Dungeons und Workouts: Vom Winde verweht (2/3)

BUCH

Dungeons und Workouts (Teil 3): Reverse Flys und Planks


TOR Team
23.04.2018

Fit in den Frühling, Teil 3! In unserer Fitness-Strecke aus "Dungeons & Workouts" (Meyer & Meyer Verlag) geht es jetzt in die Vollen! Siehe obiges Artikelbild des guten alten Unteramstütz (neudeutsch: Plank).

Hier geht's zu Teil 1 und zu Teil 2 unserer Sportstrecke "Dungeons & Workouts".

Du blickst Ida freudig an, sie ist so schnell schon erwachsen geworden, viel schneller als du damals. Dabei wolltest du sie in erster Linie Kind sein lassen, auch wenn du nun allein mit ihr auf dem Hof bist. Eurem Vater ist der Abschied vor nun schon längerer Zeit schwergefallen, doch Hunderte Menschen sind darauf angewiesen, dass er ihnen hilft, darum bist du auch so stolz auf euren Vater. Erst als er sicher war, dass du mit dem Hof und Ida zurechtkommst, hat er sich auf den Weg gemacht, ungeachtet seiner Sehnsucht nach dem heimischen Hof und seinen eigenen Kindern. Ob er wiederkommen wird, weißt du nicht, er hat es damals nicht versprochen, denn er wollte niemals ein Versprechen brechen. „Ich weiß, Papa hat damals gesagt, du sollst auf mich aufpassen, aber ich muss doch auch auf dich aufpassen. Das macht doch sonst keiner.“ Sie grinst dich an und verleitet dich einmal mehr dazu, es ihr gleichzutun.

Während des Gesprächs hat dich Ida in Richtung des angrenzenden Feldes gelenkt. Die Halme samt Ähren wiegen sich im Wind mit jeder leichten Brise aufs Neue. Du nimmst deine Schwester an die Hand, um sie zwischen den Pflanzen nicht zu verlieren, überlässt ihr aber weiterhin die Führung. Mit forschen Schritten geht sie immer weiter in das Feld hinein und achtet dabei kaum auf das Getreide, das ihr dabei immer wieder durch das Gesicht streift. Du siehst dich um und kannst so langsam ausmachen, worauf Ida zusteuert. Vor euch liegt ein Feld mit umgeknickten Pflanzen, sodass auch deine kleine Schwester alles überblicken kann. Du bemerkst allerdings, dass sie jetzt nur noch scheu hinter dir steht und ängstlich auf den hinteren Teil des Feldes schaut. Ein riesiger Schwarm Krähen hat sich dort breitgemacht und zerpickt munter Erde und Saatgut. Dass ihr nähergekommen seid, scheint die Vögel nicht im Geringsten zu beeindrucken. Ida deutet auf den hintersten Teil des Feldes, wo besonders viele Krähen sitzen. „Da, da ist mein Schatz versteckt, aber solange diese gemeinen Vögel da sind, trau ich mich nicht dahin. Kannst du nicht irgendwas machen, damit sie wegfliegen?“

Dich schaut ein Paar große grüne Augen mit flehendem Blick an. So hat sie schon euren Vater damals um den Finger gewickelt. Eigentlich bist du eher verwundert, dass sie nicht öfter versucht, damit zu bekommen, was sie möchte. Das Lächeln kannst du dir nicht verkneifen, als du langsam auf die Vögel zugehst. Die werden ihr blaues Wunder erleben, denn dein Vater hat dir schon vor Jahren einmal diese fabelhafte Technik gezeigt, mit der im Handumdrehen so ein Feld freigeräumt werden kann.

Dungeons und Worksouts (Teil 2): Vom Winde verweht
Dungeons und Worksouts (Teil 2): Vom Winde verweht

Mit jeder Bewegung schreckst du mehr und mehr der Krähen lauthals auf. Du siehst dich in einer schwarzen Wolke aus Vögeln, die sich allerdings von dir entfernen, statt sich auf dich zu stürzen. Die Technik deines Vaters hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Das Gekrächze ist so laut, dass Ida sich die Ohren zuhält. Selbst als sie schon auf halbem Weg in Richtung Berge sind, kannst du sie noch deutlich hören und siehst sie schließlich im Gebirge verschwinden.

Lärmend flattern Krähen durch die Höhle, als der Tumult etwas erwachen lässt. Ein gewaltiges Augenlid öffnet sich und gibt ein giftgelbes Auge frei, welches erbost umherschaut. Nur kurz wollte die Kreatur hier verschnaufen und ihre Kräfte sammeln. Vier Tage ist das jetzt her. Also stellt sie sich müde auf die gewaltigen krallenbewehrten Beine und spreizt die ledernen Flügel. Bei einem ausladenden Gähner entblößt die Kreatur die vergilbten Hauer, zwischen denen die letzte Mahlzeit vor sich hin verwest. Der gewaltige Wanst schleift über den Boden, als sie trabend Schwung aufnimmt und in Richtung Höhlenausgang rumpelt. Mit einem kräftigen Satz springt sie ab und ihre Flügel setzen zum Schwung an.

„Das hast du toll gemacht“, ruft Ida dir zu und strahlt dich dabei bewundernd an. Von Angst ist keine Spur mehr in den Zügen deiner Schwester, die sich nun auf den Weg zu dir macht. „Ich hab´ die Stelle markiert, sie muss irgendwo hier in der Nähe sein. Die Krähen haben hier so ein Durcheinander veranstaltet, ich hoffe, mein Schatz ist noch da.“ Suchend blickst du dich um, aber da du keine Ahnung hast, wonach du Ausschau halten musst, überlässt du Ida wieder die Führung. Ihr Blick wandert Richtung Boden, sie scheint sich an irgendwas zu orientieren, was dir offenbar verborgen bleibt. Sie nimmt ihren Daumen, reckt ihn in die Luft und peilt die Spitze des Hausdaches an. „Wir müssen etwas weiter, mein Daumen muss das ganze Dach verdecken, dann sind wir richtig.“ Tatsächlich sind es nur noch ein paar Schritte, bevor Ida freudig hochspringt und auf das Feld deutet. „Es ist noch alles da, juhu.“ Auf dem Boden liegen kleine Steine fein säuberlich zu einem Herz geformt. „Hier ist es, also nicht das Herz, da drunter. Kannst du das Graben übernehmen? Dann darfst du auch meinen Schatz mitbenutzen.“ Die Erde zwischen den Steinen sieht nicht gerade locker aus, also beschließt du, lieber noch eine Schaufel zu holen, bevor du dir mit den Händen einen Wolf gräbst. „Okay, aber beeil dich. Ich bin gespannt, was du zu dem Schatz sagst.“

Das lässt du dir nicht zweimal sagen und nimmst die Beine in die Hand. Dass ihr eine Schaufel braucht, hätte Ida auch ruhig früher erwähnen können, ihr seid schließlich gerade erst im Schuppen gewesen. Du rennst an den Ziegen vorbei, die einen nervösen Eindruck machen, aber wer bleibt schon ruhig, wenn jemand wie wild an einem vorbeieilt. Im Schuppen hat sich glücklicherweise der Staub schon wieder gelegt, sodass deine Nase dieses Mal ohne Jucken auskommt. Eure Strohengel liegen nun ganz still da und du betrachtest eure Kunstwerke. Mit dem Fuß schiebst du langsam ein paar Strohhalme in Richtung Körpermitte deines Engels und verringerst seine Breite ein wenig. Zufrieden wendest du dich um und willst dir die Schaufel vom Haken an der Wand nehmen, da verdunkelt sich der Raum schlagartig. Irgendetwas muss sich zwischen die Sonne und die Ritzen des Schuppendachs geschoben haben. Etwas sehr Großes. Mit einem gewaltigen Surren kehrt das Licht in den Schuppen zurück und mit ihm ein Windstoß, der all das Stroh wieder umherwirbelt. Der Staub legt sich sofort auch auf deine Augen und du versuchst ihn möglichst schnell herauszureiben. Während du dich noch mit deinen Augen herumärgerst, durchschneidet ein gellender Schrei die eingekehrte Stille. Ida!

Du blinzelst und entdeckst die Tür, sprintest hindurch und rennst einfach nur in die Richtung der Schreie. Sie ruft nun deutlich deinen Namen, es ist ein anderer Tonfall als vorher. Sie hat Angst, das ist mit Bestimmtheit rauszuhören. Du bemühst dich, deine Augen zu öffnen, um so schnell wie möglich die Situation unter Kontrolle zu bringen. Alles, was du ausmachen kannst, ist eine monströs große Silhouette, an deren unteren Ende du das markante Blau des Kleides deiner Schwester erkennst. Du läufst hinterher, doch dieses Wesen ist viel schneller in der Luft als du am Boden. Die Schreie werden immer aufgeregter, aber auch immer leiser. Mit endlich wieder klaren Augen kannst du gerade noch erkennen, dass das Ungetüm mit deiner Schwester in Richtung Stillheim geflogen ist. Danach kannst du nichts mehr am Himmel ausmachen.

Mit der Schaufel in der Hand tragen dich deine Beine noch zurück zu dem Herz aus Steinen. Mit vor Kummer zitternden Händen fängst du an zu graben und stößt schon bald auf  eine kleine Truhe. Drin ist ein  Zettel mit deinem Namen und dem Satz „Du bist mein allergrößter Schatz.“ Darunter befindet sich ein Buch „H.E.R.O. – Handbuch epischer Rettungsoperationen“

 

* H.E.R.O.: Dieses Buch hält allerhand Informationen und Maßregeln bereit, die sich im Laufe eines Abenteuers als nützlich erweisen können. Oder eben auch nicht. Es ist nur ein Buch, erwarte keine Wunder.

Das Buch ist schon reichlich abgegriffen, der Einband ist hier und da ramponiert und als du es aufschlägst, fällt dir gleich der Name eures Vaters ins Auge.

Der Gedanke an deinen Vater lässt dich nicht los, du hast ihm versprochen, auf deine kleine Schwester Acht zu geben, jetzt ist sie verschwunden, entführt von einem gewaltigen Ungetüm und du konntest nichts ausrichten, bist nicht einmal bei ihr gewesen als sie von diesem Wesen attackiert wurde. Du steckst das alte Buch und den kleinen gefalteten Zettel in die Tasche und schlurfst mit hängenden Schultern Richtung Wegesrand. Immer mit der vagen Hoffnung, dass gleich jemand vorbeikommt und sich an die Rettung deiner Schwester macht. Deine Augen suchen flehend den Horizont ab, doch alles scheint in lächerlich harmonischer Ruhe stillzustehen. Der Wind hat vollkommen nachgelassen, die Sonne steht lachend am Himmel und statt dem Krächzen der Krähen ist das liebliche Gezwitscher der Sommervögel zu vernehmen. In deinen Ohren hallen jedoch bloß die angsterfüllten Rufe deiner Schwester nach, sie wirken wie betäubend auf deine Sinne. Dein Körper versagt dir den Dienst und kurz neben dem Weg sackst du zusammen.

Wenn doch nur ein edler Ritter in strahlender Rüstung heraneilen würde, er könnte mit Leichtigkeit die Verfolgung aufnehmen und Ida den Fängen des Untiers entreißen. Oder die Stadtwache könnte ihr gewaltiges Netzwerk nutzen, um schnell in Erfahrung zu bringen, wohin deine kleine Schwester verschleppt wurde. Wo ist so ein sagenhafter Held oder eine engagierte Amazone, die doch so häufig in den Geschichten deines Vaters aufgetaucht sind, wenn sich alles gegen die Hauptfigur zu verschwören schien? Die selbstlos ihre Hilfe anbieten um Recht und Ordnung wiederherzustellen, die sich der Gerechtigkeit verschrieben haben und sich nicht um Zuständigkeiten oder Bürokratie scheren. Aus deiner Sicht ist genau jetzt der perfekte Zeitpunkt, damit sich einer von diesen zu erkennen gibt, sich deiner Sorgen annimmt und deine Welt wieder in Ordnung bringt. Deine Welt mit Ida. 

Auch Stunden später hat sich noch keiner erbarmt und den Weg zu dir gefunden, die Entführung deiner Schwester scheint niemanden zu interessieren. Sie könnte inzwischen schon einem Unglück zum Opfer gefallen oder irgendwelchen Sklavenhändlern anheimgefallen sein, die sie nun meistbietend verkaufen an Leute, die mit ihr unsägliche Dinge vorhaben. Ein Rumpeln lässt dich aus diesen schrecklichen Gedanken hochschrecken. Du öffnest einmal mehr deine Augen und wirst dir deiner Umwelt auf ein Neues gewahr, du bist nicht auf einem Sklavenmarkt, aber doch immer noch allein auf dem Boden. Ein Griff an deine Tasche gibt dir die Gewissheit, dass dort ein Buch zu finden ist, deine Gedanken sortieren sich langsam und setzen sich wie ein Puzzle mit acht Teilen zusammen.

Du richtest deinen Blick auf die Quelle des Geräusches. Ein gut bepackter Wagen rattert neben dir über den Weg, da bricht das rechte Vorderrad und befördert mit einem gut hörbaren Plumpsen den Fahrer des Wagens direkt neben dich ins Feld. Der Wagen liegt vor dir auf der Seite, die Ladung scheint gut gesichert gewesen zu sein, denn nichts davon hat sich vom Wagen entfernt. Der in rotem Leder gekleidete Fahrer versucht sich den Schlamm von der Hose zu wischen, was ihm nicht so wirklich gelingen mag, bevor er sich aufrappelt. Er mustert dich kurz mit seinen etwas zu klein geratenen Augen und reicht dir daraufhin seine leicht aufgedunsene Hand.

„Boldus Grün mein Name, hocherfreut. Bei aller Bescheidenheit, Sie haben sicher schon von mir gehört und wissen, dass ich auf dem höchst wichtigen Wege nach Stillheim* bin. Mein Erscheinen dort duldet keine Verzögerung. Als Eigentümer dieses Feldes, davon gehe ich jetzt mal aus, stehen Sie in der Pflicht, auch die Wege instand zu halten, was hier augenscheinlich nicht eingehalten wurde. Darum entspricht es nun dem Mindestmaß an Anstand, dass Sie mir mit helfender Hand zur Seite stehen. Des Wiederherstellens der Fahrtüchtigkeit eines Rades bin ich mächtig, doch muss dabei der Rest des Wagens ausreichend gestützt werden. Diese Aufgabe wird nun Ihnen zuteil.“

 

* H.E.R.O.: Stillheim ist eine mittelgroße Stadt in der ländlichen Region. Es sollte lieber Lautheim heißen, so viel wie da teilweise los ist. Mit den Stadtwachen ist gut Kirschen essen, die Kerne sollten dabei allerdings runtergeschluckt werden, denn die Wachen sind aufbrausend wie ein Kessel unter Volldampf.

 

 

Dungeons und Worksouts (Teil 2): Vom Winde verweht
Dungeons und Worksouts (Teil 2): Vom Winde verweht
Dungeons und Worksouts (Teil 2): Vom Winde verweht
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