Kolumne von Stephen H. Segal: Die Weisheit der Nerds: Alan Moore

KOLUMNE

Die Weisheit der Nerds: Alan Moore


Von den 1950ern bis in die 1980er Jahre veröffentlichte DC Comics hin und wieder Superman-Geschichten mit ausgefallenen Szenarien, die nicht Teil der regulären, monatlich erscheinenden Reihe waren. Die Herausgeber kennzeichneten diese amüsanten Gedankenspiele (Superman als Präsident! Supermans aufmüpfiger Sohn! Superman und Batman als adoptierte Brüder!), indem sie „Eine erfundene Geschichte“ aufs Cover schrieben – in Abgrenzung zu der echten und „historisch korrekten“ fortlaufenden Saga mit dem gängigen Superman. Diese Formulierung wirft allerdings eine sehr naheliegende Frage auf, die der Pionier postmoderner Comics, Alan Moore, dann auch schließlich mit Erlaubnis von DC in der Einleitung zu Superman #423 stellen durfte. Ja, diese Geschichten sind alle erfunden – auch wenn wir das bei besonders stimmigen fiktionalen Welten gerne vergessen. Ob nun DC, Marvel Comics oder das Star-Trek-Franchise: All diese gewaltigen Erzählwelten haben Fans hervorgebracht, die nicht nur die Serienfiguren über alles lieben, sondern auch unglaublich gerne alle möglichen Details miteinander verknüpfen. Genau deshalb regen sich Geeks auch so sehr darüber auf, wenn ihr Lieblingstitel rebooted und alles, was bislang gültig war, über den Haufen geworfen wird. Aber genau so wachsen und überdauern Legenden: indem sie immer wieder neu erzählt werden. Würde sich heute noch irgendjemand an Herkules erinnern, wenn der griechische Geschichtenerzähler, der ihn erfand, auf schöpferischer Kontrolle bestanden hätte? Angenommen, der Bänkelsänger, der im 15. Jahrhundert Lieder über Robin Hood sang, hätte allen nachfolgenden Dichtern eigene Abwandlungen untersagen können – hätte es dann jemals Lady Marian und Richard Löwenherz gegeben? Natürlich fällt es schwer, bei einem Dauerbrenner von fast schon epischen Dimensionen zu sagen: „Ach, weißt du, es war großartig, aber ich langweile mich – fangen wir doch einfach von vorne an und machen alles anders.“ Aber es gibt wahrscheinlich keine bessere Methode, um aus einer ziemlich guten Geschichte einen zeitlosen Mythos zu machen.


Die nächste Weisheit zur Wochenmitte gibt es wieder am kommenden Mittwoch. Dann erwartet euch eine neue nerdige Erkenntnis aus Stephen H. Segals Buch "Die Weisheit der Nerds".

 

 

Aus dem Amerikanischen von Achim Fehrenbach

 

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First published in English by Quirk Books, Philadelphia, Pennsylvania.
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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