"Fantasy von Frauen lese ich grundsätzlich nicht": Zur Sichtbarkeit von Autorinnen in der Phantastik

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BUCH

"Fantasy von Frauen lese ich grundsätzlich nicht": Zur Sichtbarkeit von Autorinnen in der Phantastik


Romy Wolf
16.06.2018

Blümchen auf dem Cover, gefühliger Klappentext und ein weiblicher Autorenname. Gehört irgendwie zusammen, oder? Der Verdacht liegt nahe, dass Phantastik von Frauen viel häufiger mit "Romantic Fantasy" gleichgesetzt und für eine extra weibliche Leserschaft zurechtgemacht wird. Muss das sein?

“Der weibliche Tolkien ist gestorben” - so titelte die Welt am 24.1.2018 ihren Beitrag zum Tod Ursula K. Le Guins. Dass eine der einflussreichsten Autorinnen der Phantastik in der Überschrift ihres Nachrufs nicht einmal namentlich genannt und stattdessen mit einem Mann verglichen wurde, mit dem sie denkbar wenig gemein hatte, sagt viel über die Sichtbarkeit von Autorinnen in der Phantastik aus.

Denn während der Autor des Artikels davon ausgeht, dass selbst genrefremde Leser J.R.R. Tolkien zumindest zuordnen können, bedarf es bei Ursula K. Le Guin eines männlichen Vergleichsautoren, damit der durchschnittliche Zeitungsleser versteht, worum es überhaupt geht. Während nicht zuletzt dank der Serienadaptionen Phantastik-Autoren wie G.R.R. Martin und Neil Gaiman längst salonfähig geworden sind, tut man sich mit Autorinnen immer noch schwer.

Nun ist es nicht so, dass es in der Branche keine guten und auch erfolgreichen Autorinnen gibt. Dennoch wäre es falsch zu behaupten, dass schreibende Männer und Frauen gleich rezipiert werden. In der Szene existiert eine Trennlinie zwischen den Geschlechtern, die zumindest in Publikumsverlagen relativ deutlich am Genre festgemacht werden kann. Männliche Autoren schreiben die eher anspruchsvollen, tiefgründigen und auch blutigen Bücher, während Frauen in erster Linie vornehmlich im – nicht sonderlich respektierten - Genre Romantasy zuhause sind. Zumindest ist dies der Eindruck, der beim Betrachten der Auslagen im Buchhandel und auch den Katalogen der größeren Verlage schnell entstehen kann.

Ein Blick in die Verlagsprogramme

Die Programmvorschau des Piper Verlags für den Herbst bewirbt vier SF-Hardcover aus der Feder von Männern. Die Hardcover-Vorschau der Sparte Fantasy listet fünf Titel von Autoren, und lediglich einer Autorin. Bei den Taschenbüchern sind acht Autoren dabei, und vier Titel von Autorinnen, von denen zumindest zwei ganz klar eine weibliche Zielgruppe ansprechen sollen. Und wer sich das  Programm des Heyne Verlags ansieht, wird schnell feststellen, dass Genres wie SF und Horror fast ausschließlich von Männern bespielt werden. In der Fantasy sieht es zunächst etwas besser aus – allerdings sind viele der Autorinnen gleichzeitig auch bei der Romantasy eingeordnet, während die männlichen Kollegen eben die „richtige“ Fantasy schreiben.  

Schreiben Frauen tatsächlich weniger SF und Horror? Oder haben sie es schwerer, als Frauen einen Programmplatz zu ergattern, weil ihnen weniger zugetraut wird?  Oder sind ein Teil der männlichen Autorennamen auf SF-, Fantasy- und Horrorbüchern etwa bloß Pseudonyme von Frauen? So wie Joanne K. Rowling auf Anraten des Verlags die ersten „Harry Potter“-Bände als „J. K. Rowling“ veröffentlichte? (Und wer kann ihr das verübeln, wenn man als Fantasy-Autorin auch schon mal ins Gesicht gesagt bekommt, dass Fantasy von Frauen grundsätzlich nichts tauge?) Was sagt uns das über die Stellung von Autorinnen in Genres, die nicht spezifisch an Frauen vermarktet werden?

Wir sind alle Sexisten

„Kein Verlag wird ein gutes Buch ablehnen“, lautet das Argument vieler Kollegen, und damit haben sie sicherlich Recht. Aber, und da kommen wir zum springenden Punkt: Was ein gutes Buch ist, ist in vielerlei Hinsicht eine sehr subjektive Sache. Eine unkonventionelle Heldin, die bei einem Autor wortlos abgenickt wird, kann einer Autorin schnell als „feministische Propaganda“ ausgelegt werden.

Noch immer sind in der Werbung in erster Linie Frauen diejenigen, die mit großem Enthusiasmus den ganzen Tag das Bad putzen und auf die Kinder aufpassen. Dass wir diese Stereotypen verinnerlichen, geschieht praktisch automatisch. Verlagsmitarbeiterinnen, die Manuskripte sichten und einkaufen, sind davon nicht ausgenommen. Unter der Oberfläche setzt sich so ein internalisierter Sexismus fest, der als solcher nicht sofort erkennbar ist.

Es heißt nicht umsonst, dass Namen Macht besitzen. Was passiert also, wenn eine Frau ein sehr technikaffines SF-Manuskript einreicht? Wird nicht zumindest unbewusst genauer unter die Lupe genommen, ob der Weltenbau und die technische Seite Sinn ergibt? Frauen mit geekigen Hobbys erleben immer wieder, dass sie Männern gegenüber ihren „Geek Credibility“ beweisen müssen, um ernst genommen zu werden. Kann es sein, dass ihnen das im Verlagswesen auch geschieht?

Und ist es nicht auch möglich, dass selbst veröffentlichte SF von Autorinnen nicht als solche wahrgenommen oder vermarktet wird, sobald sich darin ein romantisches Element wiederfindet,  und entsprechend vom Buchhandel einsortiert und damit für Nicht-Frauen de facto unsichtbar wird? 

Bitte jeder nur einen Tisch

In gängigen Buchhandelsketten sind die Bücher streng nach Cover sortiert: Auf den einen Tisch kommt alles, was Schnörkel in der Schrift hat und verspricht, die weiblichen Leser anzusprechen, während auf dem anderen Tisch die Bücher landen, die auch  „männergeeignet“ sind. Tatsächlich kann man in vielen Fällen alleine am Buchcover erkennen, ob der Roman von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde. Und darum muss die Frage erlaubt sein: Wieso ist das so? Schreiben Frauen tatsächlich lieber für Mädchen und fürs Herz, oder sind da nicht auch andere Mechanismen am Werk? Was bedeutet das für die Sichtbarkeit und Rezeption von Phantastik-Autorinnen?

Man sollte sich nicht wundern, dass in einer Zeit, in der Kinos “Men’s Nights” mit gängigen Actionfilmen und “Ladies Nights” mit romantischen Komödien veranstalten, sich der Buchhandel dieser Entwicklung anschließt. Interessant ist dabei, wie sehr die Verlagswelt und der Buchhandel bemüht scheinen, Bücher von Frauen mit weiblicher Hauptrolle grundsätzlich auf den Romantikanteil zu reduzieren, um sie so gezielt an ein weibliches Publikum zu vermarkten. Frauen, so scheint es dann, schreiben nun mal nur für Frauen. Das Ganze erinnert ein wenig in die Einteilung von Überraschungseier,  und Überraschungseier für Mädchen.

Als aus „Catching Fire“ die „Gefährliche Liebe“ wurde

Schaut man sich zum Beispiel die deutschen Titel und die Cover von Maggie Stiefvaters „Raven Boys“-Quartett an, dessen zweiter Band im Englischen schlicht „The Dream Thieves“ heißt und mit einem passendem neutralem Cover-Design versehen ist, trägt dieser Band im Deutschen den Titel „Wer die Lilie träumt“, und wird mit einem eher femininen Cover vermarktet. Die „Shades of London“-Reihe von Maureen Johnson liest sich eher wie ein Urban Fantasy-Krimi mit sehr kleinem Romantikanteil. Trotzdem ist das deutsche Cover eindeutig für die Zielgruppe Frauen aufgemacht.

Und selbst Bestseller wie „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins sind davor nicht gefeit: Der deutsche Verlag ließ es sich nicht nehmen, den Buchumschlag mit einem Frauengesicht zu versehen, und den zweiten Band, „Catching Fire“, mit „Gefährliche Liebe“ zu übersetzen. 

Aufgrund von Mechanismen wie diesen wird die Sichtbarkeit von Autorinnen künstlich auf ein einziges Untergenre beschränkt, das darüber hinaus selbst innerhalb eines vom Feuilleton ohnehin geschmähten Genres ein nochmal niedrigeres Ansehen erfährt. Und ist das nicht irgendwie interessant, dass einem Untergenre, das in erster Linie von Autorinnen bedient und von Frauen gelesenen wird, ganz selbstverständlich Relevanz und Tiefgründigkeit abgesprochen wird? Diese Bücher sind eben im allgemeinen Verständnis genau das: „nur“ Fantasy für Frauen, von Frauen, denen selten derselbe Respekt entgegen gebracht wird wie den Werken von männlichen Kollegen.

Der Gedankengang scheint vor allem in Hinblick auf die Rezeption eines weiteren Genres, in dem sich hauptsächlich Autorinnen und Leserinnen tummeln - dem Liebesroman – nicht abwegig zu sein. Vor allem, wenn wir uns verdeutlichen, dass eben jene Romane gerne von Literaturkritikern und anderen selbstberufenen Experten lapidar  als „Pornos für Frauen“ abgetan werden, ohne sich überhaupt mit dem feministischen und oft gesellschaftskritischen Anspruch dahinter auseinander zu setzen.

Es gibt keine einfachen Antworten

Dieser Beitrag will und kann keine Antworten liefern. Einige Aussagen sind bewusst provozierend gewählt, um Denkanstöße zu liefern oder gar dabei zu helfen, eigene eingefahrene Denkmuster einmal abzuklopfen. Die Debatte um Sichtbarkeit von Frauen und Sexismus lässt sich nicht über Nacht lösen. Vorhaltungen und Schuldzuweisungen bringen uns ebenso wenig weiter wie eine „Wir gegen Die“-Mentalität. Ich glaube auch nicht, dass im Verlagswesen eine bewusste Diskriminierung stattfindet, sondern dass die Mechanismen so eingefahren und subtil sind, dass wir sie kaum noch wahrnehmen.

Es mag sein, dass Frauen tatsächlich weniger SF oder Grimdark-Fantasy schreiben. Doch so lange wir keine definitiven Antworten auf diese Fragen haben, und in den Genres so ein eindeutiges Gefälle stattfindet, sollten wir uns öfters mal die Zeit nehmen und überlegen, wie objektiv wir schreibende Frauen in der Phantastik tatsächlich beurteilen, und ob wir Phantastik von Frauen ebenso viel zutrauen wie der von Männern. 

 

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