Die Chroniken der Sphaera - Frostflamme von Christopher B. Husberg

Christopher B. Husberg - Die Chroniken der Sphaera: Frostflamme (Knaur Verlag)

BUCH

Leseprobe: Frostflamme (Christopher Husberg)


TOR Team
02.10.2016

 

Prolog


Im 170. Jahr des Zeitalters der Menschen 
Irgendwo im Golf von Nahl

Bahc stand am Bug seines Schiffes, eine kleine Öllampe in der Hand. Ihr Licht drängte die Finsternis zurück und erhellte die dicken weißen Schneeflocken, die rings um ihn herum vom Himmel fielen. Der Schnee war über den Schein der Lampe hinaus bis in die unendliche Dunkelheit hinein zu sehen. In der Ferne waren die Flocken nur noch zu erahnen, wie sie über den schwarzen Himmel in das noch schwärzere Meer herabsanken, wo sie sich in den ruhigen, kalten Wogen auflösten.

Jetzt war die Nacht friedlich.

Bahc atmete tief ein und leckte sich das Salz von den Lippen. Er liebte den Geschmack des Meeres nach einem Sturm.

Nachdem er einen Handschuh ausgezogen hatte, strich er über die Reling der Schmiedestochter und spürte das kalte, gemaserte Holz unter seiner Handfläche. Bahc hatte das Schiff vor Jahren mit der Hilfe der anderen Tiellaner in Pranna selbst entworfen und gebaut, damals, als die Zeiten noch anders gewesen waren.

Hinter ihm knarrte das Deck.

„Einfach so, was?“, fragte Gord.

Bahc sah über die Schulter. Gord hatte ebenfalls eine Laterne bei sich, und seine gewaltige Gestalt – für einen Tiellaner war er riesig – warf einen langen Schatten. Er trug Kleidung aus grober Wolle und dicken Fellen, und in seinem langen, dichten Bart hatten sich Eiskristalle verfangen.

„Aye“, erwiderte Bahc und schob seinen breitkrempigen Hut etwas nach oben, damit er das Wasser besser überblicken konnte. „Einfach so.“

„Wenigstens haben wir es jetzt überstanden.“

„Wir wissen nicht, wo wir sind, Gord. Noch ist gar nichts überstanden.“

Gord lehnte sich an die Reling. Sein Atem bildete in der Kälte weiße Wölkchen. „Ich hatte es befürchtet. Nun können wir nur darauf warten, dass die Sterne wieder hinter den Wolken hervorkommen, was?“

„Aye“, sagte Bahc. „Und bis dahin lassen wir uns treiben. Und hoffen, dass wir nicht an einem Ort landen, an dem wir nichts zu suchen haben.“

Mit diesen Worten drehte sich Bahc um. Er wollte unter Deck gehen und mit seiner Mannschaft reden, doch da ließ ihn etwas innehalten und sich erneut umdrehen. Er sah in die Finsternis hinaus. Nichts als dunkles Wasser und dunkler Himmel.

Aber da war nicht nur Dunkelheit.

In der Ferne flackerte ein helles blaues Licht auf dem Wasser. Bahcs Magen zog sich zusammen.

„Mach die Lampe aus, Gord“, murmelte er, während er seine eigene bereits löschte. Dunkelheit hüllte sie ein.

„Glaubst du, sie haben uns gesehen?“ Gords Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Bahc und knirschte mit den Zähnen. „Sie sind noch recht weit weg, und unsere Lampen sind nicht sehr hell. Aber die Nacht klart auf.“

„Sie haben den Wind im Rücken“, sagte Gord.

Es stimmte. Bahcs Schiff stemmte sich gegen den Wind, und wenn das schaurige blaue Licht, das an Steuerbord sichtbar war, sie bemerkt hatte und verfolgen wollte, dann würde der Wind es direkt zur Schmiedestochter bringen.

„Dann sollten wir schnellstmöglich wenden“, meinte Bahc.

„Also brechen wir auf?“ Gord hatte sich bereits auf den Weg zum Hauptmast gemacht.

„Aye. In die entgegengesetzte Richtung.“ Bahc ging zur Kabine. „Ich wecke die anderen. Wir werden jeden Mann brauchen.“

„Käpt’n“, sagte Gord. Bahc sah zurück. Die Mannschaft nahm es auf seinem Schiff mit den Formalitäten nicht allzu genau, und ihm war das nur recht. Aber wenn es hart auf hart kam, war Verlass auf die Befehlskette.

„Hast du das gehört?“ Gord stand ganz still am Bug und legte den Kopf schief.

Zuerst hörte Bahc gar nichts. Er ging zurück zur Reling und sah nach unten. Irgendetwas schlug im Einklang mit den Wogen sanft gegen den Schiffsrumpf. Er kniff die Augen zusammen.

Und sah einen Körper im Wasser.

Bahc fluchte leise. „Mach die Winde klar und versuch, ihn an Bord zu ziehen. Ich hole die anderen.“

„Bist du sicher?“, hakte Gord nach. „In dieser Kälte kann niemand länger als ein paar Minuten im Wasser überleben. Das sieht nicht gut aus.“

„Hol ihn einfach an Bord. Das ist ein Befehl.“

 

*

 

Der Körper fiel mit einem lauten Poltern auf Deck. Bahc starrte darauf und war sich bewusst, dass die Augen der ganzen Mannschaft ebenfalls darauf ruhten. Die blasse Haut, die in der Finsternis fast schon blau aussah, bedeutete, dass die Kälte ihr Werk vermutlich bereits vollbracht hatte. Angesichts der beiden langen, dicken Pfeilschäfte, die aus dem Körper des Mannes ragten, war die Kälte allerdings die geringste seiner Sorgen.

Bahc musterte seine Tochter Winter, die den Fremden ebenfalls anstarrte. Auf einmal wünschte er sich, er hätte sie nicht mitgenommen. Obschon sie inzwischen erwachsen war, gefiel es ihm nicht, dass sie die leblose Gestalt sehen musste.

Doch da begriff er, dass er sich geirrt hatte. Der Mann war nicht leblos, er zitterte.

„Verdammt“, murmelte Gord, „Ist er ...“

Der Mann wurde von einem starken Husten geschüttelt und erbrach einen Schwall Wasser.

„Gord, übernimm das Ruder“, befahl Bahc. „Bring uns hier raus.“ Er drehte sich zu dem Körper um. Dem Menschen. „Lian, hilf mir, ihn nach unten in den Kesselraum zu schaffen.“

„Vater … Was tust du?“

Bahc schloss die Augen. Winter. Jetzt steckte sie wohl oder übel in der Sache mit drin. Wieder einmal dachte er an das flackernde blaue Licht in der Ferne. Er konnte den Mann auch über Bord werfen und verschwinden, der Kerl war ohnehin so gut wie tot.

Er schlug die Augen wieder auf und packte die Beine des Mannes, während Lian dessen Oberkörper anhob.

Seine Tochter hatte schon genug Tote gesehen, heute würde kein weiterer hinzukommen.

 „Wir werden ihm das Leben retten“, antwortete er entschlossen.

***

Nach einigen Stunden bekam der Mann langsam wieder etwas Farbe. Das war gut. Bahc hatte schon schlimmere Fälle gesehen, aber die Schusswunden machten die Sache kompliziert. Er hatte die Pfeilschäfte mit Lians Hilfe entfernt und die Wunden mit Feuer gereinigt, der stechende Geruch nach verbranntem Fleisch hing noch immer in der Luft. Sie hatten sich ausgezogen und mit dem Mann unter mehrere dicke Decken gelegt, um ihn zu wärmen. Anfangs hatte Lian Einwände erhoben, da er sich nicht nackt neben einen unbekleideten Menschen legen wollte, aber Bahc wusste keinen anderen Weg, um jemanden, der so unterkühlt war, wieder aufzuwärmen. Nach Jahrzehnten im Golf von Nahl kannte Bahc die Auswirkungen der Kälte. Es wäre sinnlos gewesen, nur die Gliedmaßen des Mannes zu massieren und ihn mit heißem Wasser zu übergießen. Man musste auch sein Blut erwärmen. Und sein Herz. Bahc war sich nicht einmal sicher, ob all das dem Mann noch helfen konnte.

Oder ihnen. Bahc musste immer wieder an seine Schmiedestochter denken, die durch das Wasser glitt, und an das, was immer da auch hinter ihnen war. Das blaue Licht in der Ferne. Seine Mannschaft hatte das Schiff schnell in Bewegung gesetzt, und Gord hatte bereits zwei Mal Bericht erstattet. Bisher machte es nicht den Anschein, als würde sie jemand verfolgen.

Dennoch war Bahc besorgt, vor allem wegen Winter.

Bahc legte eine Hand auf die Brust des Mannes, dessen Haut sich inzwischen wärmer anfühlte. Seine Gliedmaßen waren zwar noch kalt, aber nicht mehr eisig. Bahc schlug die Decke zurück und stand auf.

„Zieh dich an“, forderte er Lian auf und griff nach seiner Hose. „Wir haben noch viel zu tun.“

Lian nickte, und nachdem sie sich angezogen hatten, legten sie den Mann wieder auf den Tisch.

Hinter Bahc wurde die Tür geöffnet.

„Ich glaube, wir haben es geschafft, Käpt´n“, sagte Gord.

Bahc entspannte sich. „Konntet ihr unsere Position bestimmen?“

„Aye. Wir haben nur für einen Moment ein paar Sterne gesehen, aber das war lange genug für Winter. Jetzt sollten wir in Richtung Süden unterwegs sein. Bald wird es hell, dann wissen wir es mit Sicherheit.“

Bahc nickte und drehte sich wieder zu dem Mann um. Dessen Haut war inzwischen blassweiß und nicht mehr bläulich, sodass man seine anderen Verletzungen besser erkennen konnte. Sein Körper war mit Schnitten, Prellungen und alten Narben übersät.

Gord blieb an der Tür stehen und starrte den Mann auf dem Tisch an.

„Wie geht es ihm?“

„So gut, wie es unter diesen Umständen möglich ist. Er bekommt langsam wieder Farbe, aber das hat bei seinen ganzen Verletzungen nicht viel zu bedeuten.“ Bahc runzelte die Stirn. Gord stand noch immer halb in der Tür. „Geh wieder raus und schließ die Tür, Gord. Du lässt die Kälte rein.“

Dann drehte sich Bahc abermals zum Tisch um. Er wollte Lian bitten, den Eimer mit heißem Wasser aufzufüllen, als der Mann auf dem Tisch zu zucken begann. Und dann sprang er plötzlich auf, so schnell, dass Bahc einen Moment brauchte, bis er begriff, was geschah. Er hatte gerade von der Tür zum Tisch gehen wollen. Jetzt schaute er erneut zur Tür und spürte das zackige Ende eines der zerbrochenen Pfeilschäfte an seinem Hals, während ihn ein starker Arm festhielt. Der Mann hatte sich unfassbar schnell bewegt. Die Metallpfanne, in der der andere Schaft und die Pfeilspitzen lagen, klapperte noch auf dem Boden.

Einige Sekunden lang regte sich niemand. Bahc blinzelte. Gord, der noch immer in der Tür verharrte, machte langsam einen Schritt nach vorn, bewegte die rechte Hand zu seinem Dolch und starrte den Mann an.

Der Pfeilschaft drückte kräftig gegen Bahcs Kehle.

„K… Keine Bewegung“, stieß der Mann mit leiser, heiserer Stimme hervor. Bahc spürte seinen heißen Atem am linken Ohr. „Wer seid ihr?“

„Wir wollen dir nichts tun“, versicherte Bahc ihm und versuchte, ruhig zu bleiben. Er konnte spüren, dass der Mann hinter ihm zitterte.

„Ich … Ich erinnere mich an gar nichts“, sagte der Mann, dessen Stimme kaum lauter war als ein Flüstern.

Die Tür fiel hinter Gord zu. Da sich niemand in der Nähe der Tür befand, fragte sich Bahc, ob Winter vielleicht hereingekommen war, und betete gleichzeitig, dass sie sich noch an Deck aufhielt. Was immer auch passieren würde, sie sollte nichts damit zu tun haben.

„Bei der Unterwelt …“, setzte Gord an und drehte sich um.

Eine der Metallschüsseln flog durch den Raum, knapp an Gords Kopf vorbei, und krachte dann gegen die Wand. Bahc dachte, jemand müsse sie geworfen haben, doch in der Ecke, aus der sie kam, standen weder Lian noch der Mann.

Bahc spürte, wie der Griff des Mannes und der Druck des Pfeilschafts für einen Augenblick nachließen. Dann brach um ihn herum das Chaos aus.

Werkzeuge und Instrumente flogen wie von unsichtbarer Hand geworfen durch die Luft. Die Zange, die Bahc eben noch in der Hand gehalten hatte, bohrte sich in die Decke. Eine Kiste mit verbogenen und zerbrochenen Fischerhaken zerbarst, und Bahc schloss die Augen, als die Haken in alle Richtungen wirbelten. Der Tisch, auf dem der Mann gelegen hatte, zerrte an den Bolzen, mit denen er verankert war.

Bahc sah sich um. Gord hatte sich in dem Moment, in dem die Metallschüssel durch die Luft geflogen war, auf den Boden fallen lassen. Lian lag reglos auf der anderen Seite des Tisches.

Da spürte Bahc, wie ihn der Mann losließ. Er drehte sich langsam um. Der Mann schwankte und hatte die Hände sinken lassen. Mit einer Faust umklammerte er noch immer den Pfeilschaft. Bahc machte einen Schritt nach hinten, als er sah, wie der Mann die Augen verdrehte, bis nur noch das Weiße zu sehen war, das im Licht der Lampen glänzte. Der Mann verzog das Gesicht, in dem sich Verwirrung und Schmerz widerspiegelten.

Dann sank er zu Boden, und sein erstickter Schrei hallte in Bahcs Ohren wider. So plötzlich, wie er begonnen hatte, war der Tumult vorbei. Dinge, die eben noch durch die Luft geflogen waren, fielen mit lautem Klappern zu Boden.

Bahc stand schwer atmend da. Das, was er gerade gesehen hatte, war unmöglich. Oder zumindest sollte es das sein. Und doch hatte er so etwas schon einmal erlebt: an dem Tag, an dem seine Tochter geboren worden war.

In der Nacht, in der seine Frau gestorben war.

Gord stand langsam auf und murmelte etwas von Geistern. Lian stöhnte leise, bewegte sich jedoch nicht.

Der Mann lag in sich zusammengesackt da, das Kinn gegen die Brust gepresst und mit geschlossenen Augen. Er wirkte so friedlich, als wäre er eingeschlafen.

„Wir werden niemandem etwas davon erzählen“, flüsterte Bahc und sah sich das Durcheinander an. Überall lag Werkzeug herum. In den Wänden steckten Haken, und Behälter waren umgeworfen worden.

Bahc sah Gord an. „Kein Sterbenswörtchen!“

Gord nickte langsam. „Was ist mit Lian?“

„Wir reden kurz mit dem Jungen, aber mit niemandem sonst“, erwiderte Bahc. Lian hatte genug gesehen, um Verdacht zu schöpfen, und sie würden seine Vermutungen sofort zerstreuen müssen.

Sie mussten diesen Vorfall für sich behalten, alles andere war zu gefährlich. Keiner, weder Mensch noch Tiellaner, würde es verstehen.

„Kümmere dich um Lian“, verlangte Bahc. „Ich bin gleich wieder bei euch.“

„Was hast du vor?“, fragte Gord und sah sich nervös um.

„Zuerst werde ich ihn fesseln“, antwortete Bahc und hob ein paar lange Lederriemen auf, die durch die Gegend geschleudert worden waren. „Danach versorge ich seine Wunden, so gut ich kann. Und dann …“

Er sprach nicht weiter, da der Mann auf dem Boden aufstöhnte.

Bahc seufzte. Er hatte sich entschieden. „Dann bringen wir ihn zurück ins Dorf.“

Teil I: Schatten

Kapitel 1

 

171. Jahr des Zeitalters der Menschen – ein Jahr später

Das Dorf Pranna, Nördliches Khale

 

Nachdem sie gebadet und sich angekleidet hatte, schlüpfte Winter leise aus dem Haus in das blasse Morgenlicht hinaus. Sie war sich nicht sicher, ob ihr Vater bereits aufgestanden war, aber die cantische Tradition schrieb vor, dass die Braut vor der Zeremonie keinen Kontakt zu männlichen Familienangehörigen oder dem Bräutigam haben durfte.

„Die Braut“, flüsterte Winter. Manchmal musste sie es aussprechen, um es glauben zu können.

„Ich heirate“, versuchte sie es noch einmal. Sie hatte geglaubt, dies bis zu dem Tag der Hochzeit begriffen zu haben, aber das war offenbar nicht der Fall. Die Ehe kam ihr ebenso fremdartig vor wie das Leben an Land einem Fisch erscheinen mochte.

Winter blickte zurück zu dem kleinen Haus ihrer Familie und überlegte, ob sie ihren Vater nicht doch suchen sollte. Sie war noch nie sehr religiös gewesen, ebenso wenig wie Bahc selbst. Aber es wäre ihr dennoch seltsam vorgekommen, ihn zu sehen und eine Unterhaltung zu führen, bei der sie nicht wusste, ob sie dazu schon bereit war. Wie sollte sie ihm auch sagen, was in ihr vorging? Sie war sich ja nicht einmal sicher, ob sie es selbst überhaupt verstand.

Tief ein- und ausatmen, das war der Schlüssel – schon immer gewesen.

Sie fröstelte in der frischen Luft und ging weiter. Es war kalt, aber nicht so eisig, wie es in Pranna mitten im Winter sein konnte. Die Sonne versteckte sich hinter dicken grauen Wolken, und es sah aus, als würde es bald zu schneien beginnen.

Die cantischen Traditionen schrieben ebenfalls vor, dass die Braut am Morgen der Trauung Geschenke von jenen bekam, die ihr nahestanden, die sogenannten Brautgaben. Da die meisten Tiellaner aus Pranna verbannt worden waren, hielten sich jedoch nur noch sehr wenige hier auf. Die Abdankung eines alten Königs und die Befreiung vor einhundertundeinundsiebzig Jahren hatten ein Jahrtausend der Sklaverei noch nicht auslöschen können. Die alten Vorurteile blieben weiterhin in den Köpfen der Leute verankert. Tiellaner waren kleiner als Menschen, hatten schmale, spitze Ohren, größere Augen und, abgesehen vom Haupthaar, nur selten Körperbehaarung. Nach Jahrhunderten der Inzucht gab es natürlich auch Ausnahmen, zu denen beispielsweise Gord mit seinem für Tiellaner ungewöhnlichen Körperbau und Vollbart gehörte.

Winter begriff noch immer nicht, wieso solche geringfügigen Unterschiede einen derart großen Konflikt hatten heraufbeschwören können. Das Ergebnis war jedoch offensichtlich: Gord, Dent, Lian und seine Familie sowie die Familie Anir waren die einzigen Tiellaner, die neben Winter und ihrem Vater in Pranna geblieben waren. Die Tatsache, dass so viele weggezogen waren, sprach Bände, da Tiellaner nur äußerst ungern ihr Heim verließen.

„Nur, wenn es nicht anders geht“, flüsterte Winter und blickte auf das Meer hinaus, das in der Ferne zu sehen war.

Sie sollte ihre Brautgaben im Haus der Anirs erhalten, aber Winter war an der kleinen Straßenkreuzung stehen geblieben. Zu ihrer Rechten, nicht weit die ungepflasterte Straße entlang, lag die Hütte der Anirs, wo die wenigen Freunde, die sie auf der Welt hatte, auf sie warteten. Zu ihrer Linken erstreckte sich der Große Hügel bis in den Golf von Nahl hinein. Sie sah das Dock und weiter hinten das Schiff ihres Vaters. Der eine Weg führte zur Pflicht und jenen, die sie liebten, der andere in die Freiheit und die ebenso herrliche wie furchterregende Ungewissheit.

Winter verharrte noch eine Weile an der Stelle, auch wenn sie ihre Entscheidung längst getroffen hatte. Sie gestattete es sich, einem Tagtraum nachzuhängen und alles hinter sich zu lassen: In Pranna hatte sie nie das Gefühl gehabt, dazuzugehören. Sie hatte sich hier nie wie zu Hause gefühlt, kannte den Grund dafür aber selbst nicht genau. In der Gesellschaft ihrer Freunde und manchmal sogar bei ihrem Vater glaubte Winter stets, dass ihr irgendetwas fehlte. Ein Teil von ihr war nicht vorhanden, und es war ihr nie gelungen herauszufinden, was genau das war und wie sie es zurückbekommen konnte.

Winter malte sich aus, am Steuer eines eigenen Schiffes zu stehen. Eine kleine Mannschaft zu haben, die ihr unterstand. Vielleicht sogar einen Liebhaber. Vielleicht aber auch nicht. Sie stellte sich vor, sie würde einfach leben.

Und sie dachte darüber nach, wie alles um sie herum zusammenbrechen würde. Schon jetzt gab es in Sfaera nicht mehr viel Platz für Tiellaner, und noch viel weniger für eine tiellanische Frau.

Wie kommst du auf die Idee, dass es dir auf einem Schiff und fern von Pranna besser gehen würde als jetzt? Winter schüttelte den Kopf. Es war ein sinnloser Tagtraum.

Mit einem Seufzen, das ein weißes Wölkchen in die kalte Luft schickte, zog Winter ihren Wollmantel enger um sich und ging nach rechts.

***

„Bist du bereit, dein Leben in die Hand eines Menschen zu geben?“, fragte Lian sie, als sie während der Brautgabe endlich einen Augenblick für sich hatten. Wie die meisten Tiellaner sprach auch Lian ruhig, mit leicht singendem Tonfall. Winter war wegen ihres Vaters eine Ausnahme. „Die Sprache der Gefangenschaft“, hatte er es genannt und sie dazu angehalten, „zivilisiert zu reden“.

Die anderen waren vorübergehend abgelenkt von ihrer Unterhaltung über weitere Verfolgungen der Tiellaner in Cineste gewesen, als Lian neben sie ans Feuer gekommen war. Winter hatte dagesessen, sie beobachtet und ihnen zugehört. Sie liebte sie alle. Sie liebte sie, aber sie wusste nicht, wie sie es ihnen zeigen sollte. Immer öfter stellte sie fest, dass sie sich wie eine Zuschauerin fühlte, die nicht wirklich dazugehörte, genauso wie jetzt. Sogar bei ihrer eigenen Brautgabe.

Als Winter sich zu Lian umdrehte, war sie sich nicht sicher, ob seine Frage sarkastisch oder ernst gemeint war. Möglicherweise beides, denn er lächelte, wenngleich sein Lächeln nicht bis in seine Augen reichte.

„Noth ist ein guter Mann“, erwiderte Winter, auch wenn sich diese Worte abgenutzt anfühlten, da sie sie schon viel zu oft gebraucht hatte. „Sie sind nicht alle schlecht, wie du weißt.“

„Das stimmt. Und du heiratest ja nur einen von ihnen.“

„Ich traue den Menschen nicht. Aber du bist der, der sie hasst.“

Lian zog die Augenbrauen hoch. „Aber diesem traust du?“

Winter erwiderte nichts. Anderen zu vertrauen war ihr schon immer schwergefallen, ebenso wie allen Tiellanern, zumindest vermutete sie das. Menschen verrieten und betrogen sich gegenseitig und alle anderen und nahmen einem alles, was man besaß, wenn man sie gewähren ließ. Tatsächlich würden einige Tiellaner dasselbe tun. Wenn sie ehrlich zu sich war, dann musste sich Winter eingestehen, dass sie nur sehr wenigen Leuten vertraute: sich selbst und natürlich ihrem Vater. Gord, der Familie Anir und auch Lian. Noth ... Noth kam dieser Liste schon sehr nahe, aber nicht nah genug, um bereits dazuzuzählen.

Sie saßen einen Moment lang schweigend da. Das Geplapper der anderen schien im Hintergrund zu verblassen.

Winter wusste, was jetzt kommen würde. „Bitte frag mich nicht noch einmal“, flehte sie. Sie war sich nicht sicher, ob sie es ertragen konnte. Nicht heute.

„Du hast mir noch immer keine Antwort gegeben“, erwiderte Lian. „Und solange du das nicht tust, werde ich dich immer wieder fragen.“

„Die Vorteile liegen doch auf der Hand. Jeder Tiellaner, der einen Menschen heiratet, ist hinterher besser dran, unabhängig davon, wer dieser Mensch ist.“

„Selbst wenn der Mensch nicht die leiseste Ahnung hat, wer er ist oder woher er kommt?“

Winter runzelte die Stirn. Sie hasste diese Unterhaltung aus gutem Grund. Einerseits war sie mit Lian einer Meinung und wusste, dass das, was sie tat, nur schwer zu rechtfertigen war.

Andererseits war in ihr ein Hauch von Hoffnung aufgekeimt. Falls Noth sie von hier wegbringen konnte, hatte Winter vielleicht doch noch die Chance, wirklich zu leben – und nicht nur in einem sterbenden Dorf dahinzuvegetieren. Selbst wenn Noth nicht der Mann war, den sie sich erträumte, konnte sie mit allem fertig werden, solange es nur bedeutete, dass sie von hier verschwinden würde. Sie war schließlich Tiellanerin und konnte sich für den Rest ihres Lebens mit einem Problem beschäftigen, wenn es sein musste.

Und möglicherweise fand sie dann endlich einen Ort, an den sie wirklich gehörte.

„Erinnerst du dich daran, wie du beinahe ertrunken wärst?“ Lian schien ihr Schweigen nicht länger ertragen zu können. „In dem Sommer, als wir noch jung waren.“

Winter blinzelte, aber sie konnte nicht verhindern, dass ein leises Lächeln ihre Lippen umspielte. „Welchen meinst du?“, hakte sie nach.

Lian grinste. „Fast zu ertrinken war für uns damals wohl ziemlich normal.“ Er sah ihr in die Augen. „Aber du weißt genau, wovon ich spreche.“

Natürlich wusste Winter das. Sie war erst acht oder neun Jahre alt gewesen und hatte mit einem Andenken von ihrer Mutter am Dock gespielt: einem Ohrring, den sie aus dem Zimmer ihres Vaters stibitzt hatte. Auf dem Dock war ihr das Schmuckstück durch die Finger geglitten und durch die Bretter ins Wasser gefallen.

Winter erinnerte sich noch genau daran, dass sie nicht weiter nachgedacht hatte, sondern einfach ins Wasser gesprungen war, um nach dem Ohrring zu suchen.

Sie wusste noch immer, wie sie ins kalte Wasser getaucht, zum Luftschnappen an die Oberfläche gekommen und wieder hinuntergestoßen war. Es war schon dämmrig gewesen, aber das Wasser in der Nähe des Docks war ohnehin sehr trüb, sodass Winter kaum etwas erkennen konnte. Immer, wenn sie hinuntertauchte, schob sie die Hände in den Schlamm am Meeresboden, fand jedoch nichts. Sie wusste nicht, wie lange sie so getaucht war, aber sie erinnerte sich noch genau daran, wie sich ihre Brust schmerzhaft zusammengezogen hatte und wie sich ihre Tränen mit dem Meerwasser auf ihrem Gesicht vermischt hatten.

Die Sonne war untergegangen und das Wasser kälter geworden, aber sie hatte trotzdem weitergemacht, selbst dann noch, als sich ihre Muskeln verkrampft hatten. Wenn sie daran zurückdachte, wusste Winter selbst nicht mehr, was damals über sie gekommen war. In diesem Augenblick hatte nichts anderes mehr gezählt, als dass sie den Ohrring wiederfand. Allein dieses Verlangen hatte ihren Verstand erfüllt.

Lian fand sie irgendwann, als sie zitternd und spuckend an die Oberfläche kam und sich bereit machte, erneut unterzutauchen. Bis zu diesem Tag war er davon überzeugt, dass sie danach nie wieder aufgetaucht wäre. Er sprang ihr hinterher, als sie gerade erneut hinunterstieß und in den Schlamm griff. Er hatte sie gepackt und nach oben gezogen.

Ihre Hand hatte den Ohrring ihrer Mutter umklammert.

Sie sah Lian an. „Soll ich mich etwa noch einmal bei dir bedanken?“

„Nein“, antwortete er lachend. „Ich wollte dich nur daran erinnern. Manchmal glaubt man, etwas zu brauchen, und man ist so fixiert darauf, dass man nicht merkt, wann es genug ist. Dabei ist das oft das Beste, was man machen kann – eine Sache einfach aufgeben. Ich wünsche mir nur, dass du weißt, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist.“

„Ich auch“, flüsterte Winter.

Auf einmal streckte Lian eine Hand aus und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Sie riss eine Hand hoch und hielt seine fest.

„Tu das nicht.“ Winter ließ ihre Hand sinken. Freundschaftliche Zuneigung war eine Sache, aber dies war ihre Brautgabe, um Cantas Willen. Und die Berührung drohte, sie in eine Zeit zurückzubringen, an die sich Winter lieber nicht mehr erinnern wollte.

„Tut mir leid“, murmelte er.

„Mir auch“, sagte sie, doch sie meinte es nicht so.

***

Die Brautgabe verlief so gut, wie es sich Winter nur hätte wünschen können. Das kleine Häuschen duftete nach frischem Brot und Zimt. Winter liebte Zimt. Der Geruch erinnerte sie an ihre Mutter. Es kam ihr töricht vor, dass es etwas gab, das sie an eine Frau erinnerte, die sie nie gekannt hatte, aber es war dennoch so.

Die Geschenke, die Winter erhielt, waren einfach, aber bedeutungsvoll. Eine traditionelle tiellanische Siara aus wunderschöner weißer Wolle, eine kleine Holzschnitzerei eines Mannes und einer Frau, die dicht beisammenstanden, eine Halskette mit schwarzen Steinen, die ihre dunklen Augen betonten, und ein Wickeltuch, auch wenn sie bei dem Gedanken, ein Kind zu bekommen, innerlich zusammenzuckte.

Dann, viel zu früh, klopfte es an der Tür. Drei cantische Elevinnen in rot-weißen Roben standen davor. Die Frauen, alles Menschen, machten Winter nervös. Das ging ihr immer so bei Menschen, aber sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Winter sah an sich herab: Sie trug ein Kleid aus grober Wolle, das ihre Arme bis zu den Handgelenken bedeckte und ihr bis zu den Fußknöcheln reichte, und sie hatte sich die graue Siara, eine lange Stoffbahn, in Falten um den Hals und die Schultern gelegt. Sie sah auffallend anders aus als die schlankeren Menschenfrauen mit ihren eng anliegenden Kleidern mit den tiefen Ausschnitten.

Winter durchfuhr vor lauter Enttäuschung ein Stich, als sie sah, dass es nur drei waren. Die cantische Tradition erforderte, dass neun Elevinnen eine Braut zu ihrer Waschung begleiteten, da die Zahl neun für die ursprünglichen Elevinnen von Canta stand. Jetzt fragte sich Winter, ob es nur drei waren, weil die Dorfbevölkerung in den letzten Jahren derart stark abgenommen hatte oder weil sie Tiellanerin war und die Elevinnen fanden, dass sie keine vollständige Eskorte verdient hatte. Das Ausmaß ihrer Enttäuschung überraschte sie. Bisher hatte sie geglaubt, dass ihr dieses Detail nicht viel bedeuten würde.

Auf einmal stieg Panik in Winter auf, und ein schweres Gewicht schien sich auf ihre Brust zu legen. So sollte das alles nicht sein. Sie hatte es anders geplant.

Sie atmete tief ein, und ihre Beklemmung verschwand wieder. Das niederschmetternde Gefühl war tief in ihrem Inneren verschlossen. Sie würde tun, was von ihr erwartet wurde.

Winter verabschiedete sich von ihren Freunden, denen sie zum letzten Mal als Danica Winter Cordier, Tochter von Bahc, dem Fischer, gegenüberstand. Ob sie es nun wollte oder nicht, ihr stand eine Veränderung bevor, und es wurde Zeit, dass sie sich dafür wappnete.


---


Unverkäufliche Leseprobe aus: Christpher B. Husberg – ›Die Chroniken der Sphaera – Frostflamme‹. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Droemer Knaur GmbH und Co. KG, München

Deutsch von Kerstin Fricke

 

 

__

Christopher B. Husberg lebt in Utah und verbringt seine Zeit lesend, schreibend, spielend und wandernd und am liebsten mit seiner Familie. Wäre er nicht Autor geworden, würde er wohl immer noch an der Universität unterrichten und all seine Vorlesungen mit Zitaten aus „Buffy" bereichern.

Christopher B. Husberg der Autor von Die Chroniken der Sphaera - Frostflamme
Share:   Facebook