Architektur in der Phantastik

© Universal Pictures International

BUCH

architectura phantastica: Architektur in der Fantasy und Science Fiction


Als Kulturtechnik prägen Bauwerke den Alltag von uns Menschen. Das beeinflusst auch die Fantasy- und Science-Fiction-Literatur. Fünf Beispiele, in denen Architektur eine besonders wichtige Rolle spielt - als Handlungsort, Hintergrund oder gar als Akteur.

Architektur ist seit Jahrtausenden eine der prägendsten und bedeutendsten Kunstgattungen und Kulturtechniken der Menschheit. Mitunter hat sie dabei eine besondere Stellung, verglichen mit der Bildenden Kunst, der Musik oder der Literatur, denn Architektur prägt unsere gesamte Umwelt. Allerdings nicht nur in der Realität, sondern auch in der Phantasie – und damit in der Phantastik.

Wir verbringen einen Großteil unseres Lebens in architektonisch gestalteten Räumen, und auch unter freiem Himmel ist es schwer, ihr zu entkommen. Je nach Bauaufgabe, Zeitalter und Region nehmen Bauwerke die unterschiedlichsten Formen, Dimensionen und Farben an. Sie werden dekoriert, bemalt oder ganz ohne all das ausgeführt. Die Materialien reichen von natürlichen Baumitteln wie Holz, Lehm und Stroh über behauene Steine hin zu gegossenem Metall und Glas.

Die Raumstruktur unterscheidet sich dabei genauso stark wie die Materialien: Der Innenraum einer gotische Kathedrale ist anders aufgebaut und wirkt auf einen Menschen darin unterschiedlich als eine barocke Kirche. Ein Wolkenkratzer hat eine andere Funktion und andere Vorgaben, an denen sich der innere Aufbau orientieren muss. Oder ein königlicher Palast, der mehr als nur repräsentativer Wohnraum ist und entsprechend anderen Regeln folgt als eine Villa, ein Wohnhaus oder eine Hütte.

Da Architektur solch eine gestaltende und formgebende Rolle für den Menschen spielt, ist es nicht verwunderlich, dass sie auch in der Phantastik hinter jeder Ecke steckt. Bauwerke werden dabei als Handlungsort oder Hintergrund verwendet, zur Charakterisierung von Orten und Personen und manchmal sogar als Akteure.

In der Literatur ist es vergleichsweise einfach, Bauwerke und durch sie vermittelte Stimmungen/Atmosphären anzuführen. AutorInnen müssen nicht en detail jeden Stein und jede Dekoration beschreiben (dafür sind wir KunstistorikerInnen da), eine grobe, literarische Skizzierung wie „eine verwitterte Burgruine“ genügt. Schon haben die LeserInnen ein Bild im Kopf, welches aus ihren Erfahrungsschatz und ihren Sehgewohnheiten zusammengesetzt ist.

Die visuelle Phantastik, also Buchcover und Illustrationen, Digital & Concept Art, Gemälde, TV-Serien, Filme und Videospiele dagegen müssen viel konkreter werden, was bei bildlichen Medien logisch ist. Immerhin zeigen sie uns direkt, was wir sehen sollen. Dabei werden meist bekannte Formen und Baustile rezipiert, die aus dem Vorrat der vergangenen Jahrhunderte entnommen sind. Doch das Wunderbare, das integraler Bestandteil der Phantastik ist, prägt die dargestellten Bauwerke auf eine ganz besondere Weise, die es so nur in Fantasy, Science Fiction, Horror und den anderen phantastischen Genres gibt.

So vielfältig wie die Phantastik ist auch die Architektur, weswegen im Rahmen dieses Beitrages fünf Werke vorgestellt werden sollen, in denen Architektur eine besondere, prägende oder außergewöhnliche Rolle spielt.

J. R. R. Tolkiens Mittelerde

Es gibt eigentlich keine Phantastikforschung ohne irgendeinen Bezug zu Tolkien. So ist es nicht verwunderlich, dass auch beim Thema Architektur hier angefangen werden muss. Denn Tolkien beschreibt überaus detailliert die Bauwerke, Ortschaften und Städte, in denen sich seine Helden aufhalten. Neben seiner Akribie bei der literarischen Beschreibung hat er jedoch auch selbst die ersten Ausgaben des Herrn der Ringe und des Hobbit illustriert.

Bei seinen Illustrationen fällt vor allem auf, dass er großen Wert auf die architektonischen Elemente gelegt hat – meistens stehen sie im Mittelpunkt, oder sie werden im deutlichen Kontrast zur Natur dargestellt. Diese Unterscheidung zwischen Natur und durch Lebewesen gestaltete Umgebungen zieht sich durch sein gesamtes Werk.

Neben Tolkiens Illustrationen, die heute weniger bekannt sind, nehmen die von Alan Lee, John Howe und Ted Nasmith entworfenen Bilder für die späteren Buchausgaben eine ganz besondere Rolle ein. Sie waren nicht nur prägend für spätere KünstlerInnen im Bereich der Fantasy Art, sondern dienten auch als Vorlage für die monumentale Herr der Ringe-Verfilmung von Peter Jackson.

Das im Film italo-romanische, komplett aus weißem Marmor errichtete Minas Tirith ist ein wunderbares Beispiel für Architektur in der Phantastik: monumental, überwältigend und gleichzeitig hervorragend durchkonzipiert. Dies betrifft sowohl die literarische Vorlage, die Illustrationen als auch ganz besonders die filmische Umsetzung.

Gerade in der Fantasy kann dies als Grundstruktur der Architekturdarstellung angesehen werden. Das dabei häufig mittelalterlich-europäisch geprägte Setting lässt die KünstlerInnen auf ebenjene Epoche, die in ihren ca. 1000 Jahren überaus vielgestaltig war, bei der Wahl von Formen und Dekor zurückgreifen. Dass es sich dabei häufig um einen durch die Romantik und das 19. Jahrhundert gefilterten Blick handelt, muss zu einem anderen Zeitpunkt diskutiert werden.

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George R. R. Martin: Ein Lied von Eis und Feuer/Game of Thrones

Die Fusion von realen und fiktiven Elementen hat die TV-Serie Game of Thrones mittels fortgeschrittener Spezialeffekttechnologien maßgeblich geprägt. Fernab der Handlung (und des kontroversen Serienfinales) lebt die Serie von den Schauplätzen in Form gigantischer Burgen, weitläufiger Stadtpanoramen und majestätischer Tempel. Politik gedeiht im zivilisatorischen Raum, weswegen die meisten Handlungsstränge nicht in der Natur, sondern in Thronsälen, Ratskammern und Kirchenkatakomben verortet sind.

Die Glaubwürdigkeit all der Intrigen und politischen Winkelzüge wird durch die Gestaltung der Handlungsorte unterstützt. Am Beispiel der Stadt Dubrovnik in Kroatien, die als Drehort für Königsmund/King’s Landing diente, zeigt sich das ganz deutlich: Die bestehende, mittelalterlich geprägte Stadt wird mit Hilfe von computergenerierten Bildern erweitert und verändert. Auf die reale, historische Grundmauer wurde (buchstäblich) die fiktive Stadt errichtet.

Game of Thrones/Dubrovnik

Game of Thrones/Dubrovnik - © HBO

George R. R. Martin neigt bei seinen Architekturbeschreibungen zu einem literarischen Monumentalismus, der sich auch in den Illustrationen, die in Zusammenarbeit mit ihm für das Hintergrundwerk „Die Welt von Eis und Feuer“ geschaffen wurden, deutlich zeigt. Hier wird das, was sich der Autor beim Schreiben vorgestellt hat, in überwältigende, Bilder visualisiert. Wie bei Tolkien gehen Wort, Bild und Film eine künstlerisch einmalige Symbiose ein.

Philip Reeve: Mortal Engines

Bei den beiden bisherigen Beispielen spielt Architektur eine besondere Rolle zur Identifikation von Orten und als Handlungsrahmen. In der Romanserie Mortal Engines von Philip Reeve wird Architektur jedoch in Form von Städten zu einer agierenden, beweglichen Protagonistin.

Die Handlung spielt in einer dystopischen Zukunft, nachdem die Erde in einem intensiven, aber kurzen Krieg nahezu vernichtet wurde. Im Kampf um die letzten Ressourcen des Planeten, haben sich große Städte verselbstständigt und lassen sich nun, da sie auf Räder gestellt wurden, über die Kontinente steuern. Sie jagen andere Städte und plündern ihre Ressourcen.

London ist dabei der Hauptjäger, ein gewaltiger, mobiler Koloss, welcher von dem einzig übriggebliebenen, historischen Monument bekrönt wird: der berühmten St. Paul’s Cathedral. Die herrschende Klasse lebt in den oberen Bereichen, während die ArbeiterInnen im Inneren die Stadtmaschine am Laufen halten.

Sowohl in den Büchern als auch in der 2018 erschienenen Verfilmung von Peter Jackson wird die Stadtarchitektur und Gesellschaft, neben bekannten Gebäuden, stark vom ersten Science-Fiction-Langfilm der Geschichte geprägt, Metropolis von Fritz Lang. Sowohl in der Motivik als auch in der Gesellschaftsordnung gibt es deutliche Parallelen.

Mortal Engines (Film), London

Mortal Engines (Film), London - © Universal Pictures International

Besonders hervorzuheben ist hier der Aspekt der Verstädterung und dem damit einhergehenden Ressourcen- und Landverbrauch. Denn was ist eine Stadt anderes als eine Ansammlung von Architektur? Durch Architektur verdeutlicht und symbolisch aufgeladen, verschlingt die Maschine Stadt alles, was ihr in die Fänge kommt. Architektur von ihrer gefährlichen Seite. 

Ted Chiang: Der Turm zu Babel & Josiah Bancroft: Im Turm

Bisher haben wir phantastische Beispiele betrachtet, die durch ihre Monumentalität und historische Rezeptionen besonders aufgefallen sind. Im Falle von Mortal Engines kommen bekannte Bauwerke als symbolische Schlüsselmotive vor, und Architektur wird auf einer abstrakten Ebene als Sinnbild für gesellschaftliche Entwicklungen verwendet, die durch die Urbanisierung geprägt sind. Saint Paul’s Cathedral als krönendes Element Londons ist dafür prädestiniert und ikonisches Monument dieser Metropole.

Konkrete, historische Bezüge finden sich in allen phantastischen Architekturdarstellungen. Seit Jahrtausenden gibt es ein monumentales Bauwerk, das vom Alten Testament über mittelalterliche Bildkunst bis in die moderne Science Fiction ragt: Der Turm zu Babel.

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel (Genesis 11,1-9) gehört zu den bis heute bekanntesten Geschichten in der Bibel und hat KünstlerInnen seit vielen Jahrhunderten stark beeinflusst. Der Turm steht für das menschliche Streben, sich selbst zu überbieten, für Neugierde und Erfindungsgeist, aber auch für Hybris und das Streben nach dem Himmel (im wörtlichen wie im transzendenten Sinne).

Der Turm kann als erstes Baumonument und als erster Wolkenkratzer gesehen werden, in dessen Tradition alle nachfolgenden Türme, real wie fiktiv, ikonographisch und motivisch stehen.

Sowohl in Ted Chiangs Kurzgeschichte (auf Deutsch erschienen bei Golkonda) als auch in Bancrofts Romanserie wird die biblische Geschichte nachvollziehbar rezipiert und verschiedene Bedeutungsaspekte des Turms aufgegriffen. In beiden Werken nimmt der Turm und seine Architektur eine herausragende Rolle ein.

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Kai Meyer: Die Krone der Sterne-Trilogie

In seiner Trilogie Die Krone der Sterne übernimmt Kai Meyer ebenfalls einige religiöse Motive, die sich vor allem im Hexenorden mit ihren gewaltigen, von kilometerhohen Statuen bedeckten Raumkathedralen ausdrücken. Dabei greift Meyer in Beschreibung und Bezeichnung auf die gotischen Kathedralen zurück, die im Mittelalter in ganz Europa gebaut und ebenfalls mit Statuen dekoriert wurden. Wie die mit einem Hyperantrieb ausgestatteten metallenen Raumkathedralen waren ihre Vorgängerinnen aus Stein ebenfalls himmelsstürmende, massive und beeindruckende Bauwerke, deren Faszination bis heute ungebrochen ist.

Die Krone der Sterne: Kathedralenansicht

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Die Assoziation mit der Gotik wird noch deutlicher, wenn man die eindrucksvollen Illustrationen von Jens Maria Weber in den drei Bänden betrachtet. Sie geben auch Einblicke in das Innenleben der Raumkathedralen, die ganz deutlich die Gotik rezipierende Elemente aufweisen: eine durch Rippen symmetrisch gegliederte, monumentale Halle, die auf einen einem Altarraum mit Rosettenfenster vergleichbaren Endpunkt zuläuft.

Auch die Außenansicht der Raumkathedralen mit ihren stark vertikalen, spitz zulaufenden Elementen und Statuen erinnern an gotische Kathedralberge mit den sie kennzeichnenden Fialen, Wimpergen und Spitzbögen.

Abschließende Gedanken

Die fünf Beispiele zeigen schlaglichtartig, welchen Formen und Strukturen die Architekturdarstellung in der Phantastik folgen kann. Sowohl in der Fantasy als auch in Science Fiction und Horror spielen Bauwerke eine ganz besondere Rolle. Dabei liegen ihre Wurzeln sehr häufig in realen Beispielen, die von konkreten Übernahmen bekannter Bauwerke über die Verwendung eines speziellen Stils hin zu räumlichen und atmosphärischen Gestaltungen reicht.

Dabei kommt dem Wunderbaren, das die Phantastik zur Phantastik macht, auch hier eine besondere Rolle zu. Denn viele phantastische Bauwerke sind geprägt durch Monumentalismus und folgen einer Überwältigungsstrategie, die häufig der realen Physik trotzt. Doch gerade dadurch wirken die fiktiven Welten, in die uns AutorInnen und KünstlerInnen mitnehmen, überzeugend. Sie verknüpfen das Reale und Bekannte (Stile, Formen, Motive) mit dem Phantastischen. Und erschaffen so eine neue architectura phantastica.

 

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