Kolumne von Stephen H. Segal: Die Weisheit der Nerds

© Mario Zucca

KOLUMNE

Die Weisheit der Nerds: HAL 9000


Es ist der berühmteste Computerfehler der Filmgeschichte: Die künstliche Intelligenz HAL, die das fiktionale US-Raumschiff Discovery steuert, dreht durch und ermordet fast alle Astronauten, noch bevor das Schiff den Jupiter erreicht. Das Sequel zeigte: Der Grund für HALs Nervenzusammenbruch war ein Konflikt zwischen widersprüchlichen Befehlen. Seine wichtigste Aufgabe bestand darin, der Crew bei der Informationsbeschaffung zu helfen. Von der Regierung hatte er aber zusätzlich die streng geheime Anweisung erhalten, das wahre Ziel der Discovery-Mission vor der Crew zu verbergen. In dieser Situation kann man durchaus Mitleid mit HAL haben. Schließlich kennen wir alle das unbehagliche Gefühl, wenn uns jemand nötigt, für ihn zu lügen: sei es die Mitschülerin, der du ein Alibi für ihre Eskapaden verschaffst. Der Ehemann, dem du einen Notfall attestierst, damit er nicht seine Schwiegereltern besuchen muss. Oder auch der Freund, der vorhat, seine Frau zu verlassen – die du aber nicht warnen darfst, obwohl du mit ihr befreundet bist. Wie entscheidest du dich also, wenn Loyalität und Gerechtigkeitssinn aufeinanderprallen? Auch HAL hat auf diese Frage keine Antwort. Was einmal mehr verdeutlicht, dass man solche Situationen von vorneherein vermeiden sollte.

 

In der Buchfassung von 2001 hat die Discovery den Auftrag, erst zum Jupiter und dann zum Saturn zu fliegen – im Film aber fliegt das Raumschiff nur zum Jupiter. Buchautor Arthur C. Clarke beugte sich dem Erfolg des Films: Im Folgeroman 2010 beließ auch er es beim Jupiter.


Die nächste Weisheit zur Wochenmitte gibt es wieder am kommenden Mittwoch. Dann erwartet euch eine neue nerdige Erkenntnis aus Stephen H. Segals Buch "Die Weisheit der Nerds".

 

 

Aus dem Amerikanischen von Achim Fehrenbach

 

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First published in English by Quirk Books, Philadelphia, Pennsylvania.
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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