Die Magie der Erwachsenen. Über die beiden Seiten von „Der Atem einer anderen Welt“

© Rovina Cai

BUCH

Grow up to dream again: Über die beiden Seiten von „Der Atem einer anderen Welt“


Alex Bledsoe
14.02.2019

Die Erwachsenenwelt will von uns, dass wir unseren Kinderglauben an das magische Denken aufgeben, und das ist etwas Schreckliches. Aber ist es das wirklich? Alex Bledsoe über die Magie des Erwachsenseins.

In Seanan McGuires brillantem und preisgekröntem Kurzroman „Der Atem einer anderen Welt“ (engl. „Every Heart a Doorway“) geht es um Teenager, die der Realität in verschiedene Märchenreiche entflohen waren und anschließend wieder in unserer Welt gelandet sind, wo sie ein spezielles Internat besuchen, um sich wieder in die „Wirklichkeit“ einzugewöhnen. Alle wollen unbedingt in ihr Märchenreich zurückkehren, denn dort fühlten sie sich mit allen Eigenheiten akzeptiert, und eine von ihnen ist so wild entschlossen, dass sie dafür über Leichen geht.

Die Geschichte ist angelegt wie ein Krimi, aber das eigentliche Thema ist ein Gefühl, das viele von uns haben: nicht richtig in diese Welt zu gehören. Wir wünschen uns eine Tür oder ein Portal oder einen Kleiderschrank – irgendeinen Zugang zu einem anderen Ort, wo all die Dinge, die uns von anderen unterscheiden, normal sind. McGuire – die so gut wie alles schreiben kann – gelingt es großartig, das Leiden der Jugendlichen zu vermitteln, und spricht damit natürlich den inneren Teenager in uns allen an. Kein Teenager fühlt sich zugehörig, und die meisten fühlen sich in irgendeiner Hinsicht jenseits der Norm. Es ist diese universelle Wahrheit, die auch Harry Potter und den X-Men ihre spektakuläre Macht verleiht.

Ein nerdiger Bücherwurm mit Zahnspange und Pickeln

Doch beim Lesen bin ich in einen interessanten Zwiespalt geraten, der mit den Absichten der Autorin letztlich nichts zu tun hat. Ich habe mich sofort mit den Figuren identifiziert: Ich war als Jugendlicher so wenig normal wie jeder andere, ein nerdiger Bücherwurm mit dicker Brille, Zahnspange und Pickeln, der lange vor der Erfindung der sozialen Medien in einer Provinzstadt festsaß. Meine Eltern, selbst während der Weltwirtschaftskrise aufgewachsen, waren in die klassische Falle dieser Generation getappt: Ihre Kinder sollten es besser haben als sie selbst, aber zugleich nahmen sie es uns übel, dass wir nicht richtig dankbar dafür waren. Sie hatten definitiv keine Zeit oder Mitgefühl für Sprösslinge, die Probleme damit hatten, „sich anzupassen“.

Trotzdem überkam mich beim Lesen auch große Sympathie für die Eltern dieser verzweifelten Kinder. Sie treten zwar nicht als Figuren auf, viele werden jedoch beschrieben: Die Eltern der Protagonistin, Nancy, glauben, sie wäre durch eine Entführung traumatisiert worden, und nicht, sie sei in die Unterwelt geflüchtet, um dort aus freien Stücken dem Herrn der Toten zu dienen. Ihre hilflosen Versuche, Nancy wieder in die Gesellschaft zu integrieren, werden als gut gemeint aber fatal dargestellt, und die Unfähigkeit aller Eltern zu glauben, was mit ihren Kindern wirklich passiert ist, erscheint als große Tragödie.

(Ich sollte klarstellen, dass das nichts mit den Sexualitäts- oder Geschlechtsidentitäts-Aspekten der Geschichte zu tun hat. Bei diesem Thema steht außer Frage: Wer man ist, wird vom eigenen Fühlen bestimmt, ganz egal, in welche Richtung einen andere, Eltern eingeschlossen, zu drängen versuchen.)

Die Aussage des Buchs ist eindeutig: Die wirkliche Welt will von uns, dass wir unseren Kinderglauben an „Magie“ aufgeben, und das ist etwas Schreckliches. Aber ist es das wirklich?

A World of Childish Dreams

Ich bin jetzt Vater von drei Kindern, die mit Intelligenz und einer überbordenden Fantasie gesegnet und gestraft sind. Besonders einer meiner Söhne wird sich wahrscheinlich nie „anpassen“. Dennoch kann ich nicht recht glauben, dass der beste Weg für ihn sein soll, seinen Fantasien komplett nachzugeben; ist es nicht Teil meines Jobs als Vater, ihn auf die Welt vorzubereiten, so gut ich kann? Und gehört dazu etwa nicht, ihn dazu zu bringen, den Glauben an kindliche Formen von „Magie“ aufzugeben?

Oder, wie Bruce Springsteen in „Two Hearts“ singt:

Once I spent my time playing tough-guy scenes
But I was living in a world of childish dreams
Some day these childish dreams must end
To become a man and grow up to dream again

Das ist im Grunde nur eine Umschreibung von 1. Korinther 13, 11:

Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte und urteilte wie ein Kind. Als ich Mann wurde, tat ich das Kindliche ab.

Aber der Boss setzt der Bibel gegenüber noch eins drauf*, indem er betont, dass man erwachsen wird, um wieder zu träumen.

Die Magie der Erwachsenen

Für mich besteht die Aufgabe von Eltern genau darin: die eigenen Kinder an den Punkt zu führen, dass sie ihre kindliche Magie aus freien Stücken aufgeben und die Magie des Erwachsenseins annehmen. Denn die gibt es tatsächlich: Wenn man sein neugeborenes Kind zum ersten Mal sieht, schlägt einen das mehr in seinen Bann als jedes Bilderbuchreich. Und wenn man seine Liebe zu kindlichem Geschreibsel ernst nimmt und daraus die Erwachsenenfähigkeit entwickelt, Geschichten und Romane zu verfassen (so wie Every Heart a Doorway), ist das ein Zauber, der Millionen Menschen berühren kann.

Dennoch.

Es gibt einen Spruch meiner Eltern, der mir bis heute nachgeht. Wenn andere mich quälen, sagten sie, sei ich selbst daran schuld, weil ich „komisch“ sei. Ich erinnere mich lebhaft, wie sie meinen Cousin Rob, der erbarmungslos auf mir herumhackte, weil ich Science-Fiction las, beharrlich als ganz „normal“ bezeichneten. Ich frage mich oft, was für ein Mensch ich heute wäre, wenn sie ein Minimum an Einfühlungsvermögen gehabt oder mich vor den Verwandten in Schutz genommen hätten, anstatt zusammen mit ihnen den Kopf zu schütteln – genau wie die unsichtbaren Eltern in Every Heart a Doorway. Oder wenn ich, so wie die Kinder im Buch, ein anderes Reich gefunden hätte, wo man mich so akzeptierte, wie ich war, wo es normal war, „komisch“ zu sein.

Es ist das Brillante an dem Buch, dass es dem Leser die Möglichkeit eröffnet, diese widersprüchlichen Gefühle nachzuempfinden, ohne einfache Antworten zu geben. Wenn es überhaupt eine Antwort gibt, dann im Grunde vermutlich diese: Kinder brauchen Führung, und Eltern brauchen Feingefühl. Das Mischungsverhältnis von beidem ist in jeder Familie anders, aber wenn es in eine Schieflage gerät, entsteht echter, bleibender, irreparabler Schaden.

 

Deutsch von Ilse Layer

Der Text ist zuerst zuerst erschienen auf AlexBledsoe.com

Share:   Facebook