»Es muss nicht immer alles explodieren«: Interview mit Becky Chambers

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INTERVIEW

»Es muss nicht immer alles explodieren«: Interview mit Becky Chambers


Mit ihrem Debütroman »Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten« hat sich Becky Chambers in unsere Herzen geschrieben. In ihrem zweiten Roman »Zwischen zwei Sternen« geht es um Lovelace, die KI eines Raumschiffs, die am Ende des Vorgängerromans in einen künstlichen, humanoiden Körper transferiert wurde, und um Pepper, die geniale Mechanikerin mit einer schwierigen Vergangenheit. Wir haben mit der Autorin darüber gesprochen, warum sie ihre weibliche KI aus ihrem Objektstatus geholt hat, weshalb sie auf Bösewichte verzichtet und warum sie schon immer Mitglied der Sternenflotte sein wollte.

 

Jonathan Hatfull: Hattest du von Anfang an geplant, ein zweites Wayfarer-Buch zu schreiben?

Becky Chambers: Als ich an »Der lange Weg« gearbeitet habe, hatte ich keine konkreten Pläne für Folgeromane, aber ich wusste, dass ich die Welt im Buch weiter ausgestalten konnte. Die Möglichkeit habe ich mir definitiv offengehalten. Ich wusste nicht, wie es mit dem ersten Roman laufen, ob ich noch einen weiteren schreiben würde, aber es gab da eine Menge Dinge, auf die im ersten Buch nicht näher eingegangen wurde, und ich bin wirklich froh, jetzt die Gelegenheit nutzen zu können, um das nachzuholen.

Als mein Verlag mich gefragt hat, ob ich mir eine Fortsetzung vorstellen kann, ob ich eine Reihe daraus machen möchte, hatte ich für die Crew der Wayfarer keine rechte Idee. Ich habe ihre Geschichte erzählt, und das war’s. Wenn mir zu den Figuren einmal eine neue Story einfallen sollte, dann werde ich sie schreiben, aber ich wollte es nicht erzwingen. Da bin ich ziemlich rigoros, ich möchte nicht bloß zum Selbstzweck noch eine Geschichte über sie erzählen, das Ergebnis wäre wohl ziemlich langweilig.

Als ich also gefragt wurde: »Was möchten Sie als Nächstes in Angriff nehmen?«, habe ich geantwortet: »Na ja, für die Crew habe ich nichts im Kopf, aber Pepper und Lovelace sind zwei Figuren mit Potential, über die ich gerne schreiben würde.« So hat sich das einfach ergeben.

Sidra, wie Lovelace sich später nennt, und Pepper sind in ihrer Kombination großartig! Die beiden waren also der Ausgangspunkt?

Ja, und das kam rein zufällig zustande. Und es ist mir auch erst ziemlich am Ende der Arbeit an »Der lange Weg« eingefallen. Vieles, was im Roman passiert, hatte ich mir schon lange vorher notiert und ausgemalt, bevor ich mich hingesetzt und das Ganze aufgeschrieben habe. Doch erst relativ spät während der Arbeit am ersten Entwurf wurde mir klar, was mit Lovelace nach dem ersten Buch passieren würde. Pepper fügte sich einfach wie selbstverständlich da ein.

Das war einer dieser wunderbaren Augenblicke, wo beim Schreiben etwas ganz unbeabsichtigt geschieht und man nur denkt: »Oh, das passt ja richtig gut!« Ich begann darüber nachzudenken, dass diese beiden Frauen einen sehr unterschiedlichen Hintergrund und völlig andere Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, aber trotzdem auch eine Menge Gemeinsamkeiten. Es hat Spaß gemacht, damit zu spielen und die Parallelen zwischen zwei Figuren zu entdecken, die auf den ersten Blick so verschieden erscheinen und doch einen ganz ähnlichen Weg gehen.

Beide haben eine komplexe und schwierige Vergangenheit und versuchen, damit klarzukommen. Hast du viel recherchiert, um ihre Entwicklung glaubhaft zu gestalten?

Für Pepper habe ich deutlich mehr Recherche betrieben als für Sidra. Was Sidra angeht, habe ich eigentlich gar keine klassische Recherche gemacht, ich habe nur viel über die Figur nachgedacht. Darüber, wie es sein mag, plötzlich einen Körper zu haben. In der Science Fiction ist es ja oft so, dass eine KI eine physische Gestalt haben möchte, und sobald sie in einem Körper steckt, wird das als Fortschritt betrachtet. Ich wollte die andere Seite der Medaille beleuchten.

Wie ist das, wenn dieser Körper nicht zu einem passt? Wie ist es, wenn man nur ein einziges Paar Augen besitzt, all das. Und so etwas kann man nur schwer recherchieren. Deshalb habe ich viel Zeit damit verbracht, mich in Sidra hineinzuversetzen. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie eine Menschenmenge für sie aussehen, wie ein begrenzter Raum auf sie wirken würde. Ich habe viel überlegt und mich in die Figur hineingedacht.

Pepper begegnet uns im Buch in verschiedenen Phasen ihres Lebens. Deshalb habe ich Recherchen zur kindlichen Entwicklung und zum Verhalten betrieben, das wir in einem bestimmten Alter von ihr erwarten können. Es ist schwer, sich als Erwachsener wieder in seine Kindheit zurückzuversetzen und aus dieser Perspektive zu schreiben, weil wir oft eine idealisierende Vorstellung davon haben, wie Kinder sind. Ich wollte versuchen, es so authentisch wie möglich hinzubekommen. Zudem hat Pepper in ihrer Kindheit ein Trauma erlitten, sie ist nicht in einer heilen Welt aufgewachsen. Ich habe daher viel zur kindlichen Entwicklung und zu kindlichen Reaktionen auf Traumata und psychischen Stress recherchiert.

Owl ist eine geniale Figur – wie war es, über diese KI mit Mutterrolle zu schreiben?

Das hat wirklich Spaß gemacht, weil Owl natürlich keinen Körper hat, gar nicht dafür programmiert ist. Sie gibt ihr Bestes, aber im Roman kommt eine Szene vor, in der Owl versucht, Pepper mit fester Nahrung vertraut zu machen. Da hat man also ein Kind, das nie zuvor feste Nahrung zu sich genommen hat, und eine KI, die überhaupt noch nie irgendwas gegessen hat, Punkt. Diese Momente auszuloten, wo deutlich wird, wie sich ihre Welten unterscheiden, das hat mir wirklich Spaß gemacht. Wie wird Pepper damit umgehen, wo diese Dinge ihr doch fremd sind; und wie wird Owl ein bestimmtes Verhalten, das sie immer nur beobachtet hat, ohne es selbst zu praktizieren, dem Kind vermitteln? Solche Aspekte haben mir bei der Arbeit die meiste Freude bereitet.

Wirst du also dem Wayfarer-Universum treu bleiben?

Ja, definitiv, auch im nächsten Buch, an dem ich seit Kurzem arbeite. Ich kann noch nicht viel darüber sagen, aber ich habe vor, mit noch ein paar weiteren Romanen in diesem Universum zu bleiben, und zwar in ähnlicher Weise wie in »Zwischen zwei Sternen«: Nämlich nicht indem ich die gleichen Charaktere oder Orte weiter ausbaue, sondern indem ich eine Abzweigung nehme und immer wieder abbiege. Ich finde, das ist ein guter Zugang zur Galaxie, denn dort passiert so vieles an so vielen verschiedenen Orten, und mir gefällt die Vorstellung, all diese verschiedenen Dinge erzählend zu entdecken, anstatt bloß einer einzigen Truppe zu folgen.

In den beiden Wayfarer-Büchern gibt es keine wirklichen Bösewichte. War es eine bewusste Entscheidung, auf einen bösen Buben zu verzichten?

Ja, ganz genau. Mir gefallen Geschichten, in denen kein Bösewicht vorkommt. In mancherlei Hinsicht mag ich Schurken, aber ich finde es immer wieder spannend, wenn auf sie verzichtet wird. In diesem Buch sind die sozialen Systeme, mit denen die Hauptfiguren zu kämpfen haben, zwar von jemandem geschaffen worden, aber die Protagonisten lernen diese Personen nie kennen. Es findet keine direkte Konfrontation statt, es ist mehr ein Kampf gegen die Gesellschaft als gegen andere Charaktere, und ich denke, dass man sich damit eher identifizieren kann.

Kaum einer von uns hat einen Erzfeind! Meist kämpfen wir nur gegen soziale Konstrukte und sehen gar nicht die Gesichter hinter diesen Konstrukten, weil diese oft über lange Zeit hinweg entstanden sind. Das ist die Art von Kampf, auf die die beiden Figuren sich konzentrieren sollten, kein Kampf gegen eine Person, sondern gegen eine gesellschaftliche Realität. Für mich war es ganz natürlich, darüber zu schreiben, und ich hoffe, das Buch ist spannend geworden.

Was die Beschreibung von Sidras Reise angeht, gab es da irgendwelche besonderen Einflüsse?

Ich bin unglaublich von der Science Fiction geprägt, die ich während meiner Kindheit kennengelernt habe. Ich bin mit »Star Wars« und »Star Trek« aufgewachsen und später mit »Farscape« und all dem. Mein erstes Buch ist also vor dem Hintergrund entstanden, dass ich eine Vorliebe für Universen mit verschiedenen Völkern habe. Mit Aliens und Raumhäfen und all dem tollen Zeug. Im zweiten Roman findet man das teilweise auch, weil das Setting gleich ist, doch das Buch ist viel stärker auf Innenschau ausgerichtet. Es geht viel mehr um diese beiden Personen und die jeweils sehr spezielle Lage, in der sie sich befinden.

Ich weiß nicht, ob es irgendwelche ganz bestimmten Einflüsse auf meine Arbeit an »Zwischen zwei Sternen« gab, aber ich habe viel über die Darstellung von KI in der Science Fiction nachgedacht. Wie schon gesagt, scheint für die KI ein Körper besonders begehrenswert zu sein, und die weiblichen künstlichen Intelligenzen werden durch die Augen eines Protagonisten gesehen oder sind eine Art Sidekick-Figur. Viele künstliche Intelligenzen, die man heute sieht, vor allem in Film und Fernsehen, sind weibliche KI, die aus der Perspektive von meist männlichen Figuren betrachtet werden, und ich finde, die Geschichte von einer KI, die versucht, sich selbst zu ergründen, ist etwas ganz anderes.

Anstatt einen Menschen zu beschreiben, der sich darüber klar zu werden versucht, wie er sich zu diesem intelligenten Programm verhalten soll, wollte ich das Ganze umkehren und der KI hier Tiefe geben.

Künstliche Intelligenzen werden meist als das bedrohliche »Andere« dargestellt.

Genau. In vielen Geschichten über KI spielen Angst und Schrecken eine Rolle, und das scheint irgendwie mit dem komischen Gedanken verknüpft – vor allem, wenn es um weibliche KI geht: »Oh, sie werden eigenständig, davor haben wir Angst.« Und das ist etwas, was ich unbedingt vermeiden wollte!

Sidra ist also keine Bedrohung, sie knallt nicht durch und bringt die Besatzung um, sondern es geht darum, wie wir definieren, was eine Person ist; darum, was ein Individuum ausmacht und was uns dazu bringt, KI mit dem gleichen Respekt zu begegnen, mit dem wir Menschen uns gegenseitig behandeln. Darüber wollte ich schreiben, eine »Geschichte vom unheimlichen Roboter« sollte es auf keinen Fall werden.

Du lotest als Schriftstellerin also lieber Charaktere aus, als Actionszenen zu schreiben?

Ja, absolut. Was Science Fiction betrifft, da verschlinge ich so ziemlich alles. Ich finde, alle Arten von Geschichten haben ihre Berechtigung, und mir gefallen definitiv auch Sachen, die ganz anders sind als das, was ich schreibe. Doch am meisten mag ich Science Fiction, die der Frage nachgeht, was es bedeutet, Mensch zu sein, was es heißt, zu sein, wer wir sind.

Was macht uns besonders? Was macht uns in diesem riesigen Universum, in dem wir so winzig sind, einzigartig? Ich ziehe im Allgemeinen Science Fiction vor, die sich solchen Fragestellungen widmet und nicht der Angst. Und daher ist es kaum überraschend, dass sich das auch in meiner eigenen Arbeit niederschlägt.

Erinnerst du dich noch an deine erste Begegnung mit Science Fiction? Was hat dich für dieses Genre begeistert?

Wie schon gesagt, als ich klein war, war das »Star Trek«. Ich bin damit aufgewachsen. »Next Generation« wurde erstmals ausgestrahlt, als ich zwei war, und als »Voyager« abgeschlossen wurde, war ich sechzehn. Somit hat mich »Star Trek« über meine prägenden Jahre begleitet.

Was Bücher betrifft, hatte ich einen sehr klugen Lehrer, der mir, als ich fünfzehn war, »Die linke Hand der Dunkelheit« mit den Worten überreichte, das würde mir sicher gefallen. Ursula K. Le Guin ist und bleibt für mich das Nonplusultra. Ihre Bücher haben mir klargemacht, was Science Fiction sein kann. Was Science Fiction vom Feinsten ist und was sie bewirken kann. Ich will nicht behaupten, dass meine Bücher dem auch nur irgendwie das Wasser reichen können, aber die Lektüre von Le Guin hat in mir den Wunsch geweckt, selbst zu schreiben.

Versteh mich nicht falsch, ich liebe Raumschiffe und Laserwaffen und das ganze Zeug, das schaue ich mir jeden Samstag an. Aber was das Schreiben angeht, hat mir Ursula K. Le Guin wirklich die Augen dafür geöffnet, dass man mit Science Fiction sich selbst ergründen kann und dass es nicht um große Explosionen und den Untergang unserer Galaxis gehen muss. Es kann um sehr viel Persönlicheres gehen, und das hat mich unglaublich begeistert und fasziniert mich noch immer.

Würdest du uns zu guter Letzt deine Lieblings-Schiffsbesatzung und deine Lieblings-KI verraten?

Eine Raumschiffsbesatzung … Ich mag es klassisch: Die Crew der Enterprise D. Schließlich wollte ich mein Leben lang zur Sternenflotte gehören, also gibt‘s daran nicht viel zu rütteln.

Meine Lieblings-KI … Das ist GLaDOS aus »Portal«. So psychotisch, passiv-agressiv … Das Videospiel ist eines meiner liebsten, und ich finde, was sie da mit GLaDOS gemacht haben, einfach großartig.

 

Vielen Dank!

 

Aus dem Amerikanischen von Anne-Marie Wachs

 

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© 2016 by Jonathan Hatfull; zuerst erschienen auf www.scifinow.co.uk, 27.10.2016

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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