Die Soldaten von Tobias O. Meissner

KOLUMNE

Die geheimen Schätze der Phantastik: Die Soldaten


Der Krieg spielt eine wichtige Rolle im Fantasy-Genre. Sei es in Form eines bösen Herrschers/Nekromanten/finsteren Schrecken, der versucht die Herrschaft über die bekannte Welt zu übernehmen oder diese eventuell gleich ganz zu vernichten. Oder sei es in Form eines Kampfes zwischen verschiedenen Fraktionen um Thron oder Land. Immer müssen die Helden irgendwann das Kämpfen lernen, und oft finden sie sich nicht einfach in kleineren Scharmützeln wieder, sondern in großen Schlachten, gerne auch in der Position eines Heerführers.

Lange Zeit ging es bei der Darstellung von Schlachten in der Fantasy vornehmlich um Ruhm und Ehre und Abenteuer. Die Helden konnten sicher sein, für die richtige Seite in die Schlacht zu reiten, und auch wenn Blutvergießen an sich natürlich immer eine unschöne Angelegenheit ist, so diente es doch einem höheren Zweck und sorgte letztendlich dafür, dass es allen besser ging – abgesehen von den Bösen, natürlich, aber die hatten es ja auch nicht anders verdient.

Doch nach und nach wurden die Stimmen laut, dass das doch zum einen auf Dauer eher langweilig, und zum anderen nicht sonderlich realistisch sei. Es gab eine Gegenbewegung, deren bekanntestes Beispiel ganz ohne Zweifel Georg R. Martins Epos „Das Lied von Eis und Feuer“ ist. Plötzlich konnte man sich nicht mehr ganz so sicher sein, wer eigentlich die Guten und wer die Bösen sind. Krieg war nicht mehr ruhmreich und ehrenvoll, sondern oft sehr eklig und grausam.

Aber immerhin diente er noch immer einem Zweck. Die Motive der Protagonisten mochten deutlich komplexer und nicht mehr so einfach in Schwarz ein Weiß separierbar sein, aber Krieg war immer noch ein Mittel, um ein Ziel zu erreichen.

Tobias O. Meißner trägt diese Entwicklung noch einen Schritt weiter. In seinem Werk „Die Soldaten“ ist Krieg nicht nur scheußlich und unter keinen Umständen ruhmreich. Er ist komplett sinnlos.

Leutnant Eremith Fenna erhält die Aufgabe, in der Festung Calyr aus frisch angeworbenen Rekruten eine neue Kompanie aufzustellen. Die Festung liegt an der Grenze zum Affenmenschenland. Mit den Affenmenschen herrscht Krieg, obwohl niemand so wirklich genau zu wissen scheint, warum eigentlich. Zwar gibt es die offizielle Verlautbarung, dass die Affenmenschen eine große Bedrohung für das Reich darstellen, aber zuletzt waren es die Menschen gewesen, die in ihr Gebiet eingefallen sind, nicht umgekehrt. Dieser letzte Feldzug endete zudem in einer Katastrophe, die kaum Überlebende zurückgelassen hat. Im Verlauf der Handlung wird immer deutlicher, dass an der offiziellen Geschichte dazu irgendetwas faul ist.

Der Großteil der Handlung dreht sich allerdings um die Ausbildung der Rekruten. Sie sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen und ganz sicher nicht die erste Wahl, aber nach der jüngsten Katastrophe ist Zahl kampfeswilliger Bewerber nicht mehr sehr groß. So muss Fenna einige Tricks anwenden, um einen halbwegs tauglichen Trupp aus seinen Leuten zu machen. Dabei lernt man jeden der Rekruten, seinen Hintergrund und seine Eigenheiten besser kennen.

Für einen Roman, der „Die Soldaten“ heißt, wird die Handlung dabei von erstaunlich wenigen bewaffneten Konflikten getragen. Stattdessen fiebert man als Leser zusammen mit Fenna einem Manöver entgegen, bei dem seine Leute eine ebenfalls in Calyr stationierte Kompanie schlagen sollen, um eine Wette zu gewinnen. Man vergisst ganz, sich zu fragen, wann denn nun eigentlich irgendetwas Großes passiert, denn große Ereignisse sind nicht Ziel dieses Romans. Es geht um die Charaktere, ihre Sorgen und ihre Eigenheiten. Immer mehr gewinnt man jeden einzelnen Rekruten lieb und lässt sich von ihren kleinen Problemchen mitreißen.

Wenn es ganz am Ende schließlich zu einer echten Feindbegegnung kommt, wünscht man sich eigentlich nichts mehr, als dass Fennas neue Kompanie in der Festung bleiben könnte, denn man ahnt schon, dass es für die meisten der Charaktere nicht gut enden kann. Und dann ist es so, wie im echten Krieg: Leute, die etwas viel Besseres verdient hätten, sterben, und am Ende ist man sich nicht sicher, ob damit tatsächlich irgendetwas erreicht wurde.

Im nächsten Teil der Kolumne (erscheint am Mittwoch, 3. Mai) widmet sich Andrea Bottlinger dem Buch "Nicodemus der Zauberverschreiber" von Blake Charlton. 

 

Es gibt Bücher, die lassen sich leicht in eine Schublade stecken. High Fantasy, Military Science Fiction, Steampunk. Jedem Werk sein Label, mit dem man es leicht erfassen und erklären kann. Und dann gibt es Bücher, die sind einfach irgendwie ... seltsam. Aber dafür mögen wir sie umso mehr. Es wird nur schwierig, wenn man versucht, sie anderen Leuten zu erklären. Andrea Bottlinger wagt den Versuch.

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