Die Hugos des Jahres 1960 wurden auf dem Pittcon in Pittsburgh verliehen.

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1960: Das waren die Gewinner



Die Hugos des Jahres 1960 wurden auf dem Pittcon in Pittsburgh verliehen.

Toastmaster: Isaac Asimov 

Novel

Robert A. Heinlein: Starship Troopers

(2 Teile, Oktober und November 1959 in F&SF unter dem Titel Starship Soldiers; dt. Sternenkrieger, B 24001)

1960 Hugo Award Preis Auszeichnung Science Fiction
1960 Hugo Award Preis Auszeichnung Science Fiction
1960 Hugo Award Preis Auszeichnung Science Fiction

Dieser Roman ist ein Vorreiter der später populären Military-SF. Der verhinderte Offizier Heinlein schildert in diesem von Anfang an umstrittenen Buch eine Gesellschaftsordnung, in der nur diejenigen das Wahlrecht erhalten, die bei der Army gedient haben. Das Staatssystem ist äußerst repressiv; bereits für kleine Vergehen wie Trunkenheit am Steuer kann man öffentlich ausgepeitscht werden. Allerdings beschreibt der Autor seinen Gesellschaftsentwurf nicht als Dystopie, sondern verhält sich in seiner Schilderung neutral.

Protagonist und Ich-Erzähler des Buches ist Juan Rico, ein junger Mann, der beschließt, zur Armee zu gehen. Ausführlichst schildert Heinlein die harte Ausbildung wie auch die Kämpfe bei der Mobilen Infanterie. Dabei zieht Rico mit seinen Truppen durch die halbe Galaxis und vernichtet die Bugs, bösartige Käfer-Aliens, die so widerlich sind, dass sie ausgerottet werden müssen. Tatsächliche Motivationen und politische Hintergründe für den galaktischen Krieg werden nicht angeführt, obwohl Heinlein jede Gelegenheit ergreift – zum Beispiel bei Szenen in der Schule bzw. bei Ricos Ausbildung zum Offizier –, die Protagonisten ihre Weltsicht auszubreiten zu lassen. Auch die Formulierung »totaler Krieg« fällt dabei zuweilen. – Einige Zitate mögen belegen, wie Heinlein argumentiert.

Während eines Gesprächs im Schulunterricht mit einem Lehrer, der später noch als großer Armeeheld gefeiert wird, soll Rico den moralischen Unterschied zwischen einem Soldaten und einem Zivilisten erläutern:

»Der Unterschied … zeigt sich auf dem Gebiet der staatsbürgerlichen Tugend. Ein Soldat übernimmt persönliche Verantwortung für die Sicherheit einer politischen Gemeinschaft, zu der er gehört, und wird sie nötigenfalls sogar um den Preis seines Lebens verteidigen. Der Zivilist tut so etwas nicht.«

Obwohl in der Zukunft anscheinend eine Weltgemeinschaft existiert, sind die Ländergrenzen nicht aufgehoben. Allerdings gibt es auch folgenden Dialog:

»Wo habt ihr beiden euch die Gesichtsnarben geholt? Heidelberg?«

»Nein, Sir. Königsberg.«

»Kein großer Unterschied.«

In einer anderen Unterrichtsstunde bezeichnet der Lehrer die Marxsche Definition des Wertes als lächerlich und führt einen simplen Beweis dafür an. Doch damit nicht genug, es folgt eine entsprechende Beschimpfung:

»Nichtsdestoweniger hatte dieser alte, wirre Mystiker, der Das Kapital verfasste, dieser schwülstige, verworrene, verdrehte, neurotische, unwissenschaftliche, unlogische Karl Marx, dieser bombastische Betrüger – nichtsdestoweniger hatte er den Zipfel einer sehr wichtigen Wahrheit erfasst. Hätte er einen analytischen Verstand besessen, hätte er vielleicht die erste zutreffende Begriffsbestimmung des Wertes formulieren können … und diesem Planeten wäre möglicherweise endloser Kummer erspart worden.«

Der Roman ist mitten im kalten Krieg entstanden, und auch ohne explizite Ausfälle wie die eben zitierten, wird wohl jeder Leser erraten, wer mit den Bugs, gegen die man hier einen »totalen Krieg« führt, gemeint ist. Doch für die Handvoll Leser, die das eventuell immer noch nicht verstanden hatte, formulierte Heinlein:

Jedesmal, wenn wir tausend Bugs töteten und dabei einen M. I. verloren, war das ein Sieg für die Bugs. Wir mussten teuer dafür bezahlen, um zu lernen, wie leistungsfähig ein totaler Kommunismus sein kann, wenn er von einem Volk praktiziert wird, das von der Evolution tatsächlich dafür geschaffen ist.

SF-Leser haben häufig diskutiert, ob Heinlein den Roman tatsächlich ernst meinte, oder ob es sich um ein reines Gedankenexperiment sowie die Schilderung einer dystopischen Zukunft handelt. Den deutschen Verlagen war das Thema des Roman zunächst zu heikel, denn er wurde erst zwanzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen ins Deutsche übersetzt.

1997 wurde das Buch unter dem Titel Starship Troopers verfilmt, und der Film war mindestens so umstritten wie der Roman. Regisseur Paul Verhoeven war der Meinung, er habe seine dargestellte Gesellschaftsform satirisch überzeichnet, und viele Zuschauer glaubten, dies auch erkannt zu haben. Allerdings gehen die zaghaften satirischen Ansätze in der Special-Effect-Schlacht gegen die Bugs weitgehend unter.

Weitere Nominierungen:

Gordon R. Dickson: Dorsai!

(3 Teile, Mai bis Juli 1959 in Astounding, auch The Genetic General; dt. Der General von Dorsai, M 3608)

Murray Leinster: The Pirates of Ersatz

(3 Teile, Februar bis April 1959 in Astounding, späterer Titel The Pirates of Zan; dt. Piratenflotte über Darth, Zimmermann und T 284)

Mark Phillips: That Sweet Little Old Lady

(2 Teile, September bis Oktober 1959 in Astounding, anderer Titel: Brain Twister; dt. Die Lady mit dem 6. Sinn, UTB 3073)

Kurt Vonnegut jr.: The Sirens of Titan

(Buchausgabe bei Dell; dt. Die Sirenen des Titan, Rowohlt bzw. Goldmann)

Short Fiction

Daniel Keyes: Flowers for Algernon

(April 1959 in F&SF; dt. »Blumen für Algernon« in Ferman [Hrsg.]: 30 Jahre Magazine of Fantasy and Science Fiction, H 3763, in Simon [Hrsg.]: Maschi-nenmenschen, Das Neue Berlin, in Asimov [Hrsg.]: Das Forschungsteam, HSFB 13, in Alpers/Fuchs [Hrsg.]: Die Fünfziger Jahre II, Hohenheim, in Gunn [Hrsg.]: Von Matheson bis Shaw, HSFB 97, und weitere)

In Tagebuchform erzählt der Protagonist Charlie Gordon, der zwar ein gutmütiger und lernwilliger junger Mann, aber geistig zurückgeblieben ist, aus seinem Leben. Er wird für ein medizinisches Experiment ausgewählt, durch das sein Intelligenzquotient auf chirurgische Weise verdreifacht werden soll. Die Operation war zuvor bereits bei einer Maus namens Algernon geglückt. Tatsächlich gelingt das Experiment, und Charlies Intelligenz überflügelt bald sogar die der Ärzte. Er erkennt, welche Möglichkeiten das Leben ihm bieten kann, doch glücklich wird er dadurch nicht. Früher haben sich andere über ihn lustig gemacht, weil er so einfältig war – nun fürchten sich die Menschen vor ihm, weil er ihnen überlegen ist.

Und eines Tages wird Algernon, die Maus, immer apathischer und scheint ihre Intelligenz zu verlieren …

Der Stil der Geschichte ist außergewöhnlich. Charlies Tagebuch strotzt anfangs von Fehlern, hat keine Interpunktion und ist in der Sprache eines geistig unterentwickelten Menschen geschrieben. Nicht nur durch die Handlung, sondern auch durch Stil und Wortwahl kann der Leser die Entwicklung des Protagonisten nachvollziehen. Das Ende der Geschichte gehört zu den emotionalsten Szenen in der gesamten SF-Literatur.

Der Autor Daniel Keyes (1927–2014) war ausgebildeter Psychiater und hat sich in seinem Werk häufig mit geistig verstörten oder gespaltenen Persönlichkeiten auseinandergesetzt. Einige Jahre später hat er die Erzählung zu dem Roman Charlie ausgearbeitet und wurde damit für den Hugo 1967 nominiert. Außerdem wurde der Roman verfilmt – der einzige SF-Film, der jemals einen Oscar für den besten Hauptdarsteller erhalten hat.

Weitere Nominierte:

Philip José Farmer: The Alley Man

(Juni 1959 in F&SF; dt. »Der Müllkutscher« in Farmer: Bizarre Beziehungen, Kn 5771 und H 4935, in Farmer: Jenseits von Raum und Zeit, H 4387)

Alfred Bester: The Pi Man

(Oktober 1959 in F&SF; dt. »Der Pi-Mann« in Bester: Die Hölle ist ewig, st 2157)

Theodore Sturgeon: The Man Who Lost the Sea

(Oktober 1959 in F&SF; dt. »Verlorene See« in Alpers/Fuchs [Hrsg.]: Die Fünfziger Jahre II, Hohenheim)

Ralph Williams: Cat and Mouse

(Juni 1959 in Astounding; nicht auf Deutsch)

Dramatic Presentation

The Twilight Zone

(CBS; TV-Serie von Rod Serling; dt. Unglaubliche Geschichten, Unwahrscheinliche Geschichten bzw. Geschichten, die nicht zu erklären sind)

Die Serie Twilight Zone wurde 1959 erstmals im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt und lief bis 1964. Erfinder und ausführender Produzent war Rod Serling (1924–1975), der auch einundneunzig der Drehbücher schrieb. Zu den anderen Autoren der Serie gehörten u. a. Charles Beaumont, Ray Bradbury und Richard Matheson. Es sind auch einige heute sehr bekannte Regisseure zu nennen, u. a. Don Siegel, William Friedkin oder Richard Donner. Die Schwarzweißserie hielt sich über fünf Staffeln und brachte es auf insgesamt 156 Folgen. Jede einzelne Folge erzählte eine eigenständige Geschichte; allerdings war nur wenig Science Fiction darunter, die meisten Storys sind der Fantasy oder dem Horror zuzurechnen. Dennoch bot Twilight Zone gegenüber bisher in Amerika bekannten SF-Fernsehserien Neues: originelle Geschichten. Bis heute wird die Serie fast ununterbrochen im amerikanischen Fernsehen wiederholt, und sie wurde auch in Deutschland ausgestrahlt. Später gab es einen Spielfilm (Twilight Zone: The Movie, 1982) sowie von 1981 bis 1989 Rod Serling’s The Twilight Zone Magazine, u. a. herausgegeben von T. E. D. Klein. Von 1985 bis 1987 wurde der Versuch unternommen, die Serie – diesmal in Farbe – neu aufleben zu lassen, allerdings ohne großen Erfolg.

Weitere Nominierte:

The World, the Flesh and the Devil

(HarBel/MGM; Drehbuch Ranald MacDougall; Story Ferdinand Reyher; Regie Ranald MacDougall; basiert auf dem Roman The Purple Cloud von M. P. Shiel; nicht auf Deutsch)

Murder and the Android

(TV; Sunday Showcase Episode #1.5; Drehbuch Alfred Bester; Regie Alex March; nicht auf Deutsch)

The Turn of the Screw

(NBC; Drehbuch James Costigan; Regie John Frankenheimer; basiert auf dem gleichnamigen Roman von Henry James; nicht auf Deutsch)

Men Into Space

(TV-Serie, CBS; 38 Episoden; nicht auf Deutsch)

1960 Hugo Award Preis Auszeichnung Science Fiction
1960 Hugo Award Preis Auszeichnung Science Fiction
1960 Hugo Award Preis Auszeichnung Science Fiction

Professional Magazine

The Magazine of Fantasy and Science Fiction (Robert P. Mills)

Das Magazin konnte seine Position auf dem Markt weiter festigen und brachte so wichtige Texte wie Theodore Sturgeons »The Man Who Lost the Sea« (Oktober 1959; dt. »Verlorene See«) und Robert A. Heinleins Starship Soldiers (2 Teile, Oktober und November 1959, Buchversion als Starship Troopers; dt. Sternenkrieger). Allerdings tauchten gerade in diesem Jahr auch viele neue und unbekannte Namen auf.

Weitere Nominierungen:

Astounding (John W. Campbell, Jr.) | Galaxy (H. L. Gold) | Amazing (Cele Goldsmith) | Fantastic Universe (Cele Goldsmith)

Professional Artist

Ed Emshwiller

Nachdem sich Ed Emshwiller (1925–1990) den Hugo des Jahres 1953 mit Hannes Bok teilen musste, erhielt er ihn nun erstmals ganz allein.

Neben seinen Magazincovern für Galaxy, Amazing Stories, F&SF und Startling Stories schuf er Hunderte von Titelbildern für Bücher und Taschenbücher, insbesondere für die Reihe Ace Books.

Weitere Nominierte:

Frank Kelly Freas | Virgil Finlay | Mel Hunter | Wally Wood

Fanzine

Cry of the Nameless (F. M. & Elinor Busby, Burnett Toskey, Wally Weber)

Während des Zeitraums, für den der Hugo 1960 vergeben wurde, hat F. M. Busby das Fanzine monatlich herausgegeben, wurde dabei jedoch von zahlreichen Fans wie Wally Weber oder Terry Carr unterstützt. Das Fanzine hatte einen Umfang von 32 bis zuweilen sogar über 100 Seiten. Gegründet wurde es 1950 als vierseitiges Clubmagazin eines SF-Clubs in Seattle, The Nameless Ones. Später enthielt es nicht nur fannische Informationen, sondern auch Buchbesprechungen und diente dem Gedankenaustausch zwischen den Fans.

Weitere Nominierungen:

Fanac (Terry Carr & Ron Ellik) | Yandro (Robert & Juanita Coulson) | JD-Argassy (Lynn A. Hickman) | Science Fiction Times (James V. Taurasi sr., Ray Von Houten & Frank R. Prieto jr.)

 

Special Award

Hugo Gernsback as »The Father of Magazine Science Fiction«

Als späte Ehrung wurde schließlich dem »Vater der Magazin-SF« Hugo Gernsback (1884–1967) der Preis verliehen, der seinen Namen trägt. Nicht jeder war darüber glücklich, viele teilten die Überzeugung, dass die SF ohne die frühen Pulps schneller an Qualität gewonnen hätte. Dennoch darf man Gernsbacks Einfluss nicht unterschätzen, denn seine frühen SF-Magazine wie Amazing Stories oder Air Wonder Stories haben viele der später berühmten Autoren erst an die SF herangeführt.

 

 

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Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1953-1984” (erschienen 2015 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

 

© 2015 by Hardy Kettlitz

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