Kolumne: Sich selbst nicht im Weg stehen - Sarah Monette

© stux / pixabay

KOLUMNE

Über die Kunst, sich als Autorin nicht selbst im Weg zu stehen


„Ich nehme meine Arbeit ernst; und um das zu tun, darf ich mich selbst nicht zu ernst nehmen.“ (Alan Rickman)

 

Kürzlich sprach ich mit einer Freundin über das Schreiben, die Kunst und darüber, ob ich ein arrogantes Arschloch bin oder nicht; und sie sagte: „Warum schreibst du nicht einen Post zu diesem Thema?“

Woraufhin ich ihr dankte, dass sie meine Hausaufgaben für mich macht.

Vermutlich kennt jeder von uns den Ausschlag des Gefühlspendels zwischen: „Ich spiele nur ein wenig herum; nehmt das, was ich tue, bloß nicht ernst“ und „Ich bin ein ernstzunehmender Autor und ihr habt meine Kunst gefälligst zu bewundern.“ Der Schlüssel zu diesem Problem ist meiner Meinung nach in Alan Rickmans Zitat zu finden, das ich meinen Ausführungen als Motto vorangestellt habe – vor allem, da er mit seinen Worten den gedanklichen Schwerpunkt von der „Kunst“ auf die „Arbeit“ verschiebt. Offen gesagt ist die Frage: „Ist das, was ich mache, Kunst?“ so subjektiv, dass man sie als Künstler niemals stellen sollte. Denn jeder wird die Frage nach dem Wesen der Kunst anders beantworten; und sogar eine heute allgemein akzeptierte Meinung kann in fünf (oder meinetwegen auch in zwanzig oder hundert) Jahren schon wieder ganz anders ausfallen, ohne dass man als Künstler irgendeinen Einfluss darauf hätte. Die Frage danach, ob etwas Arbeit ist, lässt sich hingegen ziemlich leicht beantworten.

Nicht so einfach ist es allerdings, das richtige Gleichgewicht zu finden, wenn es darum geht, die eigene Tätigkeit ernst zu nehmen, ohne sich selbst überzubewerten. Insbesondere, wenn man aus den unterschiedlichsten Gründen glaubt, bezüglich der eigenen Arbeit in die Defensive gehen zu müssen. Menschen, die einer kreativen Tätigkeit nachgehen, werden von ihrer Umgebung oft unter Druck gesetzt, abfällige Dinge darüber zu sagen, wie z.B. „Es ist doch nur ein Hobby“, „Ich hab sowieso kein Talent dafür“ oder (wenn es ihr Beruf ist) „Ich bin nur ein Stümper“. Durch diese Bemerkungen weisen sie den Gedanken weit von sich, dass sie die eigene Arbeit ernst nehmen.

Als Jugendliche schlug ich einen radikal entgegengesetzten Weg ein. Ich hatte damals einen Lehrer, der ständig abfällige Bemerkungen über Genreliteratur machte. Daraufhin stellte ich wie ein Igel meine Stacheln auf und warf ihm allerlei Dinge an den Kopf, wie zum Beispiel: „Das ist meine Art von Kunst; ich bin eine Künstlerin, und Sie werden schon noch merken, wie sehr Sie im Unrecht sind!“ Das ist die genau entgegengesetzte Reaktion, aber nicht weniger defensiv als das oben genannte Verhalten. Und ich gebe es ja zu - damals war es richtig schwer, mit mir klarzukommen. Ich weiß nicht genau, was mir diese Attitüde ausgetrieben hat; doch sicherlich hat es mit meiner wachsenden Überzeugung zu tun, dass Kunst zu machen und ein Künstler zu sein, ganz unterschiedliche Dinge sind. Das Eine hat mit dem Anderen nicht unbedingt etwas zu tun. Um Kunst zu schaffen, muss man nicht in einer Dachkammer Hunger leiden, den Verstand verlieren, Drogen nehmen, einen Master of Fine Arts anstreben oder irgendeines der anderen Tausend und ein Dinge tun, von denen unsere Gesellschaft denkt, dass ein Künstler sie gefälligst zu tun habe. Denn in Wirklichkeit muss man, um Kunst zu machen, nur seine Arbeit erledigen.

Dann bist du auch nicht gezwungen, in die Defensive gehen – dich niederzumachen oder, im Gegenteil, hochzujubeln. Das eine wie das andere ist für das, was du tust, nämlich völlig bedeutungslos – außer du fällst deiner Eigenpropaganda zum Opfer. Denn bei Selbsterniedrigung und Selbsterhöhung geht es darum, wie die Welt dich wahrnimmt und wie du dich selbst siehst; damit haben wir, weiß der Himmel, alle zu kämpfen; und doch gehen sie am Wesentlichen vorbei. Denn auf dem Spiel steht nicht dein Ego (das dürfte dir höchstens im Weg stehen), sondern deine Arbeit. Mir zumindest geht die Behauptung: „Oh, ich bin keine besonders gute Schriftstellerin“ leicht über die Lippen. Viel schwerer aber fällt es mir zu sagen: „Oh, das ist keine besonders gute Erzählung.“ Denn hey, wenn die Geschichte zu wünschen übrig lässt, warum hab ich dann versucht, sie irgendwo unterzubringen? Warum hat der Verlag sie gekauft und publiziert? Und jetzt einmal ganz ehrlich – während mir die Aussage „Ich bin keine besonders gute Schriftstellerin“ verdammt oft wie die Wahrheit vorkommt, fühlt sich: „Das ist keine gute Erzählung“ wie eine Lüge an. Denn wenn ich schon bereit war, die Geschichte aus der Hand zu geben, dann nur, weil ich mir sicher war, dass sie gut ist; und es wäre einfach Unsinn, etwas Anderes zu behaupten.

Genau das ist für mich der springende Punkt. Es geht nicht darum, ob ich mich selbst ernst nehme, sondern darum, wie ernst ich meine Arbeit nehme. Denn alles andere heißt im Grunde nur, dass ich mir selbst im Weg stehe.


---

Autorin Sarah Monette, wie Katherine Addison ("Der Winterkaiser", FISCHER Tor, Oktober 2016) im echten Leben heißt, gibt Einblick in ihr Leben als Schriftstellerin und hat dabei wertvolle Tipps für alle, die auch gerade mitten im Schreibprozess feststecken.



---

Deutsch von Petra Huber

 

© 2010 by Sarah Monette

Zuerst erschienen bei Storytellers Unplugged im Juli 2010, im Original nachzulesen auf www.truepenny.livejournal.com 

 

Alle Rechte vorbehalten

Share:   Facebook