Mehr davon! Was kannst du lesen, wenn du Joe Abercrombies „The First Law“-Reihe beendet hast?

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Diese Bücher kannst du lesen, wenn dir Joe Abercrombies „The First Law“-Reihe gefallen hat


Bist du gerade aus den düster-realistischen Fantasy-Romanen von Joe Abercrombie mit den wohl schlechtestübersetzten Titeln der Welt aufgetaucht? Du warst gepackt davon, wie Abercrombie seine Charaktere zeichnet, wie echt sich ihre Launen, Hoffnungen und Ängste anfühlten? Du willst mehr Fantasy, bei denen eher die Klingen gekreuzt statt Zauberstäbe geschwenkt werden? Du mochtest, dass man in den Romanen oft nicht zwischen Protagonisten und Antagonisten unterscheiden konnte? Dann gibt es Hoffnung für dich, denn ich habe da mal was vorbereitet …

Glen Cook: The Black Company

Im Jahr 1984 erschien der erste Band der Black Company von Glen Cook, einer Reihe von drei in sich abgeschlossenen Mehrteilern, von denen momentan nur die erste Trilogie, die Books of the North auf Deutsch erhältlich ist (Seelenfänger, Todesschatten, Dunkle Zeichen). Cook schrieb bis ins Jahr 2000 an Romanen rund um seine Söldnerkompanie.

Hierzulande fühlt es sich oft ein wenig so an, als hätte Abercrombie das Genre der grimmen, düsteren, ambivalent-realistischen Fantasy erfunden – doch The Black Company ist der Urvater des Genres, als habe sich Cook inmitten der in den 80ern entstandenen heroische-magischen Fantasy-Sagas gedacht: „Und jetzt schreibe ich mal was aus Sicht der Orks in den Gräben.“

Seine Söldner verdingen sich gern auch für die moralisch „falschen“ Auftraggeber, wenn im Gegenzug der Rubel rollt. Als im Norden die finstere Lady aus ihrem Schlaf erwacht, stellt sich die Schwarze Kompanie in ihre Dienste und gegen die Rebellenallianz der Weißen Rose. Der sardonische Ich-Erzähler Croaker weiß, dass es nichts bringt, moraltheoretisch zu philosophieren und weckt dennoch das Interesse des Lesers. Mit prägnanter Sprache sorgt Cook für ein getriebenes Gefühl von „Action“. Das Saatkorn des Genres, muss man lesen!

Scott Lynch: Die Lügen des Locke Lamora

Eigentlich wollte ich auch einen eigenen Artikel zu Die Lügen des Locke Lamora bzw. die Gentleman Bastards-Reihe von Scott Lynch schreiben. Mein Problem ist: Ich leide selbst unter Gentleman-Bastards-Entzug und weiß nicht, was ich dagegen tun kann. Für mich kommt bisher nichts an den Wortwitz, die Verve und die verdrehten Stories der Gentleman Bastards um Meisterbetrüger Locke Lamora heran. Dabei gelingt Lynch, den perfekten „Heist Movie“ als Buch in Renaissance-Kulisse aufzuziehen – und das Ganze dann noch mit einem perfide-bösen Hintergrund zu versehen, der weit über den Horizont eines Trickbetrügers und seiner Bande hinausgeht, und den Leser über die bisher erschienenen drei Bände hinweg in Atem hält. Neben Band 1, dem Heist-Movie, gibt es übrigens noch Band 2, den Piratenroman, und Band 3, die Teenager-Theater-Dramolett-verschachtelt-in-Wahlkampf-Story.

Ich warte auf Band 4, aber Lynch musste dieses Jahr heiraten und umziehen, und gerade behauptet Amazon unfassbarerweise „The Thorn of Emberlain“ erscheine 2019, in Worten: Zweitausendneunzehn!

Statt euch also zuzurufen: „Lest Die Lügen des Locke Lamora und leidet mit mir!“ sollte ich euch also vielleicht lieber Reihen empfehlen, die bereits abgeschlossen sind, oder? Wie wäre es denn mit:

Die Lügen des Locke Lamora von Scott Lynch bei Amazon bestellen
Das Spiel der Götter (1): Die Gärten des Mondes von Steven Erikson bei Amazon bestellen
Prinz der Dunkelheit von Mark Lawrence bei Amazon bestellen

Steven Erickson: Das Spiel der Götter

Wobei das so eine Sache ist. Steven Erikson begann seine im Original The Malazan Book of the Fallen genannte Reihe 1999 und beendete sie als vorbildlicher Fantasy-Autor 2011. Schon allein dafür möchte ich ihm die Hand schütteln: Gut gemacht, Steven!

Im Deutschen ließen die Übersetzungen ein wenig auf sich warten und jeder Band von Das Spiel der Götter (bis auf den ersten) wurde aufgrund seines Umfangs zweigeteilt … und dadurch wird die Reihe schlussendlich 19 Bände umfassen, und davon sind bislang 17 auf Deutsch erhältlich.

Das Spiel der Götter ist so etwas wie eine Verquickung von Motiven antiker Epen wie der Ilias mit dem schmuddeligen Realismus von The Black Company. Dabei beginnt Eriksons Epos bodenständig und entfaltet seine Welt und deren politische Komplotte und religiöse Verwicklungen nach und nach. Anders als in den Romanen, die ich bisher erwähnte, wird durchaus nicht mit Magie gekleckert, sondern geklotzt, und als Echo auf die Geschehnisse „am Boden“ greifen auch bald Götter in die Geschicke der Menschen ein, Menschen steigen zu Göttern auf oder töten Götter, und Uraltes erwacht neu. Dennoch bleibt die Perspektive die der Menschen, die Kriege führen und dabei Falsches und Richtiges tun, und das wiederum verbindet Erikson mit Abercrombie und Cook.

Mark Lawrence: Prinz der Dunkelheit

Kommen wir mal wieder etwas runter – 19 Bände sind vielleicht doch etwas viel „Commitment“? In Ordnung – eine Trilogie gefällig? Mark Lawrence liefert mit Prinz der Dunkelheit, König der Dunkelheit, Kaiser der Dunkelheit eine Art düstere Rock’n’Roll-Version der Heldenreise.

Kronprinz Jorg von Ankrath hat mit seinen zarten vierzehn Jahren schon eine ganze Menge gesehen. Seine Mutter und sein Bruder wurden vor seinen Augen ermordet, als er neun war, und seitdem kann er sich strenggenommen auch nicht mehr Kronprinz nennen. Mit verbissener Rachsucht und einer Truppe lupenreiner Psychopathen macht er sich daran, sich seinen angestammten Platz zurückzuerobern, und dabei sind ihm die Mittel recht gleichgültig.

Jorg ist dabei eine Art Schattenbruder von Robin Hood, der sich Rache statt Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Er ist der Auserwählte, das Kind der Prophezeiung, doch jedes Fantasy-Klischee wird umgedreht, während man dem Prinzen der Dunkelheit auf einer Antiheldenreise folgt, die in freundlicheren Romanen die Hintergrundgeschichte eines Antagonisten wäre. Jorg wird dabei auch nicht Sympathieträger – doch er ist so getrieben und intelligent, dass man einfach von ihm fasziniert weiterlesen muss.

Django Wexler: Shadow Campaigns

Warum kann man nicht, wenn man Fantasy und Krieg sagt, auch Schwarzpulver sagen? Das dachte sich Django Wexler und schrieb die Shadow Campaigns. Leider ist auf Deutsch nur Band 1 Die Tausend Namen erschienen – sehr schade, denn in den Folgebänden enthebelt Wexler auch Geschlechterklischees und baut seine gut gezeichneten Charaktere komplex aus.

Trotz der Fantasy-Aspekte der Reihe und der Magie, die neben den Musketen eingesetzt wird, hat man an vielen Stellen den Eindruck, einen Roman aus der Ära Napoleons zu lesen. Besonders reizvoll finde ich dabei, dass neben den Kriegszügen, den Intrigen und den vielen Facetten der Hintergrundwelt ein besonderes Augenmerk auf die Rolle von Frauen als Soldatinnen gelegt wird – ein in diesem Genre eher unverbrauchtes Thema!

 

Und wer bislang nur Abercrombies The First Law-Trilogie gelesen hat: Mein Lieblings-Abercrombie ist Racheklingen – auf Englisch Best Served Cold. (Ja, ich habe nicht ohne Grund oben behauptet, die Titel der Reihe seien legendär schlecht übersetzt! Best Served Cold ist wie die anderen Titel Teil eines feststehenden Ausdrucks – „Revenge is a dish best served cold“ in diesem Fall – und einfach das grobe Motiv des Romans mit dem Wort „Klinge“ zu kombinieren, ist – Entschuldigung, Heyne – lausig!) Best Served Cold ist jedenfalls eine finstere, getriebene Variante von Der Graf von Monte Christo, die auch als Einzelband oder Einstieg in die Welt funktioniert.


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Das Gefühl ist sicher keiner Leseratte unvertraut: „Ich brauche mehr davon!“ Am liebsten würde man noch mehr Zeit mit den Protagonisten verbringen, noch ein paar Winkel ihrer Welt besuchen. Aber das geht nicht. Die letzten Seiten sind verschlungen, das leere Gefühl stellt sich ein: Was lese ich als nächstes? Natürlich gibt’s noch ein halbes Dutzend ungelesene Bücher im Regal oder im Stapel neben dem Bett, aber die sollen es gerade alle nicht sein …

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