, unser Nubbins. Hat gestern erzählt, er habe gesehen, wie Farmer Stuart im Schlafanzug ein Schaf mit biometrischem Halsband gehetzt hat. Ja, Himmel, ich hab‘ ihm geraten, endlich keine Disteln mehr zu fressen. Unfassbar, was von seinem Erbsenhirn noch übrig ist.

Ich hab‘ dann den Kopf unter’m Zaun durchgeschoben, um Hamish nach den Gerüchten über Farmer Stuart zu fragen. Hamish ist ein Hebriden-Schaf, ein schwarzer, kleiner Knuddel. Hamish meinte, er habe gehört, wie Gregor, der Gänserich, Esme erzählt hat – das is‘ so eine geschwätzige Scots-Dumpy-Henne –, er habe Farmer Stuart am Vortag durch die Hundezwinger torkeln sehen. Sagte, er sei besoffen gewesen – knallrote Augen. Ob das stimmt? Einem schwarzen Schaf ist nicht zu trauen. 

Nubbins, diese Dumpfbacke, wird also verrückt, und ich habe die Schnauze voll von den grünen Hügeln und dem Regen, und die Kaninchen sind außer Rand und Band. Sie bumsen Tag und Nacht, nun gibt es Tausende dieser kleinen Bastarde. Ich hab‘ versucht, ihnen die Füchse auf den Hals zu hetzen, aber man weiß ja, wie die Füchse drauf sind. Ein Haufen totaler Arschlöcher. Absolut unzuverlässig. Habt ihr die mal nachts gehört? Jaulen wie verfluchte Banshees!

Ich bat Nubbins, ein kurzes Wörtchen mit Margaret zu reden, eine junge Hochlandkuh, die ich schon lange im Auge habe. Ich werde sie selbst ansprechen, sobald ich die richtigen Worte gefunden habe. Margaret ist eine zottelrote Göttin. Euter wie ein verfluchter Dudelsack voller Vanillesoße! Aber ich darf nicht so in Wallung geraten. Nubbins trabt also zum Elektrozaun, schnurstracks zu Margaret, die auf der Weide nebenan steht, und plaudert eine Ewigkeit, und ich werfe ihm einen Blick zu à la: „Nun MACH schon, Nubbins!“, und dann kehrt er endlich zurück und will mir allen Ernstes weismachen, Margarets kleiner Kumpel Shelley, das Shetlandpony, habe Margaret, der supersexy Hochlandkuh, erzählt, die Menschen-Farmer seien in der Stadt auf der Scheune rumgekrochen und hätten ihren Dez gegen das Dach geknallt, um an die Ernte-Roboter zu kommen, die da stehen. Gequirlte Hühnerkacke für Spatzenhirne. Wenn die Menschen in die Scheune wollen, öffnen sie einfach die Tür, verflixt und zugenäht! Nubbins ist ein Vollidiot. Er glaubt ja auch noch an das Ungeheuer im Loch Ness!

Mein Mensch wird bald hier sein, um meine Hufe zu stutzen. Ganz bestimmt. Angus, das goldrote Hochlandrind, gilt bei der Royal Highland Show als Champion in allen Klassen, und muss einen gewissen Glamour-Standard wahren, Himmel nochmal! Sie ist sicher unten im Pub. Oder bei einer Pferde-Show. Ob sie ohne mich in Urlaub gefahren ist? Vielleicht nach Blackpool. Aber nee, sie sitzt vermutlich in der Schlange im Marks & Spencer fest. Ja, ja, in dieser Jahreszeit ist es da immer rappelvoll.

Sie sollte sich besser sputen, bevor Nubbins, dieser räudige, kleine Furzer, an einer weggeworfenen Dose Irn-Bru erstickt.

„Hä? Wie war das, Nubbins?“

Er murmelt schon wieder was, der dumme, kleine Trottel. Behauptet, der Elektrozaun sei aus, und wir könnten einen kleinen Spaziergang machen. So ein Blödsinn. Hat immer die verrücktesten Flausen im Kopf, dieser Nubbins, ehrlich.

***

Übersetzt von Henning Ahrens

© 2020 der Übersetzung by S. Fischer Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

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