»Kiva Lagos ist eine meiner besten Figuren überhaupt«: John Scalzi über seinen neuen Serienauftakt Kollaps

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»Kiva Lagos ist eine meiner besten Figuren überhaupt«: 10 Gedanken von John Scalzi über "Kollaps"


Vor einem Jahr gab John Scalzi sein Manuskript zu "The Collapsing Empire" bei seinem TOR-Lektor ab. Die Gedanken über seine neue Science-Fiction-Serie hielt er in einem Blogbeitrag auf whatever.scalzi.com fest, den wir hier mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlichen.

Vorletzten Donnerstag habe ich Kollaps abgeschlossen, den ersten Band der Serie Das Imperium der Ströme, doch dann musste ich zunächst zu Conventions nach New York und dann nach Minneapolis reisen. Also hatte ich heute erstmals die Gelegenheit, das abgeschlossene Manuskript noch einmal sehr gründlich durchzugehen, um tüftelige Sachen in Ordnung zu bringen, zum Beispiel die Schreibweise von Namen zu vereinheitlichen, damit sie in verschiedenen Teilen des Textes durchgehend verwendet werden – was ein Problem für mich ist. Außerdem habe ich ein paar kleinere Handlungslöcher gestopft und das Ganze etwas aufpoliert, damit der Lektor nicht vor Entsetzen zurückschreckt, wenn er das Manuskript bekommt.

Während dieser Arbeit habe ich den Roman erstmals am Stück durchgelesen. Was vielleicht merkwürdig klingt – schließlich habe ich das Ding doch geschrieben, oder? Aber wenn man schreibt, schreibt man immer nur kleine Stücke, und was ich vorher geschrieben habe, lese ich nicht mehr als Ganzes. Ich gehe nur zu bestimmten Stellen zurück, um Sachen zu überprüfen, die ich im Kopf behalten muss oder die ich ändern muss, weil ich irgendwann eine neue Idee entwickelt hatte. Also war es heute das erste Mal, dass ich mir die gesamte abgeschlossene Geschichte durchgelesen habe.

Nun also einige Gedanken zu meiner Lektüre und zu anderen Sachen.

1. Ich kann mit Erleichterung sagen, dass ich das Ganze gut finde. Ich meine, ich fand es auch schon vorher gut – ansonsten hätte ich Patrick, meinem Lektor, nicht gesagt, dass ich damit fertig bin –, aber als ich es in einem Rutsch durchgelesen habe, war das für mich die Bestätigung, dass es eine verdammt runde Geschichte geworden ist. Alles ist stimmig, und einige Teile sind richtig toll. Das ist schon eine Erleichterung, denn es ist nett, wenn der erste Eindruck, den man von seinem fertigen Werk hat, auch zehn Tage später einer Überprüfung standhält.

2. Ich finde, das Buch unterscheidet sich hinreichend von dem, was ich zuvor geschrieben habe, so dass es schwierig ist, es direkt zu vergleichen. Aber wenn ich es vergleichen müsste, würde ich sagen, dass es vielleicht meinem Roman Androidenträume am nächsten kommt. Nein, das bedeutet nicht, dass es mit einem Furzwitz eröffnet wird (in Kollaps kommen keine Furzwitze vor, tut mir leid). Aber das Tempo, die Struktur und auch der Erzählton sind ähnlich. Vielleicht hat es auch etwas von Geisterbrigaden? Es könnte irgendwo zwischen diesen beiden Büchern liegen. Aber eigentlich finde ich, dass es seinen eigenen Stil und Charakter hat. Was mich glücklich macht.

3. Außerdem … wie soll ich sagen? … ich bin’s. Das Buch klingt danach, dass es aus meinem Gehirn gekommen ist. Wenn Ihnen das gefällt, großartig! Und wenn nicht, nun, dann könnten Sie es vielleicht jemandem schenken, der es mag. Als ich mit diesem Roman anfing, vor laaaaaanger Zeit Anfang 2016, dachte ich, ich könnte es mit einem anderen Ton versuchen, vielleicht etwas Herberteskes, um die Ausmaße des Wüstenplaneten zu reflektieren, die ich mir für dieses Universum vorgestellt hatte. Doch nach zwei Kapiteln erkannte ich, dass ich einen schrecklichen Fehler begangen hatte, weil bestimmt niemand einen scalzifizierten Herbert (oder einen herbertisierten Scalzi) lesen will, der sich da aus meinen Fingern ergoss. Sie werden diese entsetzlichen, verkümmerten Kapitel niemals zu Gesicht bekommen. Was Sie stattdessen sehen werden, funktioniert viel, viel, viel besser.

4. Auf die unkluge Herbertisierung habe ich verzichtet, aber die Ausmaße des Romans sind immer noch ziemlich groß, Leute! Es gibt Raumschiffe, die so konstruiert sind, dass sie ein Jahrzehnt lang ohne frische Vorräte auskommen, riesige Weltraumhabitate, unterirdische Städte und Bürgerkriege. Und – jetzt kommt’s – Piraten! Ja, Piraten. Sie lieben Piraten. Das haben Sie mir irgendwann einmal gesagt. Ich erinnere mich daran. Jedenfalls ist eine ganze Menge los. Ihnen wird auf gar keinen Fall langweilig.

5. Dies ist außerdem der erste Roman, bei dem ich während des Schreibens wusste, dass es mindestens einen zweiten Band der Serie geben wird. So steht es in diesem dicken verdammten Vertrag mit Tor, den ich unterschrieben habe. Krieg der Klone wurde zum Beispiel als eigenständiger Band geschrieben – ich wusste nicht, ob irgendjemand eine Fortsetzung haben wollte. Genauso habe ich Das Syndrom geschrieben (dessen Fortsetzung als Nächstes in meinem Terminkalender steht), ohne zu wissen, ob Tor einen Nachfolgeband haben möchte. Kollaps dagegen war ausdrücklich als erster Teil einer mehrbändigen Serie vereinbart.

Dieser Umstand hatte definitiv Auswirkungen auf meine Arbeit. Während ich dem Buch einen vollständigen Handlungsbogen geben wollte – so muss man das doch schließlich machen –, habe ich gleichzeitig mit Absicht viele Sachen eingebaut, die sich erst in den späteren Büchern auszahlen werden. Das hat Spaß gemacht.

(Und was ist mit Die letzte Einheit?, höre ich einige von Ihnen fragen. Gut, ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Die Handlungsbögen, die sich in Die letzte Einheit und Galaktische Mission entfalten – als ich sie ursprünglich konzipierte, war das alles für nur einen Band gedacht. Doch dann fing ich an zu schreiben und erkannte, wie dick das Buch werden würde und wie nahe der Abgabetermin gerückt war. Also wurden es zwei Bücher. Was in Ordnung war, weil es zwei ziemlich gute Bücher wurden! Aber trotzdem.)

6. Davon abgesehen plane ich, hier genau dasselbe zu tun, was ich mit der Krieg der Klone-Serie getan habe, und zwar möchte ich dafür sorgen, das jedes Buch der Serie, die mit Kollaps beginnt, eine abgeschlossene und zufriedenstellende Leseerfahrung ist. Eine Sache, die mir an Krieg der Klone am besten gefällt, ist, dass manche Leute mir sagen, sie hätten mit Galaktische Mission angefangen und sich dann rückwärts durch die Bände gearbeitet, was für sie gut funktioniert hat. Denn ich habe ihnen immer genügend Informationen gegeben, so dass sie nicht den Überblick verloren haben. Das ist mit Absicht passiert, denn man weiß nie, wo jemand in ein Universum einsteigt, das man erschaffen hat, und man möchte ihnen keinen Grund geben, gleich wieder auszusteigen. Das mache ich für den ersten Band einer Serie und genauso in jedem Folgeband.

7. Und falls Sie sich gefragt haben, wie es denn nun weitergeht: Der Plan sieht vor, dass der zweite Band der Serie Das Imperium der Ströme zwei Jahre nach dem ersten herauskommt, also 2019. (Die Fortsetzung von Das Syndrom ist für 2018 geplant.) Es dürfte also keine allzu lange Wartezeit werden.

8. Mir ist aufgefallen, dass ich für Kollaps eine meiner besten Figuren überhaupt kreiert habe: Kiva Lagos. Sie ist auch eine der Lieblingsfiguren meiner Frau und wird nur von Jane Sagan übertroffen (die, um das klarzustellen, völlig nach ihrem Vorbild gestaltet wurde; also ist sie da voreingenommen). Dass ich das offizielle Krissy-Gütesiegel™ erhalten habe, macht mich glücklich. Die anderen beiden Hauptfiguren (Marce Claremont und Cardenia Wu-Patrick) sind ebenfalls ziemlich gut, und wir haben es mit einem Trio aus verschwisterten Gegenspielern zu tun, von dem ich glaube, dass auch die Leser Spaß mit ihnen haben werden. Im Ernst, das ist ein witziges Buch.

9. Und was kommt, wenn das Buch fertig ist? Nun, den Rest des Jahres werde ich mich hauptsächlich entspannen. Ich muss mich noch um ein paar Kurzgeschichten und Kolumnen kümmern, und wenn die Korrekturfahnen für Kollaps hereinkommen, muss ich sie sehr schnell bearbeiten (da ich mit der Abgabe des Buchs etwas spät dran war – DANK TRUMP UND CLINTON), aber in erster Linie habe ich vor, etwas Schlaf nachzuholen und Videospiele zu spielen. Es ist nett, das Buch aus meinem Gehirn rauszuhaben. Es war schon ein wenig anstrengend.

10. Es war anstrengend, aber das war es wert. Ich glaube, Ihnen allen wird Kollaps richtig gut gefallen!



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© Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Zuerst erschienen unter dem Titel »Further Thoughts on The Collapsing Empire« auf www.whateverscalzi.com, 17. Oktober 2016.

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Kempen

 

 

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