Foto: unsplash / Daunt Bookstore, London

BUCH

Eine Liebeserklärung an Bücher: Offener Brief des Brasilianischen Verlegers Luiz Schwarcz


Luiz Schwarcz
19.12.2018

Auch wenn die Situation auf dem Buchmarkt hierzulande nicht entfernt so katastrophal ist wie in Brasilien, gilt auch für den deutschsprachigen Raum, was Luiz Schwarcz, der Kopf des renommierten Verlags Companhia das Letras, für Brasilien fordert: Kauft Bücher, verschenkt Bücher, unterstützt – wieder und immer wieder – eure Buchhandlungen vor Ort. Sonst gibt es sie sehr wahrscheinlich bald nicht mehr.

In Brasilien sind für Bücher düstere Zeiten angebrochen. In den letzten Wochen haben die beiden größten Buchhandelsketten Anträge auf Insolvenzverfahren gestellt, um einen Bankrott zu vermeiden, und dabei in Form von Außenständen gewaltige Verbindlichkeiten hinterlassen. Selbst wenn sie ihren Betrieb drastisch umstrukturieren, werden sie mittelfristig wohl nur unter größten Schwierigkeiten  Lösungen finden. Noch kann niemand das ganze Ausmaß der Kettenreaktion abschätzen, die auf diese Krise folgen wird, aber sie ist jetzt schon schreckenerregend. Was in Brasilien geschieht, läuft der Entwicklung entgegen, die sich sonst auf der Welt abzeichnet. Im Widerspruch zu einer verbreiteten Annahme muss sich sonst niemand beeilen, das Buch vor dem drohenden Untergang zu bewahren. Das Buch ist das einzige Medium, das – weltweit – einen fortwährenden Prozess ernsthafter Zerrüttung überstanden hat. Allerdings nicht in Brasilien. Hier werden viele Städte und Ortschaften ohne eine einzige Buchhandlung auskommen müssen, und Verlage stehen vor der Herausforderung, ihre Bücher zu den LeserInnen zu bekommen, während sie mit erheblichen Verlusten fertigwerden müssen.

Der Buchmarkt in der Krise

Verlage in Brasilien veröffentlichen bereits weniger neue Bücher, streichen solche, die sich nur langsam verkaufen, kurzfristig aus dem Programm und entlassen Personal. Nachdem Livraria Cultura und Saraiva, die beiden größten Buchhandelsketten Brasiliens, unter Zwangsverwaltung gestellt wurden, haben Dutzende von Läden geschlossen, Hunderte von BuchhändlerInnen ihre Jobs verloren, und die Einnahmen der Verlage gingen um vierzig Prozent oder mehr zurück. Das dadurch entstandene gewaltige Loch droht den Buchmarkt in Brasilien zu verschlingen.

Companhia das Letras musste das am eigenen Leibe erfahren. Da die größeren Verlage logischerweise die größten Gläubiger der Buchhandlungen sind, tragen sie am schwersten an der finanziellen Last. Dennoch verfügen wir über die Mittel, um die Krise zu überstehen: Die Gesellschafter der führenden Verlage sind finanziell in der Lage, in ihre Firmen zu investieren, und viele von uns wollen nicht nur unsere Unternehmen retten, sondern sind im Herzen Idealisten, die ihre Hand über ihre AutorInnen und LeserInnen halten möchten.

Ich habe einen der schlimmsten Momente meines privaten wie beruflichen Lebens durchgemacht, als ich, zum ersten Mal in 32 Jahren, sechs Angestellte entlassen musste, die seit langer Zeit ein Teil von Companhia das Letras waren und entscheidend zu dem beigetragen haben, was wir Tag für Tag aufgebaut haben. Ein Verlagshaus, das stets in der Lage war, die Menschen in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit zu begreifen, das Beste in jedem zu sehen und seine Entscheidungen mehr auf einem Gefühl gemeinsamer Harmonie zu gründen denn auf kalkulierter individueller Produktivität, sah sich gezwungen, seine eigene Kostenbasis zu überprüfen, in anderen Worten, Kosten einzusparen. Bei einer eigens einberufenen Besprechung, bei der die Gründe für diese traurige neue Realität dargelegt wurden, fragte eine Mitarbeiterin, ob sich die Entlassungen auf diese sechs beschränken würden. Mir brach die Stimme, als ich ihr eingestehen musste, dass ich das unmöglich garantieren konnte.

Wir brauchen Liebesbriefe an Bücher!

Da ich über die Fehler anderer nicht öffentlich urteilen, sondern den Buchmarkt im Allgemeinen einer aufrichtigen Selbstkritik unterziehen möchte, schreibe ich diesen offenen Brief, um alle miteinander – Verlagsleute, BuchhändlerInnen und AutorInnen – zu bitten, sich zusammenzutun und auf die Suche nach kreativen und idealistischen Lösungen zu begeben. Die solidarischen Netzwerke, die sich während der Wahlkampagnen in Brasilien gebildet haben, sind vielleicht ein gutes Beispiel dafür, was für Bücher heute getan werden kann. Briefe, WhatsApp-Nachrichten, E-Mails, Posts in den sozialen Medien und Videos, die mit Ehrlichkeit und offenem Herzen produziert werden, die Unterstützung anderer Beteiligter am Buchmarkt, vor allem der gefährdeteren – das alles ist jetzt mehr als willkommen: mitunter unentbehrlich. Was wir in diesem kritischen Augenblick benötigen, sind, unter vielem anderen, Liebesbriefe an Bücher.

Eckpfeiler unserer Gesellschaft

Diejenigen von Euch, für die die Liebe zu Büchern, wie für mich, geradezu ein Daseinsgrund ist, bitte ich, andere dazu anzuhalten, in dieser Weihnachtszeit Bücher zu kaufen; Bücher ihrer LieblingsautorInnen und Bücher neuer AutorInnen, auf die sie bereits neugierig waren. Kauft sie in den Buchhandlungen, die heldenhaft der Krise widerstehen, zeigt, dass Ihr ihre Hingabe zu schätzen wisst, aber kauft auch in den Läden, denen es schlecht geht und die unserer Hilfe bedürfen, um sich durchzuschlagen. Vor allem aber werbt für Bücher der kleineren Verlage, die heute Umsatz machen müssen, um morgen noch existieren zu können. Denkt an die humanistischen Verlage, die Vielfalt verteidigen, nicht nur hinsichtlich der Hautfarbe, des Geschlechts, des Glaubens und der Ideale, sondern hinsichtlich von Büchern mit verschiedenen kommerziellen Ambitionen, von bescheidenen bis zu wagemutigen. Bücher jeder Form und Größe müssen überleben. Denkt auch daran, wie das Leben ohne die »kleinen« Bücher wäre, und ich meine nicht nur in Bezug auf die Höhe der Auflage, sondern in Bezug auf das Anliegen, dessen sie sich annehmen. Nischenbücher sind so wichtig wie jeder Bestseller. Denkt an die Verlage, die sich mühen, sich mit knappen Ressourcen durchzuschlagen, weil sie möglicherweise nicht mehr da sind, wenn ihr das nächste Mal nach ihnen schaut. Jeder Verlag und jede Buchhandlung, die ihre Türen schließen, schließen noch viele mehr in unserem intellektuellen und emotionalen Dasein.

Heute Bücher zu verschenken bedeutet mehr, als einen Eckpfeiler unserer Gesellschaft zu unterstützen, einen kleinen Verlag zu retten oder einige Stellen bei einer größeren Firma. Letztlich geht es darum, Buchhandlungen landesweit einen Rettungsanker zuzuwerfen und ein wenig Liebe zu zeigen für etwas, das uns so lange so viel gegeben hat: dem Buch.

 

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Deutsch von Hannes Riffel

 

© 2018 by Luiz Schwarcz. Mit freundlicher Genehmigung.

Erschienen unter dem Titel »Love Letter to Books« am 27.11.2018 auf www.blogdacompanhia.com

Über den Autor

Luiz Schwarcz (*1956 in São Paulo) ist brasilianischer Autor und Verleger. Er gehört zu den Gründern von Companhia das Letras, des renommiertesten Verlags Brasiliens, und wurde für seine Arbeit mit dem Lifetime Achievement Award der London Book Fair ausgezeichnet.

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