Interview mit Autorin Charlie Jane Anders

INTERVIEW

"Ich wusste, dass ich bei vielen Leuten anecken werde." - Charlie Jane Anders im Interview


Charlie Jane Anders ist die Autorin von „Alle Vögel unter dem Himmel“. Seit vielen Jahren arbeitet sie in der Fantasy- und Science-Fiction-Szene, schreibt Kurzgeschichten und ist außerdem die Mitbegründerin vom phantastischen Nerd-Magazin io9. Heute steht sie uns Rede und Antwort.

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TOR ONLINE: Wovor hast du beim Schreiben am meisten Angst? Schließlich ist der Weg bis zur Veröffentlichung eines Romans ja öfter mal eher holprig.

Charlie Jane Anders:  Das Schriftstellerdasein bringt einen wirklich an seine Grenzen. Es ist wahnsinnig schwierig, aber das ist es für jeden. Denn wäre es das nicht, würden nicht so viele Menschen genau dieses Ziel vor Augen haben – Autor zu werden. Gefühlt gibt es da draußen Millionen von ehrgeizigen Menschen, die Science Fiction und Fantasy schreiben wollen, jeder von ihnen mit einer ganz eigenen phantastischen Geschichte, die er oder sie erzählen will. Aber es gibt nur so wenig Zeit und Aufmerksamkeit und Platz auf Bücherregalen, mit denen man klar kommen muss. Selbst wenn man sich im Selfpublishing versucht, muss man erstmal das Interesse der potenziellen Leser für das eigene Werk wecken, und das ist wirklich harte Arbeit – sowohl die eigene Schreibe zu optimieren als auch herauszufinden, wie man am besten sein Publikum erreicht. Ich habe Jahre in diesem undurchsichtigen „Dschungel“ verbracht, habe meine Kurzgeschichten immer und immer wieder bei Verlagen und Co. eingereicht und habe unzählige Absagen erhalten, bis ich das Gefühl hatte, ich könnte mich darin verbuddeln. Ich habe mehr als hundert Geschichten geschrieben, die entweder nie ihren Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben, oder in kleinen Magazinen oder hier und da mal unter Fernerliefen herausgebracht wurden. Was mich trotzdem bei der Stange gehalten hat, war die Überzeugung, dass der ganze Schmerz und die viele Ablehnung mich auf Dauer zu einer besseren Schreiberin machen würde, weil ich immer versucht habe, beim nächsten Mal mit einer noch besseren Story beim Verlag aufzuschlagen. Und es fühlt sich noch immer so an als müsste ich mit jeder Geschichte immer noch einen drauflegen. Ich würde wirklich nicht behaupten wollen, „außergewöhnliches Talent“ zu haben, weil ich glaube, dass es vor allem die Hartnäckigkeit ist, die  mich weiter gebracht hat. Ich habe einfach nicht damit aufgehört, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen und immer wieder Feedback, positives  wie negatives, für meine Stories zu bekommen, weil ich einfach zu dickköpfig war, um einfach aufzugeben. Und jedes Mal, wenn ich wieder einen Autor treffe, der über Nacht zum Star geworden ist, kommt doch wieder heraus, dass Jahre lange Versuche dahinter stecken, ihre Projekte unterzubekommen und sie immer wieder zurückgeworfen wurden.

Erzähl uns, wie du zur Fantasy und Science Fiction gekommen bist.

Ich glaube, ich war schon in jüngsten Jahren besessen von Science Fiction und Fantasy. Einige meiner ersten Erinnerungen sind, dass ich Autoren wie Lloyd Alexander lese, und The Phantom Tollbooth von Norton Juster, eines der Bücher, die ich gelesen habe, als ich noch sehr jung und leicht zu beeindrucken war.  Ich habe alle Doctor Who-Romane von Terrance Dicks und einigen anderen Autoren  verschlungen. Und dann kam A Wrinkle in Time von Madeleine L’Engle. Das waren so die Bücher, die mir das Tor zur Phantastik und zum Lesen allgemein geöffnet haben. 

Wie bist du eigentlich in diese Science-Fiction-Szene und vor allem mit anderen SF-Autoren in Kontakt gekommen?

Das war ein sehr langer – und langsamer – Weg. Über Jahre hinweg bin ich immer und immer wieder zu Conventions gepilgert, aber es kam mir nie in den Sinn, dass das auch ein Ort sein könnte,  an dem man andere Autoren trifft oder sich übers Schreiben austauschen kann. In meiner Jugend habe ich sie immer nur als Events wahrgenommen, bei denen man sich in bunte Kostüme schmeißt, zu Lesungen und Vorträgen geht,  einfach rumhing und geekiges Zeug tat.

Ich glaube, einer der wichtigsten Schritte für mich war, dass ich einer Schreibgruppe beigetreten bin, also an einer Art Workshop für SF-Autoren teilgenommen habe. Das war der Punkt, an dem ich tatsächlich in dieses Science-Fiction-Universum hineingezogen wurde. Diese Schreibgruppe und der regelmäßige Kontakt zu anderen Autoren machte mir klar, dass es da draußen noch ganz viel zu entdecken gibt, eine ganze Welt voller Menschen mit Zielen, die meinen ähnlich sind, und dass ich mich mit ihnen vernetzen kann. Als ich dann anfing, für io9 zu arbeiten, war das natürlich ein riesiger Schritt nach vorn, denn plötzlich schrieb ich Artikel über Science Fiction – und die Leute wollten sie tatsächlich lesen! Und sie wollten sich mit mir darüber austauschen, und plötzlich wurden auch die Besuche bei irgendwelchen Conventions zu riesigen Netzwerkparties, bei denen man sich mit Leuten unterhalten konnte, die zumindest meine Beiträge auf io9 kannte. Ganz offensichtlich war das eine starke Entwicklung.

Wie kam es eigentlich dazu, dass du bei io9 angefangen hast?

Das war reiner Zufall. Nick Denton, der Geschäftsführer von Gawker Media, ist ein großer Science-Fiction-Fan. Und ganz besonders hat es ihm Asimov angetan. Er wollte schon immer eine SF-Blog machen und kam dadurch in Kontakt mit meiner Parnterin Annalee Newitz, die einige Jahre lang für ein Magazin namens Other gearbeitet hat. Als er mit seiner Idee von diesem SF-Blog zu ihr kam, war sie gerade mit dem Wired Magazine beschäftigt, und erstaunlicherweise warf sie meinen Namen in den Ring, da wir schon hier und da ein paar Projekte zusammen gestemmt hatten. Und das war wirklich eine unglaubliche Chance für mich. Da klopfte plötzlich mein absoluter Traumjob an die Tür. Plötzlich durfte ich klugscheißen und meine laienhafte Meinung zu SF- und Fantasy-Themen mit der ganzen Online-Welt teilen.

Auf deinem Blog hast du mal über „Alle Vögel unter dem Himmel“ gesagt: „Es gab eine Zeit, in der ich höllische Angst hatte, dass niemand, aber auch wirklich niemand, dieses Buch verstehen würde.“ Was hat dich so wahnsinnig nervös gemacht?

Es hat auch seine negativen Seiten, den ganzen Tag im Internet rumzuhängen und zu lesen, wie sich Leute, oftmals nicht so freundlich, über Bücher, Stories und das Schreiben an sich unterhalten. Ich wusste, dass ich Dinge in meinem Roman anspreche, mit denen ich bei vielen Leuten anecken werde. Schon die Tatsache, dass ich gewissermaßen mit einem Young-Adult-Feeling in das Buch starte und etwa 150 Seiten später einfach mal einen großen Zeitsprung mache und die Protagonisten plötzlich Mitte zwanzig sind, wird sicher einige Leser irritieren und viele werden es nicht mögen. Alle Vögel unter dem Himmel wird ganz klar von einem allwissenden Erzähler zum Besten gegeben, doch streng genommen handelt es sich um eine personale Erzählperspektive, die ich verwendet habe: Das Schöne daran ist, dass man ganz eng an die Figuren herankommt, über hunderte von Seiten hinweg in ihrem Kopf bleibt, nur das sehen kann, was sie sehen, nur das wissen kann, was sie wissen; und trotzdem gibt es die Möglichkeit, wieder Abstand zu gewinnen und einen Moment zu haben, in dem der Leser wieder eine auktoriale Sicht auf die Story bekommt. Das ist eine Technik, die seit ewigen Zeiten schon verwendet wird. Und dennoch habe ich den Eindruck, dass diese Lesart für die LeserInnen von heute sehr ungewohnt ist.

Es gibt eine Stelle im Roman, an der ich etwas ganz Abgefahrenes ausprobiere. Patricia und Laurence sind in einem Aufzug und spekulieren über die Eigenschaften der Passanten allein anhand der Schuhe, die sie tragen, weil das das Einzige ist, was sie von ihnen sehen können. Am Ende stellt sich heraus, dass sie bei einer Person, die am Aufzug vorbeiging, genau richtig lagen! Und das können wir nur dank unseres personalen Erzählers wissen! Irgendwie bin ich davon überzeugt, dass das genau der Moment ist, an dem die Leute aufgeben, an dem sie wütend das Buch durch den Raum schmeißen. Es gab schon einige von diesen Stellen, an denen ich etwas gewagt und die vermeintlichen „Regeln des Schreibens“ gewissermaßen gebrochen habe. Und irgendwie schlich sich die Befürchtung ein, dass es einige LeserInnen geben würde, die absolut nicht mit dem einverstanden sind, was ich da getan habe.

Stimmt es, dass du deinen Roman mehrfach umgeschrieben hast? 

Genau, das war eine der Sachen, die während des Schreibprozesses passiert sind. In den vorherigen Versionen gab es auch noch Aliens und so. In einer Version gab es einen bösen Zauberer, gegen den Patricia immer wieder und wieder kämpfen musste. Ich hatte so viel, was ich in die Geschichte hineinpacken wollte und habe abgewogen, mit wie vielen (oder wenigen) von diesen Dingen ich wohl bei den Lesern durchkommen würde, und ich habe nur gedacht: „Weißt du, ich schreibe schon an diesem verrückten Buch, das ein echt außergewöhnliches Konzept hat, warum probierst du nicht einfach aus, wie viel du hineinstopfen kannst, bevor es zusammenbricht.“ Und tatsächlich ist mir das Experiment geglückt. Es war genau das, was passiert ist: Die Story ging kaputt.

Dann dachte ich darüber nach, was ich wirklich in diesem Roman erzählen will. Und das hat meinen Blick wieder frisch gemacht, und ich dachte „Okay, was hieran echt interessant ist, ist die Beziehung, und die Beziehung funktioniert nur, wenn wir mit den Figuren mitfühlen, uns in sie hineinversetzen können, egal ob sie allein auftauchen oder ob es um deren eigene Beziehung geht.“ Ich hatte dieses Aha-Erlebnis erst recht spät im Schreibprozess. Ich glaube, es war in meinem sechsten Anlauf. 

Ist „Alle Vögel unter dem Himmel“ eine Art von „Romeo und Julia“-Geschichte, bei der die Wissenschaft und die Magie die verfeindeten Familien darstellen?

Ich glaube, dass jede gute Beziehungsgeschichte - und das ist wahrscheinlich eine dieser Generalisierungen, die mir noch viel Ärger machen werden -  Personen braucht, die einen gewissen Reibungspunkt haben, oder einen triftigen Grund, weshalb sie nicht zusammen sein können, oder die einfach gegensätzliche Ansichten haben. Das ist das Konzept, auf dem die meisten Romance-Bücher, zumindest bis zu einem gewissen Grad, funktionieren. Und ich bin überzeugt, dass Konflikte jede Art von Beziehung interessanter machen, dass sie das Ganze dynamischer und interessanter machen als wenn zwei Figuren nur dasitzen und zu allem Ja und Amen sagen. Aber gleichzeitig wollte ich nie, dass die Beziehung zwischen Laurence und Patricia allein darüber definiert wird. 

Wie kamst du eigentlich darauf, dass scharfes Essen magische Kräfte in einem wecken kann?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Diese seltsame Idee kam ganz zufällig. Vielleicht kam es daher, dass Patricia in einem Haus aufwuchs, das in der Kolonialzeit als Gewürzlager diente, und noch immer leichte Gewürznoten in der Luft hängen. Hin und wieder findet man auch noch Reste in den Ritzen. In meinem Kopf ergab das dann die Idee, dass die extreme physische  Geschmackserfahrung, die Patricia erlebt, wenn sie scharf isst, dazu führt, dass sie ihren Körper verlässt und sich auf diese mächtige, visionäre Quest begibt.

Die Magie in Alle Vögel unter dem Himmel haben wir nun erklärt. Aber wie sieht es mit der Wissenschaft aus? 

Was die wissenschaftlichen Aspekte in Alle Vögel unter dem Himmel angeht, hatte ich sehr viel Glück, dass wir bei io9 einige relevante Kolumnen gespielt haben. Eine hieß beispielsweise „Frag einen Bio Geek“ von einem Professor von der Berkeley Universität, Terry Johnson, und eine andere hieß „Frag den Physiker“ von Dr. Dave Goldberg, der an der Drexel University Physik unterrichtet. Beide haben grandiose Bücher geschrieben, die  man auf jeden Fall gelesen haben sollte. Und es stört sie bis heute nicht, wenn ich mal wieder mit verrückten Fragen zu ihnen komme, wie: „Ich habe da diese Idee. Wie erkläre ich das auf eine Art und Weise, dass es irgendwie logisch klingt?“ Dr. Dave Goldberg hat unzählige Stunden damit verbracht, die Zeitreisegeschichte zu entwickeln, die ich für das Lightspeed Magazine geschrieben habe, und für die ich mir Nächte um die Ohren geschlagen habe, indem ich mich an Trigonometrie versucht habe, um zu verstehen, wie Zeitreise in meiner Welt funktionieren müsste. Er half mir mit der Physik dahinter. Deshalb wollte ich auch die Wurmlochmaschine, an der Laurence in der zweiten Hälfte des Romans arbeitet, drin haben – und noch anderen naturwissenschaftlichen Kram. Es sollte nicht ausgedacht klingen, als würde ich wild Sachen in den Raum werfen. Vielmehr sollte es Hand und Fuß haben.

Glaubst du, wir sind wirklich so kurz davor, uns selbst zu zerstören und wie hart müssen wir durchgreifen, um es zu verhindern?

Ich mache mir Sorgen, weil wir unseren Lebensraum auf diesem Planeten zerstören, und wegen des wenig nachhaltigen Systems, das wir selbst aufgebaut haben. Ich glaube, dass jeder, der sich für das aktuelle Weltgeschehen interessiert, sich um diese Dinge Sorgen machen muss. Beim Schreiben von Alle Vögel unter dem Himmel war ich sehr vorsichtig damit, Stimmen einzubauen, die nicht daran glauben, dass das Weltende bevorsteht, denn ich glaube, dass es wichtiger ist, dass man den Figuren im Buch abnimmt, dass sie an das bevorstehende Ende der Welt glauben, als dass sie das Gleiche für ihre eigene Realität annehmen. Denn das rechtfertigt die Reaktionen der Figuren. 

Kann man ein knallharter Rationalist sein und gleichzeitig abergläubisch?

Tatsächlich bin ich sehr, sehr, sehr abergläubisch und ich beschäftige mich viel mit Magie. Irgendwo tief in mir, weiß ich auch, dass das Quatsch ist, aber auf gewisse Art und Weise schenke ich diesen Dingen Glauben. Wahrscheinlich habe ich eine eher ungewöhnliche Beziehung zur Realität. Teilweise hängt das sicherlich damit zusammen, dass mir Realität immer seltsam vorkommt (obwohl ich sie selbst durchlebe). Sie fühlt sich so gut wie nie vorhersehbar oder logisch an. Ich flüchte mich hin und wieder in den Aberglauben oder eben auch in magische Ansichten, ich glaube hauptsächlich, um mit der Unwirklichkeit des Lebens ein bisschen besser zurechtzukommen.

Welches sind die magischen Aspekte, die du in dein Leben integrierst?

Ich hebe jeden Cent auf, den ich auf der Straße finde. Ich gehe nicht unter Leitern durch. Ich umarme Bäume. Ich habe zeitweise auf Holz geklopft, aber jetzt umarme ich lieber einen Baum, um Glück heraufzubeschwören oder mich geerdet zu fühlen. Grundsätzlich glaube ich einfach, dass es eine gute Sache ist, Bäume zu umarmen. Bäume sind unsere Freunde. Es ist gut, ihnen hin und wieder Hallo zu sagen.

Würdest du sagen, dass Laurence und Patricia diese zwei Aspekte deiner eigenen Persönlichkeit repräsentieren und du dich in beiden gleich stark wieder findest?

Ich kann mich auf jeden Fall mit beiden gleichermaßen identifizieren und ja, ich bin überzeugt, dass sie tatsächlich Teile meiner Persönlichkeit repräsentieren. In vielerlei Hinsicht haben wir eine Menge gemeinsam, genauso wie wir uns in vielem unterschieden.

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