Stephen King für Schnelle: Seine besten kurzen Romane

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BUCH

Stephen King für Eilige: Seine besten Bücher unter 500 Seiten


Wer Stephen King nicht mag, hängt sich oftmals daran auf, dass Kings Bücher einfach viel zu lang sind. Doch einige seiner Romane lassen sich sogar in einer Nacht schaffen. Ein Überblick von Björn Bischoff.

Stephen-King-Romane werden meist anhand zweier Punkte kritisiert. Erstes Vorurteil: King könne einfach keine Enden schreiben. (Wer »In einer kleinen Stadt« gelesen hat, mag zustimmen, wer »ES« gelesen hat, mag widersprechen.) Zweitens: Kings Bücher seien einfach viel, viel zu lang. Was bei über fünfzig Büchern in der Bibliographie von King einfach nicht stimmen kann. Schließlich fasst sich auch der 71-jährige US-Autor manchmal kurz. Zwangsläufig. Wie will so ein konstanter Output sonst möglich sein? Doch King kann auch kurz. Wie das zuletzt erschienene »Erhebung«. Hier ein paar weitere Beispiele der besten (für seine Verhältnisse) schmalen Werke des Stephen King.

Carrie (1974)

»Carrie White wurde mir nie sympathisch, und Sue Snells Gründe, ihren Freund mit Carrie zum Abschlußball zu schicken, leuchteten mir auch nie richtig ein, aber es hatte wirklich etwas. Der Anfang einer Karriere.« So beschrieb es King in seinem autobiographischen Werk »Das Leben und das Schreiben« – und trotz seiner Antipathie für die Hauptfigur brachte »Carrie« es in der deutschsprachigen Übersetzung auf immerhin 320 Seiten. Und das ist bis heute die perfekte Länge, um in Kings Schaffen einzusteigen. Bereits in seinem ersten veröffentlichten Roman zeigte sich, dass er Charaktere wie kaum ein anderer Autor beschreiben kann. Das Schicksal von Carrie, wie sie unter dem religiösen Wahn ihrer Mutter leidet, wie sie die Demütigungen und Hänseleien ihrer Mitschüler hinnehmen muss, wie sie sich durch ihre telekinetischen Kräfte beim Abschlussball an ihren Peinigern rächt, all das erzählt King in diesem Roman bereits so dringlich und dicht wie in seinen späteren Meisterwerken. Vor allem der Spannungsbogen sitzt in diesem Buch passgenau. Weil King hier eben besonders schnell zur Sache kommt. Wer sich nun übrigens fragt, warum er es in seinem ersten Roman so kurz gehalten hat: King konnte das in seinen Anfangstagen sogar ganz gut. Vor »Carrie« hatte er bereits mehrere Manuskripte geschrieben. Etwa für die heute veröffentlichten Romane »Todesmarsch« und »Menschenjagd« – keins dieser Bücher überschreitet die 400 Seiten.

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Misery (1987)

Bitte einmal kurz die deutschsprachige Übersetzung (»Sie«) ausklammern: Denn »Misery« bringt es, je nach Ausgabe, im Original gerade einmal auf dünne 310 Seiten. Dabei dachte King zu Beginn des Romans, dass die Geschichte gerade einmal 30.000 Wörter hergeben würde. Was dann vielleicht ein Kurzroman gewesen wäre. Annie Wilkes macht in »Misery« eine wundersame Begegnung: Sie rettet den Autoren ihrer liebsten Romane nach einem Autounfall. Und hält ihn gleich als Schreibsklaven, der ihr einen exklusiven Einblick in die Fortsetzung geben soll. In Form eines neuen Manuskripts. Dabei hasst Paul Sheldon diese Romane und deren Charaktere, hält sie für dumm und nervig. Was er nur Annie nicht sagen kann, schließlich trug er bei dem Unfall schwerste Verletzungen davon und ist auf ihre Pflege (und noch wichtiger: ihre Schmerzmittel) angewiesen. Ans Bett in ihrem Haus gefesselt, plant Paul seine Flucht. Denn Annies Geduld und Fürsorge kippen sehr schnell ins Bedrohliche. King kreiert hier auf sehr wenigen Seiten eine beeindruckende Atmosphäre der Beklemmung und der Ängste. Dichter und besser hat er das vielleicht nie wieder hinbekommen.

Erhebung (2018)

Willkommen in Castle Rock. Wieder einmal. In seinem neusten Werk nutzt King die Kleinstadt für eine magische Geschichte mit politischen Untertönen. Auf lediglich 144 Seiten bringt es die deutschsprachige Übersetzung von »Erhebung« – zu lang für eine Kurzgeschichte, zu kurz für einen Roman. Also eben: Novelle. Darin entwickelt Scott Carey eine merkwürdige Krankheit, die für einen rapiden Gewichtsverlust sorgt. Obwohl er sich gesund fühlt und nicht anders aussieht als sonst. Und dann wäre da noch sein Streit mit dem lesbischen Ehepaar von nebenan. King schafft es in »Erhebung« zwar, diesem Text durchweg seinen Charakter zu geben. Aber selbst in manchen Kurzgeschichten findet sich das so typische Ausarbeiten der Charaktere von King deutlicher wieder. Auch der Horror rückt hier ein wenig in den Hintergrund. »Erhebung« dürfte die beste Lektüre für Leser sein, die sich sonst eher an keinen Roman von King trauen würden. Der ein oder andere begeisterte King-Leser könnte hiermit allerdings seine Schwierigkeiten haben.

Colorado Kid (2005)

Binsenweisheit: Stephen King gilt als Meister der modernen Horrorliteratur. Dass er jedoch auch ganz anders kann, bewies er mit dem umfangreichen »Love« und eben mit seinen Mystery-Krimis wie »Joyland« und »Colorado Kid«, die beide zu seinen dünneren Büchern zählen. Ein scheinbar unmögliches Verbrechen um eine gefundene Leiche beschäftigt in »Colorado Kid« zwei Reporter und einen Gerichtsmediziner – allerdings wirkt der Fall mit jedem neuen Hinweis umso merkwürdiger. Und obwohl der Roman in Kings Bibliographie eine eher untergeordnete Rolle spielt, inspirierte er immerhin die Serie Haven bei Syfy. Literaturkritikerin Carol Memmott wies in ihrer Besprechung für die USA Today damals übrigens auf einen Logikfehler hin: Es habe keinen Starbucks in Denver um 1980 gegeben, allerdings spreche ein Charakter eben über eine solche Filiale um die Zeit in der Stadt. Kings antwortete in seinem Blog: »Geht nicht von einem Fehler von mir aus. Den regelmäßigen Leser des Dark Tower fällt vielleicht auf, dass es nicht unbedingt ein Patzer, sondern eher ein Hinweis sein kann.« Und auch zum Ende hatte King seine eigene Meinung – entweder man hasse oder liebe es. Jeder Leser möge sich da sein Urteil bilden. Kein Problem: Es sind ja im englischsprachigen Original nur 208 Seiten in der aktuellen Auflage.

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Das Mädchen (1999)

Ein Roman wie ein Baseballspiel: King mischt in »Das Mädchen« Märchenhaftes mit existenziellem Horror – und dafür braucht er im englischen Original gerade einmal 224 Seiten. Die neunjährige Trisha verirrt sich in einem Wald, und mit jedem Schritt bewegt sie sich tiefer in das Herz der Finsternis. Zu ihrer spärlichen Ausrüstung gehört aber immerhin ein Kassettenrekorder, mit dem sie die Spiele der Boston Red Sox empfangen kann. Vor allem diese Verbindung zur Außenwelt und ihre Phantasie helfen Trisha durch diese Geschichte. King verewigte in diesem Buch nicht nur seine Liebe zum Baseball, sondern legte einen packenden Roman zu einer Zeit vor, als kaum noch jemand daran glaubte, dass King als Autor wieder zu alter Größe finden würde. Denn um die Jahrtausendwende galt King nicht nur als Schreiber von zu langen Romanen, sondern schien wie ein Relikt aus vergangenen Tagen, als Horrorliteratur noch ihren Boom hatte. Ändern konnte diese Ansicht »Das Mädchen« nicht, das schafften erst »Love«, »Puls« und »Doctor Sleep« in den Jahren danach. Trotzdem gehört diesem Roman ein besonderer Platz in der Bibliographie von King.

Der Dunkle Turm: Schwarz (1982)

»Der Mann in Schwarz flog durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.« Mit diesem Satz eröffnete King vor Jahrzehnten sein größtes Werk – in einem Roman mit einem Umfang von (je nach Ausgabe) knapp 300 Seiten im Original. Bis heute wuchs der Zyklus auf acht Bände an, neben einer eher mäßig erfolgreichen Verfilmung gibt es Hörbücher und Comics. Selbst Sekundärliteratur mit Auflistungen und Erläuterungen sind erhältlich. Für zahlreiche Leser startete damals mit der ersten Ausgabe dieses Buchs ein erstaunlicher Fanatismus für diesen Zyklus um Revolvermann Roland Deschain. Kings kreuzte hier Fantasy und Western, dazu gab es natürlich Horror und Science Fiction auf der ein oder anderen Seite. Was eine gewisse Komplexität mit sich brachte. Allein durch die zahlreichen Querverweise auf Kings andere Bücher. Der erste Band des »Dunklen Turms« lässt sich aber auch als für sich stehender Roman genießen. Der perfekte Auftakt, um nach den üblichen Büchern von King vielleicht noch tiefer in sein Universum einzutauchen. Und es sei verraten, dass King nie einen besseren Eröffnungssatz schrieb, der so unmittelbar und direkt in die Geschichte zog. Diesen Figuren muss der Leser folgen. Zumindest in diesem ersten Band.

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