Der Hugo Award 1971

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1971: Das waren die Gewinner


Diese Hugo-Verleihung fand auf dem Noreascon I in Boston statt.

Toastmaster: Robert Silverberg

Novel

Larry Niven: Ringworld

(Buchausgabe bei Ballantine; dt. Ringwelt, B 15/16, B 21016, B 24168, neu bearbeitet als B 24238)

Der Hugo Award 1971
Der Hugo Award 1971
Der Hugo Award 1971

Dies ist der erste und zentrale Roman aus Nivens Ringwelt-Universum, in dem sich außer den Menschen noch einige andere außerirdische Spezies tummeln.

Lange vor Beginn der Handlung hatte es einen Krieg zwischen Menschen und Kzinti gegeben, der aber schon lange beendet ist. Bei den Kzinti handelt es sich um kriegerische, humanoide Katzenwesen, mit denen sich die Menschen inzwischen arrangiert haben.

An seinem zweihundertsten Geburtstag trifft Louis Wu einen Außerirdischen, der einer Spezies angehört, die schon seit Jahrhunderten nicht mehr auf Menschenwelten gesehen wurde. Es ist ein Pierson-Puppenspieler namens Nessus, ein sehr merkwürdig, beinahe lächerlich aussehendes Wesen, das drei Beine und zwei schlangenförmige Köpfe hat und dessen Münder gleichzeitig als Hände dienen. Nessus überredet Louis Wu, eine junge Frau namens Teela Brown und einen Kzin namens Der-zu-den-Tieren-spricht zu einer Expedition, die ein Artefakt einer unbekannten alten Zivilisation erforschen soll: die Ringwelt. Dabei handelt es sich um einen massiven Ring aus Planetenmaterie, der den Umfang einer Planetenbahn hat und um einen fernen Stern kreist. Die Innenfläche dieses Rings bietet drei Millionen Mal mehr Platz als die Oberfläche eines Planeten, doch von den Erbauern ist keine Spur zu finden, lediglich allerlei Überreste von Siedlern und einige rätselhafte Artefakte.

Nivens Aliens, insbesondere der Pierson-Puppenspieler und der Kzin, wirken wie Comic-Figuren. Ein Großteil der Versatzstücke des Romans kommen dem fleißigen SF-Leser allzu bekannt vor. Lediglich die Ringwelt selbst ist eine faszinierende Idee, die eine Welle von Romanen über große kosmische, außerirdische Objekte einleitete (zum Beispiel Orbitsville von Bob Shaw, Rama von Arthur C. Clarke oder Gateway von Frederik Pohl).

Insbesondere die zweite Hälfte von Ringwelt ist lediglich eine Aneinanderreihung von austauschbaren Abenteuern. Folgerichtig enttäuscht der Schluss. Franz Rottensteiner schrieb in ALIEN CONTACT 13: »Die ›Hard SF‹, prinzipiell angesehener als die Space Opera, enthält aber, sofern sie im Weltraum spielt, häufig Elemente der Space Opera, und man kann ohne große Übertreibung behaupten, dass ein als Hard-SF-Autor geltender Schriftsteller wie Larry Niven lediglich ein glorifizierter Space-Opera-Schreiber ist. Siehe Ringworld, das mit einer einzigen Idee, einer gigantischen Dyson-Sphäre, aufzuwarten hat, während die Handlung aus einer Anhäufung konventioneller Abenteuer besteht.«

Bob Shaws Roman Orbitsville (1974) ist, bei sehr ähnlicher Thematik, weit interessanter und ideenreicher.

Weitere Nominierungen:

Poul Anderson: Tau Zero

(Buchausgabe bei Doubleday; dt. Universum ohne Ende, H 3306; »Universum ohne Ende« in anonym [Hrsg.]: Lübbes Auswahlband – Abenteuer Weltraum, B 24017)

Robert Silverberg: The Tower of Glass

(3 Teile, April bis Juni 1970 in GALAXY; dt. Kinder der Retorte, H 3441)

Wilson Tucker: The Year of the Quiet Sun

(Buchausgabe bei Ace; dt. Das Jahr der stillen Sonne, G 197)

Hal Clement: Star Light

(4 Teile, Juni bis September 1970 in ANALOG; dt. Stützpunkt auf Dhrawn, H 3469)

Novella

Fritz Leiber: »Ill Met in Lankhmar«

(April 1970 in F&SF; dt. »Das Haus der Diebe« in Leiber: Schwerter im Nebel, H 4287; »Verhängnis in Lankhmar« in Simak [Hrsg.]: Der Bonsai-Mensch, PSF 6725; »Schicksalhafte Begegnung in Lankhmar« in Leiber: Der unheilige Gral, EP 2001)

Seit den frühen vierziger Jahre schrieb Fritz Leiber bereits an seinem SCHWERTER- bzw. LANKHMAR-Zyklus, einer Reihe von lose zusammenhängenden Erzählungen um die beiden originellen Helden Fafhrd und den Grauen Mausling, die in den ersten Jahren vor allem in dem Magazin FANTASTIC erschienen.

Die Welt Nehwon mit ihren Wüsten, Einöden und düsteren Städten ist bevölkert von Piraten, wilden Reitern, Zauberern und frechen Dieben. In dieser Geschichte treffen Fafhrd und der Mausling zum zweiten Mal zusammen und werden durch ihre gemeinsamen Erlebnisse zu Freunden. Beide haben jeweils eine Geliebte. Eine der beiden verlangt wegen früherer Vorfälle Rache am Haus der Diebe. Widerstrebend ziehen die beiden Helden volltrunken los, um zunächst das Diebeshaus zu erkunden. Während ihrer Abwesenheit werden die beiden Frauen durch böse Magie getötet, und als die beiden Helden dies erfahren, kommt es schließlich zum blutigen Zweikampf mit dem Zauberer, der dem Haus der Diebe vorsteht.

Wegen des prunkvollen Stils der Erzählung und vermutlich auch, weil sie das erste gemeinsame Abenteuer der beiden Helden schildert, waren die Fans begeistert genug, um Leiber zu wählen.

Inhaltlich knüpft diese lange Erzählung an die beiden Novellen »The Snow Women« (dt. »Die Schneefrauen«) und »The Unholy Grail« (dt. »Der unheilige Gral«) an, wobei alle drei Texte zusammen den Band Swords and Deviltry (dt. Schwerter und Teufelei) bilden.

Weitere Nominierungen:

Clifford D. Simak: »The Thing in the Stone«

(März 1970 in IF; dt. »Das Ding im Stein« in Spiegl [Hrsg.]: Science Fiction Stories 48, UTB 3139; »Das Wesen im Fels« in Simak: Invasionen, G 23310)

Harlan Ellison: »The Region Between«

(März 1970 in GALAXY; dt. »In einer Welt dazwischen« in Sargent/Watson [Hrsg.]: Das unentdeckte Land, B 24112)

Robert Silverberg: »The World Outside«

(Oktober/November 1970 in GALAXY; später Kapitel 6 des Romans The World Inside, dt. Ein glücklicher Tag im Jahr 2381)

Dean R. Koontz: »Beastchild«

(August 1970 in VENTURE; nicht auf Deutsch)

Fritz Leiber: »The Snow Women«

(April 1970 in FANTASTIC; dt. »Die Schneefrauen« in Leiber: Schwerter im Nebel, H 4287; Nominierung wurde vom Autor zurückgezogen)

Short Story

Theodore Sturgeon: »Slow Sculpture«

(Februar 1970 in GALAXY; dt. »Das Erwachen« in Spiegl [Hrsg.]: Science Fiction Stories 49, UTB 3148; »Die langsamste Skulptur der Welt« in Sturgeon: Sein Name war Mensch, G 184; »Der Bonsai-Mensch« in Simak [Hrsg.]: Der Bonsai-Mensch, PSF 6725; »Langsames Wachstum« in Sturgeon: Lichte Augenblicke, Shayol)

Ein Mann begegnet bei Versuchen an einem Birnbaum in einem hochgelegenen Obstgarten einer fremden jungen Frau. Er bittet sie um Hilfe bei seinem Experiment und erfährt während des Gesprächs, dass sie an Brustkrebs leidet. Er bietet ihr die Heilung an, denn er hat ein sehr unkonventionelles Verfahren entwickelt, das Körperzellen an unkontrolliertem Wachstum hindert und sogar die kranken Zellen in Ordnung bringt – und das durch eine einfache Injektion. Sie willigt ein, und nachdem sie nach der Behandlung wieder zu sich kommt, bittet er sie zu gehen. Doch die Frau lässt sich nicht abweisen, sondern will mehr über den verbitterten Mann erfahren. Und so erzählt er, dass er immer wieder Erfindungen gemacht hat, die die Welt jedoch nicht will: Entweder verhindern Großkonzerne aus wirtschaftlichen Interessen den Fortschritt, oder die Menschen sind einfach nicht bereit dafür. Das Mittel gegen Krebs würde sich nicht durchsetzen, allein schon deshalb, weil der Mann kein Arzt, sondern Ingenieur ist. Niemand würde einem Ingenieur in medizinischen Fragen Glauben schenken, und so versucht er noch nicht einmal, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Die Frau bewundert auch den Bonsai-Baum, den der Mann züchtet – die titelgebende »langsame Skulptur«. Sie glaubt, den desillusionierten Mann zu verstehen, der in seiner Seele verletzt wurde und sich nun in die Einsamkeit zurückgezogen hat. Sie selbst fühlt ähnlich und beschließt, bei ihm zu bleiben.

In der recht kurzen Geschichte geschieht nicht sehr viel, interessant wird sie vor allem durch die Dialoge zwischen den beiden fremden Menschen, die sich langsam näher kommen. Eine stille, aber tiefgründige Geschichte, die die Stärken des großen Erzählers Theodore Sturgeon (1918–1985) aufzeigt.

Weitere Nominierungen:

R. A. Lafferty: »Continued on Next Rock«

(1970 in Knight [Hrsg.]: Orbit 7, G. P. Putnam’s; dt. »Fortsetzung auf dem nächsten Stein« in Knight [Hrsg.]: Damon Knight’s Collection 10, FO 19 und in Simak [Hrsg.]: Der Bonsai-Mensch, PSF 6725; »Stein auf Stein« in Spiegl [Hrsg.]: Science Fiction Stories 47, UTB 3130)

Gordon R. Dickson: »Jean Dupres«

(1970 in Harrison [Hrsg.]: Nova 1, Delacorte; dt. »Jean Dupres« in Asimov u. a. [Hrsg.]: Faszination der Science Fiction, B 24068)

Keith Laumer: »In the Queue«

(1970 in Knight [Hrsg.]: Orbit 7, G. P. Putnam’s; dt. »In der Schlange« in Knight [Hrsg.]: Damon Knight’s Collection 10, FO 19 und in Simak [Hrsg.]: Der Bonsai-Mensch, PSF 6725)

Ben Bova & Harlan Ellison: »Brillo«

(August 1970 in ANALOG; nicht auf Deutsch)

Dramatic Presentation

Kein Preis

Die Wahlberechtigten fanden keinen Film für preiswürdig.

Weitere Nominierungen:

Colossus: The Forbin Projekt

(Universal; Drehbuch James Bridges; Regie Joseph Sargent; basiert auf dem Roman Colossus von D. F. Jones; dt. Colossus)

Don’t Crush That Dwarf, Hand Me the Pliers

(Schallplatte; Sony; geschrieben und produziert von The Firesign Theater; nicht auf Deutsch)

Hauser’s Memory

(Fernsehfilm; Universal; Drehbuch Adrian Spies; Regie Boris Sagal; basiert auf dem gleichnamigen Roman von Curt Siodmak; dt. Ständig in Angst)

Blows Against the Empire

(Schallplatte; RCA; Produzent Paul Kantner; nicht auf Deutsch)

No Blade of Grass

(Theodora/MGM; Drehbuch Sean Forestal & Jefferson Pascal; Regie Cornel Wilde; basiert auf dem gleichnamigen Roman von John Christopher; nicht auf Deutsch)

Professional Magazine

Der Hugo Award 1971
Der Hugo Award 1971
Der Hugo Award 1971

THE MAGAZINE OF FANTASY AND SCIENCE FICTION (Edward L. Ferman)

Bereits zum sechsten Mal in Folge konnte F&SF den Hugo erringen. 1970 erschienen Texte wie Edgar Pangborns »Longtooth« (Januar 1970; dt. »Langzahn«) und vor allem Fritz Leibers »Ill Met in Lankhmar« (April 1970; dt. »Verhängnis in Lankhmar« bzw. »Das Haus der Diebe«) sowie Thomas Burnett Swanns Roman The Goat Without Horns (2 Teile; August und September 1970; dt. Prinzessin der Haie).

Weitere Autoren waren u. a. Gene Wolfe, Barry N. Malzberg, Joanna Russ, Sterling E. Lanier, Poul Anderson, L. Sprague de Camp, James Blish, Frank Herbert, Zenna Henderson, Robert Silverberg, Piers Anthony und Robert Sheckley.

Weitere Nominierungen:

ANALOG (John W. Campbell, Jr.)
AMAZING (Ted White)
GALAXY (Ejler Jakobsson)
VISION OF TOMORROW (Philip Harbottle)

Professional Artist

Leo und Diane Dillon

Das Grafiker-Ehepaar Leo (1933–2012) und Diane Dillon (*1933) heiratete bereits 1957. Sie sind eines der wenigen Teams, die einen Hugo gewonnen haben. Seit 1958 sind sie professionelle Grafiker und gestalteten Schallplattenhüllen, Filmplakate, Werbung, Weihnachtskarten, Kinderbücher und vieles mehr. In den späten sechziger Jahren schufen sie zahlreiche Cover für Ace Books, insbesondere für die Reihe ACE SPECIALS.

Weitere Nominierungen:

Frank Kelly Freas
Jack Gaughan
Jeff Jones
Eddie Jones

Fanzine

LOCUS (Charles and Dena Brown)

Das heute semiprofessionelle Magazin erscheint seit 1968 und nennt sich selbst »The Newspaper of the Science Fiction Field«. Ursprünglich war es als Nachrichtenblatt mit einem Umfang von einer Seite konzipiert, entwickelte sich im Laufe der Jahre jedoch zu einer richtigen Zeitschrift. In den ersten Jahren war Charles N. Browns Frau Marsha Mitherausgeberin, nach Browns erneuter Heirat im Jahr 1970 wurde seine neue Frau Dena Mitherausgeberin.

1976 gab Charles N. Brown seinen Beruf als Elektroingenieur auf und widmete sich LOCUS als Vollzeitjob. Zu dieser Zeit wurde aus dem Fanzine auch ein semiprofessionelles Magazin. Um 1980 erreichte LOCUS eine Auflage von 5000 Exemplaren, Anfang der neunziger Jahre sogar 8700 Exemplare.

Die Zeitschrift berichtet über Neuigkeiten aus der Verlagslandschaft, bringt Rezensionen von Büchern und Magazinen sowie umfangreiche Interviews. LOCUS ist das meistausgezeichnete Nachrichtenmagazin der Science Fiction.

Im Jahr 1970 erschienen 14 Ausgaben von LOCUS mit einem jeweiligen Umfang zwischen 8 und 16 Seiten. Neben Buchbesprechungen und Marktberichten gab es auch Artikel und Briefe von Anne McCaffrey, Wilson Tucker, David Gerrold, Donald A. Wollheim, Isaac Asimov und Clifford D. Simak.

Weitere Nominierungen:

SCIENCE FICTION REVIEW (Richard E. Geis)
ENERGUMEN (Michael & Susan Wood Glicksohn)
SPECULATION (Peter R. Weston)
OUTWORLDS (Bill & Joan Bowers)

Fan Writer

Richard E. Geis

Der Herausgeber der SCIENCE FICTION REVIEW (siehe 1969) wurde vor allem für seine Rezensionen und kommentierenden Artikel ausgezeichnet. Er verfasste eine ständige Kolumne mit dem Titel »And Then I Read ...«.

Für sein Fanzine kommunizierte er mit Autoren und Herausgebern, und zwar nicht nur in den USA. 1970 erschien zum Beispiel ein Essay von Franz Rottensteiner über Robert A. Heinlein in der SCIENCE FICTION REVIEW. Geis erhielt Briefe von Jack Williamson, Piers Anthony, Harry Harrison, Ursula K. Le Guin, Richard Lupoff, Robert Bloch, James Blish, Gregory Benford und Barry Malzberg, um nur einige Beispiele zu nennen.

Weitere Nominierungen:

Terry Carr
Ted Pauls
Elizabeth Fishman
Tom Digby

Fan Artist

Alicia Austin

Die Auszeichnung mit dem Hugo für ihre Zeichnungen und Illustrationen in fannischen Publikationen bedeutete für Alicia Austin einen drastischen Karriereschub in Richtung Professionalität. Mitte der siebziger Jahre illustrierte sie einige Erzählungen für das MAGAZINE OF FANTASY AND SCIENCE FICTION, später auch einige Bücher, u. a. von Andre Norton, Elizabeth Lynn, Larry Niven und Lewis Shiner.

Weitere Nominierungen:

Tim Kirk
William Rotsler
Stephen Fabian
Mike Gilbert

 

 

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Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1953-1984” (erschienen 2015 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

 

© 2015 by Hardy Kettlitz

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