„Ich bin ein Tourist in der Science Fiction“ – Einige Anmerkungen zu Miami Punk

ESSAY

"Ich bin ein Tourist in der Science Fiction" – Einige Anmerkungen zu Miami Punk


Fremde Planeten, dystopische Gesellschaften oder Cyberpunk: Ab und an flirtet die deutsche Gegenwartsliteratur mit Motiven, die man sonst nur aus der der Science Fiction kennt. Juan S. Guse ("Miami Punk") über SF als Inspirationsquelle.

Auch wenn ich mich (im Grunde schon immer) von allen Formen des Erzählens am meisten für das spekulative interessiert habe, würde ich mich nach wie vor als Tourist in der Science-Fiction und New Weird beschreiben. Und obwohl ich im Zuge der Arbeit an meinem Roman Miami Punk versucht habe, meinen Leserückstand einigermaßen aufzuholen, bin ich bis heute nur mit jenem Stamm an Büchern vertraut, die eingefleischte SF-Leserinnen wahrscheinlich als Kanon abtun würden. (Mit Literatur aus dem Ausland ergeht einem ja oft ähnlich. Neulich sprach ich mit jemanden aus Uruguay und erzählte, wie gerne ich Benedetti gelesen hätte und die Person meinte nur: Ach, das alte Zeug.)

Jedenfalls: Als der Erzählrahmen von MP feststand (der Atlantik hat sich von der Küste Miamis zurückgezogen) und sich dessen Umfang an Personal und Seiten abzeichnete, wurde mir relativ schnell klar, dass ich nicht wirklich wusste, wie man so etwas baut. Es fehlten mir die Mittel, an allen Enden. Wie lässt man die Handlung in einer ganzen Stadt eskalieren? Wie konstruiert man Orte und Lokalkulturen, die sich nicht in Pappmaschee-Hintergründen erschöpfen und vor denen sich eine Handvoll Protagonistinnen angeregt und mächtig plottreibend unterhalten? Die Antworten auf viele dieser Fragen fand ich in der SF und ihren Subgenres. Was zur Folge hatte, dass ich ein tendenziell funktionales Verhältnis zur ihr entwickelte; im Sinne von: Was kann ich mir hier abschauen?

Worldbuilding

Was das Worldbuilding angeht, denke ich da zum Beispiel Otomos Akira; an die Art und Weise, wie dort Tokio in Gruppierungen zerfällt, die nicht nur unterschiedliche Sachinteressen verfolgen, sondern auch andere Kulturen pflegen und nach außen tragen. Oder an Philip K. Dick, na klar, an den auch. Dick wendet ja geradezu manisch jenen erzählerischen Trick an, mit dem sich die Illusion einer weitläufigen Welt herstellen lässt; nämlich die Pluralität von Lebensformen, Ideologien und Gruppen zu zeigen, ohne diese jedoch restlos zu erkunden, ohne eine lückenlose Typologie zu entwickeln, sondern stattdessen mit Leerstellen und Behauptungen zu arbeiten, mit kurzen Erwähnungen jener Menschen und jener Orte, deren angedeutete Vergangenheiten so reichhaltig klingen, als ließe sich allein darüber hunderte Seiten schreiben, die alle Bock bringen würden. (In der Fantasy läuft das wahrscheinlich genauso ab, aber davon habe ich noch weniger Ahnung. Enzyklopädien sind ebenfalls so gebaut; und die schönsten Erzählungen von Borges.)

Ein anderes tradiertes Mittel: Binnenfiktionen. In MP gibt es beispielsweise eine Comicreihe namens Die Abenteuer des Angriffsmädchens, die von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen rezipiert wird und eine an Octavia Butler angelehnte Widerstandsgeschichte über ein Mädchen und ihre jugendlichen Freunde aus Miami erzählt, die sich aus Müll ein Luftschiff gebaut haben und weltweit Angriffskriege gegen alle Formen der Unterdrückung führen, bis sie selbst eines Tages bei einer Schlacht in Flammen aufgehen und vom Himmel in die Biscayne Bucht stürzen.

Die AGS Nichinan

Beide Effekte (Pluralität und Binnenfiktionen) habe ich an anderer Stelle kombiniert, indem ich Elemente aus Frank Herberts Dune in jene Wüste versetzt habe, die sich durch die Abwesenheit des Atlantiks vor den Toren Miamis ausgebreitet hat. Dort hat sich unter anderem der sogenannte Japaner-Stamm niedergelassen. Er ist aus der Besatzung des ozeanografischen Forschungsschiff AGS Nichinan hervorgegangen, der dort gestrandet war: »Das Schiff war einst Teil der Japanischen Maritimen Selbstverteidigungsstreitkräfte und befand sich zum Zeitpunkt, als der Atlantik sich über Nacht zurückzog, gerade einhundertfünfzig Kilometer südöstlich von Miami, sodass sich die Besatzung der AGS Nichinan am Morgen danach in einem endlos erscheinenden Niemandsland wiederfand. Angeführt von der charismatischen Technikerin und manischen Frank-Herbert-Leserin Sakiko Hayabusa beschloss die Mehrheit der naturwissenschaftlich interessierten Besatzung, keinen Hilferuf abzusetzen, sondern in der Wüste zu bleiben und diese zu ihrer neuen Heimat zu erklären. Sie folgten dabei Hayabusas utopischer Vision, die totale Einöde, in der sie gestrandet waren, wieder mit Leben zu überziehen; was mit denjenigen geschah, die lieber abgeholt werden und zurück nach Japan kehren wollten, ist nicht bekannt. Hayabusa hielt zweimal am Tag emotionale Reden über die Zukunft des Stamms. So wie sich die Besatzung der Bounty die Pitcairninseln zu Eigen gemacht habe, so sollten auch sie dieses herrenlose Land für sich beanspruchen. Was niemand wusste, war, dass Hayabusa ihre Vision und auch einige ihrer Reden teils eins-zu-eins aus Dune entnommen hatte.«

Dune, Snow Crash, Judge Dredd

Und so geht das dann immer weiter; mit Destillanzug und mit dem Pflanzen von Gräsern und Gewächsen zur Belebung der Wüste; alles wie bei Dune: »Hayabusa leitete sämtliche Unternehmungen an und war oftmals selbst noch direkt vor Ort. Ihre größte Angst war es dabei nicht, dass ihr Stamm verhungern könnte oder sie Opfer eines Attentats wird, sondern dass irgendwer mal zufällig Dune lesen und realisieren würde, dass sie alles nur abgeschrieben hatte und ein Scharlatan war.« Das alles hat – genauso wie die fiktive Comicreihe – quasi nichts mit den Protagonistinnen unmittelbar zu tun; beziehungsweise hilft es hoffentlich dabei, die Grenzen des Protagonistentums aufzuweichen.

Und was den Sound angeht, mit dem Miami Punk (zumindest über weite Strecken) erzählt werden sollte, denke rückblickend vor allem an Neal Stephenson und die Kamerafahrt zu Beginn von Snow Crash; wenn YT auf ihrem Skateboard durch die Stadt harpuniert. Oder an die Dialoge von William Gibson. Dieser Style sollte sich – umgemünzt auf das Miami des Romans – auch auf dem Cover wiederfinden, das die großartige Alice Conisbee illustriert hat. Und dann gibt es natürlich immer wieder Punkte, wo Orte und Namen aus der SF in den Text importiert wurden. So habe ich zum Beispiel von 2000 AD den Namen jenes Mega-Towers übernommen, in dem Judge Dredd aufgewachsen ist, und ihm einen gigantischen All-in-one-Housing-Gebäudekomplex in Miami gegeben, für den wiederum das Ihme-Zentrum aus Hannover Modell gestanden hat: Rowdy Yates. Und immer so weiter.

Über den Autor

Autor Juan S. Guse

© Nordstadtlicht

Juan S. Guse, geboren 1989, studierte Literaturwissenschaften und Soziologie. Sein Debütroman »Lärm und Wälder« erschien 2015 bei S. Fischer und sein zweiter Roman »Miami Punk« 2019. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Fellowship der Villa Aurora und dem Literaturpreis der Landeshauptstadt Hannover. Derzeit promoviert er im Bereich der Arbeits- und Organisationssoziologie.

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