Kolumne von Stephen H. Segal: Die Weisheit der Nerds: Frankensteins Braut

KOLUMNE

Die Weisheit der Nerds: Frankensteins Braut


Septimus Pretorius kann sein Entzücken kaum verbergen: Schon bald wird er eine Gespielin für Dr. Henry Frankensteins scheußliches Monster erschaffen – und damit die Grenze überschreiten, die die irdische von der göttlichen Schöpfung trennt. Sein freudiger Trinkspruch nimmt vorweg, was wenige Jahre später eintreten würde: die Geburt einer neuen Welt aus dem Schmelztiegel der Wissenschaft. In dieser Welt würde der Mensch die Kraft des Atoms zügeln, um sich zur Gottheit aufzuschwingen – und durch die Entfesselung dieser Kraft zum Monster werden. Für Pretorius – und Frankenstein vor ihm – war das eine deutliche Lehre: Der Mensch muss seinen schier unendlichen Wissensdurst gegen die Folgen dieses Wissens abwägen. Mary Shelleys Roman (und dessen berühmteste Verfilmung) sind ja gerade deshalb zeitlos, weil sie diesen Grundkonflikt sehr deutlich beschreiben. Dass wir Menschen uns diese Lektion nicht so zu Herzen genommen haben, wie wir es hätten tun sollen, ist ihnen nicht anzulasten.

 

Bei allen Vorzügen hätte Frankensteins Braut (1939) auch schnell in Vergessenheit geraten können – als ziemlich unnötiges Sequel eines Filmklassikers, der sich vollauf selbst genügte. Das Anschauen lohnt sich aber schon allein wegen seiner ungeheuren visuellen Kraft: Die zweifarbige Turmfrisur der Braut wird man beispielsweise nicht so schnell wieder vergessen.


Die nächste Weisheit zur Wochenmitte gibt es wieder am kommenden Mittwoch. Dann erwartet euch eine neue nerdige Erkenntnis aus Stephen H. Segals Buch "Die Weisheit der Nerds".

 

 

Aus dem Amerikanischen von Achim Fehrenbach

 

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First published in English by Quirk Books, Philadelphia, Pennsylvania.
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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