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Fünf Science-Fiction-Bücher, die in Afrika spielen


Dystopisch. Mystisch. Futuristisch. Wir stellen euch hier fünf lesenswerte Science-Fiction-Bücher vor, die in Afrika spielen.

Afrika ist ein vielfältiger Kontinent mit zahlreichen Ländern, die unzählige Kulturen beherbergen, die sich nicht durch am Zeichentisch gezogenen Grenzen einfassen lassen. Mit seinen heißen Wüsten, schneebedeckten Berggipfeln und grünen Dschungellandschaften ist Afrika ein Kontinent voller Widersprüche - mit viel Armut und Gewalt, aber auch einer lebenshungrigen, ambitionierten Jugend, die von einer besseren Zukunft träumt. Von einfachen Hütten in kargen Steppen bis zu pulsierenden Metropolen, die technisch auf dem neuesten Stand sind.

Afrika ist eine Region, die in der Science-Fiction-Literatur lange nur am Rande vorkam. Vor allem galt der sogenannte "schwarze Kontinent" in der Abenteuer- und Pulp-Literatur als Ort exotischer Gefahren und Kulturen, voller feindseliger, wilder Völker, wie bei Henry Ridder Haggard (König Salomons Schatzkammern) oder Edgar Rice Burroughs (Tarzan). In der frühen Science Fiction wurden diese kolonialistischen und rassistischen Klischees bzw. Stereotype oft auf fremde Planeten verlegt und mehr schlecht als recht als Außerirdische verkleidet (siehe z. B. Edmond Hamiltons Captain Future). Ein Bewusstsein für einen angemessenen und respektvollen Umgang mit den vielfältigen Kulturen Afrikas und den dort lebenden Menschen ist erst in den letzten Jahrzehnten entstanden. Einer der westlichen Vorreiter in der Science Fiction war Ian McDonald (Chaga. Novel of Africa, Ambition, the Alien and Football). Stimmen direkt aus Afrika oder zumindest aus einem afrikanischstämmigen Umfeld kamen erst in den letzten Jahren hinzu (was nicht heißt, dass es sie vorher nicht gegeben hat). Doch so langsam findet der Kontinent auch bei uns im Westen Gehör und entsprechende Werke werden übersetzt.

Lagune von Nnedi Okorafor (übersetzt von Claudia Kern)

Ein Alien landet in Afrika bzw. Lagos, Nigeria und sorgt für eine Menge Aufregung. Anlass zu diesem Roman, der ursprünglich ein Drehbuch werden sollte, war die rassistische Darstellung der Nigerianer im südafrikanischen SF-Film District 9. Weshalb ich auch mehr Action erwartet hatte. Stattdessen bekam ich einen literarischen SF-Roman, der auch afrikanische Mythen und Magie mit einbringt. Sehr entspannt und unterhaltsam erzählt, im englischen Original mit vielen Dialogen in Pidgin-Englisch, die für Lokalkolorit und Atmosphäre sorgen. Obwohl es um einen Erstkontakt mit Außerirdischen geht, stellt Okorafor die Menschen in den Mittelpunkt, und was dieses Ereignis mit ihnen macht. Die nigerianische Hauptstadt Lagos schildert sie als pulsierenden, lebendigen Moloch voller Widersprüche, Schönheit und Chaos.

Mit diesem Roman hat Okorafor eine Art Renaissance des Afrofuturism eingeleitet. Wobei sie lieber von African Futurism spricht. All ihre Werke sind von afrikanischen Kultureinflüssen geprägt. Wer fürchtet den Tod spielt in einem postapokalyptischen Afrika voller Magie, Binti schickt eine junge Afrikanerin ins All.

Okular von Alastair Reynolds (Übers. von Irene Holicki)

Sucht man sich als weißer Autor ein Thema wie Afrika für sein Buch aus, wandelt man auf einem schmalen Grat. Schreibt man komplett aus Sicht der anderen Kultur, aus Sicht einer Person of Color, kann man sich schnell den Vorwurf der kulturellen Aneignung einfangen, oder dass man Menschen aus diesem Kulturkreis die Chance nehmen würde, ihre Geschichte zu erzählen. Verzichtet man auf die Perspektive von POCs, kommt der Vorwurf der fehlenden Diversität.

Alastair Reynolds gelingt dieser Spagat mit Okular einwandfrei. Er erzählt aus einer Zukunft, in der Afrika zu einer Wirtschaftsmacht aufgestiegen ist, in der es selbstverständlich ist, dass Afrikaner zu den mächtigsten Menschen auf dem Planeten und im Sonnensystem gehören. Rassismus scheint in dieser Zukunft keine größere Rolle mehr zu spielen, Diskriminierung und soziale Ungleichheiten finden auf anderen Ebenen statt.

Auch wenn die Geschichte aus einer Schnitzeljagd durchs gesamte Sonnensystem besteht, ausgelöst durch den Tod der Großmutter und Patriachin Eunice, liegen ihre Wurzeln und der Ankerpunkt in Afrika, auf dem Familienanwesen der Ainyas. Denn Okular ist in erster Linie eine Familiengeschichte, deren Protagonist vor allem der Elefantenforscher Geoffrey ist, der den Geheimnissen seiner Großmutter auf die Spur kommt, die für die Zukunft der Menschheit von entscheidender Bedeutung sein können. Das Buch ist der Auftakt zur Trilogie Poseidons Kinder, gefolgt von Duplikat und Enigma.

Rosewater von Tade Thompson (übersetzt von Jakob Schmidt)

Tade Thompson ist ein britischer Autor, dessen Familie ebenfalls aus Nigeria stammt und zum Volk der Yoruba gehört. Obwohl in London geboren wuchs er in Nigeria auf und schildert in seinem Roman Rosewater eindrucksvoll und authentisch das moderne Leben in diesem afrikanischen Land. Rosewater ist eine ungewöhnliche Alieninvasionsgeschichte, die in der Stadt Rosewater (ein Euphemismus für Abwässer) spielt, die rund um ein außerirdisches Artefakt entstanden ist, das einmal im Jahr seine Pforten öffnet und kranke Menschen heilt.

Hauptfigur ist der Hacker Kaaro, der zwar als Freelancer arbeitet, aber meist für den nigerianischen Geheimdienst tätig ist. Seine komplexe Lebensgeschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, deren Zusammenhang sich erst gegen Ende des Romans zeigt, dann aber umso wirkungsvoller. Thompson verbindet moderne Near-Future-Technologie mit einem Hauch Alien-Tech und afrikanischer Kultur und nigerianischen Mythen auf elegante und selbstverständliche Weise. Rosewater ist der Auftakt zu seiner (Wormwood-) Trilogie und soll demnächst bei Golkonda auf Deutsch erscheinen.

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Das Tor von Basma Abdel Aziz

Das Tor von der ägyptischen Autorin Basma Abdel Aziz wird erst im April 2020 auf Deutsch erscheinen, weshalb ich noch nicht viel darüber sagen kann. Science Fiction aus dem arabischsprachigen Raum war bisher ziemlich selten, kommt aber langsam bei uns an. Anfang Oktober ist bei Assoziation A z. B. Frankenstein in Bagdad vom irakischen Autor Ahmed Saadawi erschinen. Das Tor von Aziz erzählt von einer dystopischen Zukunft in einem nicht näher genannten Land des Nahen Ostens und treibt aktuelle Entwicklungen um die Niederschlagung des Arabischen Frühlings auf kafkaeske und orwellsche Weise weiter auf die Spitze. Auf Englisch ist es unter dem Titel The Queue erschienen. Basma Abdel-Aziz ist übrigens Psychiaterin (wie ihr Schriftstellerkollege Tade Thompson).

Moxyland von Lauren Beukes (Übers. von Mechthild Barth)

In den 80ern hatte der Himmel die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war, während die Menschen eilig im Regen durch die von Neonlicht beleuchteten Häuserschluchten huschten und die ersten Cyberpunks sich durch grün schimmernde Einsen und Nullen hackten. Seit dem Erfolg von William Gibsons Neuromancer wurde der Cyberpunk ein wenig von der Realität eingeholt und teilweise sogar übertroffen. Doch die damaligen Voraussagen über die Macht der Konzerne, ausgeübt über Technologien, die unseren Alltag scheinbar erleichtern, hat nichts an Aktualität verloren.

Mit dem Smartphone sind das Netz und die virtuelle Realität praktisch bei jedem angekommen. Während die EZB mit der Abschaffung des 500-Euro-Scheins den nächsten Schritt zur Abschaffung des Bargelds und damit zur Abhängigkeit aller Bürger vom Internet und der Technik gemacht hat, wirkt Lauren Beukes Debütroman aus dem Jahr 2008, indem alles von der Bezahlung bis zur Identifikation über das Smartphone läuft, bedrückend prophetisch.

Vier Menschen begleiten wir als Ich-ErzählerInnen durch ein dystopisches Südafrika, in dem die schlimmste Strafmaßnahme die Zwangsabschaltung des Handys ist, da sie einen vom gesellschaftlichen Leben im Prinzip vollständig ausschließt. Doch nicht alle wollen sich das gefallen lassen. Die junge Programmiererin Lerato, die als Waisenkind innerhalb eines Konzerns aufgewachsen ist, versucht, das System von innen heraus zu torpedieren, während der idealistische Sozialarbeiter Tenko einen radikaleren Weg auf der Straße einschlägt. Die junge Fotografin Kendra – die tatsächlich noch mit analogem Film arbeitet – lässt sich ein wenig durchs Leben treiben, ausgehalten von einem Sugar Daddy und ausgenutzt von einem Konzern, der sie als Werbefläche für eine „lebendige“ Tätowierung verwendet, die auf Nanobasis funktioniert. Der Vierte im Bunde ist der Draufgänger Toby, der alles als Witz zu sehen scheint, seinen Alltag rund um die Uhr mit einem Monitormantel filmt, auf dem die Bilder kunstvoll arrangiert dargestellt werden, und der vor nichts Respekt hat.

Die Wege dieser vier Menschen kreuzen sich immer wieder in einer Welt, die immer unmenschlicher zu werden scheint, und in der Hunde dank Nanomanipulationen mit polizeilicher Autorität ausgestattet sind. Das Buch steckt voller toller und faszinierender Ideen, entwirft eine plastische und erschreckende dystopische Zukunft, aber die Figuren bleiben ein wenig zu distanziert und größtenteils unsympathisch.

Südafrika ist wohl das Land Afrikas, das Europa oder den USA am ehesten ähnelt, Lauren Beukes Vorfahren sind Buren. Insofern hält sie sich auch mir Lokalkolorit und afrikanischen Mythen, wie man sie bei Tade Thompson und Nnedi Okorafor findet zurück, bleibt aber eine junge Stimme aus Südafrika, die uns eine nahe Zukunft aus einer etwas anderen Perspektive zeigt.

Man merkt Moxyland an, dass es sich um Beukes Debütroman handelt, von der großartigen Schreibe mit den tollen Charakterzeichnungen, die man zum Beispiel in Shining Girls findet, ist sie hier noch ein Stück entfernt. Trotzdem lohnt sich die Lektüre dieses ausgezeichneten Cyberpunkromans in bester Tradition von William Gibson.

Weitere Bücher von afrikanischen AutorInnen

Wer weitere Leseempfehlungen bezüglich afrikanischer Autorinnen sucht, sollte Geoff Rymans Artikelreihe 100 African Writers of SFF lesen. Außerdem empfehle ich das monatlich erscheinende afrikanische SFF-Magazin Omenana und den afrikanischen Nommo Award, den Rosewater übrigens 2017 als bester Roman gewann.

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