Annalee Newitz: Der Futurismus der kanadischen Prärie

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ESSAY

Der Futurismus der kanadischen Prärie


Annalee Newitz
03.06.2018

"Mit Autonom bringt Annalee Newitz den Cyberpunk ins 21. Jahrhundert" (Barnes & Nobles) – und obwohl das Buch im Jahr 2144 spielt, scheint uns das Kanada der fernen Zukunft irgendwie vertraut zu sein. Ein kleiner Essay darüber, wie man über die Zukunft schreibt, ohne die Vergangenheit zu vergessen.

 

Wen es nach Regina, die Hauptstadt der kanadischen Provinz Saskatchewan, verschlägt, der kann abends in die Bar The Fat Badger gehen, ein paar Münzen in die Jukebox werfen und einen der alten Country-Songs der Prairie hören. Nur dass die Jukebox mein Cousin ist, ein ruhiger Typ namens Marshall Burns, der in seiner Band The Alley Dawgs Gitarre spielt und auf Wunsch so viele Klassiker singt, wie die Band nur draufhat (und das sind eine ganze Menge). Einen ganz ähnlichen Abend hätte man hier auch schon vor 80 Jahren erleben können, und wird es vielleicht noch in 180.

Apokalypse und Utopie

Vor zwei Sommern, ich hatte gerade einen ersten Entwurf für meinen Roman Autonom verfasst, sah ich Marshall beim Spielen zu und dachte über die Zukunft nach. Damals trat er in der Leopold’s Tavern auf, und ich war mit ein paar Leuten aus meiner Familie gekommen, nach einem ausgedehnten Essen, bei dem wir uns lebhaft über Politik und Kunst unterhalten hatten. Das gehört vielleicht zu den Dingen, die wir im Fall einer Apokalypse häufiger tun würden, ging mir durch den Kopf. Nachdem wir tagsüber in der zerstörten Ödnis gejagt und gesammelt hätten, würden wir uns vielleicht in einer Notunterkunft zusammenfinden. Sicher würde jemand aus unserer Familie dann anfangen zu singen, und wir würden mit einstimmen, um nicht länger über die Hungersnot und die Seuchen und die Feuersbrünste nachdenken zu müssen.

Genau das Gleiche würden wir aber auch in einer utopischen Zukunft tun. Ich stelle mir vor, wie uns klimaneutrale Farmen umgäben, die Pflanzen von Sensoren und Satelliten überwacht. Dank einer für jedermann zugänglichen wissenschaftlichen Ausbildung würden unsere Gehirne vor Ideen zur so sprühen. Nach einem produktiven Tag in den Feldern oder Laboren würden wir uns in einer genossenschaftlichen Kneipe versammeln und uns in der Solidarität unserer sozialistischen Agrargesellschaft die Seele aus dem Leib singen. Wir würden übrigens richtig toll klingen, denn unsere Stimmbänder hätten wir mit Open-Source-Gewebemodifikationen optimiert.

Ein Country-Song über einen Roboter

Vielleicht klingt es ein bisschen seltsam, dass Marshalls alte Lieder mir diese lebhaften, gegensätzlichen Zukunftsbilder eingeben. Doch gerade in solchen anachronistischen Augenblicken sehe ich die Zukunft deutlich vor mir. Wenn wir in der Bar einer modernen Stadt noch immer die traditionelle Musik der Prairie hören, dann scheint mir das eine Art Garantie zu sein, dass zukünftige Menschen auch uns noch zuhören werden. Während Marschall sang, konnte ich mir vorstellen, dass noch kleine Zerrbilder meiner eigenen Kultur lebendig sein werden, wenn die Welt sich längst verändert hat.

Aus dem Grund habe ich etwa ein Jahr später Marshall gefragt, ob er, inspiriert durch meinen Roman, einen Country-Song für einen Buchtrailer schreiben könnte. Wenn Marshall nicht als menschliche Jukebox agiert, dann tourt er als Profimusiker mit seiner Indie-Rock-Band Rah Rah durch die Gegend, also nahm er meine Bitte ziemlich ernst (auch, weil er ein ziemlich ernsthafter Typ ist). Es erschien ihm reichlich seltsam, einen Country-Song über einen Roboter zu schreiben, und aus genau dem Grund mochte ich die Idee. Das ist genau die Mischung aus Vergangenheit und Zukunft, die ich in der Musikszene von Regina und überhaupt an vielen Orten in der kanadischen Prärie erlebt habe. 

AUTONOMOUS

In der Provinz Saskatchewan gibt es Weltklasse-Universitäten und Hightech-Farmen neben kleinen Städtchen mit Schulen, die nur aus einem Klassenzimmer bestehen. Wer in eine Bar in Saskatoon geht, der wird dort auf Wissenschaftler und Künstler treffen, die Seite an Seite mit Farmern und Arbeitern aus den Ölfeldern trinken. Ich will damit nicht behaupten, dass die Mischung aus Tradition und Moderne hier perfekt ist – die Ureinwohner von Saskatchewan leiden noch immer unter dem historischen Unrecht der Kolonialisierung. Kanadas Zukunft wird von seiner Vergangenheit belastet, noch immer gibt es Konflikte, die Wunden sind nicht verheilt.

"Mach ihn traurig"

All das wollte ich in Autonom darstellen – es geht in dem Roman darum, wie die Zukunft eine Prärie erreicht, die noch vom Blut alter Verbrechen getränkt ist. Als ich Marshall mit einem Autonom-Song beauftragte, bat ich ihn daher: „Mach ihn irgendwie traurig.“ Sein Song über den Roboter Paladin – der die Protagonistin Jack Chen über die Prärie jagt, in der sie geboren wurde – ist lustig und traurig zugleich. In den altvertrauten Gitarrenrhythmen klingen Humor und Selbstironie der Prärie mit, immer getragen von aufrichtiger Bescheidenheit. Und in dem Text kommt Protest gegen Ungerechtigkeiten zum Ausdruck, der die Zeiten überspannt, vom großen Rebellen und Métis-Anführer Louis Riel im 19. Jahrhundert bis zu den versklavten Robotern im Saskatchewan der Zukunft.

Durch Marshall lernte ich die in Regina ansässige Filmemacherin Sunny Adams kennen, die die großartigen Bilder für das Video schuf. In einem animiertem Kaleidoskop sieht man Szenen aus Autonom – die Prärie von Saskatchewan, die Wälder des Nordens, Wissenschaft und Roboter. Es gibt auch jede Menge Easter Eggs für Leute, die Autonom schon gelesen haben – bei Sunnys Donutmaschine läuft es einem kalt den Rücken runter.

Der Futurismus der kanadischen Provinz

Was Marshall und Sunny mit ihrem Musikvideo erschaffen haben, kann man eigentlich nicht einen Buchtrailer nennen. Natürlich wurde das Video von meinem Roman inspiriert, doch genauso ist es ein Produkt ihrer eigenen Vorstellungskraft. Es ist ein Beispiel für das, was ich den Futurismus der kanadischen Prärie nennen möchte. Es tut nicht so, als könnten wir eine Zukunft haben, ohne die Vergangenheit zu ehren und mit ihr ins Reine zu kommen.

Obgleich viele meiner innig geliebten Familienmitglieder in Saskatchewan leben, bin ich selbst in Kalifornien aufgewachsen. Ich habe viel Zeit in der Prärie verbracht, aber das ist nicht dasselbe wie wenn man von dort stammt und Dutzende der kalten, trockenen Winter durchlebt hat. Mir ist sehr bewusst, dass mein Blick auf Saskatchewan durch meinen Außenseiterstatus gefärbt wird. Zum Glück sind die Bewohner von Saskatchewan in der Regel freundlich zu Außenseitern. Schließlich kann man einen Menschen dort schlecht aussperren und erfrieren lassen.

Die Zukunft findet überall statt

Zudem geht es beim Futurismus der kanadischen Prärie nicht nur um die Prärie – es geht darum, dass die Zukunft überall stattfinden wird. Sie kommt nicht nur zu den Tokios dieser Welt. Sie passiert auch in Lucky Lake in Saskatchewan. Sie passiert in Richmond, einem Außenbezirk von Vancouver. Sie passiert in Tallin und Samarkand, und sie passiert auf Farmen und in Ländern, die nicht zur G20 gehören. Alle werden von der Zukunft erfasst. Aber die Zukunft wird nicht überall gleich aussehen.

Wenn Sie dieses Video anschauen oder Autonom lesen, dann hoffe ich, damit zu einer bescheideneren Sicht auf die Zukunft beizutragen. Die Zukunft ist ein Flickenteppich, gefertigt aus dem, was wir aus der Vergangenheit retten konnten. Manche Stoffstücke bestehen aus selbstreinigenden Nanofasern, andere sind vom Blut unserer noch nicht fernen Vergangenheit als brutale Eroberer befleckt.

Die Zukunft der Piratin Jack und der Roboter Paladin steckt voll biotechnologischer Wunder, zugleich leben viele Menschen in Sklaverei. Sie träumen nicht wie Luke Skywalker von Raumschiffen, sie träumen von einer Befreiung aus der Knechtschaft. Ein bescheidener Traum, doch vielleicht von allen Träumen der kühnste.

Über die Autorin

Annalee Newitz

© Jonathan Wilkins

 

Annalee Newitz ist amerikanische Journalistin und Herausgeberin und Autorin von Fiction und Nonfiction. Sie war Stipendiatin der Knight Science Journalism Fellowship des MIT und hat für Popular Science, Wired und den San Francisco Bay Guardian geschrieben. Sie ist Mitbegründerin der Science Fiction-Webseite io9 und war von 2008 bis 2015 deren Chefredakteurin, später auch die von Gizmodo. Seit 2016 schreibt sie für die Technologieseite Ars Technica über Wissenschaft, Technologie und Kultur. Autonom ist Annalees erster Roman.

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