Schlaf auch Du: Fünf phantastische Bücher zwischen Wachen und Träumen

BUCH

Fünf Fantasy-Bücher zwischen Wachen und Träumen


Es gibt Fantasy-Romane, die so gekonnt mit Bildern und Erinnerungen aus unseren Träumen (und Albträumen) spielen, dass sich weder die Hauptfigur noch der Leser im Handlungsverlauf sicher sein können, ob sie wach sind oder schlafen. Björn Bischoff hat fünf dieser phantastischen Romane für euch herausgesucht.

Gute Nacht, liebe phantastische Literatur, Du gehörst ins Bett. Warum? Weil es Zeit wird, um sich endlich einmal jenen Büchern zu widmen, die den Traum als Teil ihrer Welt verstehen. Dabei soll es nicht um jene Werke gehen, in denen sich die komplette Handlung als einziger Traum herausstellt. Vielmehr möchten wir euch solche Fantasy-Welten näherbringen, in denen sich Realität und Traum auf einer Ebene treffen, in denen sie sich vermischen und zu einer sonderbaren Welt verschmelzen, in der nur die Logik des Surrealen und Absurden zählt. Also, Bettdecke über den Kopf gezogen und die folgende Buchliste für die Nachtstunden konsultiert.

Sarah Shun-lien Bynum – Madeleine schläft

Es gibt diese Träume, die einem nach dem Aufwachen mit jeder Minute des Wachseins mehr und mehr entgleiten. Und doch bleibt ein eindringliches und starkes Gefühl dieses Traumes zurück. Genauso passiert es im Roman »Madeleine schläft« von Sarah Shun-lien Bynum. Die Handlung? Die tut hier wenig zur Sache. Madeleine schläft. Und auf dieser Grundlage entfaltet sich ein Panoptikum an Poesie, an Traumbildern, an Wunderschönem und Verstörendem. Es geht um Liebe, um Identität, um Sehnsucht. Die kurzen Kapitel fliegen vorbei, die Worte lassen sich in diesem Roman treiben wie Drachen im Wind. Madeleine regt sich im Schlaf. Madeleine wacht auf. Madeleine schläft. All das gehört zum Rhythmus dieses Buchs. Ihre Geschwister bewegen sich wie jene Traumbilder um sie. Eine Frau verwandelt sich in ein historisches Streichinstrument, einer anderen Frau wachsen vier Flügel, fortan wacht sie wie ein riesiger Engel über das Geschehen. Auf dieses Verschieben der Realität, auf diesen Abschied von ihren Regeln sollte sich jeder Leser bei diesem Buch einlassen. Denn es nicht einmal Traumlogik, die greift. Vielmehr hat Sarah Shun-lien Bynum durch die Kürze der Kapitel eine wunderbare Art von Assoziationen geschaffen, es ist wie eine Geschichte, die sich wieder und wieder bewegt, regt und eben träumt. Alles kann Sinn ergeben, nichts kann Sinn ergeben. Ein Buch aus den tiefsten Tiefen des Unterbewusstseins.

Jedediah Berry – Handbuch für Detektive

Als hätten Kafka und Bradbury einen Krimi geschrieben: Jedediah Berrys »Handbuch für Detektive« beginnt mit der Beförderung von Charles Unwin. Allerdings passt ihm der neue Posten in der Agentur überhaupt nicht – er vermutet dahinter sogar einen gewaltigen Fehler. Denn er rückt damit an die Stelle des berühmtesten Detektivs. Somit gibt es für ihn nur eine Lösung: Er muss den vermissten Detektiv Sivart selbst wiederfinden. Und dabei dessen größten und bislang verzwicktesten Fall lösen. In der Stadt scheint sich eine Verschwörung abzuspielen, dessen Ausmaß bis in die Träume der Bewohner reicht. Bald findet Unwin die ersten Hinweise zu Sivarts Verschwinden. Jemand hält ihn in einem Traum fest – und dabei könnte es sich ausgerechnet um Sivarts größten Widersacher handeln.

Zugegeben: Die Inhaltsangabe zu Jedediah Berrys Roman liest sich ein wenig wie ein Lustiges Taschenbuch. Munter wechselt der amerikanische Autor in diesem Buch zwischen den Genres, was den Roman einen Hauch von Postmoderne verleiht. Allerdings trägt es auf keiner Seite die übliche Schwere oder Verkopftheit mit sich herum. Vielmehr hantiert Berry in seiner Prosa mit einer Leichtigkeit und Finesse, die vielen Autoren abgeht. Er hat alles verspiegelt und verschachtelt, mit jeder Seite wird dieser Traum eines Romans intensiver und tiefer. Am Ende bleibt die Gewissheit, dass die Literatur selbst ja nur ein Ding zwischen Trick und Traum sein kann.

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Leo Perutz – Zwischen neun und neun

Es ist nicht ganz einfach, über Leo Perutz Roman »Zwischen neun und neun« zu schreiben. Besonders verblüffend hierbei ist, dass sich die wirkliche Größe dieses Romans erst auf den letzten Seiten offenbart. Perutz beginnt seinen Text über den Studenten Stanislaus Demba mit keinem schönen Tag. Sondern er lässt den Hauptcharakter wieder und wieder in merkwürdigen Situationen auftauchen, noch dazu in solchen, in denen er seine Hände nicht zeigen will. Erst nach ein paar Kapiteln stellt sich heraus: Demba flüchtet. Vor der Polizei. Denn er brauchte Geld. Dafür wollte er ein gestohlenes Buch verkaufen. Nur ein Sprung aus dem Dachfenster konnte ihn retten. Seitdem wird er verfolgt. Und das Geld hat er immer noch nicht. Also begibt Demba sich auf die Suche nach neuen Einnahmequellen. Doch weder Betteleien noch Glücksspiel bringen ihn weiter. Nach und nach steuert sein Schicksal unaufhaltbar auf einen ganz bestimmten Endpunkt zu, Demba hat nach ein paar Kapiteln gar keine andere Wahl mehr.

Leo Perutz erzählt die Geschichte des Romans so gekonnt und beeindruckend, dass insbesondere sein vorhersehrbarer Schluss regelrecht erschütternd eintrifft. Plötzlich steht in wenig Seiten der gesamte Roman infrage, nichts scheint mehr zu passen. All die merkwürdigen Andeutungen, die subtile Logik eines Traums im Dämmerschlaf ergeben einen Sinn. Das Mitfühlen mit Demba schlägt in tiefe Traurigkeit und Verzweiflung um. Wer das Ende bis hierhin noch nicht ahnt, möge keine weiteren Recherchen anstellen – sondern diesen Roman einfach lesen. 

Stefan Beuse – Die Nacht der Könige

Stefans Beuses »Die Nacht der Könige« handelt weniger von Träumen, sondern bewegt sich vielmehr auf einer verschobenen Traumlogik. Die Vergleiche mit David Lynch zum Erscheinen des Romans vor 16 Jahren erscheinen heute allerdings ein wenig zu weit hergeholt. Denn auf der Oberfläche bleibt Beuses Roman erst einmal ein Thriller mit Mystery-Einschlag. Zum Inhalt:

Jakob Winter will den Pitch einer Werbekampagne für seine Agentur gewinnen. Doch stattdessen steigt er hinab in eine Zwischenwelt aus satanischer Lehre und existenziellem Horror. »Winter mußte geträumt haben, denn ohne daß er es bemerkt hätte, war er in die falsche Richtung gefahren.« Mit diesem Einleitungssatz gibt Beuse direkt die Richtung vor. Das Geschehen rund um Winter wirkt wie ein böser Albtraum, etwa wenn die Assistentin seines Auftraggebers sich einschaltet, Winter ihr in den meisten Kapiteln hinterherläuft und sie doch nie erreichen kann.

Alles in diesem Buch sträubt sich dagegen, eine Lösung bereitzuhalten. Vielmehr lockt Beuse den Leser in die Zwischenräume dieser Erzählung, in seine Leerstellen, und lässt ihn dort immer wieder gekonnt fallen. Dabei findet er ein paar eindringliche Bilder, doch vor allem die Atmosphäre dieses Romans fesselt von der ersten Seite an. Das hier ist weniger »Eraserhead« und deutlich mehr »Blair Witch Project«, allerdings um eine verschrobene Idee erweitert. Was wie ein Horrorfilm beginnt, endet wie jeder böse Traum. Doch selbst im Wachen bleibt dieses ungute Gefühl, dass dieser Roman sich für immer in seine eigene Wirklichkeit geschlichen hat.

Franz Kafka – Die Verwandlung

»Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.« Kafkas Kurzroman »Die Verwandlung« beginnt mit einem der berühmtesten Sätze der Literaturgeschichte – und was folgt ist ein absoluter Albtraum. Denn Gregor Samsa versucht sich als Ungeziefer weiterhin daran, die Normalität seines Lebens zu erhalten. Zugegeben: Um diese Geschichte zu genießen, musste ich mich dazu zwingen, erst einmal alles zu vergessen, was damals im Deutschunterricht vorkam: alle Interpretationen, alle biographischen Hinweise zum Leben Kafkas. »Die Verwandlung« funktioniert als eigenständiges Werk der phantastischen Literatur. Zudem beeinflusste es zahlreiche Autoren, die später den Magischen Realismus prägen sollten. Selbst heutzutage berufen sich die Schriftsteller der Weird Fiction auf diesen Text von 1912. Kafka schuf mit diesem schmalen Band einen Abstieg in einen düsteren Albtraum, der sich auch genau dieser Logik in Textform bedient. Mit jeder Seite nimmt das unangenehme Gefühl zu, dass die Sache hier einfach nicht gut ausgehen kann. Egal, wie sehr sich Gregor Samsa abmüht, mit seinem deformierten Körper zu kämpfen hat ... Der Albtraum hat sich aus dem Kopf befreit und seine komplette Welt okkupiert. Ohne Ausweg. Ohne Hoffnung. Das Buch selbst bleibt ein unruhiger Traum, ein Flackern und Flimmern eines assoziativen Stücks über Identität, Familie und unser Innerstes. 

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