Kolumne von Stephen H. Segal: Die Weisheit der Nerds

KOLUMNE

Die Weisheit der Nerds: William Thatcher


Diese Frage steht im Zentrum der romantischen Mittelalter-Komödie Ritter aus Leidenschaft. Der Film ist ein hervorragendes Beispiel dafür, a) wie einfach es ist, die moderne Wissenschaft der Astronomie mit der archaischen Praxis der Astrologie zu verschmelzen und b) wie dichterisch befriedigend es sein kann, das zu tun – solange man das Ganze nicht zu ernst nimmt. Die Frage taucht erstmals auf, als ein nörgelnder alter Knappe dem Dorfjungen William versichert, dass, wer Ritter werden wolle, auch die Sterne beeinflussen können müsse. Der Knappe erlaubt sich nur einen Spaß mit William – für ihn haben die Sterne und die Menschen nichts miteinander zu tun. Aber Williams Vater ist anderer Meinung: Ein Mann, sagt er, muss nur mutig und entschlossen sein, dann kann er im Leben alles erreichen. William nimmt sich den Rat zu Herzen und widmet sein Leben fortan dem Versuch, „seine Sterne neu zu ordnen“. Das Possessivpronomen steht nicht ohne Grund da: Die Sterne sind keine Metapher für ein mechanistisches Universum, sondern spiegeln das Schicksal des Ritteranwärters. Der reichlich ungebildete William akzeptiert die Astrologie als eine Macht, die uns kontrolliert, kehrt das Verhältnis aber um: Er selbst ist es, der sein Schicksal bestimmt – und damit den Lauf der Sterne verändert. Der Ritter aus Leidenschaft zeigt uns, wie die Kraft der Mythen und Metaphern unsere Erzählung von uns selbst beeinflusst, und damit auch unser Leben.


Die nächste Weisheit zur Wochenmitte gibt es wieder am kommenden Mittwoch. Dann erwartet euch eine neue nerdige Erkenntnis aus Stephen H. Segals Buch "Die Weisheit der Nerds".

 

 

Aus dem Amerikanischen von Achim Fehrenbach

 

Copyright © 2011 by Quirk Productions, Inc.
All rights reserved.
First published in English by Quirk Books, Philadelphia, Pennsylvania.
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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