Kolumne: Die Geschichte in der Geschichte (Sarah Monette)

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KOLUMNE

Die Geschichte in der Geschichte



Heute Morgen habe ich mich mit der verzweifelten Bitte an Twitter gewandt, mir doch ein Thema zu nennen, über das ich diesen Monat schreiben könnte. Und Twitter – in Gestalt meine Freundin Victoria Janssen – hat geantwortet. Ich zitiere: „Finde die richtige Geschichte in der Geschichte.“ Was für ein großartiges Thema! Wie gerne würde ich lesen, was andere darüber schreiben. Denn ich bin mir nicht sicher, ob mein Weg, die Frage anzugehen, der beste ist. Doch noch kenne ich keinen anderen.

Vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie unterrichtete ich kreatives Schreiben. Das brachte es (unter anderem) mit sich, dass ich im Laufe von ein bis zwei Jahren viel Zeit damit verbrachte, Bücher zu diesem Thema zu lesen. Einige davon waren nützlich, andere weniger; und wieder andere fand ich ärgerlich. In einem dieser Werke aber stieß ich auf eine Unterscheidung, die mir seither immer wieder sehr hilfreich war.

Ich spreche von „The Triggering Town”, einem Buch des Dichters Richard Hugo, das ich damals für nur fünf Dollar in einem Laden für gebrauchte Bücher erstand. In diesem schmalen, schnell zu lesenden Band verwendet Hugo zwei, wie ich finde, ungemein hilfreiche Begriffe. Er unterscheidet zwischen dem auslösenden Thema (dem das Buch seinen Titel verdankt) und dem wirklichen Thema. Ich möchte Hugo der Einfachheit halber zitieren, da ich den fraglichen Abschnitt bereits herausgesucht habe und ihn anderenfalls nur die ganze Zeit paraphrasieren würde:

„Jedes Gedicht hat zwei Themen: das ursprüngliche, auslösende Thema, das den Anstoß oder „Grund“ für das Schreiben darstellt, sowie das wirkliche, entstehende Thema, das während des Schreibprozesses generiert oder aufgedeckt wird (Hugo, S. 4).“

Ersetzt man hier das Wort „Gedicht“ durch „Geschichte“, bleibt Hugos Unterscheidung – zumindest in meinen Augen – nach wie vor zutreffend. Denn neben dem Thema, über das man schreiben möchte (Drachen zum Beispiel), gibt es noch das Thema, das man erst während des Schreibens entdeckt (das, was man unbedingt über Drachen sagen möchte). Um diesen Gedanken zu verdeutlichen, seien hier vier Erzählungen genannt, in denen es um Drachen geht. Zwei davon stammen von Elizabeth Bear, zwei sind von mir:

 

    „Draco campestris” (Sarah Monette)

    „Orm the Beautiful” (Elizabeth Bear)

    „After the Dragon” (Sarah Monette)

    „Snow Dragons” (Elizabeth Bear)

 

Alle vier dieser Erzählungen haben ein und dasselbe auslösende Thema, nämlich Drachen. Hinsichtlich der wirklichen Themen - die der Leser ebenso wie der Autor erst während des Lesens bzw. Schreibens entdeckt - weisen sie jedoch erhebliche Unterschiede auf. Auslösende Themen gibt es in Hülle und Fülle. Ungelogen – meine ganze Festplatte ist voll davon. Etwas zu finden, über das man schreiben kann, ist ein Kinderspiel. Die eigentliche Schwierigkeit besteht in dem Schritt vom auslösenden zum wirklichen Thema.

In manchen Erzählungen – wie auch Gedichten – kommt es nie dazu. Sie bestehen nur aus Oberfläche und lassen jedwede inhaltliche Tiefe vermissen. Bei ihrer Lektüre stößt man bisweilen auf die Stelle, wo das eigentliche Thema sich herauszuschälen versucht wie ein samtweicher, scheuer Nachtfalter aus seinem Kokon, um sofort wieder abzusterben, da es der Autor an Aufmerksamkeit und Offenheit fehlen hat lassen. Hugo schreibt in seinem Buch (gleich nach dem oben zitierten Abschnitt), dass der Schriftsteller das eigentliche Thema oftmals selbst nicht kennt – womit er wohl recht hat (ich würde Hugo dahingehend präzisieren, dass der Autor sein wirkliches Thema nicht immer kennen mag, und ihn und der Leser bisweilen darauf aufmerksam machen muss. Dennoch sollte man als Autor zumindest eine Ahnung von den verborgen liegenden Anteilen seines Werks haben.) Doch egal, ob der Schriftsteller in der Lage ist, das wirkliche Thema zu Papier zu bringen – er muss sich zumindest empfänglich dafür zeigen, muss zulassen, dass es seine Schwingen ausbreitet und bereit sein, seinem unhörbaren Flügelschlag zu lauschen.

Ich habe keinen guten Rat zur Hand, wie das wirkliche Thema dazu zu bewegen ist, sich zu zeigen. Denn das entzieht sich – wie nichts anderes - meiner bewussten Kontrolle. Ich weiß nur, dass ich es nicht dazu zwingen kann, aus seinem Versteck hervorzukommen. Denn auf diese Weise landet man geradewegs bei didaktischer Literatur und Propaganda. In jedem Fall muss ich bereit sein, den schrägen Ideen, die mein Hirn in Zusammenhang mit der jeweiligen Erzählung gebiert, Gehör zu schenken – selbst wenn diese Gedanken in keinem Zusammenhang damit zu stehen scheinen oder mir völlig verrückt vorkommen. Oft genug zeigen sie mir aber die Stellen auf, wo die wirkliche Geschichte versucht, an die Oberfläche zu kommen. Und ich muss stets bereit sein, den Kurs meiner Erzählung zu ändern, sprich meine vorgefassten Ideen aufzugeben und dem Nachtfalter in die Dunkelheit zu folgen. Das erfordert jede Menge Mut – doch die Erzählungen, bei denen mir das gelingt, sind am Ende einfach die besseren.

Mithilfe von Hugos Begriffsunterscheidung gelingt es mir, mein auslösendes Thema zu erkennen. Dadurch spare ich mir jede Menge überflüssiger Gedanken und Arbeit und werde daran erinnert, dass – egal, wie begeistert ich vom auslösenden Thema bin – es meine Aufgabe ist, das wirkliche Thema herauszuarbeiten, das meine Geschichte erst lesenswert macht; und das ist das wirkliche Thema der Geschichte, die ich hier erzählen wollte.

 

ZITIERTE LITERATUR

Hugo, Richard. The Triggering Town: Lectures and Essays on Poetry and Writing. 1979. New York: W. W. Norton & Co, 1992.


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Autorin Sarah Monette, wie Katherine Addison ("Der Winterkaiser", FISCHER Tor, Oktober 2016) im echten Leben heißt, gibt Einblick in ihr Leben als Schriftstellerin und hat dabei wertvolle Tipps für alle, die auch gerade mitten im Schreibprozess feststecken.



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Deutsch von Petra Huber

 

© 2010 by Sarah Monette

Zuerst erschienen bei Storytellers Unplugged im Juni 2010, im Original nachzulesen auf www.truepenny.livejournal.com 

 

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