Die Gewinner des Hugo Awards von 1958, der auf der WorldCon (Solacon) in Kalifornien vergeben wurden.

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1958: Das waren die Gewinner



1958 fand der WorldCon (Solacon) wieder in den USA statt, und zwar in South Gate, Kalifornien. Erstmals wurde ein Spielfilm ausgezeichnet, dafür war die Rubrik ›Fanzine‹ nicht dabei.

Toastmaster: Anthony Boucher 

Novel

Fritz Leiber: The Big Time

(2 Teile, März und April 1958 in GALAXY, Buchausgabe 1961; dt. Eine tolle Zeit, FO 41; Eine große Zeit, B 23011)

1958 Hugo Award Preis Auszeichnung
1958 Hugo Award Preis Auszeichnung
1958 Hugo Award Preis Auszeichnung

Zeitreisen waren mindestens seit Herbert George Wells’ The Time Machine (dt. Die Zeitmaschine) ein beliebtes Thema der Science Fiction. Allerdings handelte es sich meist um einzelne Reisen in Zukunft oder Vergangenheit. Jack Williamson hatte mit The Legion of Time (dt. Die Zeitlegion) erstmals eine Art Zeitpolizei beschrieben, die die Gegenwart durch Änderung der Vergangenheit zu bereinigen sucht. Fritz Leiber (1910–1992) treibt das Ganze auf die Spitze: Seine Zeitsoldaten führen einen Veränderungskrieg, und am Anfang des Romans heißt es:

Dieser Krieg ist der Veränderungskrieg, ein Krieg der Zeitreisenden – tatsächlich nennen wir die Teilnahme an dem Krieg unter uns das Mitmachen in der Großen Zeit. Unsere Soldaten kämpfen, indem sie zurückreisen, um die Vergangenheit zu ändern, oder sogar weiter voraus, um die Zukunft zu verändern – und damit soll unserer Seite in einer Milliarde oder mehr Jahren zum endgültigen Sieg verholfen werden. Ein langwieriges, anstrengendes Geschäft, das können Sie mir glauben, die Große Zeit – eine tolle Zeit für alle, die mitmachen.

Die beiden verfeindeten Seiten nennen sich die Spinnen und die Schlangen, wobei die Zeitsoldaten nicht genau wissen, wer im Hintergrund die Fäden zieht. Letztlich stehen sie jedoch stellvertretend für Ost und West im kalten Krieg der fünfziger Jahre, also zur Entstehungszeit des Buches. Man entführt das Baby Einstein, lässt Nazis das zaristische Russland besetzen, ändert politische Konstellationen weit in der Vergangenheit im alten Rom und in der Zukunft auf dem Mond. Und selbst Außerirdische kämpfen mit.

Die Handlung des Romans findet jedoch nicht auf den Schauplätzen des Zeitkrieges statt, sondern im Hauptquartier der Spinnen, außerhalb des Kosmos. Angelegt ist das Ganze wie ein Theaterstück, in dem die Protagonisten pausenlos Dialoge über die Ereignisse des Krieges, ihre eigentlichen Aufgaben und den Sinn des Daseins führen, gewürzt mit zahlreichen Anspielungen auf klassische Literatur und besonders auf Stücke von Shakespeare, was nicht verwundert, da Leiber mit dessen Werk durch seinen Vater – einen Shakespeare-Darsteller – vertraut war.

Während Williamson in seinen früheren Zeit-Geschichten einen Kampf zwischen Gut und Böse schildert, geht Leiber wesentlich differenzierter vor und hinterfragt die Motivationen der verfeindeten Seiten.

Weitere Spinnen-und-Schlangen-Erzählungen liegen gesammelt in dem Buch The Mind Spider (1961) vor, das leider nicht übersetzt wurde.

Der Roman The Big Time nimmt durch den außergewöhnlichen Stil bereits die britische New Wave vorweg und hat durch seine Handlungsführung gewiss einige Leser traditioneller SF verstört.

Short Story

Avram Davidson: »Or All the Seas With Oysters«

(Mai 1958 in GALAXY; dt. »Oder alle Meere voll Austern« in Asimov [Hrsg.]: Das Forschungsteam, HSFB 13)

Diese Kurzgeschichte kann man eigentlich kaum als Science Fiction bezeichnen. Avram Davidson (1923–1993) erzählt in einer Rückblende von zwei sehr unterschiedlichen Besitzern eines Fahrradgeschäftes. Der eine mit Namen Oscar ist lebenslustig, feiert gern und ist den Frauen zugeneigt, während der andere namens Ferd eher ein Grübler ist, seine Zeit lieber allein verbringt und viele Bücher liest. Eines Tages stellt Ferd die Theorie auf, dass es Mimikry nicht nur im Tierreich gibt, sondern dass vielleicht auch in der Stadt Wesen existieren, die sich dem Leben unter Menschen anpassen. Er untermauert seine Hypothese damit, dass es immer zu wenig Sicherheitsnadeln gibt, wenn man welche benötigt, aber wenn man keine braucht, überall welche herumliegen. Ebenso verhält es sich mit Kleiderbügeln. Außerdem werden oftmals herrenlose Fahrräder gefunden und in ihrem Laden abgegeben, die tatsächlich niemandem zu gehören scheinen. Als sich eines Tages ein rotes französisches Rennrad von selbst regeneriert, hält Ferd seine Theorie für bewiesen.

Diese Geschichte ist für GALAXY etwas ungewöhnlich. Hätte es das Fantasy-Magazin UNKNOWN noch gegeben, wäre der Text darin goldrichtig gewesen.

Avram Davidson gehört in Amerika zu den bekannteren SF-Autoren der fünfziger Jahre, in Deutschland kennt ihn jedoch so gut wie niemand, denn Davidson, der jüdischer Abstammung ist, hat verfügt, dass seine Werke nicht in Deutschland erscheinen dürfen. Dass trotzdem eine Handvoll Kurzgeschichten ihren Weg zu deutschen Verlagen gefunden haben, liegt eher daran, dass die Rechte an ganzen Anthologien verkauft wurden, worauf Davidson keinen Einfluss hatte. Schade, denn Davidsons Werk ist durchaus mit dem von Clifford D. Simak oder Theodore Sturgeon vergleichbar, wenn auch nicht so umfangreich. 

Outstanding Movie

The Incredible Shrinking Man 

(Universal Pictures; Drehbuch: Jack Arnold & Richard Matheson; Regie Jack Arnold; dt. Die unglaubliche Geschichte des Mr. C)

Dieser von Jack Arnold inszenierte Universal-Film basiert auf dem 1956 erschienenen Roman The Shrinking Man von Richard Matheson. In Deutschland hießen Film und Buch Die unglaubliche Geschichte des Mr. C. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der, ausgelöst durch eine giftige Wolke, plötzlich zu schrumpfen beginnt. Neben dem sehr guten Script, das von Matheson selbst stammt, fallen besonders die für damalige Verhältnisse spektakulären Special Effects auf. So wurden Kulissen in riesigen Ausmaßen gebaut, damit der Hauptdarsteller entsprechend klein wirkt. Besonders gelungen ist der Kampf des Protagonisten mit einer im Verhältnis zu seiner Körpergröße gigantischen Spinne.

Der Regisseur Jack Arnold (1912–1992) war zuvor bereits durch SF- und Monsterfilme wie It Came from Outer Space (1953), Creature from the Black Lagoon (1954), This Island Earth (1954) und Tarantula (1955) bekannt geworden. 

Professional Magazine

THE MAGAZINE OF FANTASY & SCIENCE FICTION

Erstmals konnte F&SF den Hugo für sich erringen. Das Magazin erscheint seit Herbst 1949 bis heute. Zum Zeitpunkt der Hugo-Wahl wurde es von Anthony Boucher herausgegeben. Im Wahlzeitraum erschienen Texte wie Robert A. Heinleins »The Menace from Earth« (August 1957; dt. »Das Ekel von der Erde«), Theodore Sturgeons »A Touch of Strange« (Januar 1958; dt. »Eine seltsame Begegnung«), Robert Sheckleys »The Price of Peril« (Mai 1958; dt. »Der Tod spielt mit«) und Damon Knights »Eripmav« (Juni 1958; dt. »Ripmav« in ALIEN CONTACT 8); darüber hinaus Erzählungen von Isaac Asimov, Avram Davidson, Robert Bloch, Chad Oliver, Gordon R. Dickson, Richard Matheson, Fritz Leiber, Poul Anderson, Frederik Pohl, Brian W. Aldiss, Robert Silverberg, C. M. Kornbluth und vielen anderen.

1958 Hugo Award Preis Auszeichnung
1958 Hugo Award Preis Auszeichnung
1958 Hugo Award Preis Auszeichnung

Outstanding Artist

Frank Kelly Freas

Freas erhielt bereits seinen dritten Hugo, in erster Linie für seine Titelbilder. In den Jahren 1957 bis 1958 erschienen mehr als zwei Dutzend Magazincover von ihm.

Outstanding Actifan

Walter A. Willis

Willis (1919–1999) gehörte zu den aktivsten und bekanntesten SF-Fans seiner Zeit. Ende der vierziger Jahre nahm er Kontakt mit James White auf, kurz danach erschien bereits sein erstes Fanzine Slant. Er unterstützte zahlreiche andere Fans bei der Herausgabe ihrer Fanzines und schrieb regelmäßige, vielbeachtete Kolumnen. Obwohl er in Irland lebte, war Willis für das englischsprachige Fandom so einflussreich, dass Harry Warner jr. ihm in seinem Buch A Wealth of Fable. An Informal History of Science Fiction Fandom in the 1950s ein ganzes Kapitel widmete.

 

 

__

Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1953-1984” (erschienen 2015 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

 

© 2015 by Hardy Kettlitz

Share:   Facebook