Interview mit Autor Daryl Gregory

INTERVIEW

Daryl Gregory über DIY-Drogen und Beta-Tests in menschlichen Gehirnen


In Daryl Gregorys aktuellem Near-Future-Roman "Afterparty" kann sich jeder seine Lieblingsdroge einfach zu Hause ausdrucken. Der Hit der Saison: Numen. Wer es einnimmt, findet seinen ganz persönlichen Gott … Können wir in naher Zukunft selbst Drogen per 3D-Druck herstellen? Autor Daryl Gregory im Interview.


TOR-Online: 
Kannst du "Afterparty" in einem Satz zusammenfassen?

Daryl Gregory: Leider ist der großartige Sprecher Don LaFontaine nicht mehr am Leben, aber ich hätte mich sehr gefreut, wenn er einen Teaser für das Buch hätte einsprechen können. Der hätte dann gelautet: „In einer Welt, in der Gott eine Droge ist, muss eine Frau auf Entzug gehen.“ Eine noch kürzere Zusammenfassung wäre der Arbeitstitel, den ich während des Schreibens für das Buch benutzt habe: Gebetsbuch für Atheisten.

Was hat dich dazu inspiriert, diesen Roman zu schreiben?

Mich faszinieren die Geheimnisse des Bewusstseins. Haben wir ein Selbst? Ist freier Wille eine Illusion? Woher kommt unsere moralische Intuition? Ich habe eine Reihe von Kurzgeschichten geschrieben, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, aber über die Länge eines Romans habe ich mich noch nie mit ihnen auseinandergesetzt. Ich fand es besonders interessant, über eine Droge zu schreiben, die die Veränderungen nachahmt, die bei einer ekstatischen, göttlichen Erfahrung im Gehirn geschehen. Wenn dieses Gefühl chemisch erzeugt werden kann, was sagt uns das dann über „natürliche“ Begegnungen mit dem Göttlichen? Vielleicht hat uns das Gehirn einfach die ganze Zeit zum Narren gehalten.

Die Technologie in "Afterparty" scheint nicht allzu weit entfernt von dem, was heute schon möglich ist, insbesondere was die Herstellung von Drogen per 3-D-Druck angeht. Was hast du erfunden, und was basiert auf tatsächlich existierenden Technologien?

Da das Buch in der sehr nahen Zukunft spielt, wollte ich auch die fiktiven Technologien so plausibel darstellen, dass man sich vorstellen kann, dass sie bereits existieren. In vielen Fällen habe ich daher einige schon existierende Technologien miteinander kombiniert, um daraus etwas Neues zu machen. Also: 3-D-Drucker + Internethandel im Silk-Road-Stil (um chemische Drogenausgangsstoffe zu kaufen) = der „Chemjet“, ein Gerät, mit dem man Designerdrogen auf Esspapier drucken kann. Ich dachte, das wäre eine absolut neue Idee, bis ich mit einem Chemieprofessor gesprochen und erfahren habe, dass sie an den Unis längst vorgefertigte Moleküle übers Internet bestellen. Und nicht mal ein Jahr nachdem das Buch in den USA erschienen war, präsentierte dann eine Gruppe von Chemikern an der University of Illinois ihre Erfindung: einen 3-D-Drucker für Moleküle, der organische Verbindungen drucken kann.

Das war nicht die einzige fiktive Technologie im Buch, die von der Realität eingeholt wurde. Im ersten Kapitel wird eine App erwähnt, mit deren Hilfe Obdachlose freie Betten in Unterkünften finden können. In San Francisco wurde nur einen Monat nach Veröffentlichung des Buches eine ganz ähnliche App herausgebracht. Dadurch habe ich gelernt, dass praktisch jedes Buch im Science Fiction-Genre, das in der nahen Zukunft spielt, sehr schnell zum Genre des „zufällig ungenauen historischen Romans“ gehört.

In "Afterparty" geht es um die synthetische Droge Numen, die beim Konsumenten die Illusion erzeugt, einen persönlichen Gott im Kopf zu haben – wobei es Hinweise darauf gibt, dass das vielleicht gar keine Illusion ist. Was hat dich an dieser chemisch-religiösen Erfahrung so fasziniert, dass du sie zu einem Teil deiner Geschichte machen wolltest?

Viele Menschen – in einer Umfrage waren es 50 % der Befragten – haben schon mal eine numinose Erfahrung gemacht, d.h. sie hatten das Gefühl, dass sie mit etwas außerhalb ihrer selbst in Verbindung standen. Das passiert Gläubigen genauso wie Atheisten, in allen Kulturen. Sowohl bei katholischen Nonnen als auch bei buddhistischen Mönchen kann man beim MRT beobachten, dass im Gehirn etwas passiert, wenn sie beten oder meditieren. Menschen mit Schläfenlappenepilepsie machen täglich numinose Erfahrungen. In Kanada gibt es einen Wissenschaftler, der berichtet hat, dass er dieses Gefühl mit Magneten hervorrufen konnte. Ganz genau: Magneten.

Leute, die so eine Erfahrung gemacht haben, gehen oft einfach darüber hinweg, betrachten sie als einen komischen Trick des Gehirns, wie ein Déjà-vu, nur viel intensiver. Aber eine charakteristische Eigenschaft des Numinosen ist, dass es sich nicht anfühlt wie eine Halluzination. Barbara Ehrenreich, eine Atheistin und Rationalistin hat gerade das Buch Living with a Wild God herausgebracht, in dem es um eine numinose Erfahrung geht, die sie als Teenager gemacht hat. Wenn man religiös ist, kann man diese Erfahrung als Beweis dafür sehen, dass Gott da draußen ist und mit einem kommuniziert. Und selbst wenn man nicht religiös ist, fühlt es sich so an, als wenn irgendetwas Kontakt zu einem aufnimmt.

Ich mochte die Vorstellung von einer Droge, die etwas reproduziert oder nachahmt, das uns als essentielles Merkmal des Menschen erscheint. Wenn wir eine Pille nehmen könnten, die uns zu einem besseren, liebenswerteren Menschen macht, sollten wir sie dann nicht nehmen? Und wenn das für uns funktioniert, sollten wir dann nicht andere dazu bringen, es auch zu tun – sie ihnen falls nötig verabreichen? Diese Idee von chemischer Missionierung ist beängstigend, aber mit solchen Fragen sollte sich Science Fiction beschäftigen.

Falls die Molekül-Druck-Technologie jemals für den Privatgebrauch verfügbar sein wird – denkst du, sie wäre legal? Oder würden Regierungen versuchen, die Nutzung zu unterbinden?

Man wird sicher dagegen vorgehen, vor allem gegen die Verbreitung von chemischen Drogenausgangsstoffen, aber das wird ein aussichtsloser Kampf sein. Die Chemjet-Technologie, wie ich sie mir vorstelle, wird viel kostengünstiger sein und weniger Spuren hinterlassen als der Anbau von Marihuana. Das ist eine Desktop-Technologie. Keine Pflanzenlampen, keine Blumenerde. Wenn die Leute erst mal Rezepte runterladen können, sie ausprobieren und dann ihre eigenen Modifikationen untereinander teilen, dann wird das ganz ähnlich funktionieren wie heute die App-Entwickler-Community. Das Angsteinflößende daran ist, dass dabei quasi Beta-Tests in den Gehirnen der Menschen durchgeführt würden. Das Risiko ernsthafter Schäden ist immens.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich habe ungefähr dreißig Sekunden nachdem ich Lesen gelernt habe, das erste Mal versucht, eine Geschichte zu schreiben. Macht das nicht jedes Kind? Man braucht doch nur ein paar Blätter Papier, eine Packung Buntstifte und einen Tacker – und schon kann man anfangen, Bücher zu veröffentlichen. Meinen ersten Roman schrieb ich irgendwann zwischen der zweiten und dritten Klasse. Er war zwölf Seiten lang, inklusive Illustrationen, die ich selbst gemalt hatte. Heute lernen Kinder ja praktisch gleich nach der Geburt, wie man ein iPad bedient, also werden sie Print wohl künftig auslassen und direkt mit e-Books anfangen.

Der Plot meines ersten Romans erinnerte auffällig stark an The Wonderful Flight to the Mushroom Planet von Eleanor Cameron, das ich gerade gelesen hatte. Aber da ich nur ein Exemplar produzierte und mich weigerte, es zu verkaufen, konnte ich nicht Vollzeit-Schriftsteller werden und blieb an der Grundschule.

Ich wurde Englischlehrer, dann technischer Redakteur und Programmierer, aber ich habe nie mit dem Schreiben aufgehört – oder damit, Ideen und Inspiration aus anderen Büchern zu stehlen. Der einzige Unterschied ist, dass ich heute aus vielen Büchern gleichzeitig stehle.

Du schreibst in vielen verschiedenen Formaten und Medien: Romane, Kurzgeschichten, Comics, Videospiele … Magst du eines davon am liebsten?

Bei Comics arbeitet man sehr eng mit anderen zusammen, so wie wenn man einen Film dreht. Mein Job ist es, das Rückgrat der Geschichte bereitzustellen und sie mit so wenigen Worten wie möglich voranzutreiben. Die wirklich schwierige Arbeit muss der Künstler erledigen. Es macht wahnsinnig großen Spaß, wenn alle Beteiligten (manchmal wortwörtlich) auf der gleichen Seite sind.

Bei Videospielen ist das Team der Mitwirkenden noch größer. Ich bin gerade mit Flatline fertig geworden, einer interaktiven Geschichte, die ungefähr so wie die Du-entscheidest-selbst-Bücher funktioniert und über eine mobile App läuft. (Sie ist sehr gut geeignet für Smartwatches und -phones.) Der Text, den ich geschrieben habe, ist das Herz des Spiels – ungefähr 60.000 Wörter für alle möglichen Handlungswege –, aber der Erfolg des Spiels basiert darauf, dass die Geschichte mit der Benutzeroberfläche eine harmonische Einheit bildet. Flatline ist eine Horrorstory und es gibt zum Beispiel ein Herzfrequenzmessgerät, das einem sagt, wie groß die Panik der Hauptfigur ist. Wenn das höchste Paniklevel erreicht ist, ändert sich die Geschichte. Damit das richtig funktioniert, mussten wir alle zusammenarbeiten: Autoren, Programmierer, Künstler, Tester und sogar die Übersetzer.

Bei Kurzgeschichten und Romanen liegt die gesamte Verantwortung bei mir – nur ich bin schuld, wenn etwas nicht stimmt. Ich mag diesen Druck. Es gibt kein besseres Gefühl als bis zum Hals in einer Story zu stecken; man schläft mit den Figuren im Kopf ein, und wenn man wieder aufwacht, weiß man, was sie als nächstes tun werden.

In den letzten Jahren habe ich mich auf Romane konzentriert, aber ich vermisse die Kurzgeschichten und versuche, jedes Jahr mindestens eine oder zwei zu schreiben. Elliptisches Erzählen, bei dem man eine größere Welt nur andeutet, anstatt sie ausführlich zu beschreiben, kann eine große Kraft haben. Es gibt mehr Raum für Geheimnisse, und auch für literarische Experimente. Für 20 Seiten nehmen Leser auch mal etwas hin, das sie auf 400 Seiten nicht tolerieren würden.

Du bist bekannt dafür, in deinen Werken verschiedene Genres miteinander zu vermischen. Warum gefällt dir das so?

Ich schreibe gerne Geschichten, die aus Science Fiction, Fantasy, Horror, Krimi und eigentlich allen für mich interessanten Genres Elemente kombinieren, deren Fundament glaubwürdige zwischenmenschliche Beziehungen sind. Mein erster Roman war ein Fantasyroman, der sich wie Science Fiction anfühlen sollte, der zweite war ein harter Science Fiction-Roman, in dem es fantastische Monster gab. Aber im Zentrum beider Romane stand das Thema Familie.

In Afterparty gibt es eine ähnliche Spannung zwischen Wissenschaft, Mythologie und psychologischem Realismus. Die Protagonistin Lyda ist eine Neurowissenschaftlerin, aber an ihrer Seite steht ein Engel. Lyda weiß eigentlich, dass der Engel eine Halluzination ist, aber sie kann nicht aufhören, ihn so wahrzunehmen, als wäre er echt. Die Chemie ihres Gehirns betrügt sie (so wie sie uns alle betrügt). Lydas Bemühungen, ein besserer und vernünftigerer Mensch zu werden, wären uninteressant – und das Buch wäre misslungen –, wenn nicht der reale Schmerz durch den Verlust ihrer Tochter auch eine Rolle spielen würde.

Theoretisch könnte ich natürlich auch eine Geschichte über den Schmerz einer Mutter ohne jegliche Fantasy- oder Science Fiction-Elemente schreiben. Es wäre auch möglich, eine Geschichte zu schreiben, die nur den Konventionen eines einzigen Genres folgt. Aber in der Praxis habe ich mich dagegen entschieden, das zu tun. Ich denke, das liegt daran, dass ich schon immer vollkommen unterschiedliche Romane gelesen habe, aus allen möglichen Genres (und ich schließe „Mainstream“ als ein Genre ein), daher erscheint mir in dieser Hinsicht nichts verboten zu sein. Warum sollte ich auf die Möglichkeit verzichten, das Unheimliche, das Fantastische und das wissenschaftlich Erstaunliche in meinen Geschichten zu benutzen?

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