Der Geek-Krieg – Zwei Phaser, eine Meinung. Sarah Schindler und Christian Humberg im Schlagabtausch.

KOLUMNE

Der Geek-Krieg (3): Schreiben kann jeder. Aber muss auch jeder Bücher veröffentlichen?


Eigene Texte verfassen und dann auch noch veröffentlichen - ein Traum, den sich Dank Selfpublishing-Plattformen jeder erfüllen kann. Ob man seine geistigen Ergüsse jedoch um jeden Preis in die Welt hinaustragen sollte, da sind sich Sarah und Christian (wieder einmal) absolut nicht einig.

Was passiert, wenn gestandene Autoren auf Selfpublisher treffen?

 

Schindler sagt:
Ich weiß nicht, ob du das wusstest, aber ich führe ein Doppelleben. Nachts bin ich Journalistin und tagsüber PR-Tante. Quasi wie Superman. Nur andersrum und cooler. Oder so. Na, jedenfalls schlage ich mich bei Tageslicht unter anderem mit verschiedensten Menschen herum, deren „Werke“ bei mir auf dem Tisch landen, die Einzug in die Buchhandlungen dieser Welt halten wollen und zum Teil sogar auch noch auf Lesebühnen vorgetragen werden möchten. Egal ob Schmonzette, SF-Abenteuer oder Fantasytrilogie, sie landen gefühlt alle bei mir. Und mit alle meine ich alle. Nicht nur die extrem gelungenen Belletristik-Knaller, sondern auch die Bücher aus eigenen Mini-Verlagen oder dem Tintenstrahldrucker. Was mich zu der Frage bringt: Warum muss jeder Trottel dieser Welt ein Buch schreiben? Warum müssen Max Mustermanns genauso wie D-Promis ihre Memoiren oder sonstigen geistigen Ergüsse zu Papier bringen und mich und andere Menschen damit quälen? Warum, Humberg, warum muss ich mir das antun?

Versteh‘ mich nicht falsch, es gibt echt großartige Autoren, vor allem im SF- und Phantastikbereich, die nicht für einen der großen Verlage schreiben und es trotzdem oder gerade deswegen echt faustdick hinter den Ohren haben. Aber interessanterweise drängen sich die mir nicht auf. Die wollen gefunden werden, und das ist auch gut so. Das ist ein wenig wie Schatzsuchen – findet man selbst ein Buch, was einen die Nacht durchlesen lässt, ist man durchaus stolzer als auf den „Fund“ von der Spiegel-Bestsellerliste (die eh kaum repräsentativ ist).

Ja, es ist hart in der Autorenwelt, ist mir schon klar. Aber wenn man doch merkt, dass das Talent, sagen wir, woanders liegt, warum das dann nicht einsehen und stattdessen Bienenzüchter werden? Nur weil jeder Hinz und Kunz, der einmal bei Markus Lanz durchs Bild gehuscht ist, ein Buch schreibt, heißt das noch lange nicht, dass jeder, der seinen Namen zusammenhängend schreiben kann, über genug Fantasie verfügt, um über hunderte Seiten sinnvoll zu füllen. Auch wenn das leider offenbar impliziert wird. Klar, jeder fängt mal klein an und arbeitet sich hoch, aber wenn ich dran denke, was zum Teil für Schrott bei mir landet, entweicht mir ein höhnisches Lächeln, was meist in psychopathisch-schrillem Verzweiflungslachen endet.

Kurzum: Nicht jeder ist zum Autor geschaffen, das ist aber vielen egal – was es nicht sein sollte. Denn es wird (oft) schon seinen Grund haben, warum nicht jede Hannelore Schmittchen zur nächsten Schmonzettenkönigin oder Fantasy-Wunderspätzünderin avanciert und sich Heyne, Fischer und Co. auf sie stürzen. Oder wie sehen Sie das, Herr Schriftsteller?

 

Humberg sagt:
Ich hätte nie gedacht, das mal zu sagen, aber … Schindler, du liest zu viel. Nämlich zu viel Müll. Eigentlich machst du dir dein Problem nämlich selbst: Du vergisst zu selektieren. Klar ist die Selfpublisher-Schwemme (auch) eine elende Seuche, und klar ertrinken die besseren selfgepublishten Autoren – von denen es ja durchaus ein, zwei Handvoll gibt – nicht selten in der Flut ihrer weitaus grottigeren Kolleginnen und Kollegen. Da lobe ich mir dann den namhaften Publikumsverlag – und den geschulten Sortimentsbuchhändler –, der für mich schon Spreu von Weizen trennt, bevor die Spreu in den Druck bzw. die CreateSpace-Abteilung von Amazon gehen kann. Aber Fakt ist und bleibt, dass unsereins immer gründlich suchen muss, bis wir in der stattlichen Menge an Neuerscheinungen den so sehnlich gewünschten Germany’s Next Neil Gaiman oder die dringend nötige Reinkarnation des großen Jens Schumachers finden. (Und ja, mir ist bewusst, dass Jens Schumacher quicklebendig und irre produktiv ist. Na und? Vom Guten kann’s nie zu viel geben!)

ABER – und das ist durchaus ein großes Aber – unterm Strich hat das ganze Selfpublishen auch sein Gutes. Nein, wirklich! Es baut Hindernisse ab. Es gibt Autoren, Texten, Themen eine Chance am Markt, die in Publikumsverlagen vielleicht gar keine bekommen hätten.

Ein Geständnis, Schindler: Ich arbeite jetzt seit einer gefühlten Ewigkeit als Schriftsteller. Ich bringe jedes Jahr mindestens ein neues Buch auf den Markt (bei Verlagen, nicht im Eigenbau), ich gehe auf Lesereisen, trete auf Buchmessen und Conventions auf, signiere stundenlang in Bibliotheken und so weiter. Das volle Programm. Und mit jedem verstreichenden Jahr sehe ich, dass es manchen meiner geschätzten und nicht minder produktiven Kollegen schwerer fällt, sich am Markt zu positionieren. Weil der Markt immer schubladenhafter denkt, sich immer weniger traut. Harry Potter hat sich verkauft wie blöd? Prima, sagt der Markt – dann hätten wir jetzt bitte gern so viele Harry-Potter-Kopien, bis das Thema endgültig durch ist. Shades of Grey war ein Erfolg? Ja, super, liebe Verlage. Macht doch bitte noch paar hundert SoG-Abklatsche, bis auch die sexuell frustrierteste Katzenmutti keinen Bock auf Waschbrettbäuche mit Fesselfetisch mehr hat.

Am Markt, Schindler, wird gerade jede Kuh, die sich mal als halbwegs ertragreich erwies, zu Tode gemolken – und neuen Kühen gibt man zeitgleich kaum noch eine Chance. Warum Neues wagen, wenn man auch Bewährtes kopieren kann, bis das Publikum endgültig abwinkt? Warum geringere Absätze riskieren, wenn man auf sichere Bänke setzen kann?

DAS – und das ist jetzt durchaus ein großes Das – ist das Gute an der Selfpublisher-Welle. Sie umgeht die etablierten Strukturen. Sie bringt Inhalte in den Handel, die den Etablierten nicht genug Milch gegeben hätten. Sie erlaubt mir, Texte zu lesen, zu entdecken, zu feiern, die mir ohne sie vorenthalten geblieben wären. Sie schafft Freiheit für Kreativität.

Und genau das brauchen wir. Auch in der Phantastik.

Von daher: Immer nur her mit den Eigenbau-Büchern. Ich verspreche: Ich werde sie weiterhin nach Kräften ignorieren und mir, wie üblich, nur die etwaigen Rosinen rauspicken. Ich alter Gourmet.



Der Geek-Krieg: Zwei Phaser, eine Meinung. Reboots sind doof, Prequels sind Teufelswerk, der Roman war immer besser als der Film/Comic/vorlonische Gedichtzyklus, und überhaupt haben alle anderen doch ab-so-lut keine Ahnung von der Materie … Fandebatten gehören zur Phantastik wie der Fluxkompensator in die Zeitmaschine. Denn Fans sind leidenschaftlich, wenn es um ihre Leidenschaft geht. Und nicht selten sind sie sich uneinig. Dann … kommt es zum Geek-Krieg! FISCHER Tor schickt stellvertretend für Sie an die Front: Sarah Schindler, weitgereiste Genrejournalistin mit akuter Allergie gegen Stuss, und Christian Humberg, phantasieaffiner Schriftsteller mit rosaroter Altfan-Brille.

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