Jeder Mensch verdient es, medizinisch versorgt zu werden – Annalee Newitz über das Genre der Gesundheitsdystopie

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ESSAY

Jeder Mensch verdient es, medizinisch versorgt zu werden – Annalee Newitz über das Genre der Gesundheitsdystopie


Annalee Newitz
21.05.2018

In ihrem Erstlingsroman "Autonom", der am 23.5. bei FISCHER Tor erscheint, blickt die Wissenschafts- und Technikjournalistin Annalee Newitz, frühere Chefredakteurin von io9, hinter die Kulissen der Gesundheitsindustrie. Sie erzählt davon, wie diese uns regelrecht krank machen kann ... und was das für unsere Zukunft bedeutet.

Es gibt eine Szene in der Torchwood-Serie Miracle Day, die sich mir regelrecht ins Gedächtnis eingebrannt hat. Nachdem die Menschen aus rätselhaften Gründen nicht mehr sterben können, irren unsere Helden durch ein Krankenhaus voller Menschen, die auf grausige Weise unsterblich geworden sind: Überall sieht man verkrustete, verdrehte und zerschmolzene Körper, die Menschen leiden Qualen und sehnen das Ende herbei. Im Zeitalter der modernen Medizin, die Menschen am Leben erhalten kann, ohne ihnen so etwas wie Lebensqualität zu bieten, hat der Anblick bei allem Splatter etwas fürchterlich Realistisches.

 

Alles, was wir geben mussten

 

Torchwood: Miracle Day war nicht meine erste Gesundheitsdystopie, hat mich aber tief beeindruckt, weil die Serie ein Kernthema des Subgenres auf die Spitze treibt: Manches Leben ist schlimmer als der Tod. Darum drehen sich auch die zahllosen Filme über Pandemien, in denen die Infizierten Amok laufen und zu hirnlosen Zombies werden. Sie zu töten ist nur barmherzig.

In etwas anderer Form greifen Kazuo Shigeru mit Alles, was wir geben mussten und Bacigalupi mit Biokrieg das Thema auf. Beide Romane spielen mit der Idee, dass Menschen wie in einer Art Tuskegee-Syphilis-Studie der Zukunft zu medizinischen Experimenten werden. Wir erleben, wie Mitglieder der herrschenden Klasse eine andere Klasse zu Organspendern oder genetischen Beta-Testern degradieren. Was wäre, wenn uns jemand wie Laborratten behandeln würde, so als ob unser Leben keine Rolle spielte?

Am gruseligsten aber finde ich die falschen Gesundheitsutopien, denn sie erinnern mich an die US-Senatoren, die einem weismachen wollen, sie hätten einen „viel besseren Plan“ als Obamacare, auch wenn ich Menschen kennen, die aufgrund dieser „besseren Pläne“ sterben werden. Politiker haben vermutlich schon seit dem 19. Jahrhundert falsche Gesundheitsutopien propagiert, aber in der Science Fiction gehen ihre Wurzeln zurück auf Aldous Huxleys Schöne neue Welt. In dem Roman nehmen alle Menschen Soma ein, um ihr fremdbestimmtes und limitiertes Leben ertragen zu können.

Torchwood Miracle Day - BBC Trailer

28 Days Later

Falsche Gesundheitsutopien können viele Formen annehmen und überlappen sich mit bekannteren Dystopien. Ein wiederkehrendes Thema ist die Überwachung durch den Staat. In dem gruseligen Roman Harmony schildert Project Itoh ein Japan der Zukunft, in dem die Regierung jedermanns Mikrobiom überwacht und zu diesem Zweck kontrolliert, was in die Körper hinein- und was hinausgelangt (ja, Toiletten werden überwacht).

Manchmal ist eine falsche Gesundheitsutopie nur die Vorstufe einer vertrauteren Zombie-Dystopie wie 28 Days Later. Man nehme zum Beispiel den Missbrauch von Antibiotika. So ziemlich jede Infektion scheint heutzutage durch Antibiotika heilbar, doch bald schon könnten wir in einer Welt leben, in der diese Mittel nicht mehr wirken. Eines der erschreckendsten Bücher, das ich in diesem Jahr gelesen habe, ist Big Chicken von Maryn McKenna die Wissenschaftsjournalistin beschreibt darin, wie abhängig die Agrarindustrie von Antibiotika ist, um Tiere in verschmutzen, überfüllten Ställen „gesund“ zu erhalten. Auf diese Weise entstehen resistente Bakterien, die auch bald schon uns bedrohen könnten – die Katastrophe könnte praktisch jeden Tag über uns hereinbrechen. Tatsächlich sind die wahren Übeltäter in I am Legend mit Penizillin vollgepumpte Hühnchen.

Trailer: 28 Days Later

I am Legend

Faszinierend finde ich, wie viele falsche Gesundheitsutopien auf Zwangsmaßnahmen der Neurowissenschaften beruhen. Ein häufiges Werkzeug ist dabei die Hirnchirurgie, wie etwa bei John Christophers Tripods und Scott Westerfelds Uglies-Pretty-Special-Serie – beide handeln von „utopischen“ Welten, in denen neurochirurgische Eingriffe die Freiheit des Denkens einschränken. Vielleicht geht es in diesen Geschichten deswegen so oft um das menschliche Gehirn, weil es eigentlich Geschichten über Lügen sind und weil das Gehirn nun mal das Organ ist, mit dem wir Lügen fabrizieren.

Als ich die Arbeit an Autonomous (dt. Autonom) begann, ging es mir um die Lügen und die Hochglanzwerbung der pharmazeutischen Industrie, die in den USA zahlungskräftigen Menschen ein besseres Leben verspricht (In den USA gibt es nicht das deutsche Heilmittelwerbegesetzt, dort dürfen also auch rezeptpflichtige Medikamente beworben werden., Anm. d. Redaktion). Meine Protagonistin Jack ist zur pharmazeutischen Raubkopiererin geworden, weil sie so armen notleidenden Menschen teure patentierte Medikamente verschaffen kann. Um ihren Robin Hood-Kreuzzug und die Reparaturen an ihrem U-Boot zu finanzieren, verkauft sie nebenbei Spaßdrogen, die einem die Arbeit versüßen.

Durch diese Arbeitsdrogen aber gerät Jack in ernste Schwierigkeiten. Sie verkauft raubkopierte Zacuity, einen Leistungssteigerer, dessen heutige Vorbilder Mittel wie Modafinil oder Adderall sind. Wer Zacuity einnimmt, empfindet die Arbeit plötzlich als das reinste Vergnügen; allerdings hat der Wirkstoff unerwartete Nebenwirkungen, die die Pharmafirma Zaxy verheimlicht. Jack versucht nun zu verhindern, dass noch mehr Menschen durch Zacuity sterben, gleichzeitig flieht sie vor zwei todbringenden Zaxy-Agenten: vor dem Roboter Paladin und dem Mensch Eliasz.

Adderall, Modafinil …

Autonom ist also zunächst eine Verfolgungsjagd, garniert mit heißem Robotersex. Zugleich geht es in dem Buch aber darum, wie Pharmakonzerne uns eine Vorstellung von „Gesundheit“ verkaufen wollten, die eigentlich ziemlich krank ist.

In den USA vermarkten Pharmakonzerne heutzutage Medikamente wie Disney seine Star-Wars-Filme, und das aus gutem Grund. Durch Medikamente wie Adderall und Modafinil sollen wir uns besser und kompetenter fühlen, oder wenigstens sollen sie uns – wie ein Film – für ein paar Stunden Zerstreuung verschaffen. Nicht dass ich ein Problem damit hätte, bestimmte Wirkstoffe einzunehmen (oder Filme zu sehen), um sich gut zu fühlen. Ich meine auch nicht, dass man bei psychischen Problemen nicht Antidepressiva oder andere Medikamente einnehmen sollte. Zum Problem werden diese Medikamente nur, wenn sie im Übermaß zur Selbstoptimierung verschrieben werden, und wenn es zur schrecklichen Norm wird, so richtig gut drauf zu sein. Die Pharmakonzerne wollen uns einreden, dass etwas falsch sein müsse, wenn wir nicht jeden Tag total aufmerksam, produktiv und glücklich sind. Auf dieses Weise erschaffen sie ein Idealbild geistiger Gesundheit, dem fast niemand gerecht werden kann (oder sollte).

Autonom ist ein Buch über Lügen

Es gibt noch ein weiteres, ernsteres Problem damit, wenn Medikamente als eine Form der Unterhaltung verkauft werden. Niemand hat je behauptet, dass jeder Mensch ein Recht darauf hätte, den neuen Star-Wars-Film zu sehen, er ist ein Luxusgut für Menschen, die dafür Geld erübrigen können. Wenn wir anfangen, auch Medikamente als solche Luxusgüter zu sehen, dann sitzen wir leicht der Lüge auf, unser Gesundheitssystem wäre großartig, auch wenn es nur die reichsten Leute in den USA bedient.

In der Welt von Autonom gibt es in den Pharmakonzernen massenhaft Typen wie den Hedgefondsmanager Martin Shkreli, die die Preise von Medikamenten in die Höhe treiben, einfach weil sie es können. Sie können damit davon kommen, weil in den USA so viele Menschen dem Glauben anhängen, dass jeder, der es wirklich verdient, medizinische Versorgung erhält. Nur durch eine derart dreiste Lüge konnte es nach Shkrelis Preistreiberei als fair erscheinen, dass sich arbeitende Menschen keine Behandlung von AIDS-Komplikationen mehr leisten können. Oder von Krebs. Oder einer Herzmuskelentzündung.

Autonom ist ein Buch über Lügen. Aber mehr noch geht es darum, was passiert, wenn Menschen diese Lügen durchschauen und versuchen, etwas dagegen zu tun. Jeder Mensch verdient es, medizinisch versorgt zu werden. Es ist ein Recht, kein Privileg. Solange sich diese Einsicht nicht durchsetzt, stehe ich auf Seiten der Raubkopierer und Piraten.

Über die Autorin

Annalee Newitz

© Jonathan Wilkins

 

Annalee Newitz ist amerikanische Journalistin und Herausgeberin und Autorin von Fiction und Nonfiction. Sie war Stipendiatin der Knight Science Journalism Fellowship des MIT und hat für Popular Science, Wired und den San Francisco Bay Guardian geschrieben. Sie ist Mitbegründerin der Science Fiction-Webseite io9 und war von 2008 bis 2015 deren Chefredakteurin, später auch die von Gizmodo. Seit 2016 schreibt sie für die Technologieseite Ars Technica über Wissenschaft, Technologie und Kultur. Autonom ist Annalees erster Roman.

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