Warum haben Sie so viel für Monster übrig

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BUCH

»Warum haben Sie so viel für Monster übrig?« Über den Reiz, aus der Normativität auszubrechen


Autorin A. K. Larkwood liebt Grenzüberschreitungen, Geheimnisvolles und Monströses. Da liegt es nahe, dass in ihrem Debütroman Die dunklen Pfade der Magie eine junge Ork-Priesterin die Hauptrolle spielt. In diesem Essay erzählt Larkwood, was sie dazu bewegt hat, eine Fantasywelt mit nicht-menschlichen Protagonisten zu schaffen.

 

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Also, weshalb haben Sie sich dazu entschlossen, über eine nicht-menschliche Heldin zu schreiben? Warum haben Sie so viel für Monster übrig?

Diese Fragen wurden mir seit der Veröffentlichung von Die dunklen Pfade der Magie schon öfter gestellt. Ich hätte eine Reihe ironischer Antworten auf Lager, wie etwa: „Hej, ich hab einfach eine Schwäche für seltsames Zeug“. Und das stimmt im Grunde auch – ich war immer schon fixiert auf alles, was irgendwie monströs, böse oder bizarr ist.

Aber ich wollte da mal ernsthafter drüber nachdenken. Für mich besteht der Sinn der Fantasy darin, unsere Realität aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Mich interessiert die Idee, dass man die Welt auch auf eine Weise erleben könnte, die nicht „menschlich“ ist, dass es möglich wäre, eine Fantasywelt zu erschaffen, die über das Menschliche als normative Vorstellung hinausgeht.

Ein Großteil der klassischen spekulativen Literatur grenzt die Menschlichkeit auf ein ganz bestimmtes geschlossenes Feld ein, und was außerhalb dieser Begrenzungen liegt, ist per Definition monströs – abstoßend, hässlich, böse, abnormal. Homosexuelle, nicht weiße, körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen wurden vom Genre besonders schlecht behandelt, weil das Augenmerk in Fantasy und Science Fiction vor allem auf dem Seltsamen liegt.

Vor ein paar Jahren habe ich eine Menge Kurzgeschichten von Clark Ashton Smith gelesen. Vieles daran macht Spaß – die eindrucksvollen bizarren Bilder und Konzepte –, aber sie enthalten auch eine Menge latenten Sexismus und Rassismus, wie man es von seiner Ära erwartet. Interessant fand ich, dass viele der Geschichten, darunter auch seine wahrscheinlich beste, „Die Stadt der singenden Flamme“, demselben Muster folgen: Ein rationaler Mann (natürlich weiß und wahrscheinlich heterosexuell) entdeckt einen irrationalen Raum, eine Nische voller bizarrer und grauenhafter Dinge, die sich hinter der normalen Welt verbirgt. Er fühlt sich davon abgestoßen, aber auch verführt. Eine Zeit lang verliert er sich darin, dann versucht er, sie zu verlassen und zur Normalität zurückzukehren. Aber egal, was er tut, das Seltsame lässt ihn nicht mehr los. Es ist in seine Seele eingedrungen.

In zahlreichen Geschichten lässt sich diese Faszination mit dem, was nicht normativ ist, und die sich in Grauen und Abneigung niederschlägt – das Spähen über die Mauern, nur um diese zu verstärken. Offenheit gegenüber dem Fremden und äußeren Einflüssen scheinen das Ich zersetzen zu wollen.

Mich interessieren die Arten von Science Fiction und Fantasy, die einen anderen Ansatz bieten, wo das Aufzeigen und Überschreiten der Grenzen der Normalität als eine Art Befreiung verstanden wird.

Jeff Vandermeers Auslöschung besitzt einen ganz ähnlichen Handlungsbogen wie Smiths Erzählung – die Heldin ist eine Wissenschaftlerin, die an einen merkwürdigen Ort gerät und sich dort verliert –, aber mit einer wunderbaren Umkehrung etablierter Werte. Was ist Menschlichkeit? Was ist innen und was außen? Es ist zwar ein Horrorroman, aber die Entfremdung der Heldin und die Auflösung ihres Ichs erzeugen enorme Freude und Gelassenheit.

Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Hope Mirrlees' Flucht ins Feenland ist ein sehr früher Fantasyroman, in dem es um ein Städtchen an der Grenze zum Feenland geht. Die Stadtbewohner kämpfen verzweifelt gegen den subversiven Einfluss der Feen auf ihre saubere, ordentliche Gesellschaft an, am Ende können sie aber nichts dagegen tun, und das Buch schließt mit dem fröhlichen Verschmelzen zweier Welten:

„Als erstes ertönte wilde, liebliche Musik, gefolgt vom Trampeln zahlloser Füße. Dann strömte die Armee der Eroberer wie eine Heerschar von Blättern vor dem Wind in die Stadt hinein. (…) Die Berichte über die Ereignisse, die unmittelbar auf den Einritt des Feenheers folgten, lesen sich eher wie Legenden denn wie historische Aufzeichnungen. Fast scheint es, daß die Bäume ausschlugen und ebenso die Masten der Schiffe, die in der Bucht lagen. Die Hähne krähten Tag und Nacht ohne Unterlaß. Veilchen und Anemonen sprossen aus dem Schnee der Straßen hervor, Mütter umarmten ihre toten Söhne und Mädchen ihre Liebsten, die auf hoher See ertrunken waren.“ (Hope Mirrlees, Flucht ins Feenland, übers. von Hannes Riffel, Piper, 2003)

Als meine Frau und ich vor einigen Jahren heirateten, gehörte dieses Buch zu unserem Hochzeitslesestoff. Mir gefällt die Idee, dass man sich für das Seltsame öffnen und es in sich einlassen und dadurch den Tod selbst überwinden kann.

Das Genre entfernt sich immer weiter von den leidigen Vorurteilen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Unser Verständnis davon, was es heißt, menschlich zu sein, erweitert sich ständig. Und so sollte es auch sein – als homosexuelle Frau bin ich froh, als menschliches Wesen betrachtet zu werden. Und natürlich brauchen wir weiterhin Bücher, in denen marginalisierte Menschen normal sind, in denen unsere Belange als universell behandelt werden. Es ist ein angenehmes Gefühl, wenn die eigene Erfahrung als zentral fürs Menschsein erachtet wird.

Aber mich interessieren trotzdem noch die Ränder. Und wie es ist, das Seltsame zu leben, und all das, was außerhalb unseres Verständnisses liegt.

Vielleicht lesen Sie mein Buch und wünschen sich, meine Protagonistin wäre noch fremdartiger. Ihre Kultur, die der Oshaaru, ist eine von vielen und nicht sonderlich marginalisiert. Csorwes Außenseiter-Status ist eher ihrer persönlichen Geschichte als ihrem kulturellen Hintergrund geschuldet. Schlussendlich wollte ich aber eine Fantasywelt entwerfen, in der Menschen nicht der Standard sind, weil es mich langweilt, wenn diese standardmäßige Menschlichkeit etwas ganz Bestimmtes bedeutet.

Außerdem: Hauer sind cool.

***

Dieser Essay erschien zuerst auf www.fantasybookcafe.com/2020/04/women-in-sff-month-a-k-larkwood/

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Aus dem amerikanischen Englisch von Sara Riffel

A. K. Larkwood

Über die Autorin

A. K. Larkwood hat in Cambridge Literaturwissenschaft studiert. Derzeit lebt sie mit ihrer Frau und ihrer Katze in Oxford, England. »Die dunklen Pfade der Magie« erscheint bei Tor Books, Tor UK und FISCHER Tor. Es ist ihr Debütroman.

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