Kolumne von Stephen H. Segal: Die Weisheit der Nerds: Königin Gorgo, 300

KOLUMNE

Die Weisheit der Nerds: Königin Gorgo, 300


Die echte Königin Gorgo von Sparta war eine politisch höchst einflussreiche Person, vergleichbar mit den wichtigsten Machthabern in unserer modernen Welt. Aber sie war auch ein Geek und eine Kryptoanalytikerin: Nur dank ihrer Hilfe fanden die Spartaner einen Geheimcode in einem Holzbrett, der vor dem Angriff der Perser warnte. Und sie war – natürlich – eine der ersten Geek-Frauen, die zum Ziel von Sexismus wurde. Viele Historiker stellen nicht etwa Gorgos beachtliche Leistungen in den Vordergrund, sondern ihre Beziehung zu den Männern um sie herum: ihre Rolle als Tochter, Ehefrau und Mutter von Königen. Das Zitat aus Frank Millers Film 300 stimmt zwar ziemlich genau mit dem Satz überein, den Plutarch uns überliefert hat. Doch der Kontext war ein ganz anderer. Laut Plutarch benutzte Gorgo nicht das Wort „wahr“, außerdem sprach sie mit einer Frau aus Attika, die wissen wollte, wie Spartas Frauen Macht über die Männer erlangt hatten. In diesem rein weiblichen Kontext ist Gorgos Satz weniger eine Aussage über spartanische Männer als – und das wäre deutlich subversiver – ein Tipp von Frau zu Frau, wie sie der Unterdrückung entrinnen und unabhängig werden. Gorgo hätte das Ganze auch so formulieren können: Männer dürfen – wenn sie denn dazu bereit sind – partnerschaftlich an der Macht teilhaben. Oder sie bleiben Vasallen, die von Geburt an ganz nach dem mütterlichen Willen geformt werden.


Die Schriftstellerin Ada Lovelace überwand womöglich als eine der ersten Frauen die Art von Geschichtsklitterung, wie sie Königin Gorgo widerfahren war. Zu ihren Lebzeiten im 19. Jahrhundert war Lovelace zwar vor allem als Tochter des Dichters Byron bekannt. Heute aber gilt sie als der erste Mensch, der je einen Computer programmierte.


Die nächste Weisheit zur Wochenmitte gibt es wieder am kommenden Mittwoch. Dann erwartet euch eine neue nerdige Erkenntnis aus Stephen H. Segals Buch "Die Weisheit der Nerds".

 

 

Aus dem Amerikanischen von Achim Fehrenbach

 

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First published in English by Quirk Books, Philadelphia, Pennsylvania.
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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