Mary Shelleys Frankenstein

© skeeze, cocoparisienne / pixabay

BUCH

Mary Shelleys Frankenstein


Alexander Pechmann
02.10.2017

Ein Meisterwerk wird zweihundert Jahre alt. Alexander Pechmann, dessen Übersetzung der Urfassung des Horror-Klassikers endlich wieder erhältlich ist, stellt den Roman vor.

Frankenstein? War das nicht der Roboter, der gegen die Teufelsmonster kämpfte? Oder vielmehr der gut geölte Muskelmann, der mit Karateschlägen eine Armee bösartiger Gargoyles vernichtete? Vor rund zweihundert Jahren hätte ich mir diese Fragen nicht stellen müssen, heute stoße ich beim Stöbern in alten Taschenbüchern und Videokassetten auf kuriose Titel wie »Frankensteins Todesrennen« oder »Frankenstein wie er mordet und lacht«. »Frankenstein« ist längst zu einem Schlagwort verkommen, mit dem man Bücher und Filme ebenso gut verkaufen kann wie Frühstücksflocken. Und doch stand am Anfang keineswegs ein zwei Meter großer Kerl im Tweedsakko, der mit merkwürdig flachem Schädel und schwarzumrandeten Augen unbeholfen durch Pappkulissen tappt, derweil ein Mann im weißen Kittel verzückt mit den Armen fuchtelt und ruft: »Jetzt weiß ich, was es heißt, Gott zu sein!«

Im Jahr 1818 war Frankenstein ein zunächst anonym veröffentlichter, mäßig erfolgreicher Roman über einen jungen Mann, der nach dem frühen Tod seiner Mutter davon träumt, Krankheit und Tod zu besiegen, neues Leben zu erschaffen. Letzteres gelingt, mit fatalen Folgen. Die künstlich erschaffene Kreatur ist allerdings kein irres Monster mit dem Hirn eines Mörders – sie ist ein verstoßenes Wesen auf der hilflosen Suche nach einem Platz in der Welt, und erst als ihm jegliche menschliche Zuwendung verwehrt bleibt, wendet es sich gegen seinen Schöpfer, um grausam Vergeltung zu üben.

Mary Shelley gab sich später als Autorin des Romans zu erkennen, den man anfangs ihrem Mann, dem Dichter Percy Bysshe Shelley zugeschrieben hatte. Sie war stolz auf ihren unheimlichen Sprössling, der sie zudem stets an die glücklichen Jahre vor dem frühen Tod ihres geliebten Mannes erinnerte, an die Zeit am Genfer See, als sie mit ihren Freunden wetteiferte, wer wohl die erschreckendste Geistergeschichte erfinden mochte.

Bei aller kindlichen Lust am Grauen entwickelte Frankenstein sich zu einem erstaunlich ernsten, erwachsenen Roman und galt lange als »unschicklich«. Shelleys Zeitgenossen waren schockiert, dass der Begriff »Schöpfer« nicht dem christlichen Schöpfergott vorbehalten blieb, sondern von der Autorin auf ein menschliches Wesen angewandt wurde. Doch selbst die konservativsten Leser mussten zugeben, dass der Roman überaus faszinierend und neuartig war. Die meisten Rezensenten fragten sich, ob sie das Buch aus moralischen Gründen verdammen oder aufgrund seiner Originalität loben sollten. Denn originell war es zweifellos – eine packende Mischung aus Abenteuerroman, Gruselgeschichte und nachdenklicher Allegorie.

Heute kann man die Geschichte Frankensteins, die im Jahr 1818 als unmoralisch galt, als Anregung verstehen, sich mit schwierigen moralischen Fragen auseinanderzusetzen. Diese Fragen gehen über den Bereich der Wissenschaftsethik weit hinaus und führen zu grundlegenden gesellschaftlichen Problemen wie Integration, Erziehung, Gerechtigkeit, Verantwortung. Mary Shelley gelang es vorbildlich, solche Probleme in spannenden Episoden anschaulich zu machen, ohne den Schwung der Erzählung durch didaktische Mahnungen zu verderben. Gerade in der Verweigerung einfacher Antworten und Belehrungen liegt der Wert ihres Buches für unsere Gegenwart.

Zum Jubiläum erscheint die gründlich überarbeitete Erstübersetzung der Urfassung von Frankenstein mit einem Nachwort von Georg Klein in bibliophiler Aufmachung im Manesse Verlag.

Share:   Facebook