Die Hugo Awards 1987: Das waren die Gewinner

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1987: Das waren die Gewinner


Die Buchreihe „Die Hugo Awards 1985-2000” gibt einen Überblick über die wichtigsten Gewinner des berühmten Hugo Awards. Welche Preisträger gab es 1987?

Die Verleihung der HUGO-Awards fand 1987 während der Conspiracy ’87 in Brighton statt. Toastmaster: Brian W. Aldiss.

Novel

Orson Scott Card: Speaker for the Dead

(1986 bei Tor; dt. Sprecher für die Toten, B 24103 und Bertelsmann Club)

Die Hugo Awards 1987: Das waren die Gewinner

Ein Doppelsieg für Orson Scott Card: Er ist der erste Autor in der Geschichte des Hugo, der in zwei aufeinander folgenden Jahren den Preis für den besten Roman erhalten hat. Das hat nach ihm nur noch Lois McMaster Bujold geschafft.

Speaker for the Dead ist eine indirekte Fortsetzung von Ender’s Game. Das Buch spielt ungefähr im Jahr 5270, also dreitausend Jahre nach den Ereignissen in Ender’s Game. Die Handlung beginnt auf dem Planeten Lusitania – ein alter Name für Portugal. Dort wurde eine Spezies entdeckt, die aufgrund ihres Aussehens porquinhos – Schweinchen – genannt wurde und die offensichtlich intelligent ist. Der Sternenwege-Kongress – also die Regierung der inzwischen einhundert besiedelten Welten – bestimmte, dass die Schweinchen auf keinen Fall in ihrer Entwicklung gestört werden dürfen und die Besiedelung Lusitanias vom Planeten Baía aus sehr behutsam vorgenommen werden muss. Lusitania wird unter katholischer Lizenz verwaltet und darf nur eine geringe Anzahl von Siedlern aufnehmen.

Ender Wiggin hat ein physisches Alter von 35 Jahren. Da er als »Sprecher für die Toten« von Welt zu Welt reiste, ist er während der letzten 3000 Jahre durch den relativistischen Flug kaum gealtert. Er befindet sich, gemeinsam mit seiner Schwester Valentine, auf der Welt Trondheim, und niemand außer Valentine weiß, dass der Sprecher Andrew Wiggin mit dem gehassten Xenoziden Ender identisch ist. Es gibt inzwischen viele andere Sprecher, bei deren Gemeinschaft es sich nicht um eine religiöse Vereinigung handelt, sondern deren Aufgabe es ist, das Leben eines Toten zu erforschen, Wahrheiten zu finden und diese den Hinterbliebenen zu verkünden.

Die Menschen verfügen über die Technologie des ›Verkürzers‹, eines Kommunikationsmittels, das auch über Lichtjahre hinweg Informationen verzögerungsfrei übermitteln kann – ähnlich dem ›Ansible‹, das wir bereits aus den Werken von Ursula K. Le Guin kennen. Ender erhält einen Ruf vom Planeten Lusitania und beschließt, dorthin zu reisen und seine Schwester auf Trondheim zurückzulassen.

Auf Lusitania existiert ein Virus, der Descolada genannt wird und der massive Auswirkungen auf die Pflanzenwelt des Planeten hat. Zwei Xenobiologen sind deshalb bereits gestorben und haben eine Tochter namens Novinha hinterlassen. Novinha hatte nach einem Sprecher gerufen, um Pipo zu ehren, der beim Kontakt mit den Schweinchen ums Leben gekommen ist. Aufgrund der Entfernung zwischen Trondheim und Lusitania vergehen zweiundzwanzig Jahre, bis Ender eintrifft. In der Zwischenzeit ist ein weiterer Xenobiologe namens Libo durch die Schweinchen gestorben, ebenso Novinhas Ehemann. Ender steht vor vielen Rätseln und findet nach und nach heraus, was auf Lusitania geschehen ist. Dabei liegt sein Interesse nicht nur bei den verzwickten Beziehungen zwischen den Siedlern und Novinhas Familie, sondern auch bei den rätselhaften Schweinchen, über die die Xenobiologen bisher nicht viel herausfinden konnten, weil sie von den Behörden des Sternenwege-Kongresses sehr streng überwacht und behindert werden. Darüber hinaus sucht Ender noch immer nach einer neuen Heimstatt für die Schwarmkönigin der Krabbler, die er mit sich führt, und vielleicht ist Lusitania die richtige Welt für diese Spezies.

Als der Sternenwege-Kongress entscheidet, dass die Kolonie auf Lusitania aufgelöst werden soll, trifft Ender eine folgenschwere Entscheidung: Er verhandelt direkt mit den Schweinchen, um ihnen durch die Weitergabe von Technologie und Wissen bei der Fortentwicklung ihrer Gesellschaft zu helfen. Die Verhandlungen sind erfolgreich und am Ende des Romans machen sich Enders Schwester Valentine, ihre Familie und einige Freunde auf den Weg von Trondheim nach Lusitania, um die rebellische Kolonie zu unterstützen.

Der Roman ist außergewöhnlich vielschichtig und diskutiert ethische, soziologische und moralische Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Besonders interessant sind die Schweinchen, die sich durch sehr komplexe Lebenszyklen und Gesellschaftsstrukturen auszeichnen.

Neben der Schwarmkönigin, die am Ende des Romans tatsächlich ein neues Zuhause findet, und den Schweinchen gibt es noch eine dritte, nichtmenschliche Intelligenz, die bereits ihre Anfänge im Vorgängerroman Ender’s Game hatte, in diesem Buch jedoch zum ersten Mal direkt in Erscheinung tritt. Aus dem Computerprogramm, mit dem Ender als Kind trainierte, entwickelte sich eine eigenständige Künstliche Intelligenz, die in unterschiedlichen Netzwerken existiert und per Verkürzer immer und überall mit Ender kommunizieren und ihm helfen kann.

Speaker for the Dead ist ein bedeutender Roman der 1980er Jahre, und es ist bedauerlich, dass er seit 1991 nicht mehr auf Deutsch nachgedruckt wurde.

Card schrieb noch zwei weniger beachtete Fortsetzungen, die die weiteren Entwicklungen des ENDER-Universums schildern: Xenocide (1991; dt. Xenozid) und Children of the Mind (1996; dt. Enders Kinder).

Speaker for the Dead wurde übrigens auch mit dem Kurd-Laßwitz-Preis als bestes ausländisches Werk ausgezeichnet.

Weitere Nominierungen:

Bob Shaw: The Ragged Astronauts

(1986 bei Gollancz; dt. Die Heißluft-Astronauten, H 4773)

William Gibson: Count Zero

(3 Teile, Januar bis März 1986 in ASIMOV’S; 1986 bei Gollancz und Arbor House; dt. Biochips, H 4529)

Vernor Vinge: Marooned in Realtime

(4 Teile, Mai bis August 1986 in ANALOG; 1986 bei Bluejay Books; dt. Gestrandet in der Realzeit, H 4566)

L. Ron Hubbard: Black Genesis

(1986 bei New Era; dt. Der Anfang vom Untergang, New Era)

 

Novella

Robert Silverberg: »Gilgamesh in the Outback«

(Juli 1986 in ASIMOV’S; dt. »Gilgamesch im Outback« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Heyne Science Fiction Jahresband 1988, H 4477)

Handlungsort der Erzählung ist die Unterwelt, auch das Outback genannt. Die Geschichte beginnt mit einem Dialog zwischen Gilgamesch, dem König von Uruk, und Julius Cäsar. Gilgamesch will mit den zu seinen Lebzeiten bekannten Waffen auf die Jagd gehen, weil er davon überzeugt ist, dass die Jagd eine Art von Zweikampf sei, bei der der Jäger auch ein Risiko tragen müsse. Cäsar hingegen weiß die modernen Waffen und Technologien der nach ihm gekommenen Toten zu schätzen, benutzt eine 9-Millimeter-Automatik und fährt in einem Jeep umher.

Gilgamesch ist betrübt darüber, seinen Freund Enkidu durch einen Streit verloren zu haben, und macht sich mit Pfeil, Bogen und Messer auf, um eine Höllenbestie zu erlegen. Zur gleichen Zeit sind Robert E. Howard und H. P. Lovecraft, die sich zu Lebzeiten nie persönlich begegnet sind, als Gesandte seiner Majestät Henry VIII. zum Hofe Prester Johns mit einem Jeep durch das Outback unterwegs. Sie werden Zeuge von Gilgameschs Kampf mit der Bestie, woraufhin Howard vor Ehrfurcht auf die Knie sinkt, weil er Gilgamesch für seinen Helden Conan hält. Gilgamesch hingegen ist abgestoßen von dem rotgesichtigen Howard, weil der ihn mit weibischen Blicken verfolgt.

Als sich Lovecraft und Howard ein Herz fassen und Gilgamesch über sein heldenhaftes Leben ausfragen wollen, werden sie plötzlich von berittenen asiatischen Horden angegriffen, und Gilgamesch wird durch einen Pfeil verwundet. Lovecraft präsentiert in einer mutigen Aktion das Papier, das sie als Gesandte ausweist, und sie werden zum Hof von Prester John geleitet, bei dem es sich eigentlich um den asiatischen Herrscher Yeh-lu Ta-shih handelt. König Henry VIII. strebt eine Allianz mit ihm an, um sich gegen seine Tochter Elizabeth zu wehren, die sich wiederum mit Mao Tse-Tung zusammenschließen will. Angeblich beabsichtigt Elizabeth, den Ausgang aus der Unterwelt ins Land der Lebenden zu finden. Yeh-lu Ta-shih will Gilgamesch, der in der Zwischenzeit von Albert Schweitzer ärztlich behandelt wurde, überreden, den Feldzug gegen Mao anzuführen. Denn Mao hat Enkidu zu seinem General gemacht, weshalb nur Gilgamesch als Feldherr infrage kommt. Als sich die Armeen gegenüberstehen, hat Maos Berater Ernest Hemingway einen Vorschlag: Anstatt die Armeen gegeneinander kämpfen zu lassen, könnte man nur einen Zweikampf zwischen Gilgamesch und Enkidu austragen, um die Schlacht zu entscheiden. Die beiden Helden kämpfen also gegeneinander, doch da sie ebenbürtig sind, kann keiner die Oberhand gewinnen. Da erkennen die beiden Freunde ihren Fehler, vergessen den Streit und ziehen versöhnt von dannen …

Silverberg war sich der Ähnlichkeit der Geschichte zu Philip José Farmers FLUSSWELT sehr wohl bewusst und bezeichnete daher »Gilgamesh in the Outback« als seine eigene Version des Stoffes.

Die Erzählung erschien nicht nur im Juli 1986 in ASIMOV’S, sondern im gleichen Jahr auch in der Anthologie Rebels in Hell (hrsg. von Janet Morris, Baen Books), dem dritten Band der Anthologieserie HEROES IN HELL, von der in den Jahren 1986 bis 1989 zwölf Bände erschienen sind. Seit 2011 wird die Serie mit jährlich einem Band fortgesetzt. Silverberg verarbeitete seine Erzählung später mit zwei Fortsetzungen zu dem Roman To the Land of the Living (1989 bei Gollancz; dt. Das Land der Lebenden, H 5542).

Weitere Nominierungen:

Kim Stanley Robinson: »Escape from Katmandu«

(September 1986 in ASIMOV’S; dt. »Flucht aus Katmandu« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Heyne Science Fiction Jahresband 2000, H 6342)

Lucius Shepard: »R&R«

(April 1986 in ASIMOV’S; dt. »Fronturlaub« in Donald A. Wollheim/Arthur W. Saha [Hrsg.]: World’s Best SF 6, B 24096; »R & R« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Schöne nackte Welt, H 4380, in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Ikarus 2001, H 6370)

Connie Willis: »Spice Pogrom«

(Oktober 1986 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Michael F. Flynn: »Eifelheim«

(November 1986 in ANALOG; dt. »Eifelheim« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Heyne Science Fiction Jahresband 1990, H 4650)

 

Novelette

Roger Zelazny: »Permafrost«

(April 1986 in OMNI; dt. »Leopard am Kilimandscharo« in Donald A. Wollheim/Arthur W. Saha [Hrsg.]: World’s Best SF 6, B 24096)

Auf dem Planeten Balfrost befindet sich Playpoint, seit Jahrhunderten einer der beliebtesten Ferienorte in diesem Sektor der Galaxis. Vom Spätfrühling bis zum Spätherbst, etwa fünfzig irdische Jahre lang, erholen sich hier zahlreiche Menschen. Doch in den fünfzig Jahre währenden Wintermonaten ist Playpoint nicht bewohnbar und wird von automatischen Systemen gewartet. Paul Plaige und Dorothy sind jetzt im Winter die einzigen Menschen auf Playpoint, das von Andrew Aldon bewacht wird, einem früheren Berufssoldaten, der sich bei seinem Tod entschieden hat, als Computerprogramm weiterzuexistieren. Aldon weiß, dass Paul schon früher einmal hier war. Damals hat er sich zusammen mit einer anderen Frau auf die Suche nach Bodenschätzen begeben, doch die Frau namens Glenda ist verschollen.

Jetzt will Paul erneut eine Exkursion in den unwirtlichen Dauerfrost unternehmen, obwohl Aldon ihn vor dem Unwetter warnt. Dorothy folgt Paul, ohne zu wissen, worauf sie sich einlässt.

Die totgeglaubte Glenda jedoch hat sich damals vor ihrem Tod mit einer halbintelligenten Wesenheit des Planeten verschmolzen und wartet nur darauf, an dem einstigen Geliebten Paul Rache nehmen zu können. Es kommt zur Konfrontation, in deren Folge auch Pauls Bewusstsein seinen Körper verlässt und die beiden auf ewig einen Kampf gegeneinander führen. Glenda kontrolliert die Natur und das Wetter, während Paul die Kontrolle über die hochentwickelte Technik von Playpoint hat. Aldon, der sich in die an dem Konflikt unschuldige Dorothy verliebt hat, flüchtet in einen Roboterkörper und verlässt mit ihr den Planeten.

Zelazny nutzt für die Geschichte unterschiedliche Erzähltechniken, unter anderem den ›stream of consciousness‹, um den Konflikt seiner Protagonisten zu verdeutlichen, und zeigt damit ein weiteres Mal, dass er einer der wichtigsten US-amerikanischen Vertreter der New Wave war. Für »Permafrost« erhielt er den letzten seiner sechs Hugos.

Weitere Nominierungen:

David Brin: »Thor Meets Captain America«

(Juli 1986 in F&SF; dt. »Thor Meets Captain America« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Wassermans Roboter, H 4513)

William Gibson: »The Winter Market«

(Frühjahr 1986 in INTERZONE; dt. »Der Wintermarkt« in Gibson: Cyberspace, H 4468)

Orson Scott Card: »Hatrack River«

(August 1986 in ASIMOV’S; dt. »Hatrack River« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 30. Folge, H 4446)

Vernor Vinge: »The Barbarian Princess«

(September 1986 in ANALOG; nicht auf Deutsch)

 

Short Story

Greg Bear: »Tangents«

(Januar 1986 in OMNI; dt. »Tangenten« in Hans Joachim Alpers [Hrsg.]: Kopernikus 15, M 3790, in Bear: Tangenten, H 5663)

Protagonist der Kurzgeschichte ist Pal Tremont, ein kleiner koreanischer Junge, der von einem US-amerikanischen Ehepaar adoptiert wurde. Pal verbringt seine Freizeit damit, in der Gegend herumzustreunen, und lernt an einem alten Farmhaus die verhinderte Schriftstellerin Lauren Davies kennen, die ihn auf ein Käsesandwich einlädt. In dem Haus lebt auch der etwas seltsame Peter Tuthy, der sich mit allerlei Computersimulationen beschäftigt und Pal das Prinzip des vierdimensionalen Raums erklärt. Pal ist ein Naturtalent und versteht das Prinzip auf Anhieb. So wie dreidimensionale Körper seltsame Formen annehmen, wenn sie eine zweidimensionalen Fläche durchdringen, müssen vierdimensionale Körper in unseren drei Dimensionen noch viel seltsamer wirken. Pal ist obendrein ein großes musikalisches Talent. Gemeinsam mit dem älteren Mann baut er eine Art Lautsprecher, der Töne in den vierdimensionalen Raum abgeben kann. So erwecken sie die Aufmerksamkeit der dort lebende Wesen, die Pal zu sich holen.

In der Zwischenzeit wird der Auftraggeber, für den Peter Tuthy normalerweise arbeitet, ungeduldig, weil er keine Ergebnisse zu sehen bekommt. Er droht damit, dass er Peter bei den Behörden melden wird. Denn Peter Tuthy ist illegal in den USA, nachdem er im Zweiten Weltkrieg für die britischen Geheimdienste am Enigma-Projekt gearbeitet hat, aber nach Kriegsende wegen seiner Homosexualität aus England fliehen musste. Sein wahrer Name lautet Peter Thornton.

Als schließlich die Polizei tatsächlich anrückt, taucht der asiatische Junge wieder auf und berichtet, dass es ihm gutgeht. Er holt Peter auch in den vierdimensionalen Raum, sodass der sich dadurch den Behörden entziehen und obendrein in Kontakt mit den Fremdwesen treten kann.

Die Idee dieser Geschichte ist originell, wenn auch in der SF nicht neu. Bereits Robert A. Heinlein hat sich in der Erzählung »And He Built a Crooked House« (Februar 1941 in ASTOUNDING; dt. »Das 4-D-Haus«) mit dem Problem des vierdimensionalen Raums auseinandergesetzt.

Die biografischen Details zum Leben von Peter Tuthy/Peter Thornton weisen starke und offensichtlich beabsichtigte Parallelen zum Leben von Alan Turing auf.

Weitere Nominierungen:

Isaac Asimov: »Robot Dreams«

(Dezember 1986 in ASIMOV’S; dt. »Roboterträume« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 30. Folge, H 4446)

Nancy Springer: »The Boy Who Plaited Manes«

(Oktober 1986 in F&SF; nicht auf Deutsch)

David S. Garnett: »Still Life«

(März 1986 in F&SF; nicht auf Deutsch)

James Patrick Kelly: »Rat«

(Juni 1986 in F&SF; dt. »Ratte« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: L wie Liquidator, H 4410)

 

Non-Fiction Book

Brian Aldiss with David Wingrove: Trillion Year Spree. The History of Science Fiction

(1986 bei Gollancz; dt. Der Milliarden-Jahre-Traum, B 28160 und B 24135)

Brian W. Aldiss (*1925) hatte bereits 1973 mit dem Sachbuch Billion Year Spree (dt. Der Millionen-Jahre-Traum) eine Geschichte der Science-Fiction-Literatur veröffentlicht und dafür den BSFA Award erhalten. Gemeinsam mit David Wingrove (*1954) erweiterte er das Buch auf fast den doppelten Umfang, und es erschien unter dem neuen Titel Trillion Year Spree: The History of Science Fiction (dt. Der Milliarden-Jahre-Traum).

Aus heutiger Sicht kann man feststellen, dass es sich dabei um eines der kenntnisreichsten, umfassendsten und unterhaltsamsten Bücher über die Geschichte der Science Fiction handelt, bei dem sich die Autoren auch nicht scheuen, persönliche Wertungen zu einzelnen Werken abzugeben. Die deutsche Ausgabe umfasst 940 Seiten. Der erste Teil thematisiert auf 200 Seiten die Anfangszeit der SF, beginnend bei Mary Shelleys Frankenstein, über Poe, Verne, Wells und Burroughs bis hin zu den Pulp-Magazinen und Campbells ASTOUNDING. Im zweiten Teil geht es dann um die moderne SF seit den Fünfzigern bis Mitte der achtziger Jahre. Um ihre Thesen zu veranschaulichen, arbeiten die Autoren oft mit sehr treffenden Zitaten aus den vorgestellten Werken. Man merkt dem Buch allerdings durchaus die literarischen Vorlieben der beiden Autoren an, denn obwohl einige Meisterwerke der SF ausführlich besprochen werden, werden andere wiederum nur kurz namentlich erwähnt.

Trotz kleiner Kritikpunkte haben Aldiss und Wingrove mit diesem Buch zweifellos einen Meilenstein auf dem Gebiet der SF-Sekundärliteratur geschaffen.

Weitere Nominierungen:

Frank Miller: The Dark Knight Returns

(1986 bei Warner/Titan; dt. Die Rückkehr des dunklen Ritters, Carlsen/Panini)

Thomas G. Smith: Industrial Light and Magic: The Art of Special Effects

(1986 bei Del Rey; nicht auf Deutsch)

Charles N. Brown & William G. Contento: Science Fiction in Print: 1985

(1986 bei Lucas Press; nicht auf Deutsch)

Paul Williams: Only Apparently Real

(1986 bei Arbor House; nicht auf Deutsch)

 

Dramatic Presentation

Aliens

(20th Century Fox; Drehbuch James Cameron; Story James Cameron & David Giler & Walter Hill; Regie James Cameron; dt. Aliens – Die Rückkehr)

Ridley Scott hatte 1979 mit dem Film Alien neue Maßstäbe für das Science-Fiction-Kino gesetzt. Der Regisseur James Cameron konnte mit The Terminator (1984; dt. Terminator) beweisen, dass er ebenfalls verstanden hat, wie Science Fiction im Kino aussehen kann. Allerdings war Cameron schon in das Alien-Projekt involviert, bevor Terminator ins Kino kam. Wenn er jedoch eine ähnlich stimmungsvolle Horrorvision wie den ersten Teil in Angriff genommen hätte, so wäre das für das Publikum schnell langweilig geworden. Also inszenierte er ein waffenstrotzendes Action-Spektakel.

Ellen Ripley, wieder gespielt von der beeindruckenden Sigourney Weaver, war die einzige Überlebende des Raumschiffs Nostromo. 57 Jahre später wird sie in ihrem Rettungsboot im Kälteschlaf gefunden. Die Firma, für die sie gearbeitet hat, schenkt ihren Erzählungen keinen Glauben und beschuldigt sie, falsch gehandelt zu haben. Ripley verliert ihren Job. Schließlich übernimmt sie einen Auftrag, um mit einer Untersuchungskommission herauszufinden, warum es keinen Kontakt mehr zu den Siedlern auf dem Planeten Acheron gibt – genau dem Planeten, auf dem die Crew der Nostromo die Alien-Eier gefunden hatte. Zusammen mit eine Schar GIs findet die Kommission jedoch eine zerstörte Station vor, die einzige Überlebende ist das Mädchen Newt. Aliens haben die Körper der toten Siedler als Nährboden für ihre Brut benutzt. Und dann beginnt der Kampf ums Überleben für die Menschen.

DER SPIEGEL schrieb damals: »Hinter dem vermeintlich trivialen Action-Entertainment seines Films verbirgt sich ein subtil-abgründiges Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers. Gewohnte Kräfteverhältnisse verkehren sich in ihr Gegenteil, der Stand der Dinge wird infrage gestellt, und daraus entsteht jene produktive Beunruhigung, die einen guten Horrorfilm stets auszeichnet.« Aliens – Die Rückkehr wurde für sieben Oscars nominiert und gewann zwei.

Weitere Nominierungen:

Star Trek IV: The Voyage Home

(Paramount; Drehbuch Steve Meerson & Peter Krikes & Harve Bennett & Nicholas Meyer; Story Leonard Nimoy & Harve Bennett; Regie Leonard Nimoy; dt. Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart)

The Fly

(Brooksfilms/20th Century Fox; Drehbuch David Cronenberg & Charles Edward Pogue; Story George Langelaan; Regie David Cronenberg; dt. Die Fliege)

Little Shop of Horrors

(Geffen; Drehbuch Howard Ashman; Regie Frank Oz; basiert auf dem Drehbuch der ersten Verfilmung 1960 von Charles B. Griffith; dt. Der kleine Horrorladen)

Labyrinth

(Delphi/Henson/Lucasfilm/TriStar; Drehbuch Terry Jones; Story Dennis Lee & Jim Henson; Regie Jim Henson; dt. Labyrith bzw. Die Reise ins Labyrith)

Professional Editor

Terry Carr

Die Hugo Awards 1987: Das waren die Gewinner

Im Vorjahr wurde Judy-Lynn Del Rey wenige Monate nach ihrem Tod zum besten professionellen Herausgeber gewählt. Anfang April 1987 starb Terry Carr im Alter von fünfzig Jahren und wurde posthum mit seinem zweiten Hugo als bester professioneller Herausgeber geehrt. Natürlich würdigte man damit sein gesamtes Schaffen.

Im Jahr 1986 erschienen die beiden von ihm herausgegebenen Anthologien Terry Carr’s Best Science Fiction of the Year #15 (Tor) und Universe 16 (Doubleday). Darüber hinaus war er Herausgeber von The Science Fiction Hall of Fame, Volume IV (Avon), in dem die Erzählungen der Gewinner des Nebula Award von 1970 bis 1974 versammelt sind. Außerdem erschien im Sommer 1986 Carrs Sachbuch Fandom Harvest.

Weitere Nominierungen:

Gardner Dozois
David Hartwell
Ed Ferman
Stan Schmidt

 

Professional Artist

Jim Burns

Durch Michael Whelans Bitte, ihn bei der Hugo-Wahl nicht zu berücksichtigen, hatten nun anderer Künstler größere Chancen, den Hugo zu gewinnen. Und der walisische Künstler Jim Burns (*1948) hatte es mehr als verdient. Burns studierte Ende der 1960er Jahre zunächst an der Newport School of Art und wechselte dann nach London an die Saint Martin’s School of Art, um ab 1972 für die neugegründete Agentur »Young Artists« zu arbeiten. Ab 1975 schuf er zahlreiche Buchcover, anfangs häufig für Romane von Autoren wie Jack Vance, Philip José Farmer und Robert Silverberg. Für kurze Zeit arbeitete er auch mit Ridley Scott an Entwürfen für den Film Blade Runner.

1986 schuf Burns unter anderem knapp zwanzig Titelbilder, darunter einige, die für die deutschen Ausgaben der Bücher übernommen wurden, wie Jack Williamsons Manseed (dt. Manseed), Jack Danns The Man Who Melted (dt. Der schmelzende Mensch), Robert Silverbergs Tom O’Bedlam (dt. Tom O’Bedlam) und Frank Herberts Eye (dt. Auge). Außerdem zeichnete er Innenillustrationen für Eye und für die Frühjahrsausgabe von INTERZONE. Bereits ein Jahr zuvor war bei Paper Tiger sein Bildband Lightship erschienen, der einen Überblick über Burns bisheriges Schaffen gibt. 1987 war Jim Burns übrigens auch »Artist Guest of Honour« während des WorldCons.

Weitere Nominierungen:

Frank Kelly Freas
Don Maitz
Barclay Shaw
Tom Kidd
J. K. Potter

 

Semiprozine

LOCUS (Charles N. Brown)

Auch 1986 gab es jeden Monat eine Ausgabe von LOCUS mit gleichbleibendem Umfang von 52 bis 66 Seiten. Interviewt wurden in diesem Jahr unter anderem David Brin, Katherine Kurtz, Barbara Hambly, Tim Powers, Anne McCaffrey, Clive Barker, Brian W. Aldiss, Keith Roberts und Malcolm Edwards. Fritz Leiber schrieb seine Rubrik »Moons & Stars & Stuff«, Boris Zavgorodny und John H. Costello berichteten über Neuigkeiten aus der Sowjetunion, und es wurden mehrere Berichte über internationale SF veröffentlicht, insbesondere über Frankreich, Italien, China und Polen. Jack Vance, Poul Anderson, Charles N. Brown und andere verfassten Nachrufe auf Frank Herbert und Judy-Lynn del Rey wurde posthum von Betty Ballantine, Frederik Pohl, Robert Bloch, Robert Silverberg und Arthur C. Clarke geehrt. Rezensionen wurden von Faren Miller, Dan Chow und Debbie Notkin geschrieben und es gab Briefe von Frederik Pohl, Ben Bova, John Shirley, Ursula K. Le Guin, Poul Anderson, Michael Moorcock, Algis Budrys, Harlan Ellison, Arthur C. Clarke und vielen anderen.

Weitere Nominierungen:

INTERZONE (David Pringle & Simon Ounsley)
SCIENCE FICTION CHRONICLE (Andrew Porter)
SCIENCE FICTION REVIEW (Richard E. Geis)
FANTASY REVIEW (Robert A. Collins)

 

Fanzine

ANSIBLE (Dave Langford)

ANSIBLE erscheint seit 1979 und ist ein Nachrichtenfanzine, das Informationen über Science Fiction und das Fandom bringt. Es wird von David Langford (*1953) herausgegeben und auch fast ausschließlich von ihm allein geschrieben. Der Name ›Ansible‹ stammt aus den Erzählungen von Ursula K. Le Guin und bezeichnet einen überlichtschnellen Kommunikator.

In der Anfangszeit erschien das Fanzine meist monatlich, in den 1980er Jahren wurden die Abstände etwas größer, allerdings gab es dann auch längere Gastartikel von Autoren wie Christopher Evans, Patrick Parrinder, Charles Platt und Terry Pratchett.

Ausgerechnet 1987, also in dem Jahr, als er seinen ersten Hugo erhielt, wuchs Langford die Produktion und der Vertrieb des Fanzines über den Kopf, und er beschloss, es mit Ausgabe 50 einzustellen. Doch im September 1991 sollte es bereits weitergehen …

Weitere Nominierungen:

FILE 770 (Mike Glyer)
No Award
LAN’S LANTERN (George Laskowski)
TEXAS SF INQUIRER (Pat Mueller)
TRAPDOOR (Robert Lichtman)

 

Fan Writer

Dave Langford

Langford hat nicht nur das beliebteste Fanzine des Jahres produziert, sondern war auch wieder einmal der beste Fanautor. Neben seinem Fanzine ANSIBLE erschienen weiterhin seine kritischen Kolumnen (siehe 1985).

Weitere Nominierungen:

Patrick Nielsen Hayden
Simon Ounsley
Mike Glyer
No Award
D. West
Arthur D. Hlavaty

 

Fan Artist

Brad W. Foster

Der Texaner Brad W. Foster (*1955) ist Illustrator, Cartoonist, Autor und Verleger. Er hält bis heute den Rekord der meisten Nominierungen in der Rubrik ›Best Fan Artist‹ (26 Mal) und hat den Hugo acht Mal gewonnen. Er hat in Texas Design und Kunst studiert und gründete 1977 den Kleinverlag Jabberwocky Graphix, in dem er anfangs hauptsächlich seine eigenen grafischen Arbeiten und Comics herausbrachte, später aber auch Arbeiten von über 300 Künstlern aus aller Welt.

1986 zeichnete er unter anderem die Cover für das Sachbuch Science Fiction Detective Tales. A Brief Overview of Futuristic Detective Fiction in Paperback von Gary Lovisi, die Fanzines AURORA (Winter 1986) und SCIENCE FICTION CHRONICLE #87 (December 1986), aber auch Illustrationen für AMAZING und Cartoons für SCIENCE FICTION CHRONICLE und Con-Magazine.

Weitere Nominierungen:

Arthur (ATom) Thomson
Taral Wayne
Stu Shiffman
Steve Fox

 

Campbell Award

Karen Joy Fowler

Die US-Amerikanerin Karen Joy Fowler (*1950) debütierte 1985 zeitgleich mit den Erzählungen »Praxis« (März 1985 in ASIMOV’S; dt. »Praxis«) und »Recalling Cinderella« (März 1985 in der Anthologie L. Ron Hubbard Presents Writers of the Future, Vol I, hrsg. Algis Budrys; dt. »Rückrufaktion für Cinderella«). Bis Ende 1986 folgten ein halbes Dutzend weitere Erzählungen in ASIMOV’S und F&SF sowie ihr erster Erzählungsband Artifical Things (1986 bei Bantam Spectra; dt. Künstliche Dinge, H 4821), dem sie den Campbell Award zu verdanken hat.

Bis heute erschienen rund drei Dutzend weitere Erzählungen, von denen die meisten in den Büchern Black Glass (1998; World Fantasy Award 1998), What I Didn’t See and Other Stories (2010; World Fantasy Award 2010) und The Science of Herself plus … (2013) gesammelt vorliegen. Für die Erzählungen »What I Didn’t See« (11. Juli 2002 in SCI FICTION auf SciFi.com) und »Always« (April 2007 in ASIMOV’S) erhielt sie jeweils einen Nebula Award. Darüber hinaus schrieb sie vier Romane, von denen die Erstkontaktgeschichte Sarah Canary (1991; dt. Sarah Canary bzw. Das Geheimnis der Sarah Canary) der bedeutendste ist. Mit dem nichtphantastischen Roman The Jane Austen Book Club (2004 bei Putnam; dt. Der Jane Austen Club) verfasste sie einen Bestseller, der auch verfilmt wurde.

2010 gab sie gemeinsam mit Debbie Notkin das Buch 80! Memories & Reflections on Ursula K. Le Guin heraus, in dem sowohl Kurzgeschichten als auch Sachtexte versammelt sind, die mit der Person und dem Werk von Ursula K. Le Guin in Zusammenhang stehen.

Weitere Nominierungen:

Lois McMaster Bujold
No Award
Katherine Eliska Kimbriel
Rebecca Brown Ore
Leo Frankowski
Robert Reed

 

 

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Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1985-2000” (erschienen 2016 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

© 2016 by Hardy Kettlitz

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