Die erstaunliche Familie Telemachus – Ein Interview mit Daryl Gregory

INTERVIEW

Die erstaunliche Familie Telemachus – Ein Interview mit Daryl Gregory


Shawn Speakman
06.03.2018

 

Die Mitglieder der Familie Telemachus besitzen Superkräfte. Mit den Incredibles von Brad Bird haben sie allerdings trotzdem nichts gemein. Sie haben Probleme. Und Existenzängste. Und Kräfte, die die meiste Zeit eher Fluch als Segen sind. Dennoch schlagen sie sich durch, meistern die Hürden des Alltags. Einerseits ernsthaft, andererseits aber auch befreiend komisch … Daryl Gregory im Interview.

 

 

Shawn Speakman: Haben Sie sich je gefragt, wie es wäre, Teil einer Familie mit Superkräften zu sein?

Daryl Gregory: Der Wahnsinn, oder? Auf eine überlegene Art anders zu sein als die anderen. Dazu in der Lage, sich so ziemlich in jeder Situation zu schützen. Vielleicht ließe sich damit sogar ein bisschen Geld machen ... Und alle würden einen wegen der Superkräfte bewundern, man wäre ein Star, könnte überallhin reisen, jeden treffen, alles sein, was man möchte.

Die erstaunliche Familie Telemachus ist seit Kurzem in gut sortierten Buchhandlungen erhältlich. Erzähl uns etwas über das Buch und den Telemachus-Clan, seine unglaublichen, wenn auch dysfunktionalen Mitglieder.

Na ja, sie sind tatsächlich nicht gerade eine funktionierende Familie. Dabei fing alles so gut an. Teddy Telemachus war ein einfacher Hochstapler und Betrüger, vor allem am Spieltisch, bis er 1962 Maureen McKinnon trifft, ein irisches Mädchen mit schwarzem Haar und blauen Augen, das im Gegensatz zu ihm ein waschechtes Medium ist, und dazu noch grundehrlich. Sie heiraten, und in den Siebzigern gehen sie als „Die erstaunliche Familie Telemachus“ gemeinsam mit ihren drei Kindern auf Tour durch die USA. Irene ist ein menschlicher Lügendetektor, Frankie kann Objekte aus Metall verbiegen (allerdings mehr schlecht als recht), und der kleine Buddy kann die Zukunft voraussagen. Dann wird die Familie im Fernsehen in der Mike Douglas Show bloßgestellt, und als Maureen im Jahr darauf stirbt, steht die Familie vor dem Abgrund.

Zwanzig Jahre später sind sie pleite, und keiner hat mit den Superkräften auch nur einen Cent verdient. Buddy hat Angst vor der Zukunft, Irene verliert einen Job nach dem anderen (genauso wie die Männer an ihrer Seite), weil sie unfähig ist, die Lügen der anderen zu ignorieren, und Frankie hat Schulden bei der Chicagoer Mafia. Dann macht Matty, Irenes vierzehnjähriger Sohn, eine außerkörperliche Erfahrung, und Frankie kommt auf die Idee, dass der Junge ihn mit seinen Fähigkeiten von dem Schuldenberg befreien könnte. Allerdings schleicht neuerdings ein alternder CIA-Agent in der Gegend herum, der das ehemalige Psi-Programm der Agency wiederaufleben lassen will. Habe ich schon erwähnt, dass es ein lustiges Buch ist? Außer natürlich, wenn es bitterernst ist.

Es gibt so viele Superkräfte und Mutantenfähigkeiten, die du dir hättest aussuchen können. Wie bist du gerade auf die gekommen, die jedes Familienmitglied schlussendlich besitzt?

Angefangen hat es mit den übersinnlichen Fähigkeiten, die in den Siebzigern so in Mode waren. Uri Gellers Löffelverbiegen musste einfach vorkommen, aber natürlich ist das eine ziemlich dürftige Superkraft. Was bringt es einem, Besteck verbiegen zu können? Diese Fähigkeit habe ich Frankie gegeben, der wohl tragischsten Figur des Telemachus-Clans. Zur gleichen Zeit, während des Kalten Kriegs, hat die Army im Bereich „Fernwahrnehmung“ geforscht, sozusagen Spionage auf Distanz. Die Regierung hat Millionen in das sogenannte Project Stargate gesteckt (und das habe ich mir nicht ausgedacht), ohne dadurch jemals an irgendwelche brauchbaren geheimen Informationen heranzukommen. Also beschloss ich, dass Maureen die einzig wirklich begabte Teilnehmerin dieses Programms sein sollte.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann mir Idee zu Irenes Lügendetektor-Fähigkeit kam, aber ich dachte, das ist doch eine hervorragende Superkraft für eine Mom. Haben die nicht alle Mütter irgendwie? Und was Buddy angeht – ich nehm's zurück, er ist der tragischste Telemachus –, mir gefiel die Idee von einem Mann, der die Zukunft genauso erinnert wie die Vergangenheit und deshalb verloren zwischen den Zeiten herumirrt. Er hat große Probleme, überhaupt in der Gegenwart zu bleiben, weil ihm alle Tage immer gegenwärtig sind.

Die eine Superkraft, die ich mir gewünscht habe, als ich so alt war wie Matty, war, teleportieren zu können. Ich war ein riesiger Fan vom Nightcrawler aus den X-Men-Comics. Mattys Fähigkeit der Astralreise, also seinen Körper zu verlassen, kam gleich an zweiter Stelle. Vielleicht hat es etwas mit dem Wunsch zu tun, von jetzt auf gleich von einem Ort verschwinden zu können.

Im Buch wird uns dennoch, je länger wir lesen, klar, dass jede Begabung immer auch eine Art zweischneidiges Schwert ist. Welche würdest du also am wenigstens wollen?

Buddys Fähigkeit, sich an die Zukunft zu erinnern, ist ein absoluter Alptraum. Wie soll man die gemeinsame Zeit mit jemandem genießen, wenn man gleichzeitig genau weiß, wann die Person stirbt? Wie kann dir ein Sandwich überhaupt noch schmecken, wenn du sämtliche andere Sandwiche, die du je gegessen hast, in deiner Erinnerung ebenfalls schmeckst? Zu vergessen ist oft auch ein Segen. Als Teddy über siebzig ist, hat er eine leicht verschwommene, aber sehr strahlende Erinnerung an die Zeit mit Maureen. Teddy denkt jeden Tag darüber nach, wie er diesen einen zu einem der zehn besten Tage seines Lebens machen kann. Aber wie kann ein Tag diesen Schönheitswettbewerb je gewinnen, wo doch die Voraussetzungen mehr als ungerecht sind? All die Tage in seiner Erinnerung wurden blank poliert und haben keinen einzigen Makel mehr.

Ohne jetzt allzu persönlich werden zu wollen, aber was war das Seltsamste an deiner eigenen Familie? Und findet sich das irgendwie in der Erstaunlichen Familie Telemachus wieder?

Ich habe andere Romane geschrieben, die viel näher an der Realität meiner Familie dran waren. Natürlich kommt hier und da etwas von meiner Familie bei den Telemachus vor, aber der Roman wurde viel mehr von Familien inspiriert, die ich nur von außen beobachtet habe – laute katholische Großfamilien, in denen gestritten, gelacht und getrunken wurde. Meine Familie war eher ruhig, eine eingeschworene abstinente Baptistengemeinschaft aus dem Süden, die sich irgendwie in der Chicagoer Gegend wiedergefunden hat. Ich war immer ein bisschen neidisch auf diese überschwänglichen Familien, und mit diesem Roman habe ich mich in eine hineinschleichen können.

Wird es eine Fortsetzung geben? Vielleicht eine neue Generation der Telemachus?

Lustig, dass du fragst! Ich habe vor Kurzem mit der Drehbuchautorin gesprochen, die den Piloten für die Telemachus-Fernsehserie schreibt, die gerade bei Paramount entwickelt wird. Sie möchte, dass die erste Staffel auf dem Roman basiert, aber sie hat auch schon einige Ideen für die zweite Staffel. Ich wollte sofort mehr hören, ich habe nämlich nur sehr vage Vorstellungen von den Telemachus in der heutigen Zeit, wenn Matty vielleicht erwachsen ist, aber an einem solchen Buch arbeite ich gerade nicht.

 

 

(Das Interview wurde übersetzt von Anabelle Assaf und verwendet mit freundlicher Genehmigung von Unbound Worlds: http://www.unboundworlds.com/2017/06/interview-different-spoonbenders-daryl-gregory/)

 

 

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