Autor Markus Heitz erschuf mit dem Buch Wedora eine Fantasy-Welt mit neuen Helden und Mythen

Markus Heitz - Wedora

BUCH

Leseprobe: Markus Heitz - Wedora: Staub und Blut


Tor Team
01.08.2016


Unverkäufliche Leseprobe aus: Markus Heitz – Wédora Staub und Blut. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© Droemer Knaur GmbH und Co. KG, München

***

Ich bin hier, um Brennholz für den Winter zu ordern. Acht Klafter. Trocken.«

Liothan hielt mit dem schweren Vorschlaghammer in der Ausholbewegung inne, als er die Frauenstimme hörte, die direkt aus dem Dickicht hinter ihm zu kommen schien. Seine Gedanken, die um das Vorhaben in der kommenden Nacht kreisten, hatten ihn unaufmerksam werden lassen. Das Scheppern der Werkzeuge hatte seine Ohren zudem vorübergehend gegen leise Geräusche abgestumpft.

»Für dich?« Liothans Muskeln, gut auf dem freien Oberkörper zu erkennen, spannten sich unter seiner Haut. Der Hammer schlug auf den Kopf des Spalteisens, das im liegenden, entasteten Baumstamm steckte. Ein lautes Klirren, knackend riss das Holz, und der Keil rutschte tiefer. Danach drehte sich Liothan um. »Oder für deinen Herrn?«

In der Schneise zwischen den Büschen stand Tomeija, seine hochgewachsene, sehnige Freundin aus Kindertagen, die ihn um eine Fingerlänge überragte.

Insekten summten durch die warme Luft, goldenes Licht fiel durch das dichte Blattwerk. Es roch nach Wald, nach Nadeln und nassem Farn. Ein Kuckuck rief leise aus der Entfernung, Spechte hackten hörbar nach Insekten unter der Rinde.

»Für den Baron.« Tomeija steckte in einem wattierten, grauen Wappenrock, eine Hand ruhte locker auf dem Schwertgriff, die andere hielt einen rötlich gelben Apfel.

Obwohl es ein warmer Sommertag war, verzichtete sie nicht auf ihre Handschuhe. Tomeija biss ab, lächelte kühl.

»Und er ist nicht mein Herr.«

»Du dienst ihm.«

»Ich diene dem Gesetz. Barone kommen und gehen.« Der Ausdruck in ihren türkisfarbenen Augen blieb freundlich. Sie kannte seine Neckereien.

»Und doch sendet er dich, um die Arbeit eines Dieners zu vollbringen.«

Tomeija kaute langsam. »Es lag auf dem Weg. Ich bin nur höflich.«

Liothan schulterte den Hammer und sprang vom Stamm auf den weichen Waldboden, streifte die langen, dunkelbraunen Haare nach der Landung aus dem verschwitzten Gesicht. »Dieser Baron ist schon zu lange im Amt, wenn du mich fragst.«

»Wie gut, dass ich das nicht tue. Sonst könnte dich deine Antwort in Schwierigkeiten bringen.« Sie biss mehrmals ab und kaute. Ihre langen, graugefärbten Haare lagen unter einem flachen Hut, eine vorwitzige Strähne hatte den Weg heraus gefunden und hing seitlich herab. »Acht Klafter. Trocken.«

»Ich habe es schon beim ersten Mal vernommen.«

»Gut.« Tomeija aß in Ruhe den Sommerapfel auf und warf den Stiel weg, dann kam sie zu ihm und setzte sich auf den Stamm. Nicht weit davon hatte er den Korb mit seinem Proviant abgestellt: belegte Brote mit Hirschschinken. Wie er an das Edelwild gekommen war, blieb sein Geheimnis. Sie bedeutete ihm, sich neben ihr niederzulassen.

»Ich habe zu tun. Ich muss den Baum zerlegen. Damit verdiene ich mein Geld.« Er stellte den Hammer ab, pflückte sein weißes Hemd von einem niedrig hängenden Ast und streifte es über. Es hing weit um seinen drahtigen Leib. Eilends rollte er die hochgekrempelten Hosenbeine herab.

»So höre im Stehen zu, was ich dir zu sagen habe und weswegen ich eigentlich gekommen bin.« Tomeija schloss die Augen und atmete die kühle Waldluft ein, die rechte Hand prüfte den Sitz des Halstuchs. »Wie oft bist du einer Verurteilung entgangen?«

Liothan hörte den ruhigen Tonfall, den er sehr mochte, und setzte sich neben sie. Sie sprach von Freundin zu Freund, und dafür nahm er sich stets Zeit. Das Band existierte noch zwischen ihnen, auch wenn die Jahre es stark strapazierten. Aus verschiedenen Gründen. »Ich zähle nicht mit.«

»Elf Mal.«

»Oh. Ich hätte das zehnte Mal wohl begießen sollen?« Er fasste die Haare zu einem Zopf zusammen, bändigte sie mit einem breiten Lederband.

»Dachtest du dabei auch nur einmal an deine Familie?«

»Natürlich.« Er verschwieg, dass seine Frau Cattra und sein Schwager Rolan ihn bei den Streifzügen unterstützten. Lediglich seine Kinder Fano und Tynia ließ er außen vor. Sie waren noch zu jung. »Sie leiden sehr unter den falschen Anschuldigungen gegen mich.«

Tomeija lachte mit geschlossenen Lidern. »Deine Kinder enden im schrecklichen Waisenhaus in der Stadt, wenn es euch drei erwischt«, gab sie zurück. »Man weiß, was ihr tut. Sogar der Baron. Er wartet nur darauf, dass ich ihm Beweise bringe. Und dann wirst du hingerichtet. Du und ein jeder oder eine jede, die mit dir sind.«

»Aber ich bin unschuldig!«

»Das warst du nie, Liothan. Ebenso wenig wie unsere Väter damals. Du hattest Glück. Oder gute Menschen, die für dich logen, weil sie dich mögen.« Sie öffnete die Augen und blickte ihn an. Das Türkis strahlte im Sonnenschein, der dünn durch die Blätter leuchtete. »Niemand kann den Baron leiden. Du wirst für deinen Edelmut gefeiert, ich weiß. Als Freundin bewundere ich dich. Aber als Scīrgerēfa jage ich dich.« Sie legte ihm eine Hand auf den Unterarm.

»Ich bitte dich: Bleib weg von Dûrus dem Kaufmann.«

Liothan atmete lange ein. Seine Freundin schien Gedanken lesen zu können. Er rieb das Harz an seinen Fingern zu kleinen Kügelchen und streifte sie ins Moos. »Er ist ein furchtbarer Mann.«

»Das bestreite ich nicht.«

»Er hat zwei kleine Kinder in unserem Dorf mit seiner Kutsche überfahren und getötet!«

»Und die Eltern für ihren Verlust mit Geld entschä­digt«, fügte Tomeija hinzu. »Wie es das Gesetz bei einem Unfall vorsieht.«

»Es war Absicht!« Liothan ließ den Hammer von der Schulter auf den Boden rutschen, der schwere Metallkopf senkte sich tief ins Moos. »Dûrus ist ein Menschenschinder. Er quält seine Angestellten, er prügelt und tritt sie ebenso wie seine Tiere. Aus dämonischem Vergnügen. Und alle, mit denen er Geschäfte macht, presst er aus bis aufs Blut. Jeder, der mit ihm handelt, bereut es.« Er versetzte dem Hammer einen kleinen Stoß. »Seinen Reichtum hat er nicht verdient.«

»Versuch es nicht. Ich bitte dich. Er ist ein sehr guter Bekannter des Barons.«

Seine Lippen wurden schmal. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Ich habe dich beim Spähen an seinem Anwesen gesehen.« Der Druck ihrer Finger auf seinem Arm wurde für wenige Herzschläge fester, dann ließ sie ihn los und erhob sich, strich die abgeblätterte Rinde von der Hose. »Du würdest nicht deiner alten Freundin gegenüberstehen. Mehr kann ich nicht sagen.« Tomeija umarmte ihn zum Abschied, langte in seinen Korb und nahm ein belegtes Brot heraus. »Hirsch?« Sie biss ab. »Es ist Hirsch. Er starb vermutlich an Altersschwäche, doch keinesfalls an einem Pfeil, nicht wahr?« Sie wandte sich ab und schritt voran.

»Tomeija!«

Sie blieb stehen. »Ja?«

»Danke.«

»Bitte, Liothan.« Sie hob die linke Hand mit dem Brot zum Gruß und setzte ihren Weg fort, verschwand durch die Hecken. »Ach ja: Deine Kaninchenfalle zwei Meilen westlich von hier habe ich konfisziert«, rief sie.

Liothan lächelte. Er schätzte Tomeija sehr und auch, dass sie ihn warnte. Aber Dûrus hatte eine Abreibung verdient.

Mehr als verdient. Liothan würde in den düsteren Bau einsteigen, den Kaufmann zusammenschlagen – und zwar auf die übelste Weise, bis die Knochen ebenso brachen wie die seiner Bediensteten und Tiere, und danach alles an Münzen, Schmuck und Kostbarkeiten mitnehmen, was er fand. Die Hälfte bekamen die Armen, der Rest ging an ihn.

Die Scīrgerēfa würde ihn davon nicht abhalten. Der Überfall auf den Widerling war längst überfällig.

Liothan nahm das übriggebliebene Brot. »In dieser Nacht«, murmelte er und zog den Hammer aus dem Moosboden. »Alles hat seine Zeit.« Er biss zu.

Noch nie hatte ihm gepökelter Hirsch so gut geschmeckt. Die Gedanken an seinen Einbruch und das überraschte Gesicht des Schinders, wenn er erbarmungslos die Prügel seines Lebens bezog, war ein besonderes Gewürz.

Liothan grinste. Der Baron bekäme natürlich acht Klafter. Sehr feuchtes Holz. Damit es ihm die Kamine verqualmte und er hoffentlich im Rauch erstickte.

Gutgelaunt genoss er sein Essen.

 

Am späten Abend versteckte sich Liothan nahe dem abgelegenen Anwesen von Dûrus dem Kaufmann im Unterholz. Schwarze Kleidung ließ ihn mit der Nacht verschmelzen, sein Gesicht hatte er mit Ruß gefärbt.

Der alte Mann, der aus einer anderen Baronie stammte, wie man sich erzählte, hatte das alte Gehöft vor einigen Jahren gekauft, renovieren und zwei Scheunen anbauen lassen, in denen sich Schafe, Rinder und Bedienstete aufhielten. Dûrus selbst lebte alleine in dem riesigen Fachwerkhaus. Niemand durfte es betreten, was Liothan merkwürdig vorkam.

Er könnte sich ein Heer aus Dienstboten leisten. Ein erfolgreicher und betuchter Krämer, der sich weder Diener noch Köche hielt, litt nach Liothans Ansicht unter Verfolgungswahn oder Angst vor Diebstahl. Diese Marotte bedeutete einen unschlagbaren Vorteil für den geplanten Raubzug. Die vergitterten Fenster am Boden machten ihm keine Sorgen, er würde an der Fassade hinaufklettern und sich ins zweite Stockwerk schwingen.

Vorsichtshalber blickte er sich nach Tomeija um. Kurz beschlich ihn der Verdacht, dass die Scīrgerēfa ihn mit ihrer Warnung zum Einbruch hatte herausfordern wollen, um ihm aufzulauern. Doch so handelt sie nicht.

Liothans Gedanken schweiften.

Er hätte Tomeija zu gerne in seiner kleinen Bande gehabt. Ihre Väter ritten einst zu gemeinsamen Überfällen, bis der ihrige ohne ersichtlichen Grund dem Dasein als Dieb den Rücken kehrte und Liothans Vater kurz darauf verraten, geschnappt und hingerichtet wurde.

Alle im Dorf dachten, es sei Tomeijas Vater gewesen, der dem Baron den entscheidenden Hinweis gegeben hatte. Auch Liothan glaubte es eine Zeitlang.

Seine Freundin war daraufhin gegangen, um den feindseligen Blicken und der arrangierten Hochzeit zu entkommen, auf der ihre Eltern bestanden. Jahrelang war nichts von ihr zu vernehmen gewesen, bis sie vor einiger Zeit zurückgekehrt war, sich ausgerechnet auf das Amt der Scīrgerēfa beworben und die übrigen Anwärter im Zweikampf aus dem Rennen geschlagen hatte. Buchstäblich. Wäre Liothan nicht Räuber und Dieb, er hätte sich über die beste Gesetzeshüterin gefreut, welche die Baronie jemals hatte.

So aber blieb es ein zweischneidiges Schwert.

Außer Liothans Bande hatte Tomeija sämtliche gefährlichen Verbrecher mit List zur Strecke gebracht. Ihre Freundschaft hingegen blieb bestehen, nicht zuletzt weil er sich für seinen Verdacht ihrem Vater gegenüber entschuldigt hatte. Tomeija hatte sich in einigen Punkten nach ihrer Rückkehr sehr verändert. Das Lustige von einst war durch Melancholie und Ernsthaftigkeit ersetzt worden, sie grübelte und schwieg sehr viel. Manchmal blitzte der Schalk auf; für sein Empfinden viel zu selten. Sie sprach so gut wie nie über das, was sie außerhalb von Walfor in den vergangenen Jahren erlebt hatte, und beließ es bei Andeutungen.

Eine Bewegung am oberen Fenster ließ Liothan aufmerksam werden.

Dûrus zeigte sich in einem weißen Nachthemd und einer Mütze auf dem Kopf. Weder war er besonders muskulös, noch machte er mit seinen geschätzten siebzig Jahren einen gefährlichen Eindruck. Die ungewöhnliche Bräune seiner Haut hob sich von seinem Gewand deutlich ab.

Liothan grinste. Alte Krähe. Eine junge hübsche Frau wäre schöner zum Anschauen gewesen. Er liebte Cattra von ganzem Herzen, doch gegen ein bezauberndes Gesicht hatte er niemals etwas einzuwenden. Er genoss es gelegentlich, in der Schenke von den Damen wegen seiner heldenhaften Taten angehimmelt zu werden. Und Cattra amüsierte sich über sein gockelhaftes Gehabe.

Dûrus stand auf dem Balkon des zweiten Stockwerks, gähnte und streckte sich, atmete tief ein. Die teuren Ringe an seinen Fingern blitzten im Mondlicht.

Reicher Sklaventreiber! Ich könnte ihm die Ringe abschneiden. Liothan spürte große Lust auf Gewalt gegen den Mann, dem niemand, aber auch wirklich niemand im Dorf und in der Stadt etwas Gutes nachsagen konnte. Dûrus hatte ein geradezu unheimliches Gespür für gute Geschäfte, ging mit Skrupellosigkeit und Tücke bei den Abschlüssen vor, schüchterte Konkurrenten ein und ließ sie zusammenschlagen oder mit Gift behandeln. Zwei Unglückselige waren erstochen worden, die Waffe niemals gefunden.

Du wirst gleich von deiner eigenen Medizin zu schmecken bekommen. Liothan machte sich bereit.

Dûrus kehrte sich vom Fenster ab und ging ins Zimmer zurück – und ließ die Flügel offen stehen.

Liothan grinste, küsste seinen Talisman – einen Anhänger mit dem ringförmigen Zeichen von Hastus, dem Gott der Gerechtigkeit. Du bist mit mir.

Er rückte die Axt zurecht, die er in einer Halterung auf dem Rücken trug, und schlich sich an die Rückseite des Fachwerkhauses heran.

Der Aufstieg fiel ihm leicht, seine kräftigen Finger fanden spielend Halt in den breiten Rissen der Holzbalken. Auf dem Weg nach oben schaute er sich mehrmals um, ob Tomeija mit einigen Wachen aus ihrem Versteck trat oder sich über ihm auf dem Balkon zeigte.

Nichts dergleichen geschah.

Gelegentlich löste sich Putz und rieselte raschelnd zu Boden, zweimal rutschten seine Stiefelspitzen laut über Holz, ohne dass es jemanden auf den Plan rief.

Liothan erreichte die Auskragung des Balkons und schwang sich über das Geländer, duckte sich und lauschte. Auch wenn ihm seine Kraft von Nutzen war, wünschte er sich in solchen stillen Nächten die Gabe, sich so leise wie Tomeija bewegen zu können. Sie wiegt ja noch weniger als ich.

Nachdem sich seine Atmung verlangsamt hatte, pirschte er sich durch die offene Tür. Er betrat nicht wie vermutet das Schlafzimmer des Kaufmanns, sondern ein Arbeitszimmer, dessen Einrichtung einem Königshaus alle Ehre machte.

Eine Petroleumlampe befand sich auf dem Tisch, der Docht war beinahe ganz heruntergedreht und die Flamme ungefährlich hinter Glas gebannt. Sehr aufmerksam vom alten Pfeffersack. Er nahm sie und leuchtete damit im Raum herum. Er kehrt bestimmt zurück.

Schwere Teppiche mit fremdartigen Mustern waren an den Wänden befestigt. Dazwischen hingen hervorragend gemalte Bilder von Wüstenlandschaften: menschenähnlich geformte Felsen, Sand in verschiedenen Farben, schroffe Gebirge mit Hohlwegen, himmelhohe Dünen. Dûrus schien jene Art von Umgebung zu mögen, die Walfor überhaupt nicht zu bieten hatte.

Goldene und silberne Trinkgefäße standen auf einem runden, niedrigen Tischchen. An der Decke waren aufwendig verzierte Stoffbahnen in Dunkelrot befestigt worden, die sich im Luftzug des geöffneten Fensters sachte bewegten. Aus einem Räuchergefäß stieg kräuselnd Rauch auf und verbreitete einen betörenden Duft.

Auf einem ausladenden Schreibtisch ruhten verschiedene Bücher, die Schrift vermochte Liothan nicht zu lesen. Das lag nicht an seiner Leseschwäche, sondern an den rätselhaften Buchstaben. Auch wenn Schreiben, Rechnen und Lesen nicht zu seinen Stärken gehörte, erkannte er den deutlichen Unterschied.

Verschlüsselte Kassenaufzeichnungen, mutmaßte er und sah sich fasziniert weiter um.

Immer wieder lauschend, ob sich der Kaufmann näherte, öffnete er die großen und kleinen Schubladen der unzähligen Kommoden und Schränke im schwachen Lampenschein.

Liothan fand verschiedene Münzen aus Gold und Silber mit unbekannter Prägung, Schrauben und Gegenstände, die er nicht einzuordnen vermochte. Dann gab es Gläser gefüllt mit Sand, mit Knochen, mit Asche und Steinchen unterschiedlicher Färbung und verschiedenen Flüssigkeiten.

Woher hat er all das? Als Räuber hatte Liothan schon manche Absonderlichkeiten in den Waren aus fremden Ländern gesehen, aber davon kannte er nichts.

Ihm fiel ein Stapel mit mannsgroßen Landkarten in die Hände, und sein Staunen endete nicht.

Wo immer sich die gezeichneten Reiche befinden sollten, sie mussten weit, weit entfernt von Walfor und Telonia liegen. Oder sie sind erfunden.

Liothan blätterte und entdeckte den Plan einer achteckig angelegten Stadt, mit neun Vierteln, Türmen, Wallanlagen und vier großen Vorsiedlungen an jedem Tor. Sie muss riesig sein! Hunderttausende könnten darin leben. Der Kaufmann hatte darüber hinaus eine eigene kleinere Karte für jedes der Viertel; bestimmte Häuser zeigten die stets gleiche Markierung. Liothan legte die Karten beiseite und machte sich auf die Suche nach den vermuteten gro­ßen Schätzen.

Er wird sie sicherlich … Sein Blick fiel auf einen großen, schwarzlackierten Eichenschrank, der mit einem massiven Vorhängeschloss gesichert war. … da drin haben.

Von Neugierde und Aussicht auf Beute getrieben, betrachtete er die Sicherung, die zwei unterschiedliche Schlüssel verlangte. Eng gesetzte Eisenbänder auf dem Holz machten es unmöglich, die Türen einfach einzuschlagen. Der Lärm hätte den Kaufmann geweckt, der sicher sofort nach seinen Wachen im Gesindehaus schreien würde.

Liothan war vorbereitet.

Nicht meine größte Stärke, aber wenn es eben sein muss … Er nahm den Beutel mit dem Einbrecherwerkzeug vom Gürtel, suchte die feinen Häkchen und Dietriche heraus, um sich ruhig und schnell mit den Mechaniken zu beschäftigen.

Klickend öffnete sich alsbald das erste Schloss, und nach einer gefühlten Ewigkeit ergab sich das zweite.

Zeig, wie viel du gehortet hast, Münzenscheffler. Voller Erwartung öffnete er die gewaltigen Flügeltüren des übermannshohen Schrankes. Danach schlage ich dich grün und blau. Das wird ein Alptraum, den du …

Überrascht fuhr Liothan zurück. Dort, im Schrank, an einer Halterung befestigt, stand drohend eine schwarze Kriegerrüstung.

Er streckte die Hand aus und berührte die Panzerung aus ihm unbekanntem Material.

Die einzelnen Platten lagen zwar eng übereinander, doch anstatt metallisch zu reiben, erzeugten sie beim behutsamen Bewegen ein leises Geräusch, das Liothan entfernt an das Rasseln einer Waldklapperschlange erinnerte. Das Gewicht sprach gegen Eisen. Es war ein Meisterwerk eines Rüstungsmachers und mit seltsamen Gravuren und dezenten Bemalungen übersät. Der Helm zeigte eine kunstvolle Skorpionform und schimmerte in den Strahlen des Mondes. Der Schwanz mit dem Giftstachel ragte aus dem hinteren Teil des Kopfschutzes drohend nach vorne, während sich die kampflustig geöffneten Scheren dem Dieb entgegenreckten. Das vordere Ende des Helms war schräg nach unten bis über das Kinn gezogen, um das Gesicht des Trägers zu schützen. Für die Augen blieben zwei ovale Öffnungen, die mit feinem Eisendraht überspannt worden waren; auf der ganzen Fläche der Kopfbedeckung hoben sich kleine Dornen ab, deren Enden ebenso wie der Stachel feucht glänzten.

Dieser Dûrus hortet wahrlich seltsame Dinge. Liothan überlegte, ob ihm diese Panzerung passen mochte, aber sie schien für einen noch schlankeren, größeren Menschen angefertigt worden zu sein. Tomeija würde sie tragen können.

An der rechten Türhälfte hingen auf grünem Samthintergrund zwei verzierte Schwerter, deren Enden hakenförmig gebogen waren. Auf der anderen Seite waren vier sternförmige, ellenlange Waffen angebracht. In deren Metall entdeckte er gebohrte Löcher.

Wer schmiedet solche Klingen? Liothan nahm eine der sternförmigen Waffen heraus, fuhr mit den Fingern prü­ fend über die blau schimmernden Schneiden. Und was ist das? Zum Werfen?

Sofort sickerte ein dünner Blutfaden aus dem Mittelfinger. Er hatte sich daran geschnitten, ohne etwas davon zu spüren. Mit einem leisen Fluch steckte er den Finger in den Mund und sog das Rot auf.

Sein Einbruch sah nach einer drohenden Pleite aus. Bis auf die lumpigen Münzen aus aller Herren Länder hatte er kein Geld gefunden. Goldbarren wären ihm lieber gewesen. Wo ist das verdammte Gold? So spannend er die Funde fand, verspürte er kein Bedürfnis, sich durch sämtliche Räume zu wühlen. Am besten frage ich die alte Krähe selbst.

Heller Lichtschein fiel durch den Spalt der größeren Tür, Schritte näherten sich dem Raum.

Meine Gedanken werden ihn gerufen haben. Er klappte den Schrank zu, stellte die Lampe an ihren Platz zurück und drückte sich daneben in den Schatten. Dass der Mann von selbst zu ihm kam, um sich die Tracht Prügel seines Lebens abzuholen, war eine angenehme Wendung.

Einen Herzschlag darauf schwang der Eingang auf, und Dûrus trat mit einer Öllampe in der Rechten ein.

Ohne sich umzublicken, bewegte sich der verhasste, alte Kaufmann in seinem Schlafgewand auf den Schreibtisch zu, setzte sich und drehte den Docht der zweiten Leuchte höher. Leise murmelnd betrachtete er die Bücher, legte den Mittelfinger unter die Zeilen und las sie nacheinander. Die gebräunte Haut besaß Pergamenthaftes, als hätte der Mann sich sein bisheriges Leben lang in der Sonne aufgehalten.

Liothan erkannte einen auffälligen Siegelring, auf dem ein Skorpion eingraviert war. Der wäre was wert. Flach atmend löste er sich aus seinem Versteck, zog die Axt aus der Halterung.

Unerwartet stand der Krämer auf und ging, ohne seinen Besucher zur Kenntnis zu nehmen, auf den Schrank mit den vielen kleinen Schubfächern zu, zog eines auf und nahm ein Gefäß heraus mit etwas, das wie zerschlagene und gemahlene Knochen sowie Hautfetzen aussah.

Liothan hob die Axt und richtete sie am ausgestreckten Arm gegen Dûrus. »Wenn du schreist, wird es dir schlecht ergehen. Ich will dein Gold. Wo hast du es?«

»Du musst dieser Liothan sein«, erwiderte der betagte Kaufmann unerschrocken und öffnete das Gefäß, nahm eine Handvoll Gebeinstaub heraus. »Der Baron sprach von dir.« Ruhig stellte er es zurück ins Fach und öffnete eine zweite Schublade, in der sich loser, feiner Sand befand. Auch davon nahm er sich etwas. »Und er warnte mich.«

»Wer ich bin, spielt keine Rolle.« Liothan wusste, dass ihn der Ruß auf seinen Zügen unkenntlich machte. »Dein Gold, Dûrus. Auf der Stelle!«

»Du bekommst von mir nichts als einen schmerzhaften Tod, Gesindel!« Dûrus hob die Hände mit dem Sand und dem Knochenstaub.

Da sprang eine schlanke Gestalt auf den Balkon und begab sich ins Zimmer. »Im Namen des Barons: Halt!« Tomeija wurde im Lichtschein sichtbar, gekleidet mit Wappenrock und Hut auf den langen, grauen Haaren. Sie schüttelte leicht und vorwurfsvoll den Kopf in Richtung ihres Freundes, drehte den Docht höher, so dass es beinahe taghell im Arbeitszimmer wurde. Dann wurde sie gewahr, wie opulent und fremdartig der Raum eingerichtet war.

»Eindrucksvoll, Dûrus. Viele Mitbringsel aus anderen Ländern«, kommentierte sie und warf einen verwunderten Blick auf eine Karte mit Markierungen. Sie legte eine Hand an den Schwertgriff. »Und wer immer du unter der Rußschicht sein mögest«, sagte sie zu Liothan, »runter mit der Axt. Du bist festgenommen.«

»Das Auge des Gesetzes sieht selbst in der finstersten Nacht. Ihr seid aufmerksam, Tomeija.« Der Kaufmann, der die Hände geschlossen hielt, blickte zur Scīrgerēfa. Doch er wirkte nicht erleichtert. Ganz im Gegenteil.

Leise ächzend öffneten sich die Türen des schwarzlackierten Eichenschranks und verrieten, wo der ungebetene Gast bereits gesucht hatte.

Tomeija warf einen raschen Blick auf den Inhalt – und stutzte. »Was sind das für Waffen?« Sie zeigte auf die dreiarmigen Sterne. »Sieh einer an. Wenn ich mich nicht täusche, könnten die Klingen zu zwei gewaltsamen Todesfällen passen. Todesfälle Eurer Konkurrenten. Bei der Leichenschau brachten mich die äußerst ungewöhnlichen Wunden der Opfer zum Grübeln. Ihr werdet verstehen, dass ich sie zur Untersuchung mitnehme. Im besten Fall zu Eurer Entlastung, ehrenwerter Dûrus.«

»Ich muss mich korrigieren.« Dûrus lächelte gewinnend. »Ihr seid zu aufmerksam, Scīrgerēfa.«

»Erspart Euch, mich bestechen zu wollen.« Sie sah zu Liothan. »Ein letztes Mal: Runter mit der Axt.« Sie zog ihr Schwert, auf dem Gravuren zu sehen waren, die Spitze war abgerundet und kaum tauglich zum Stich. »Und Ihr, Dûrus: Öffnet die Hände und lasst fallen, was Ihr darin haltet.«

Liothan senkte seine Waffe. Die Morde an seinen Widersachern. So schnell änderte sich die Lage. Aber ein versuchter Raub blieb nicht minder ein Verbrechen. »Zwei auf einen Streich. Ein guter Abend für die Scīrgerēfa. Sofern du mich fassen kannst.«

»Ich werde nicht versuchen, Euch zu bestechen. Mir schwebt etwas anderes vor.« Dûrus drehte langsam die Fäuste und öffnete die Finger, so dass die Handflächen mit Staub und Sand zur Decke wiesen. Körnchen und graue Asche rieselten herab, trafen lautlos auf den Teppich. »Ihr und Euer Freund habt gesehen, was Ihr nicht hättet sehen dürfen. Ich fürchte, das wird keiner von Euch beiden überleben.«

Tomeija richtete das Schwert sogleich auf ihn. »Bedrohung einer Amtsperson, Dûrus? Weg mit dem Zeug!«

Er sah auffordernd zu Liothan, in den sandfarbenen Augen glitzerte Boshaftigkeit. »Du kannst sie angreifen und entkommen. Mir entkommen. Ich würde schweigen.« »Nicht ohne mein Gold.«

Der Kaufmann lachte höhnisch. »Dein Gold? Herrlich!« Er blickte auf Tomeijas Klinge. »Euer Hinrichtungsschwert. Interessant. Sagt: Der wievielte Schlag wird es sein, den Ihr führen werdet?«

Die Scīrgerēfa machte einen Schritt auf ihn zu. »Schweigt!«

»Hat sie dir von dem Fluch erzählt, der auf ihr liegt, Liothan?« Dûrus lachte böse. »Jeder siebte Schlag, den sie tut, verlangt Blut, verlangt ein Leben. Die nette Tomeija ist eine wahre Todbringerin. Die Handschuhe werden auch etwas damit zu tun haben, nehme ich an?«

»Schweigt!«, schrie sie ihn an.

Liothan hörte derlei zum ersten Mal, und die heftige Reaktion seiner Freundin schien zu bestätigen, was Dûrus redete. Woher weiß er davon?

»Einerlei. Ich erlöse die Baronie von euch beiden. Danach widme ich mich wieder meinen Geschäften.« Er führte seine Handkanten dicht zusammen, formte ein Bett, auf dem Sand und Gebeinasche ruhten, und murmelte Silben in einer unbekannten Sprache.

Er ist ein Witgo! Liothan sprang nach vorne und riss die Axt zum Schlag hoch. »Schnell! Bevor …«

Im gleichen Moment blies Dûrus über seine Finger. Aus dem Nichts brandete ein Funkensturm gegen den Räuber und hüllte ihn ein. Knochenhände formten sich darin, griffen in sein Fleisch und versuchten, Brocken aus seinem Leib zu reißen.

Schreiend hackte Liothan mit der Axt um sich, bekam den glühend heißen Sand in den Mund. Es roch verbrannt, seine Haare schmurgelten in der Hitze.

Durch den grauglühenden Schleier suchte Liothan nach Tomeija, der es ebenso erging wie ihm. Anstatt nach den beinernen Klauen zu schlagen, stach sie mit dem Schwert nach dem widerlich lachenden Dûrus.

Die abgerundete Klinge des Hinrichtungsschwertes drang ihm durch die Brust.

Aufkeuchend fiel er gegen den Schrank und rutschte daran herab, übriggebliebener Staub und Sand verteilten sich aus seinen Händen am Boden.

Aber der Sturm legte sich nicht. Tomeija brach im Gestöber zusammen.

Liothan spürte Schmerzen am ganzen Körper, die feinen Körnchen rieben über seine Haut, warfen sich durch Mund und Nase in seine Lunge. Ich muss ihn töten! So riss er die Axt hoch und packte sie am untersten Ende des Stiels, um beim Hieb bis an den Kaufmann zu reichen.

Dûrus brabbelte einen neuerlichen Spruch und schob eine Hand in eine andere Schublade, als ihm die breite Schneide durch den Magen fuhr. Mit einem Todesschrei riss er die Finger aus dem Kasten.

Goldstaub flirrte in der Luft und mischte sich unter den wütenden Wind, der um Liothan tobte und ihn ruckartig nach oben riss.

***

 

>> Diese Leseprobe als PDF herunterladen

Share:   Facebook